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Ausgabe:

1923 Nr. 15

Spalte:

335-336

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rade, Martin

Titel/Untertitel:

Christentum und Frieden 1923

Rezensent:

Kübel, Johannes

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Seite 1

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335

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 15.

336

gewichts" (35). Auch die Schwankungen, welche durch
Rückbildungen und junge Entwicklungen sich kennzeichnen
, sind selbständige wertvolle Vorgänge und stellen
zusammen mit den Gleichgewichtszuständen erst das
volle Gleichgewicht der Welt dar. Sache des Genius, der
höchsten Meisterschaft, ist die Vereinigung entgegengesetzter
Kräfte auf Grund der Gesamtumstände. Die Anlage
dazu trägt das deutsche Volk in sich, das nicht zum
Eroberer —, sondern zum Schöpfer- und Bildnervolk bestimmt
ist und durch Entfaltung seiner Kräfte eine führende
Rolle beim Aufstieg der Menschheit einnehmen
soll. Eben zu solcher Abgewogenheit, zu innerer Überwindung
und Durchdringung all der Gegensätze will K.
den Weg weisen; er faßt zu diesem Zweck seine Gedanken
schließlich in eine „Satzung für die Meisterjahre
Deutschlands und des Völkerlebens" zusammen
(352 ff.), die er den „Werdenden" ans Herz legt. Daß
in dieser allgemeinen Harmonie auch die Religion eine
Rolle zu spielen bestimmt ist, wurde schon angedeutet.
Als Mangel der Vorkriegszeit, deren Größe nicht verkannt
wird, wird vor allem hervorgehoben, daß es an

Zweifellos hat R. damit Recht, daß den jetzt lebenden
Deutschen die Entscheidung, ob Krieg oder Frieden,
aus der Hand geschlagen ist; wir sind auf Jahrzehnte
kriegsunfähig geworden. Ob sich daraus aber wirklich
nur die Eine Folge ziehen läßt, auf die R. alles ankommt,
nämlich, aus der Not eine Tugend zu machen und durch
friedsame äußere Politik Friedensstifter zwischen den
Völkern zu werden, unser Meisterstück aber durch Herbeiführung
des inneren Friedens, durch den Sozialismus
der Gesinnung, zu leisten?

R. hat den Vortrag im März 1922 gehalten. Voraus
geht ein Aufsatz über „Die Macht der Ohnmacht",
Ostern 1921 in der „Frankf. Ztg." erschienen, der die
Folgen näher entfaltet, die in der angegebenen Richtung
aus der politischen Ohnmacht zu ziehen sind, und der
deshalb für die sog. Ideologen in Anspruch nimmt, daß
sie gerade die eigentlichen Realpolitiker seien. Ob R.
an dieser seiner „Realpolitik" 1923 noch Freude hat?
Auch übersieht R., daß gerade die Ideologen unsre Ohnmacht
mit verschuldet haben.

Ich bemerke noch geschichtlich: 1. R. beschreibt die

Ewigkeitswerten und sozialer Liebe gefehlt habe, daß i Pharisäer der neutestamentlichen Zeit als die Kriegspartei, die
Gott Und Religion für weiteste Kreise keine Kraftquelle 1 Vaterlandspartei im jüdischen Volk die Vorkämpfer des Natio-
i. i j -r-u i • i-ii. i u'i„i„„.v,,r,„„, ! nahsmus und zieht aus Jesu Haltung gegen die Pharisäer

mehr waren. In der Theologie litt unter philologischem | he fflr dje Q enw4rt. Aber im Evangelium ist nichts

und historischem Bemuhen der Kern der religiösen Ar- ; davon m findeil) daß Jesus die Pharisäer wegen inrer politischen
beit, schöpferisch die Religion aus unserer Zeit umzu- j Stellung bekämpft habe. 2. Während der ersten drei christlichen Jahrgestalten
, sie, wie einst Jesus, ewig jung dem Volke
nahezubringen und dem gegenüber betont K. die unzerstörbare
Gewißheit des religiösen Gefühls und die entscheidende
Wirklichkeit der göttlichen Weltordnung. Ihm
ist die Religion „die Gefühls-Willensmacht im Volksund
Völkerleben", die mit ihren gewaltigen Mitteln unter
Führung der Gottesidee zu wuchtigem Schaffen an den
ewigen Zielen der Welt und der Menschheit auffordert;
nach seiner Art entwirft er für die religiösen und kirchlichen
Reformbestrebungen ein ausführliches Programm,
das zu überdenken sich lohnt (232—238). Hie und da
wird man vielleicht ein Eingehn auf Tiefstes und Schwerstes
bei der Reformfreudigkeit K.s auf allen Gebieten
vermissen, aber seinem Eifer, seiner Vielseitigkeit und
Besonnenheit alles Lob zu teil werden lassen.

Berlin. T i t i u s.

Rade, Prof. Martin: Christentum und Frieden. Ein Vortrag, im

März 1922 in Elberfeld und Dortmund gehalten. Tübingen:

J. C. B. Mohr 1922 (36 S.) gr. 8° = Slg. gemeinverst. Vorträge u.

Schriften a. d. Gebiet d. Theologie u. Religionsgeschichte 101. Gz. 0,8.
Trotz seiner pazifistischen Einstellung erkennt R. an,
daß die neutestamentlichen Worte vom Frieden, einschließlich
Luk. 2, 15 (soll heißen 2, 14) und Matth. 5, 9,
nicht auf den Völkerfrieden gehen. Statt auf einzelne
Bibelstellen greift R. auf die Gesinnung, die Friedfertigkeit
und Feindesliebe, Jesu zurück; allerdings sei
das zunächst nur eine Gesinnung für den täglichen Verkehr
der Menschen gewesen — auch dies Zugeständnis
ist dankbar zu begrüßen —, aber es werde doch schwer
möglich sein, zwischen ihr und irgend welchem heutigen
Revanchechristentum eine Verbindung herzustellen. Das
Ziel, die Idee des Völkerfriedens findet R. in dem
schrankenlosen Heils- und Gemeinschaftwillen von
1. Tim. 2, 1—5 und Matth. 28, 18—20 niedergelegt.
„Wenn das nicht Pazifismus ist!" Ich kann gleichwohl
nicht einsehen, was die Allgemeinheit des göttlichen
Heilswillens und die Anerkennung des Daseinsrechts der
verschiedensten Völker mit der Frage nach deren Politik
und der Austragung ihrer Streitigkeiten zu tun haben
soll. Auch Epheser 2, das die Verschmelzung von Juden
und Heiden in der Einen christlichen Glaubensgemeinschaft
freudig rühmt, scheint mir politisch in keiner
Weise verwertbar zu sein.

hunderte sei die Stimmung der christlichen Lehrer gegen den Krieg
gewesen. Ist das richtig? Oder war sie gegen den Heeresdienst, und
zwar mehr aus Gründen der Weltflucht als des Pazifismus, vor allem
aber, weil mit dem Heeresdienst der Kaiserkult eng verbunden war?
3. R. betrachtet Heeresmacht und Monarchie als recht eigentlich zusammengehörig
; es wirke grotesk, wenn eine Republik in Militarismus
und Imperialismus schwelge. Hier ist der Demokrat und Pazifist mit
dem Historiker R. durchgegangen. Weiß R., um von der Gegenwart
zu schweigen, nichts von dem Militarismus der ersten französischen,
nichts von dem vielhundertjährigen Militarismus und Imperialismus
der römischen Republik? Es war der erste römische Kaiser, der
den Janustempel geschlossen hat!

Stilistisch: 1. Nach R. geht unsern Volksgenossen im besetzten
Gebiet vieles wider die „Ehre", „was man so Ehre nennt. Die
Offiziers-, die Mensurehre ist weg". Wirklich nur diese? Ich empfinde
es als eine furchtbar bittere Ungerechtigkeit, daß R. in diesem
Zusammenhang als Beispiele des Ehrgefühls gerade dessen lächerliche
Auswüchse und nur sie zu finden weiß. Übrigens vermute ich, daß im
besetzten Gebiet die Mensur und damit auch die Mensurehre - leider
— noch heute blühen. 2. Was ist die „Kriegstheologie" unsrer Tage?
Doch wohl ein Schlagwort! Gemeint ist die Theologie, die das
sittliche Recht des Kriegs verteidigt; aber das Wort brandmarkt die
Verteidigung und klingt, als ob sich diese Theologie den Krieg, die
Herbeiführung oder doch Verherrlichung des Kriegs, eigens zum Zweck
gesetzt habe.

Grundsätzlich: 1. R. fragt: „was hindert uns zu zeigen,
daß ein solches Volk auch in Fesseln frei, groß, stark und stolz sein
kann?" Was uns hindert? Die Maschinengewehre der Franzosen
und unsre Waffenlosigkeit. Ein Volk, in dessen Gebiet der Feind ungehemmt
einbrechen und dessen Glieder er, weil sie den Gesetzen ihres
Staates treu bleiben, vor sein Gericht stellen und in seine Gefängnisse
verschleppen darf, ist nicht frei, nicht stark, kann auch in vaterländischem
Sinn nicht mehr stolz sein; und je größer es zahlenmäßig
ist, desto drückender wirkt seine Knechtschaft, Schwachheit
und Schande. 2. R. wendet sich mit erfreulicher Schärfe gegen die
Art F. W. Foersters und will auch als Pazifist nicht schlechthin
Antimilitarist sein, d. h. er behält sich vor, mit seinem
Volk zu gehen, wenn es in einen Krieg gerät. Von
diesem Vorbehalt nehme ich dankbar Kenntnis. 3. Auch unsereins
will den Frieden; welcher halbwegs gewissenhafte Christenmensch
wollte ihn nicht? Aber aller Kulturfortschritt hat noch nicht über das
„Si vis pacem, para bellum" hinausgeführt, das offenbar zum Einmaleins
der Weltgeschichte und der Politik gehört. Das anzuerkennen und
hieraus die entsprechenden Folgen zu ziehen, ist eine Pflicht der
völkischen Selbstbehauptung; ich finde trotz alles widerchristlichen
Scheins, der dem Krieg anhaftet, kein christliches Hindernis, dieser
Pflicht zu genügen. So lange wenigstens Volk und Staat als gottgewollte
Güter zu Recht bestehen.

Frankfurt a. M. Johannes Kübel.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 25. August 1923.
Beiliegend ein Prospekt der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, sowie Nr. 17 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.