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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

342-343

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spanier, Arthur

Titel/Untertitel:

Die Toseftaperiode in der tannaitischen Literatur 1923

Rezensent:

Dalman, Gustaf

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341 Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 16/17.

über den Weltkönig. Vf. lebte in einer Zeit, da das
Volk Ruhe und Frieden genoß und man anfing, auf Ausbreitung
von Recht und Gerechtigkeit in der ganzen
Welt zu hoffen; da kommt der brutale makedonische
Welteroberer, und Habakuk ist empört darüber, daß
nun wieder die Macht auf Erden triumphiert, neben der
die Gerechtigkeit nicht gedeihen kann; er ist ein heldenhafter
Mann, der den unerbittlichen sittlichen Maßstab
auch an die dämonische Gestalt jenes Übermenschen anlegt
und den allein großen Weltherrn preist; besonders
rühmenswert sei an H., daß er das Leid aller andern
Völker zu seinem eigenen Leid mache und die Solidarität
der Gerechten und Dulder in aller Welt empfinde. Die
Hypothese erscheint mir doch zu wenig gesichert, und
daß sie nur mit einem starken textlichen Eingriff, mit
der Beseitigung des lTIÜG, hergestellt werden kann,

ist ein schweres Bedenken. Die von S. vorgebrachten
Gründe gegen die Deutung von 1,5 ff. auf die Kaldäer
überzeugen nicht; z.B. sind in Jer. 4,13 die Kaldäer
ganz ebenso als sturmschnelle Erscheinung geschildert,
und HD^TP kann auch .vorwärts' heißen. Ich sehe in

T ' T

dem Vf. einen Nordisraeliten, der in der assyrischen Verbannung
lebte; der Hauptfeind ist ihm noch der Assyrer,
dessen Untergang durch den Kaldäer er weissagt; den
Kaldäer schildert er als den grimmigen Völkerbezwinger.
Zum Verständnis des Büchleins müßte mehr, als man gewöhnlich
tut, mit der Erkenntnis gerechnet werden, daß
die prophetischen Schriften Sammlungen einzelner
Sprüche und Lieder sind, und daß diese Einheiten
nicht in einem Atem gelesen und nicht als logischer
Aufbau beurteilt werden dürfen; diese Erkenntnis,
die an Arnos klassisch ausgearbeitet worden ist, muß auch
auf die anderen Propheten (z. B. auch Joel) noch methodischer
angewendet werden.

Bei Sacharja nimmt S. an, daß er die Heilszeit
schon mit der Grundsteinlegung des Tempels eröffnet
glaubte. Eines seiner Hauptziele sei, die beiden
messianischen Würdenträger freundlich zu einander zu
stellen und den offenbar sehr zurückhaltenden Josua
mit fortzureißen. Die beiden Oelbäume innerhalb der
dunkeln Verse 4, 1—6aa 10 b—14 deutet S. auf Seru-
babel und Josua und meint, Sacharja setze sich vollständig
darüber hinweg, daß die „Ölbäume" dann eigentlich
nicht Spender, sondern Empfänger seien, und er
könne das.weil er das Bild nicht selbständig geschaffen
hätte. Diese Umbiegung des Aktiven ins Passive halte
•eh für unmöglich. Die beiden Ölbäume sind eben nicht
die zwei Messiaspersonen, sondern Engelwesen, und
sie sind nur ein Nebenzug des Ganzen (wie die beiden
Frauen, die das Epha tragen); auch die 5. Vision handelt
von einer Voraussetzung des Heils, nicht vom Heil
selbst; ihr Sinn ist: Voraussetzung des Heils ist der
Tempel, die Tempelidee ist dargestellt im heiligen (vom
himmlischen Öl gespeisten) Leuchter, der zugleich das
Weltlicht (das Auge Gottes) ist.

Um die Aufhellung der schwierigen Kapitel des
Deutero-Sachftrja (9—14) hat S. sich sehr verdient
gemacht. Diese Kapitel sind wie Jes. 24—27 ein
Bündel eschatologischer Lieder und behandeln die verschiedenen
eschatologischen Vorstellungen jener späten
Zeit, m. E. manche Vorstellungen in Varianten, wie z. B.
14, 1 ff. zeigt. Auch bei diesen Kapiteln ist die vorhin
erwähnte Erkenntnis von der Selbständigkeit der dichterischen
Einheiten noch stärker zu verwerten. 13,7—9
2-.B. stelle ich für sich (nicht mit 11,4—17 zusammen,
wie meist geschieht); das Stück behandelt die Idee der
Verfolgung und Läuterung des Restes. Das Lied 10,3
"'s 11,3 (4 Strophen zu je 5 Doppelzeilen) zeigt
einen feinen logischen Aufbau (die Welt und Israel;
jjrael; Israel und die Welt; die Welt). 12,1—13,6 beengt
den Glauben an die Überwindung des Heidentums
(außerhalb des Gottesvolkes, im Bild des Völkersturms,
"nd innerhalb) als Voraussetzung des Heils; das Subjekt
Von )~)pl in 12,10 ist der Feind; der enge Zu-

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sammenschluß mit dem Vorhergehenden legt nahe, daß
der Tod des Führers während des Völkersturms eintritt;
die Stelle ist wohl ähnlich wie Gen. 3,15 zu erklären.
Die Verse in 14, 6ff. würde ich nicht ausscheiden; notwendig
ist ein Heilsabschluß, eine Schilderung des Heils.

Diese eigenen Ausführungen sollen nur den Dank
zum Ausdruck bringen für den Gewinn, den ich durch
die eindringende Beschäftigung mit diesem stark wirkenden
Buch bekommen habe.

Tübingen. P. Volz.

Ridderbos, Dr. J.: Der Prophet Jesaja. Opnieuw uit den
grondtekst vertaald en verklaard. Erster Teil Hoofdstuk 1—39.
Kampen: I H. Kok 1922. (XIII, 274 S.) 8° — Körte Verklaring der
Heilige Schrift.

Dieser kurzgefaßte Kommentar richtet sich zweifellos an die
bibelgläubige Gemeinde und will die Wissenschaft nicht fördern, kaum
vom wissenschaftlichen Standpunkt aus beurteilt werden. Verf. teilt den
Glauben an die Inspiration der Schrift. Von diesem Standpunkt aus
erscheint es ihm nicht „a priori" unmöglich, daß das Buch Jesaja
unjesajanische Stücke enthalte; es sind für ihn aber nur ganz geringe
Ausnahmen. Selbst 24—27, ja 40—66 führt er auf den einen Jesaja zurück
, bei Jes. 13,1 z.B. fühlt er sich eben durch seinen Inspirationsglauben
an die Aussage der Schrift gebunden. Jesaja versetze sich in
solchen Stücken wie 40—66. 13. 27,6 ff. in die Zeit des Exils. Die
gegen jesajanischc Herkunft z. B. von 24—27 angeführten Gründe der
neueren Kritik überzeugen ihn nicht; der apokalyptische Charakter der
Kapitel beweise nichts gegen höheres Alter, da ja neuerdings auch die
kritische Forschung das hohe Alter apokalyptisch-eschatologischer Erwartungen
behaupte (wobei Verf. zwischen Eschatologie und Apoka-
lyptik keinen Unterschied macht). Folgerichtiger wäre es dann schon,
sich nicht mit solchen Gründen und Gegengründen der Forschung zu
befassen, sondern kindlich dem Inspirations- oder Traditionsglauben anzuhangen
. Mit dem geschilderten Standpunkt des Vf. hängt seine
christologische Wertung der jesajanischen Weissagungen zusammen; er
will Jesaja wegen der Klarheit, mit der er „den Christus" beschrieben
hat (im 1. Teil in der Gestalt des Messiaskönigs, im 2. in der des
leidenden Knechts) den Evangelisten des A T. nennen, eine Bezeichnung
, die man sonst auf Deuterojesaja anwendete. In der Erklärung
wird das Zeitgeschichtliche berücksichtigt, dagegen vermißt man
ein tieferes Eingehen auf das Religiöse, Religionsgeschichtliche und
Psychologische; auch die einleitende Schilderung des Propheten Jesaja
ist dürftig. Textkritik braucht der Vf. so gut wie keine, die metrischen
Fragen faßt er mit großer Vorsicht an; er gibt die Obersetzung fast
durchweg in Prosa, und nur da in poetischer Form, wo der Text
ausdrücklich von einem Liede spricht.

Tübingen. P. Volz.

Spanier, Arthur: Die Toseftaperiode in der tannaitischen
Literatur. Berlin : Schwetschke & Sohn 1922. (IX, 159 S.) gr. 8° =
Veröffentl. d. Akad. f. d. Wissenschaft d. Judentums. Talmud.
Sekt. 1. Bd. Oz. 1,80.

Dem unter dem Namen Tosefta bekannten Schriftwerk
der jüdischen Literatur ist eigen, daß es in Art und
Herkunft des mitgeteilten Rechtsstoffes der Mischna,
dem Textbuch der beiden Talmude, sehr nahe steht.
Welcher Art das Verhältnis beider Schriften sei, ist das
Problem, welches Sp. zu lösen sucht. Die alte Anschauung
betrachtete Chijja, einen Schüler des Mischna-
redaktors Jehuda, und Chijja's Schüler Hoschaja als die
Verfasser unsrer Tosefta. Sie hätten, aus denselben Quellen
schöpfend wie Jehuda zur Ergänzung und Erklärung
seines Werkes den von ihm weggelassenen Stoff
mitgeteilt. Im Zusammenhang damit entstand die Frage,
wie sich dieses Schriftwerk zu den in den Talmuden vorkommenden
Rechtssätzen der tannaitischen Periode, welche
der Mischna nicht entstammen und deshalb gemeinhin
als Barajta (extranea) bezeichnet werden, verhalte. Die
Meinung war aufgetaucht, daß hier noch eine Tosefta
anderer Herkunft benutzt worden sei. Zuckermandel
hatte neuerdings die These aufgestellt, daß die Tosephta
der Text des palästinischen, die Mischna der Text des
babylonischen Talmuds sei. Mit Benutzung eines von
Schwarz schon geäußerten, aber nicht konsequent durchgeführten
Gedankens zeigt Sp. zuerst, daß man dem in
der T. vorliegenden Tatbestand am besten gerecht wird,
wenn man ihren Ursprung in Randbemerkungen zu
Mischnaexemplaren sieht, welche von einem Kompilator
zusammengestellt wurden. Der palästinische Talmud habe