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Ausgabe:

1923 Nr. 15

Spalte:

319-320

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, Johann

Titel/Untertitel:

Wer ist der Ebed in den Perikopen Js. 42, 1-7; 49, 1-9a; 50, 4-9; 52, 13-53, 12? Eine exegetische Studie 1923

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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319 Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 15. 320

Ketzerei, die den herkömmlichen dogmatischen Rahmen
prüft und sprengt. Den nichtgeoffenbarten Religionen
gehen diese vier Kräfte ab. IV. Die Betätigung (attua-
zione) der Religion. Die religiöse Erfahrung ist mannigfaltig
und wechselnd. Gleich bleibt sich nur ihr Gegenstand
, Gott, und ihr Ziel, die Gemeinschaft mit Gott.
Das Mittel zur Erreichung dieser Gemeinschaft ist das
Gebet. Es ist entweder Bittgebet, mit dem Zweck, den
göttlichen Willen zu beeinflussen, oder Erkenntnisgebet,
mit dem Zweck, den göttlichen Willen zu erkennen und
sich ihm zu fügen. Jenes ist an sich unlogisch und findet
seine Lösung und Überwindung im zweiten. Zur Handlung
wird die relig. Erfahrung im Ritus und dessen
Entleerung und Mißbrauch führt zur Zauberei. Gemeinsame
Erfahrung wirkt sich aus im gemeinsamen Ritus
d. h. im Kult. Dieser kann objektivistisch oder subjek-
tivistisch sein und die religiöse Entwicklung zeigt einen
Fortschritt von jenem zu diesem, d. h.. von der magischen
Haltung zur religiösen. V. Die Aufgabe (Funzione) der
Religion. Sie untersteht nicht dem Prüfstein der Wahrheit
d. h.. sie kann ihre eigene Gültigkeit nicht erweisen.

jesaja will nicht zur Ruhe kommen. Begreiflich genug.
Denn mit der kollektiven Deutung, die sich neuerdings
wieder größerer Zustimmung zu erfreuen scheint —
noch 1900 hatte Budde seine sie verteidigende Schrift
ein „Minoritätsvotum" genannt — dürfte schwerlich das
letzte Wort gesprochen sein. Auch Fischer läuft gegen
sie Sturm (Kap. II): „Gegenüber der kollektiven Deutung
bleibt wie eine undurchbrechliche Quadermauer
die Tatsache bestehen, daß der Ebed an Israel einen
Beruf hat" (S. 36). Angesichts Jes. 49, 6 sehe ich allerdings
nicht, wie die Bestreitung dieser Tatsache exegetisch
zu halten ist, und ich gehe hier mit F. in seinem
entsprechenden Nachweis einig; aber er schießt m. E.
über's Ziel, wenn er daraus gleich meint schließen zu
dürfen, es bleibe einzig die Annahme übrig, daß der Ebed
ein Individuum sei (S. 39). Warum kann er nicht ebenso
gut mit einem Teile Israels identisch sein, der an Ge-
samt-Israel einen Beruf hat? Ich finde in F.'s ganzer
Schrift nichts, wodurch eine solche Auffassung, wenigstens
der 3 ersten Sprüche, ausgeschlossen würde. In
einem andern Punkt muß ich F. auf's Entschiedenste

Diese ergibt sich vielmehr aus der Lebensgeschichte i widersprechen. Er glaubt sich genötigt, die Wirksamkeit

des Einzelnen oder der Gemeinschaft. Die Religion hat
auch keinen besonderen Machtbereich, wiewohl sie die
Menschheitsgeschichte und das Leben des Einzelnen

des Ebed an den Heiden in die Zeit nach seinem Tode
zu verlegen (S. 39). Die von ihm selber empfundene
Schwierigkeit dieser Auffassung sucht er durch die Er-

betruchtet. Vielmehr weitet sie unsere Gedanken vom I klärung zu lösen, daß die Ebed-Jahwe-Stücke ein „Zyklus
Einzelnen zum Allgemeinen, vom Zufälligen zum Not- j fortschreitender Prophezeiungen" seien. „Daß der Wirkwendigen
, vom Endlichen zum Unendlichen, vom Augenblicklichen
zum Ewigen, und zwar in zwei Stufen: Gott
wird zuerst begrifflich, dann als persönliche Wirklichkeit
erkannt im Unterschied von der Philosophie, die im Begriffe
stecken bleibt. Seinen Wahrheitsgehalt erhält der

samkeit des Ebed an der Heidenwelt Leiden und Tod
vorhergehen muß, hatte der Prophet noch nicht erschaut,
als er 42, 1—7 niederschrieb" (S. 39)! Einen solchen
Satz vermag ich mir nur zu erklären aus einer wenn auch
unbewußten Voreingenommenheit des Verfassers für

Vorgang der Verallgemeinerung vom Glauben, der seine These (Kap. III): „Der Ebed ist nicht ein realer

Grundlage der Erkenntnis, deren Gültigkeit darum von der
Religion verbürgt wird. Eine Gemeinschaft mit Gott ist
nicht möglich, wo der Mensch sich von Gott ganz verschieden
und geschieden fühlt, aber auch nicht, wo er
sich mit Gott ineins setzt, sondern nur wo Transzendenz
und Immanenz zusammenfallen und sich ausgleichen
d. h. im Christentum mit seinem Gott Geist und der
Inkarnation, dem Symbol jenes Ausgleichs von Transzendenz
und Immanenz. Damit ist die Zweiheit von
Endlichem und Unendlichem überwunden. — Das sind
in Kürze die Grundgedanken der fünf Vorträge. Die
Ausführungen sind im einzelnen musterhaft scharf und
kristallklar, belebt durch anschauliche Bilder und Beispiele
aus der Natur, dem Menschenleben und der Religionsgeschichte
und voll treffender Beobachtungen und
feinsinniger Bemerkungen. Sie bleiben lehrreich, auch
wo sie zum Widerspruch reizen. Ihre Höhenlage und
üeistesweite macht der Zuhörerschaft ebenso Ehre wie
dem Vortragenden. Wie sticht diese doch vorteilhaft ab
von den Ladenhütern, die in den vatikanischen Schulen
Roms der theologischen Jugend geboten werden und die
durch die Erlasse gegen den Modernismus aufs Neue
als allein echte Erzeugnisse der Wissenschaft vorgeschrieben
sind! Da begreift man, daß sich der Papst
vor einigen Jahren in heftigen Worten über die Wirksamkeit
des Protestantismus in der ewigen Stadt ausgelassen
hat.

Die vom Verf. angenommene Ursprünglichkeit des monotheistischen
Oottesgedankens (S. 54 ff.) scheint mir doch fraglich zu sein, und ebenso
die Ansicht, daß die Magie nicht die erste Stufe der Religion, sondern
die Entartung einer ursprünglich höheren Religionsform sei
(S. 146 ff.). Wie stimmen diese Ansichten mit der Darstellung
S. 70 f. und S. 156 ff. zusammen, wonach die Religionsgeschichte
einen Fortschritt vom Polytheismus zum Monotheismus, vom .Objektivistischen
' zum .Subjektivistischen', vom .Magischen' zum .Religiösen'
zeigt?

München. Hugo Koch.

Fischer, Priv.-Doz. Dr. Johann: Wer ist der Ebed in den Peri-
kopen Js. 42,1—7; 49, 1—9a; 50,4—9; 52,13—53,12? Eine exegetische
Studie. Münster: Aschendorff 1922. (XVI, 100S.) gr. 8° =
Alttest. Abhandlungen. Hrsg. v. J. Nickel VIII, 5. Oz. 3.

Die Diskussion über die Bedeutung des Ebed in

den sogen. Ebed-Jahwe-Stücken des Buches Deutero-

Zeitgenosse des Propheten, sondern eine Prophezeiung",
und zwar (Kap. IV) eine Prophezeiung, die ihre „Erfüllung
in Christus" hat. Natürlich hat es der Verf.
leicht, in diesem letzten Kapitel die durchgehenden ntl.
Anklänge an die Ebed-Jahwe-Perikopen nachzuweisen;
denn daß Jesu Werk in ihrem Licht, zumal im Licht
von Jes. 53, aufgefaßt und dargestellt worden ist, bezweifelt
niemand. Aber den Fehler, den er damit selber
begeht, die atl. Literatur vom Standpunkt der „Erfüllung"
aus zu behandeln, überträgt er schon auf die Propheten,
wenn er meint, daß sie die zukünftigen Ereignisse
„nicht immer vom Standpunkt der Gegenwart sondern
nicht selten vom Standpunkt der Erfüllung aus" behandelt
hätten (S. 58). In Wirklichkeit verkennt er
damit die volie Tragweite der Schwierigkeit, die sich
jeder messianischen Deutung der Ebed-Jahwe-Perikopen
in den Weg stellt, daß nämlich der Ebed keineswegs
reine Zukunftsfigur ist, sondern z. T. bereits in der Vergangenheit
gewirkt hat.

In der Uerbersetzung der Ebed-Jahwe-Stücke, die F. seiner
Untersuchung voraufgehen läßt (Kap. I), beanstande ich u. a. 53,12:
„darum will ich ihm zuteilen die Großen, und die Starken soll er als
Beute verteilen". Der Fassung von ("IN als Akkusativpartikel (S. 63)

ist schon nicht günstig, daß CPQjJ?)). indeterminiert ist. Ueb-
rigens wird im Parallelismus dazu, (worauf m. W. bisher noch kaum
hingewiesen worden ist) besser O^j^ („unter Grollen") als

LT 3"! 3 gelesen. — Ein Argument gegen die beliebte Fassung, als

seien in Jes. 53 die Heiden die Sprechenden, hat sich F. entgehen
lassen: Wenn die wunderbare Wende im Geschick des Ebed auf die
Könige (der Heiden) so wirkt, daß sie vor Staunen den Mund schließen
(52,15), würde sich ein so unvermittelter Einsatz eines Bekenntnisses
aus heidnischem Munde seltsam genug ausnehmen!
Göttingen. Alfred Bertholet.

Oesterley, W. O. E.: Immortality and the unseen World.

A Study in Old Testament Religion. London: S. P. C. K. 1921.

(X, 231 S.) 8" sh. 12,6.

Die Untersuchung will mit den Mitteln vergleichender Religionswissenschaft
geführt sein und zeigen, wie das A.T. an dem Glauben
der andern Völker teilnimmt (Dämonologie, Schcolglaube, Ahnen und
Totendienst, Nekromantie, Trauer- und Orabgebräuche) und sich aus