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Ausgabe:

1923 Nr. 14

Spalte:

301-302

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Artur

Titel/Untertitel:

Die Erkenntnislehre des Johannes Eriugena im Rahmen ihrer metaphysischen und anthropologischen Voraussetzungen nach den Quellen dargestellt. 1. Teil 1923

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 14.

302

fürsten, die den Juden manche Erleichterung, und die
Steuerpolitik Friedrichs d. Großen, die den Juden trotz
aller voranschreitenden Aufklärung mancherlei Bedrückung
brachten. Religionsgeschichtlich, ja kirchenrechtlich
sehr interessant sind die Ausführungen über
die Organisation und Verwaltung der Landjudenschaft
, über Landtag, Schtadlan, Rabbiner und sonstige
Beamte. Der Staat billigte die jüdische Organisation
zunächst nur als Hilfe bei der Steuerhebung und hat
erst später die Organisation an sich anerkannt und geschützt
. Was hier in schwierigsten Zeiten und Verhältnissen
durch jüdischen Gemeinsinn für religiöse Tradition
und Sitte geleistet wurde, darf als vorbildlich für
unsre vielfach gleichliegenden Zustände bezeichnet
werden.

Wolfenbüttel. Otto Lerche.

Schneider, Artur : Die Erkenntnislehre des Johannes Eriugena

im Rahmen ihrer metaphysischen und anthropologischen Voraussetzungen
nach den Quellen dargestellt. 1. Teil. Berlin: W. de
Oruyter & Co. 1921. (VIII, 68 S.) Lex. 8° «- Schriften d. Straßb.
wissenschaftl. üesellschaft in Heidelberg. N. F. H.3. (1)
Ders.: Die Erkenntnislehre bei Beginn der Scholastik. Fulda:

Fuldaer Actiendruckerei in Komm. 1921. (X, 71 S.) gr. 8° (2)
Grab mann, Dr. Martin: Die Idee des Lebens in der Theologie
des hl. Thomas von Aquin. Paderborn: F. Schöningh
1922. (106 S.) kl. 8° (3)
Pelster, I ran/, S. J.: Thomas von Sutton, O. Pr., ein Oxforder
Verteidiger der thomistischen Lehre. (Sonderabdruck aus der „Zeitschrift
für kathol. Theologie". 46, 2 u. 3). Innsbruck: Feliz. Rauch
1922. (S. 212—253. 361—401.) 8° (4)
Grabmann, Martin: Studien zu Johannes Quidort von Paris,
O. Pr. München: ü. Franz i. Komm. 1922. (60 S.) 8° = Sitzg.
Ber. d. Bayer. Akad. d. Wiss. Philos.-philol. u. hist. Kl. 1922,
3. Abhdlg. (5) •
Ritter, Gerhard. Studien zur Spätscholastik II. Via antiqua
und via moderna auf den deutschen Universitäten des XV. Jahrhunderts
. Heidelberg: Carl Winter 1922. (156 S.) gr. 8° = Sitzg.
Ber. d. Heidelb. Akad. d. Wiss. Philos.-hist. Kl. 1922, 7. Abh. (6)
In einem gut unterrichtenden Oang führt uns Schneider1 zunächst
durch die beginnende Scholastik, von Cassiodor übcrQregor den
Grollen und Isidor bis zum Schulkreis Alcvins, des ganz kompilato-
rischen Hrabanus Maurus und des dialektisch-syllogistisch verfahrenden
Fredegisus. Die Quellen sind sauber analysiert und untersucht. Das Ergebnis
konnte natürlich nicht überraschend sein, wird aber sicher begründet
. Die skeptischen Sätze eines Sextus Empiricus, Arnobius und
Lactanz finden keinen Widerhall. Isidor bekennt sich freilich bei der
Erörterung des Gesichtssinns im Anschluß an Lactanz zur Annahme
einer unvermittelten Fernwirkung der Seele, verläßt also die platonisch-
augustinische Sehstrahlentheorie, die von Cassiodor und Hraban vorgetragen
wird. Das ändert aber nichts daran, daß der platonisch-augusti-
nische Typus der Erkenntnislehre diese beginnende Scholastik kennzeichnet
. Von Aristoteles ist fast nichts übernommen, auf dem Gebiet
des höheren Erkennens von Boethius (arist.) die Abstraktionslehre mit
ihrer empirischen Tendenz neben der apriorisch gerichteten augusti-
nischen Illuminationstheorie vertreten. An Oregor wird die Wendung
zum ausgesprochen mystischen Erkennen als charakteristisch herausgehoben
. Fredcgis, wie mehrfach geschehen, zum Vorgänger Eriugcnas
zu machen, lehnt Schneider mit gutem Grunde ab. An eine Beeinflussung
Eriugenas durch Frcdegis zu denken, wäre völlig verfehlt.

Mit der Erkenntnislehre Eriugenas befaßt sich Schneider in einer
besonderen Schrift. Seine Aufmerksamkeit gilt in diesem 1. Teil der
„griechischen" Periode Eriugenas. Seitdem Rand den Nachweis erbrachte
, daß Johannes Scotus Eriugena gegen Ende seines Lebens
einen Kommentar zu den opuscula sacra des Boethius schrieb, kann er
nicht mehr als der gleichsam isolierte, von seinen Zeitgenossen nicht
begriffene und darum ohne Einfluß gebliebene Denker gewürdigt
werden. Denn grade dieser Kommentar hat eine starke Wirkung auf
die werdende Scholastik ausgeübt. In ihm lenkt er aber auch von dem
Standpunkt seiner Schrift de divisione naturae zu einer kirchlicheren
Betrachtung zurück, von der griechischen, neuplatonisch-pantheistischen
Anschauung zum gemein-katholischen Gottesgedanken des 9. Jahrhunderts
. Von den üblichen lateinischen Autoren, vor allem einem
Augustin ausgegangen, dann sich den Griechen zuwendend, einem
Gregor von Nyssa, Origenes und Dionysios Areopagita, unterzieht er
Regen Schluß seines Lebens in seinen Scholien zu Boethius seine
Schriftstellern gleichsam einer retractatio, wie einst Augustin es getan
batte. Die mittlere, griechische, Periode wird von Schneider in
sauberer, die Quellen nachweisender Untersuchung und in anschaulicher
Darstellung vorgeführt. Eine Reihe bisher vernachlässigter
Einzelheiten, wie die Theorie von der dreifachen Bewegung des
Geistes, wird aufgeklärt. Wertvoll bleibt vor allem der sichere Nachweis
der von Eriugena benutzten Quellen.

Die Erforschung der Geschichte des Thomismus hat auf der von
Denifle und Ehrle gelegten Grundlage weitere Fortschritte gemacht.
Grabmanns Buch über die Idee des Lebens in der Theologie des
heiligen Thomas3 will zwar allem Anschein nach nicht der Forschung,
sondern der Versenkung in die Hauptgedanken des Aquinaten dienen,
in die Gedanken über das innere Leben des dreieinigen Gottes und die
Teilnahme an diesem göttlichen Lehen durch die Gnade. Die heilig
machende Gnade macht uns göttlicher Natur teilhaftig, läßt uns am
innersten Leben Gottes, an der göttlichen Selbsterkenntnis und Selbstliebe
teilnehmen und darum am innertrinitarischen Leben Oottes. Die
Lebensmitteilungen im Schöße der Trinität werden dureh das übernatürliche
Leben nachgebildet und per partieipationem im Heiligtum
der begnadigten Mcnschenseele vollzogen. Die katholische Mystik hat
in die Tiefen dieser Wahrheit sich mit Vorliebe versenkt.

Ganz der Forschung ist Grabmanns Akademievorlesung über Johannes
von Paris'1 gewidmet, die „vielseitigste und markanteste
Gestalt der alten Pariser Thomistenschule an der Neige des 13. Jahrhunderts
". Grabmanns stupende Kenntnis der mittelalterlichen scholastischen
Handschriften hat hier wiederum einen schönen Erfolg gebracht
. Auf Grund handschriftlicher Forschungen und Funde hat er
über die Schriften Joh. Quidorts Klarheit verschafft, unsere Kenntnis
seines literarischen Nachlasses erweitert und seine Stellung in der theologischen
Bewegung seiner Zeit sicher gezeichnet. Haurtfaus Behauptung
, daß Joh. v. Paris von Thomas abgefallen sei, wird mit durchschlagendem
Grunde bestritten, Quidort als Verfasser einer Verteidigungsschrift
(correctorium corruptorii) für Thomas erwiesen und sein
Sentenzenkommentar, dem es freilich an Thomaszitaten zu fehlen
scheint, der Thomistenschule sicher zugewiesen. Die Übereinstimmung
mit dem Lehrsytem des Aquinaten ist handgreiflich. Er teilt
I auch die Vorliebe der alten Thomistenschule für metaphysische und
I erkenntnis-psychologische Fragen. Die Einwirkung des thomistischen
Aristotelismus ist hier besonders nachhaltig gewesen.

Auf das Oxfelder Kampffeld führt uns Pelster.4 Im Auftrage
Ehrles setzt er die Arbeit fort, auf die Ehrle durch die Streitliteratur
geführt worden war, die sich an das Erscheinen des Correctorium fratris
Guilelmi de Mara angeschlossen hatte. Ehrle hat Pelster das ganze
Material überlassen, das er für die von ihm geplanten, aber infolge
anderer Verpflichtungen nicht fortgesetzten Arbeiten gesammelt hatte.
Pelster will zunächst jene Schriften behandeln, welche die Lehre
Thomas' gegen einzelne Gegner wie Heinrich von Gent, Jakob von
Viterbo, Duns Scotus und Robert Cawton verteidigen. Entgegen der
chronologischen Ordnung beginnt er aus äußeren Gründen mit Thomas
von Sutton, einem englischen Dominikaner, der neben Herväus Natalis
den Aquinaten gegen Duns Scotus verteidigt hat. Die Arbeit knüpft
an Ehrles Studien üher Thomas de Sutton an. Der literarische Nachlaß
ist beträchtlich erweitert worden, Suttons Persönlichkeit und seine
Stellung im Kampfe schärfer als bisher gezeichnet worden. Mehr
als 20 Jahre hat Sutton in Abwehr und Angriff gegen die Vertreter
des älteren Augustinismus und gegen Duns, Cawton und andere gestanden
. Ueber Cawton, von dem man bisher herzlich wenig wußte,
ist man dank den neuen, durch Pelster vermittelten Erkenntnissen jetzt
besser unterrichtet. Zur Aufhellung des äußeren Verlaufes einer scholastischen
Disputation wird wertvolles Material samt guten Beobachtungen
beigebracht. Im übrigen wird Ehrles Urteil bestätigt, daß
Sutton zu jenen Magistern gehörte, die schon unter dem Einfluß
Thomas' aufgewachsen sind und, abgesehen von gelegentlicher bescheidener
Kritik, alle bezeichnenden thomistischen Anschauungen
vertreten.

Mit einem neuerdings recht gequälten Problem der spätmittelalter-
lichcn Scholastik befaßt sich Ritter, mit der via antiqua und via
moderna auf den deutschen Universitäten des 15. Jahrhunderts.6 Er beginnt
mit einer Geschichte des Problems und dem Kampf um den Occa-
mismus an der Pariser Universität, um dann in drei Abschnitten die
' Entstehung, den Gegenstand und die historische Bedeutung des Schulstreites
zu schildern. Daß die Untersuchung fortlaufend mit Prentl
und Hcrmelink sich auseinandersetzt, ist verständlich. Auch mit dieser
gründlichen, kenntnisreichen und besonnenen Arbeit hat sich Ritter um
die Erforschung der Spätscholastik sehr verdient gemacht. Nach dem
Husarenritt Benarys ist sie besonders willkommen. Man wird nun wohl
hoffen dürfen, daß das Problem zur Ruhe kommt. Die Hauptergebnisse
sind, wie ich glaube urteilen zu dürfen — vgl. den entsprechenden
Abschnitt in meinem Luther Bd I — zutreffend. Der von Paris nach
Deutschland verpflanzte Streit ist, wie R. nachweist, primär ein Streit
um die erkenntnis-theoretische Orundlage aller wissenschaftlichen Arbeit
, jedoch weniger, wie ergänzend hinzugefügt wird, ein Streit um
die Universalienfrage — Stephan Hoest von Ladenburg führt auf sie
den Unterschied beider Wege zurück — als um die grundsätzliche
Frage nach der Tragweite der „natürlichen" Erkenntnis in Metaphysik
und Theologie (thomistischer und skotistischer-occamistischer Weg).
Daß ein sachlicher Zusammenhang zwischen der via antiqua und dem
Humanismus bestanden habe, wird als eine völlig mißglückte Behauptung
bezeichnet. Der Streit selbst ging hauptsächlich um Methode
und Inhalt der artistischen, besonders der logischen Studien; der Anlaß
zu seinem Ausbruch kam aber offenbar von der Theologie.
Tübingen. Otto Scheel.