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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

349

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Entstehungszeit der Monarchia Dantes 1923

Rezensent:

Hermelink, Jan

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Seite 1

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349

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 16/17.

350

Literaturkenntnis des Verf. steht ganz auf der Höhe. Sein Stil ist
prägnant, aber sehr klar, ein Genuß beim Lesen. Der Druck weist,
trotz der überaus zahlreichen Belege, so wenige und geringfügige
Fehler auf, daß sie unerwähnt bleiben können. Die Arbeit ist ein
schöner Beitrag zur mittelalterlichen Dogmengeschichte.

Binsdorf (Württbg). Wilhelm Koch.

Schneider, Priv.-Doz. Dr. Friedrich: Die Entstehungszeit der

Monarchia Dantes. Greiz: H. Bredts Nachf. 1922. (XVI, 67 S.)
8» Gz.
Zwischen 1300 und 1320 gibt es kein Jahr, in das nicht schon
irgend ein Danteforscher die Abfassung der Monarchia mit mehr oder
weniger guten Gründen verlegt hätte. Friedr. Schneider (Jena), der
eifrige Rezensent der Danteliteratur des letzten Jahrzehnts in der Historischen
Zeitschrift, der Deutschen Literaturzeitung und dem Literarischen
Zentralblatt gibt vielleicht zu vollständig eine Übersicht über
die verschiedenen Lösungsversuche, stellt sodann die Monarchia in den
Zusammenhang der andern Werke Dantes, und kommt zu dem Resultat
: D. hat die Monarchia bestimmt in der Verbannung geschrieben,
aber nicht erst am Ende seines Lebens. Sie ist mit dem Romzug
Heinrichs VII. in Verbindung zu bringen, jedoch nicht ausschließlich
Gelcgenheitsschrift und nicht auf einen engen Zeitpunkt festzulegen
(Davidsohn „vielleicht im Juli 1313"). Vielmehr hat „Dante
beim Auftreten Heinrichs VII. (um 1309) den großartigen Gedankeu
des damaligen Kaisertums aufgegriffen, der sich vorher in seinen Werken
nicht findet" und im Zusammenhang mit den Zeitereignissen der
folgenden entscheidenden Jahre, deren Niederschlag in der Staatsschrift
Dantes aufgewiesen werden kann, zu weltgeschichtlichem Ausmaß
geformt. Der Schrift sind 5 Anhänge mit Auszügen aus italienischen
Danteforschern der Gegenwart (Chiapclli, Ercole und Pietro-
bono) und ein Lichtbild der berühmten Stelle aus Monarchia 1,12
(„sicut in paradiso comedi iam dixi") im Codex Bini beigegeben.
Marburg. H. Herme link.

Lü tge rt, Wilhelm : Die Religion des Idealismus und ihr Ende.

Bd. 2: Idealismus und Erweckungsbewegung im Kampf und im Bund.

Gütersloh: Bertelsmann 1923. (XII, 272 S.) gr. 8°
Inhaltsverzeichnis. 1. Buch: Die Bahnbrecher der Erweckungsbewegung
in ihrem Verhältnis zum Idealismus
. /. Kap. Die Auseinandersetzung der Erweckungsbewegung mit
dum Idealismus (Hamann. Jacobi. Baader. Schleiermacher). 2. Kap.
Die Berührungen zwischen Erweckungsbewegung und Idealismus (La-
vater. Jung-Stilling. Claudius). — 2. Buch: Die Wendung des
Idealismus zur mystischen Religion. /. Kap. Die mystische
Religion (Schleiprmacher. Novalis). 2. Kap. Die theologische Spekulation
(St. Martin. Schölling. Fichte. Schölling.' Fries. Jacobi. Hegel).
— 3. Buch: Die Erhebung und Befreiung. /. Kap. Die
Selbstkritik des deutschen Volkes. 2. Kap. Die Erhebung. 3. Kap. Die
Wiedergeburt. — Schluß: Der alte Idealismus und die
neue Zeit.

Da die Charakteristik, die ich vom 1. Bande dieses
Werks gegeben habe (Th. L. Z. 1923 Sp. 217 ff.) auch für
den 2. giltig bleibt, so kann ich mich ohne weitere Einleitung
der Besonderheit des zweiteii Bands zuwenden.
Unbeschadet dessen, daß L.s Art die gleiche bleibt: es
liegt doch diesmal über seinen Worten ein größerer
Ernst. Die Führer der Erweckungsbewegung liebt er,
und dem eigentlichen Gegenstände des 2. Bandes, dem
mit der Knechtschaft und Befreiung sich zusammenschlingenden
merkwürdigen Wandel im geistigen und religiösen
Leben des damaligen Deutschland steht er mit
innerer Ergriffenheit gegenüber. So hat er an die Aufgabe
, diesen Wandel zu verstehen, ein ringendes Bemühen
gesetzt, und das gibt seiner Darstellung diesmal
eine größere Geschlossenheit. An sich steht ja bei ihm
auch diesmal Einzelheit selbstherrlich neben Einzelheit.
Nicht wie die Gedanken eines Denkers in sich zusammenhängen
und ein lebendiges Ganzes werden, fesselt ihn,
sondern, welche einzelnen historisch-politischen und religiösen
Urteile ein Mann abgegeben hat, zu welchen
andern er dadurch in freundliche oder unfreundliche Beziehungen
getreten ist, wieweit seine Urteile als Ausdruck
der Zeitstimmung gelten können, und dgl. Diese völlige
Gleichgiltigkeit gegenüber dem Philosophischen, Dialektischen
, Systematischen tritt sogar noch stärker als
Irn 1. Bande hervor. Die Auflösung der Darstellung in
eine Reihe biographischer und historischer Einzelbemerkungen
, die nach persönlichem Geschmack ausgewählt
sind, ist kaum noch zu überbieten. Aber soweit
es sich dabei um Beobachtungen handelt, nicht um Urteile
, findet sich doch auch manches Wertvolle für die
Erkenntnis jener Jahre. Der Wandel der allgemeinen
Stimmung drückt sich auch in diese Darstellung ab. Es
entsteht ein von L. freilich nicht in scharfe Begriffe gefaßter
, allgemeiner Eindruck einheitlicher Art. Und das
um so mehr, als die ganze Hingabe an die Geschicke des
Vaterlands um den Autor und auch den skeptischen
Leser ein gemeinsames Band schlingt.

Das erste und zweite Buch suchen die These
nachzuweisen, daß der Idealismus unter der Einwirkung
der Erweckungsbewegung sich vertieft habe zu einer
ernsten und kraftvollen religiösen Bewegung, daß er so
der Mystik sich geöffnet habe. Die These steht und
fällt natürlich mit der Auffassung des ursprünglichen
Idealismus, die L. im ersten Bande vorgetragen hat.
So brauche ich sie hier nicht noch einmal zu diskutieren.
Für Schelling mag sie zutreffen; eine Verallgemeinerung
darüber hinaus scheint mir unmöglich. Die Mystik —
dies Wort in L.'s sehr weitem Sinne genommen — vor
allem ist für den Idealismus schon durch die Art, wie
er Kant's Erkenntnistheorie auffaßt, sodann durch die
Patenschaft Spinozas, fast unvermeidlich gewesen. Was
mich fast noch mehr bedrückt, ist der Gebrauch des
Worts Erweckungsbewegung für die literarischen Einwirkungen
Hamann's, Jacobi's, Baader's usw. Ich
möchte das Wort beschränkt sehen auf die deutschen
Entsprechungen zu dem allgemeinen europäischen reveil
zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Will L. seinen Sprachgebrauch
rechtfertigen, so müßte er eine tiefgreifende
Bedingtheit der Erweckungsbewegung im engeren Sinne
durch jene Männer nachweisen, und das dürfte ihm
schwer fallen. So bleibt für mich als Ergebnis des ersten
und zweiten Buchs nur der Hinweis darauf, daß auch
diese Männer ein Ferment im deutschen geistigen Leben
gewesen sind. Wie durch eine genaue Untersuchung ihre
Einwirkung abgegrenzt werden würde, läßt sich schwer
sagen. Das Bild, das L. entwirft, ist sicherlich verzeichnet
.

Man ist z. B., wenn man Dilthey's sorgfältige Bemühungen um
Schleiermaclier's Werdegang kennt, geradezu erschrocken darüber, auf
wie einfache Weise L. die Wendung, die die Reden bedeuten, historisch
einordnet. So geht es wirklich nicht.

Das dritte Buch behandelt die Spiegelung von
Preußen's Fall und Wiedergeburt in dem geistigen und
religiösen Leben der Zeit. L. setzt das Preußen, das 1806
zugrunde ging, mit dem Friedrich's d. Gr. ohne weiteres
gleich, und sieht in ihm ein Erzeugnis der Aufklärung.
So wird ihm der Zusammenbruch zu einem Gericht
über die Aufklärung überhaupt. Was sich besonders in
diesem Zusammenbruch dargetan haben soll, ist aber die
mangelnde sittliche Kraft der Aufklärung. Die wird veranschaulicht
an der bekannten Verurteilung der Aufklärung
durch die idealistischen Denker (hier kommt U.A. auch
Fichte zu großen Ehren) und an einer an sich äußerst
lehrreichen Sammlung von ungünstigen Urteilen über das
fridericianische Heer. Die Erhebung ist dann nach L.
dem durch die beginnende „Erweckungsbewegung" vertieften
Idealismus zu danken; und ihre Wirkung ist eine
weitere Verstärkung der Motive der Erweckungsbewegung
, und damit ein Hinausführen des deutschen Geisteslebens
über den Idealismus. Der ganze Aufriß hat mich
trotz guter Beobachtungen im einzelnen seltsam literarisch
berührt. Die Männer, die die Schlachten von
1813 ff. gekämpft haben, sind doch ganz überwiegend
von Aufklärern gebildet und erzogen worden. Alle
andern Einflüsse haben sich dem aufgeklärten eingeschmiegt
. E. M. Arndt z. B. ist erst unter der Not der
Zeit von einer in der Aufklärung wurzelnden Frömmigkeit
zu Tieferem geführt worden. Gerade bei denen, die
nach L.'s Darstellung in den vorhergehenden Büchern
am höchsten über die Aufklärung zu stehen kommen, bei
Schelling und Baader, vermisse ich die lebendige Anteilnahme
an Preußens Geschichte. Zu einem andern
Urteil über die Aufklärung kann man nur kommen, wenn
man auf denjenigen Popanz schaut, den die Restaurationszeit
sich zurecht gemacht hat. Man muß also der