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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

344-345

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, Valentin

Titel/Untertitel:

Gal. 2 und Apg. 15 in neuer Beleuchtung 1923

Rezensent:

Lohmeyer, Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 10/17.

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sie noch in ihrer ursprünglichen Scholiengestalt und
richtigen Ordnung vor sich gehabt, und der Sammler
der Scholien habe wahrscheinlich ihren Inhalt an einem
Orte, wo man die Mischna ohne Scholien besaß, bekannt
machen wollen. Dieser Ort werde Babylonien gewesen
sein, wohin aber verschiedene derartige Kompilationen
gelangt sein müßten, aus deren teilweiser Zusammenstellung
unsere Tosephta entstanden sei. Diese Kompilationen
hätten wieder auf die Mischna selbst zurückgewirkt
, deren letzte babylonische Redaktion einen Teil
der Scholien aufnahm oder doch berücksichtigte. Da
die Scholien teils erklärender, teils ergänzender, teils
oppositioneller Natur waren, ergibt sich daraus eine
mannigfache Möglichkeit der Einwirkung, wie Sp. an
einer Anzahl von Beispielen zeigt. Auch müsse berücksichtigt
werden, daß die ursprünglich aus der Schule
Akibas stammende, dann von Jehuda redigierte Mischna
schon in Palästina nicht auf einmal ihre fertige Gestalt
erhielt. Endlich sei zu beachten, daß der Text unsrer
Tosefta noch nicht gehörig untersucht sei. Der Text
der ersten Ausgabe sei vom Bab. Talmud aus interpoliert
worden, der Text der beiden sonst bekannten Handschriften
könne palästinischer Herkunft sein. Damit
ist der reiche Inhalt der Untersuchungen Sp.'s nur ange-
Akibas stammende, dann von Jehuda redigierte Mischna
und Tosefta die Familien ihrer textlichen Überlieferung
zu erkennen, die zuerst zu lösende sein muß, woran die
Erörterung ihres gegenseitigen Verhältnisses sich dann
erst schließen kann. Welche verwickelte Möglichkeiten
dafür vorliegen, hat Sp. einwandfrei gezeigt.

Oreifswald. G. Dalman.

Albrecht, D. Dr. Karl: Bikkurlm (Erstlinge). Text, Übersetzungen
und Erklärung nebst einem textkritischen Anhang. Gießen: A.
Töpelmann 1922. (VIII, 64 S.) Die Mischna, Text, Übersetzung
und ausführliche Erklärung. Herausgegeben von G. Beer, Heidelberg
und O. Holtzmann, Gießen. I, 11. Gz. 2,25.

Einleitend erörtert Verf. die Stellung des Traktats in der Mischna,
sein Alter und seine Entstehung; bei der Frage der Entstehung vertritt
er die wohl richtige Meinung, daß bei der Ordnung der Traktate verschiedene
Gründe wirksam waren, Länge, Reihenfolge in der Tora und
sachliche Verwandtschaft. Weiter schildert Verf. die Geschichte der
Erstlingsabgabe im A.T., in der apokryphen Literatur und bei Philo
und Josephus; er ist der Ansicht, daß Wellhausens Darstellung mit
den späteren Zeugnissen übereinstimmt und vor der Eißfeldt's den Vorzug
verdiene. Für die Textgestalt folgt Verf. seiner in früheren Traktaten
gewählten Methode; im Anhang sind die Varianten zusammengestellt
. Die Erklärung bietet bei aller Kürze allerlei Wissenswertes
grammatikalischer, lexikographischer und archäologischer Natur; was
das Traktat zum Verständnis des N.T. enthält, ist gebucht. Die
alttestam. Lexikographie kann aus diesen Erläuterungen zur Mischna
wohl noch manches schöpfen. Bei Besprechung des „Erstlingsfestes"
(des Korbfestes) meint A. wie Orätz, der Verf. des Mischnaabschnittes
habe das Fest einmal in dieser Gestalt erlebt, als regelmäßiger Brauch
lasse sich die Feier nicht denken. Ich meine eher umgekehrt, ein
solcher in der Mischna überlieferter Brauch bereichere unsere Kenntnis
von dem kultischen Leben der Juden, auch der alttestam. Gemeinde,
und müsse für die Exegese der alttestamcntlichen Bildersprache ergiebigst
benutzt werden. Bei dem Bedürfnis der Orientalen, den Kult
dramatisch zu beleben, läßt sich eine solche Feier, auch immer wiederholt
, wohl denken. — Noch eine Bitte: statt Zeraim sprich und schreib
Seraim usw.; es ist Zeit, daß die deutschen Gelehrten den französischen
Zopf abschneiden.
Tübingen. P. V o 1 z.

Schütz, Dr. phil. Lic. theol. Roland: Der Jakobusbrief nach
Sinnzeilen ins Deutsche übertragen. Leipzig: J. C. Hinrichs 1922.
(12 S.) kl. 8» = Sonderdruck aus den „Theolog. Blättern"
1922, Nr. 2. Gz. 0,20.

Der vorliegende Sonderdruck aus den Theol. Blättern wird ergänzt
durch des Verf.s Aufsatz in der ZNW. 1922, 161 ff. über die Bedeutung
der Kolometrie für das Neue Testament. Es ist mir kein
Zweifel, daß diese Bedeutung wirklich vorhanden ist und daß die
Kolometrie in der Textkritik wie in der Exegese zweifelhafte Fragen
zu lösen vermag. Und ich begrüße es, wenn für diesen Gedanken
dadurch Propaganda gemacht wird, daß man Texte in kolometrischer
Weise gedruckt vorlegt. Zumal wenn das wie bei Sch. in einer Obersetzung
geschieht, die manchen neueren Übersetzungsversuch weit überragt
. Immerhin habe ich angesichts des vorliegenden Versuches einige

Bedenken. Erstens: es handelt sich im Jakobusbrief, wie Sch. selber
sagt, um poetisierende Prosa, nicht um Poesie. Wenn Sch. nun bewußtermaßen
so und so oft in fünffüßige Jamben überträgt, also in
den klassischen Blankvers des deutschen Dramas, so wird der relative
Poesie-Charakter des Originals für den deutschen Leser stark übertrieben
. Sodann dürften eigentlich nur bestimmte xiSXa als Verse gedruckt
werden, die einander wirklich entsprechen, weil die Teilung
nach Sinnabschnitten nur in diesen Fällen formalen Wert hat. Ich
verdeutliche das an Jak. 1,19 f. Schütz druckt — nach seinem Grundsatz
durchaus folgerichtig:

Wisset, meine lieben Brüder:
Ein jeglicher Mensch sei: schnell bereit zu hören,
zögernd zum Reden,
zögernd zum Zorn;
Denn wer da zürnet wird nicht fromm vor Gott.
Mir schiene es geratener, die drei einander formal verbundenen
xtÜAa herauszuheben :

Wisset, meine lieben Brüder: Jedermann soll sein
geschwind beim Hören
bedächtig beim Reden
bedächtig beim Zorn.
Denn eines Mannes Zorn vermag ihn nicht vor Gott gerecht zu
machen.

Ich habe damit auch schon ein drittes angedeutet: daß die Übertragung
nicht einfach von dem Bestreben getragen sein darf, entsprechende
xüiXa herauszubekommen. Das alles wird Sch. selber
wissen; es sollte hier nur gesagt werden, um die Diskussion über
diesen fruchtbaren Gegenstand weiterzuführen und vielleicht auch dem
Verf. dieses dankenswerten Versuchs selber eine Anregung zu geben.
Heidelberg. Martin Dibelius.

Weiss, Prof. Dr. Karl: Voll Zuversicht! Zur Parabel Jesu
vom zuversichtlichen Sämann Mk 4, 26—29. Münster i. W.;
Aschendorff 1922. (76 S.) gr. 8° = Neutestamentliche Abhandlungen
, hrsg. von Prof. Dr. M. Meinertz, X., 1. Gz. 2,—.

Während die neuere protestantische Exegese durchweg
und mit ihr der französische Katholik Buzy den
Schlüssel für das „Gleichnis von der selbstwachsenden
Saat" in dem avxonärrj findet, weist W. dem Sämann
die Hauptrolle zu. Der Sämann d. h. Christus ist das
logische Subjekt der Parabel. Das „Schlafen und Aufstehen
" stellt einen psychischen Zustand des Sämanns
dar, es ist ein Ausdruck für dessen frohe Zuversicht
auf Erfolg seiner Arbeit und damit auch ein Abbild der
frohen Zuversicht Christi, sein Werk werde ebenfalls
Erfolg haben. Daß der Sämann nicht nötig hat, sich um
die ausgestreute Saat zu kümmern und nachzuhelfen,
läßt auf die unbedingte Sicherheit schließen, mit der
sich die Saat (das Reich Gottes) entwickelt und die
Hoffnung des Landmanns (die Hoffnung, mit der Jesus
es gegründet) sich erfüllt. Die Ernte rundet das Bild
vom zuversichtlichen Sämann ab: sie bedeutet die Erreichung
der Endabsicht und die damit gegebene vollständige
Erfüllung der Hoffnung. So verkündigt die
Parabel den siegesgewissen Optimismus Christi hinsichtlich
der hohen Aufgabe, die ihm der Vater übertragen
. Diese Deutung des Gleichnisses hat vor manchen
anderen katholischen Versuchen den Vorzug exegetischer
Nüchternheit und Logik. Aber die sehr gezwungene
Verschiebung des tertium comparationis
(der Sämann kommt im Text garnicht vor, sondern
av&Qwnog = rig) und die iDsychologisch - allegorische
Methode, deren der Vert. sich nicht einmal geschickt
bedient (Schlafen und Wachen Ausdruck froher Zuversicht
, Ernte Abbild der erfüllten Hoffnung!), machen
seine Deutung unannehmbar. Daß das Gleichnis eindeutig
das stille und gesetzmäßig von selbst vor sich
gehende Wachstum der (iaaüeia illustriert, hat W. nicht
widerlegt.

Göttingen. J. Behm.

Weber, Prof. Dr. Valentin: Gal. 2 und Apg. 15 in neuer Beleuchtung
. Würzburg: C. J. Becker 1923. (36 S.) 8° Gz. ,60.
Der Verfasser zieht in dieser exegetisch-historischen Arbeit im
wesentlichen Folgerungen aus Thesen, die er in früheren bekannten
Veröffentlichungen aufgestellt hatte, und sucht sie durch eingehende
Kommentierung der Berichte Gal. 2 und Apg. 15 zu erhärten. Danach
enthält Gal .2 die Vorgeschichte des Apostelkonzils. Die Gründung
der galatischen Gemeinden erfolgte nach Abschluß der Kollekte