Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1923

Spalte:

332-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lehmann, Emil

Titel/Untertitel:

Hölderlins Lyrik 1923

Rezensent:

Petsch, Robert

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

331

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. IB.

332

präge durch den Wettbewerb der öffentlichen und privaten
Initiative auf philanthropischem Gebiet. Dieser
Wettbewerb hat anspornend gewirkt; aber auch hemmend
. Denn er hat die Zusammenarbeit erschwert. Oft
genug hat in diesem Zeitabschnitt der Staat eine von
Privaten aufgegriffene und mit Erfolg betriebene Arbeit
schließlich für sich in Anspruch genommen und eine
Ordnung durchgeführt, welche die Arbeit und Erfahrung
der privaten Institutionen ganz bei Seite schiebt, ja vielleicht
durchkreuzt. Es besteht in dieser Zeit oft eine
Spannung zwischen dem privaten und öffentlichen Faktor
der Philanthropie. Zusammenarbeit, die selbstverständlich
sein sollte, ist selten. Nur England bildet eine Ausnahme
. Hier findet man den Anfang einer gemeinsamen
Arbeit. Seit 1890 erblickt man fast überall eine rastlose
philanthropische Arbeit. Überall wirkt eine unübersehbare
Schar von Menschenfreunden. Selbst die weniger
zivilisierten Völker treten in die Arbeit ein. Der Staat
greift jetzt überall mit starker Hand ein. Er bemüht
sich, den Gemeinden die Lasten zu erleichtern, aber er
sucht auch die öffentliche philanthropische Arbeit zu
organisieren und zu zentralisieren. Noch ist keine geschlossene
Zusammenarbeit von staatlicher und privater
Philanthropie erreicht. Aber es wächst das Bedürfnis
nach Zusammenarbeit der öffentlichen Faktoren untereinander
und ebenfalls der privaten und freiwilligen Faktoren
untereinander. Die philanthropischen Faktoren
verschiedener Länder beginnen, mit einander Fühlung zu
nehmen. Man studiert gegenseitig die Wohlfahrtseinrichtungen
und trifft gemeinsame Maßnahmen. Internationale
philanthropische Kongresse werden gehalten. Und
man wird sich dessen bewußt, daß die in der philanthropischen
Tagesarbeit Stehenden eine Fachausbildung
nötig haben. Der Weltkrieg hat diese Entwicklung brutal
unterbrochen. Fügen wir ruhig hinzu: der Friede
vollends. Im zweiten Hauptteil werden die verschiedenen
Klassen der Notleidenden und die Mittel zur Bekämpfung
ihrer Not in großen Zügen geschildert: die Bedürftigen,
Kranken, Kinder, Invaliden und Abnormen, Verwahrlosten
, Arbeitslosen, die des Bürgerrechts und der Versorger
Ermangelnden, die Alten.

Jörgensen versteht, anschaulich zu schildern. Sein
warmes Herz läßt ihn schlichte und klare Worte finden.
Die Fülle der Bilder ist fast überreich; sie werden aber
doch durch leitende Gedanken zusammengehalten. Ob
es möglich ist, die zeitlichen Grenzen so scharf zu
ziehen, wie Jörgensen es tut, bleibt mir freilich zweifelhaft
. Jörgensen selbst muß öfters den Faden fallen
lassen und wieder aufnehmen. Und ob der Demokratie
wirklich eine so durchgreifende Bedeutung zukommt,
wie Jörgensen überzeugt ist, kann immerhin gefragt
werden. Ich weiß sehr wohl, daß in der „demokratischen
" Bewegung des Jahres 1848 — es war übrigens
keine demokratische Bewegung schlechthin —
soziale Forderungen aufstiegen und auch wirksam wurden
. Der Einteilungsgrund scheint mir aber doch etwas
willkürlich gewählt zu sein. Doch das mag auf sich beruhen
. Kaum eine Einteilung ist gegen alle Bedenken
gefeit. Wichtiger sind die Vorzüge der Darstellung und
die Tatsache, daß hier zum ersten Mal der Versuch gemacht
worden ist, einen Überblick über die philanthropische
Arbeit des 19. Jahrhunderts in allen zivilisierten
und halb zivilisierten Ländern zu geben. Der Verfasser
hat redlich und tatkräftig mitgeholfen, die furchtbare
Not zu bekämpfen, die Europa jetzt heimgesucht hat.
Er hat erschüttert vor dem Elend gestanden und wie ein
Licht im Dunkel die großen philanthropischen Unternehmungen
zum Besten der Opfer des Krieges begrüßt.
Er selbst ist einer der vielen, die tätig mitgearbeitet
haben. Nun dürfen wir ihm auch für den geschichtlichen
Überblick über die Philanthropie des 19. Jahrhunderts
danken. Möchte sein Überblick die Gewissen der Verantwortlichen
wecken und neue Taten ins Leben rufen.
Hoffen darf man freilich nicht viel.

Tübingen. O. Scheel.

Victor, Dr. Carl: Die Lyrik Hölderlins. Eine analyt. Unters.
Frankfurt a. M.: M. Diesterweg 1921. (XVI, 240 S.) gr. 8° =
Deutsche Forschungen. 3. Heft.

Lehmann, Prof. Dr. Emil: Hölderlins Lyrik. Hrsg. m. Unterstützung
d. Gesellschaft z. Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst
u. Literatur in Böhmen. Stuttgart: J. B. Metzler 1922. (VII, 310 S.)
gr. 8°

Es ist kein Zufall, daß wir heut zwei ausführliche
und, um es gleich zu sagen, vorzügliche Untersuchungen
über Hölderlins Lyrik anzuzeigen haben. Der unglückliche
Dichter, der nur zu lange im Schatten gestanden
hat und in dessen durchaus klassischer Dichtung selbst
R. Haym, sehr zum Schaden seiner Würdigung, einen
bloßen „Seitentrieb der Romantik" sah, kommt heut in
Leben und Forschung besser zu seinem Rechte. Die
jüngste Dichterschule, die ihre Offenbarungen vom
Wesentlichen der Welt in neuen, unerhörten Form- und
| Sprachgebilden ausströmt, beruft sich auf ihn als ihren
j Meister, und tatsächlich zeigt jede Probe, daß die der
j vorigen Generation noch recht dunkeln Gedichte des
i großen, einsamen Profeten der heutigen Jugend ganz unmittelbar
eingehen. Auch die geistigen Zusammenhänge,
in denen der Dichter mitten inne stand, vor allem seine
Selbständigkeit gegenüber seinen Freunden Sendling
i und Hegel hat erst neuerdings durch die tiefeingreifen-
j den Untersuchungen (auf den Pfaden W. Diltheys) Ernst
Cassirer („H. und der Deutsche Idealismus in der
j Sammlung ,Idee und Gestalt'," Berlin 1921) klargestellt.
Eine ganz neue Beleuchtung seiner Lebensform aber wird
wohl erst möglich sein, wenn die beiden großen Hölderlinausgaben
, die durch Schönheit der Ausstattung und
Gediegenheit der Durchführung mit einander wetteifern
(diejenige von Zinkernagel im Inselverlage und die von
Hellingrath begonnene, die jetzt im Propyläenverlag zu
Berlin erscheint) abgeschlossen vorliegen. Das dürfte
in nicht zu ferner Zeit der Fall sein und wir werden
dann auf diese beiden Editionen zurückkommen.

Soviel kann man heut schon sagen, daß Hölderlin
immer klarer als Vertreter einer religiösen Lebensform
im Sinne Sprangers vor uns erscheint und daß wir
immer deutlicher sehen, wie er die Dinge im Lichte der
Totalität zu ergreifen sucht und überall ein Leben aus der
Fülle des Herzens fordert. Seine Ausdrucksform ist
freilich nicht die des Predigers auf der Kanzel oder des
Religionsphilosophen, sondern die des hymnischen Dichters
. Diese innere Polarität zwischen einem letzten Endes
religiösen, aber zunächst unter andern Formen versteckten
Urerlebnis und der ihre eigenen Forderungen stellenden
dichterischen Begabung macht einen guten Teil des
inneren Lebens H.s aus, wie es aus seinen Gedichten
klar hervortritt. Beide vorliegenden Untersuchungen verfolgen
diese Linie. Dabei geht das Buch von Lehmann,
der sich schon durch eine Reihe sehr ergebnisreicher
Studien über H. bekannt gemacht hat und dessen eifrige
Forschungen jetzt erst mit Hilfe der Gesellschaft zur
Förderung deutscher Wissenschaft in Böhmen zusammengefaßt
und gedruckt werden konnten, nach
einer kurzen Charakteristik des lyrischen Dichters
H. überhaupt, gleich auf seine Gedichte ein, zu denen
er im wesentlichen einen groß angelegten, immer
auf die innere Einheitlichkeit in H.s Schaffen hinweisenden
Kommentar bietet. Wie stark in H. von
Jugend auf, wenn auch zunächst noch nicht mit
vollem Bewußtsein, das Bestreben nach religiöser Erneuerung
wirkte, wie seine Griechenbegeisterung gerade
nach dieser Seite hin tendierte, betont L. von Anfang
an und läßt uns dann vor allem in der Besprechung der
beiden Dichtungen „Brot und Wein" und „Patmos" tief
in die religiösen Gedanken des reifen Dichters hineinblicken
. — Vietor geht weniger auf die einzelnen Werke
ein, als daß er mit wuchtiger Hand die großen Linien
in H.s geistiger und künstlerischer Entwicklung herausarbeitet
, Abschnitt für Abschnitt zurückblickend auf das
jeweils für den Dichter, für die Gesamtentwicklung
unserer Literatur und — für die Menschheit überhaupt
Gewonnene. V. betont, wie vor ihm Gundolf in seiner