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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

351-353

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kierkegaard, Sören

Titel/Untertitel:

Die Tagebücher. In zwei Bänden ausgew. u. übers. v. Theodor Haecker. I. Bd.: 1834 - 1848 1923

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 16/17.

352

Abwendung von der Aufklärung, wie sie in jenen Jahren
geschah, auf andre Weise gerecht werden.

Doch ich bin mir bewußt, daß L. mit seinem dritten
Buch sich ein ernstes und schweres Problem angegriffen
hat, über das ein letztes Wort jetzt noch von keinem
unter uns gewagt werden darf. Vielleicht ist die parti-
cula veri in seinen Thesen größer, als ich jetzt wahrnehme
. Jedenfalls will ich nicht verhehlen, daß sein
starker Rückgriff auf die Tagebücher und Lebensbeschreibungen
jener Zeit mir zu einer lebendigen Anregung
geworden ist, und daß sein Versuch, die hergebrachten
Verknüpfungen durch andre zu ersetzen,
immerhin das eigne Nachdenken befruchtet.

Einige Notizen, als stellvertretende Beispiele mancher einzelner
Bedenken, mögen gestattet sein. S. 27: Baader's Tagebücher reichen
bis 17Q3, nicht 1796. — S. 35: Baader's Erstlingsschrift sollte mit
Titel und Fundort (S.W. Ilff.) genannt sein; überhaupt aber, warum
wird die Entwicklung Baader's nur bis 1796 geführt? Noch besser
wäre es freilich gewesen, Baader ganz und gar auf den letzten Band
zu sparen angesichts dessen, daß er erst seit 1809 ernsthaft in die
geistige Bewegung'eingreift. — S. 108: St. Martin ist 1803 (oder 1804)..
nicht 1809 gestorben. — S. 114: Jak. Böhme sollte nicht unter die
Bezeichnung „Deutsche Mystik" gebracht werden. — S. 118: Schelling
ist nicht der erste, der Beziehungen des christlichen Kults zu
den heidnischen Mysterien gesehen hat. — S. 122: Die „Reden an
die deutsche Nation" werden nicht, wie Fichte sonst, nach den Werken,
sondern nach einer nicht namhaft gemachten Einzelausgabe zitiert. Und
nach welchem Grundsatz überhaupt sind die Zitate ausgesucht worden,
die einer genauen Stellenangabe gewürdigt wurden? — Als Probe der
Urteile, die man gelegentlich mit Erstaunen liest, möge das über Hegel
S. 137 hier stehen: „Vollendet und zugleich überwunden ist der deutsche
Idealismus durch Hegel. Er ist Idealist und doch auch wieder Realist,
wie die berühmte Einleitung zur Rechtsphilosophie aussprach. Er ist
der Scholastiker der idealistischen Mystik. Sie ist bei ihm in ein
System gebracht. Aber dies System verhält sich zur Mystik, wie sich
Thomas v. Aquino [t/1274] zu Meister Eckehart [fl327] verhält."
Die beiden Jahreszahlen habe ich beigefügt. Die Stelle ist nicht die
einzige, an der L. sich an der Prägung von Schlagwörtern versucht.
— Noch eins: es ist mir wunderlich, daß L. die Romantik so gar nicht
als eigentümliche Erscheinung zu sehen vermag.

Göttingen. E. Hirsch.

Kierkegaard, Sören: Religiöse Reden. Ins Deutsche übertragen
von Theodor Haecker. München: Hermann A. Wiech-
mann 1922. (V, 235 S.) gr. 8° Gz. 8,— ; geb. 13,— ; in Halbl. 15,—.
Ders.: Die Tagebücher. In zwei Bänden ausgewählt und übersetzt
von Theodor Haecker. 1. Band 1834—1848. Innsbruck: Brenner-
Verlag 1923. (X, 432 S.) 8° Gz. 4,50.
Von den „Reden" K.s, die Haecker in seiner Sammlung
vereint hat, ist die letzte die vierte der „Stimmungen
im Leidenskampf", die den zweiten Teil der „Christlichen
Reden" 1848 ausmachen; ihr ursprünglicher Titel
(Haecker geht mit K.s Titeln mehr als souverän um)
lautet: „Das Freudige darin daß, je schwächer du wirst,
desto stärker Gott in dir wird" (S. V. X 129 ff.). Man
findet also in dieser Rede eine Ergänzung der von Julie
v. Reincke nicht zu ende geführten Übersetzung der
Stimmungen (vgl. Th. L. Z. 1923, 206 f.). — Zwei andre
Reden („Aus Anlaß einer Beichte" und „An einem
Grabe") gehören zu den „drei Reden bei gedachten Gelegenheiten
" 1845 (S. V. V 169 ff.). — Der Rest der
Sammlung gehört den drei Reihen Erbaulicher Reden
von 1843 an. „Liebe deckt der Sünden Menge" und „Die
Bekräftigung im innern Menschen" bilden zusammen die
mittlere Reihe (Drei erbauliche Reden 1843, S. V. III
265 ff.); die dazwischen geklemmte Rede „Über den
Glauben" (bei K. „Des Glaubens Erwartung") ist die
erste in „Zwei erbauliche Reden" 1843 und die älteste
von K. veröffentlichte Rede überhaupt (S.V.III 13ff.);
„Hiob" (bei K. steht der Spruch Hiob 1, 21 b als Überschrift
) ist die erste der Vier erbaulichen Reden 1843
(S. V. IV 9 ff.).

Ich glaube nicht, daß K. freundlich gesehen hätte
zu dieser Mischung. Auch seine Reden gehören in
den schriftstellerischen Plan hinein (wie aus der „Beilage
" zur Unwissenschaftlichen Nachschrift zu ersehen
ist); sie wollen langsam an das Christentum heranführen
; jede Sammlung hat einen besonderen Charakter;
der Unterschied insbesondre von „Erbaulichen Reden"

und „Christlichen Reden" ist wohl überlegt. Ohne genaue
Beachtung der hier gegebnen Hinweise auf die Entstehungszeit
darf also die Sammlung Haecker's wissenschaftlich
nicht benutzt werden.

Ich habe natürlich nur Stichproben der Übersetzung
gemacht. Meist ist sie treu, vielfach geradezu gut; die
Fehler, die ich mir notierte, sind nicht gar zu zahlreich.
In „Des Glaubens Erwartung" sind mir einige höchst unzulässige
Verkürzungen aufgefallen, auch Verwandlung
des für K. so sehr charakteristischen sing, in den plur.
u. dgl. Für einen Mangel halte ich es, daß nicht überall
an Luthers Bibelübersetzung der Anschluß genommen
ist. Immerhin, das Gebotene ist nicht wenig, und ich
möchte die Dankbarkeit für die Mühe und den Eifer
Haecker's nicht vergessen wissen.

Einen strengeren Maßstab als an die Reden, deren
Veröffentlichung doch auch erbaulichen Zwecken dient,
muß ich an die Tagebücher legen. Soll die Auswahl
der Tagebücher brauchbar sein, so muß 1. die neue
Numerierung der Stücke in der Ausgabe der Papirer
angegeben sein, 2. jedes überhaupt aufgenommene Stück
unverkürzt und ganz gegeben werden (daran hängt für
das Verständnis einer Tagebuchaufzeichnung alles), 3.
jede chronologische Irreführung vermieden werden,
4. die Auswahl mit genauer Rücksicht auf die Probleme
der Forschung gegeben werden. Von diesen Bedingungen
wäre die vierte nur zu erfüllen, wenn man sich mit
nordischen Kierkegaardkennern (z. B. Bohlin und Geismar
) in Verbindung setzte und die selbst getroffene
Auswahl überprüfen und ergänzen ließe. Haecker genügt
keiner der hier gegebenen Bedingungen. Seine
Auswahl kann also nur als vorläufiger Notbehelf, als
Vorarbeit zu einer wissenschaftlichen deutschen Auswahl,
anerkannt werden.

Ich gebe Belege, a) Zu den entscheidenden Aufzeichnungen gehört
die vom 17. Mai 1843 (Papirer IV Ä 107), in der ursprünglich die
ganze Lösung des Rätsels gestanden hat; jetzt ist ihr Mittelstück
herausgerissen, einzelne Stellen im Gebliebenen sind überstrichen.
Haecker S. 195 f. 197 f. gibt sie so wieder, daß er in die von K. gerissene
Lücke willkürlich einen Brief einschiebt, also aus einem Stück
zwei macht und eine Randbemerkung von 8 Druckzeilen ganz wegläßt
. Auch fehlt jede Notiz über das Herausgerissene. Ferner hätte
ich IV A 108 und 109, die als Erläuterung von IV A 107 wertvoll
sind, mit übersetzt, b) Mit K.s 25. Geburtstage (5. V. 1838) hängen eng
zusammen die Aufzeichnungen II A 802—807 über das „Erdbeben";
am 19. V., 1838 vorm. lnl/2 Uhr, also vierzehn Tage später, hat er
(II A 228) das merkwürdige Erlebnis der plötzlichen Freude erfahren
In der dänischen Ausgabe stehen die Aufzeichnungen zwar von einander
entfernt; das beruht aber darauf, daß sie ein genaues Bild der
vorhandenen Konvolute und Zettel gibt. In einer Ausgabe ohne die Anmerkungen
der dänischen, die einen hindurchführen, in einer chronologisch
geordneten Auswahl haben die beiden Stellen dicht bei einander,
und zwar II A 802—807 vor II A 228, zu stehen. Haecker bringt
III A 802—807 am Schluß des Jahres 1838 ohne Hinweis nach. So kann
der Leser unmöglich zu der richtigen Kombination der beiden Ereignisse
gelangen. Auch sonst darf man sich nicht sicher darauf verlassen,
daß die Anordnung Haecker's eine genaue chronologische ist. c) Von
besonders großer Wichtigkeit sind z. B. die Stellen IX A 331—334.
Ohne Kenntnis dieser Stellen kann die Frage nach K.s Schuld nicht
behandelt werden; Haecker ist in der Auswahl über sie hinweggegangen
, d) Verkürzungen der einzelnen gebrachten Stücke finden
sich ungezählte Male.

Die Obersetzung ist, wo ich nachgeprüft habe, im allgemeinen
zuverlässig, oft auch wirklich gut. Ich halte es nicht für recht, kleinere
Versehen aufzumutzen, von denen wohl die deutschen Kierkegaard-
Übersetzungen überhaupt nicht frei sind. Nur eins kann ich nicht übergehen
. In der umfangreichen Aufzeichnung I A 75 (Gilleleie, 1. Aug.
1835), dem Ausgangspunkt von K.s eigentümlicher Gedankenbildung,
ist Haecker S. 36 die wichtigste Stelle geradezu in das Gegenteil
ihres Sinns entgleist. K. stellt dort der Hegelischen Objektivität entgegen
, daß er aus seinem allerpersönlichsten Eigen heraus denken
wolle. Haecker läßt ihn gerade zur Objektivität sich bekennen, als
ob K. Hegelianer oder Katholik wäre. Diese Sinnverfälschung ist
durch Auslassungen erreicht worden, die kaum anders als mit Absicht
geschehen sein können. Vermutlich hat Haecker den sehr verwickelten
Satzbau nicht verstanden und nach der bekannten Aushilfe des Obersetzers
das Schwerste weggelassen. So ist das Unglück geschehen.

Auch sonst kann man an der Auswahl manches
kritisieren. Von dem dänischen Patrioten z. B. (denn das
ist K. wie jeder Däne gewesen) gibt sie kein zureichendes