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Ausgabe:

1923 Nr. 14

Spalte:

295-296

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dornseiff, Franz

Titel/Untertitel:

Das Alphabet in Mystik und Magie 1923

Rezensent:

Lidzbarski, Mark

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295

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 14.

296

mann, und doch will man es so"; ebd. nicht „befahl...", sondern
„erlaubte der König" heißen usw.). Aber das sind Kleinigkeiten.
Alles in allem ist C.'s Verdeutschung eine erfreuliche Leistung.
Asvaghosa (besser so als mit der alten Umschreibungsweise Acvagh.),
wohl gegen 100 n. Chr., war ein Dichter von Gottes Gnaden und ein
feiner Psychologe, und er hat in C. einen Übersetzer gefunden, der
ihm gerecht geworden ist. Man lese z. B. das schöne III. Kap. Der
Verlag hat das Werkchen natürlich in seiner splendiden Weise ausgestattet
. Im ganzen ein Buch, an dem man sich ehrlich freuen kann.
Königsbergi. Pr. R. Otto Franke.

Dornseiff, Priv.-Doz. Franz: Das Alphabet in Mystik und
Magie. Leipzig: B.G. Teubner 1022. (VI, 177 S.) gr. 8°= ETmyc/a,
Studien z. Gesch. d. antik. Weltbildes u. der griech. Wissenschaft,
hrsg. v. Fr. Boll, Heft VII.

Der moderne Mensch, der die Schrift in der Jugend
spielend erlernt, dem Schreiben und Lesen zur Funktion
des täglichen Lebens geworden sind, steht der Schrift
gleichgültig gegenüber und macht sich keine Gedanken
darüber, wie wunderbar einfach das ihm mit ihr gegebene
Mittel ist, seine Gedanken und Worte dem Auge
sichtbar zu machen, sie in die Ferne zu tragen und für
eine späte Zeit zu erhalten. Aber durch Jahrtausende
war die Schrift auf einen kleinen Kreis beschränkt.
Sie war vielfach eng mit der Religion verknüpft; nur
der Priester war schriftkundig, nur im Tempel und an
der Hand des heiligen Schrifttums wurde das Schreiben
erlernt. Die Schrift selber wurde als etwas Heiliges
angesehen, deren Ursprung man auf die Götter zurückführte
. Bei den Babyloniern galt Nabu als ihr Erfinder,
bei den Ägyptern Thot, bei den Griechen Hermes,
Herakles, Prometheus. Wie bei allem nun, was man von
den Göttern herleitete, glaubte man auch von der
Schrift, daß sie göttliches Wirken vermittle. Die ganze
Schriftreihe oder einzelne Zeichen auf einen Stein, eine
Wand oder ein Gefäß geschrieben wirkten ebenso wie
Gottesnamen schützend und Unheil abwendend. Bald
glaubte man im Namen oder in der Form der Zeichen
einen tieferen Sinn zu finden. Die Pythagoräer sahen
im Y eine Darstellung der beiden Wege (der Tugend
und des Lasters), ägyptisch-hellenistische Kreise deuteten
(-> als das Weltall mit der Weltschlange in der Mitte. In
christlicher Zeit wurde A mit den drei mit einander verknüpften
Strichen als die Dreieingkeit, T als das Kreuz
Christi gedeutet. Besonders die Siebenzahl der griechischen
Vokalzeichen gab zu allerhand Spekulationen Anlaß
. Man brachte sie in Beziehung zu den sieben Planeten
und all den Dingen, die man mit den Planeten
und den Sphären in Verbindung glaubte: den Tönen, den
Farben, den Metallen. Obwohl das Alphabet ein viel
rascheres Schreiben ermöglicht als die älteren Schriftsysteme
, fand man bei zunehmender Anwendung der
Schrift das Schreiben noch zu langsam; es blieb zu weit
hinter dem gesprochenen Worte oder gar dem Gedanken
zurück. Man fing daher an, in Kürzungen, besonders
häufige Wörter nur mit dem Anfangsbuchstaben zu
schreiben. Die Buchstaben konnten danach nicht nur
einzelne Laute, sondern auch ganze Wörter bedeuten und
Wörter aus einem Komplexe solcher Kürzungen bestehen.
Man untersuchte die Wörter daraufhin und machte die
schönsten Entdeckungen (tx&vg). Wo die Schriftzeichen
auch als Zahlzeichen verwandt wurden, war die
Möglichkeit zur Spekulation noch bedeutend erweitert.
Nicht nur schien der Zahlenwert einzelner Zeichen und
ganzer Wörter bedeutsam, sondern man entdeckte tiefsinnige
Beziehungen zwischen verschiedenen Wörtern
und Begriffen. &eog hat denselben Zahlenwert wie
dya&og, IIavf.og denselben wie aocpia. Diese Art der
Wortberechnungen war und ist noch jetzt besonders bei
den Juden beliebt. Freilich machte der jüdische Gelehrte
Del Medigo auch die merkwürdige Entdeckung, daß
rPCJWD denselben Zahlenwert hat wie IDEn KjTtf
„Lug und Trug".

Dornseiff hat die Rolle, die das Alphabet im Glauben
und Aberglauben spielt, an der Hand eines überaus
reichen Materials dargestellt. Der Stoff ist besonders der

griechischen und römischen Antike und dem christlichen
Mittelalter entnommen, doch ist auch der Orient, namentlich
das Judentum berücksichtigt. Auf diesem Gebiete
war er allerdings nicht immer gut beraten. Die hebräischen
Zitate sind auch meistenteils so entstellt, daß
selbst der Kenner nur schwer das Richtige errät. Bei
einer zweiten Auflage wird hier eine gründliche Revision
geboten sein.

Göttingen. M. Lidzbarski.

Caspar!, Prof. D. Wilhelm: Die Gottesgemeinde vom Sinaj
und das nachmalige Volk Israel. Auseinandersetzungen mit
Max Weber. Gütersloh: C. Bertelsmann 1022. (174 S.) 8° = Beiträge
zur Förderung christlicher Theologie. 27. Band Heft I. Gz. 3.

Diese der evang. theol. Fakultät der Friedr.-Wil-
helms-Universität zu Breslau „in dankbarer Erinnerung
an 7 Jahre Arbeitsgemeinschaft" gewidmete Schrift will
sich vor allem mit der Arbeit des National-Oekonomen
Max Weber „die Wirtschaftsethik des antiken Judentums
" (Buchausgabe: „das antike Judentum" 1922) auseinandersetzen
. Sie tut das in vier Abschnitten (1. Das
Alter des Haus- und Heerwesens S. 9—83; 2. die Bedeutung
des Hauses und Staates für die AT. Glaubensgemeinschaft
S. 84—111; 3. der kriegerische Einschlag
im alttestamentlichen Gottesgedanken S. 112—13b; 4.
Bundesgedanken und Bundesmöglichkeiten in der Glaubensgemeinde
S. 137—172). — Eine genauere Angabe
des Gedankengangs ist bei einer wesentlich polemisch gehaltenen
Schrift schwer möglich. Dazu macht der Verf.
dem Leser das Verständnis dessen, was er will, nicht so
ganz leicht. Der Stil ist nicht flüssig, oft schwerfällig
und geschraubt. Ist schon ein „bejahter Mose" (S. 10)
eine „alttestamentliche Geschichte" (S. 137) u. dergl.
nicht gerade geschickt, so dürften Sätze wie: „wenn ein
einzelnes Gesetz im Zustande des Entwurfs einer Formulierung
stillschweigend ausgeübten Herkommens durch
einen Gottesspruch Genehmigung und damit Rechtskraft
erlangt"... (S. 138) oder: „Ihr (der Propheten)
Männerstolz vor Königsthronen, ihre Verachtung der
Ueberzahl und des Demos in jeder Form, die sich ausgezeichnet
mit ihres Nichts durchbohrendem Gefühle gegenüber
Gott verträgt..." und ähnliches, den Ausruf
rechtfertigen, daß die „deutsche Sprak eine schwere
Sprak" ist. Beispiele ähnlicher Art ließen sich häufen.

— Ist das immerhin mehr äußerlich, so muß man bei
einer Reihe von Aufstellungen sprachlicher und sachlicher
Art verwundert aufschauen. Ex. 12, 35 t. ist nicht
angegeben, wer backt und brät (zum Passa). Also ists
die Frau gewesen. Also hat sie sich an der Feier beteiligt
! (S. 12.) 1. Sam. 8,11 stelle der Heerbann die
Bedingung, nur Inländer dürften Befehlshaber sein (S.
34 Anm. 2) — wovon da kein Wort steht. Daß Rieht. 6,15
nach Ps. 55,14 vielleicht st. iEPi$ zu lesen sei, ist

mindestens ein kurioser Einfall (S. 40 Anm. 2). Ebenso
die Deutung des Namens Issachar als „Mann des Ebenbildes
" (?) (S. 43 Anm. 1). Ich könnte da noch lange
so fortfahren, irrige Stellenangaben, gewagte Behauptungen
, gekünstelte Auslegungen (so zu Deut. 20, 5 ff.)
und dergl. zu bringen. Das aber würde ein falsches
Bild von Casparis Arbeit bieten. Man weiß ja, daß der
Verf. sehr seine eigenen Wege zu gehen beliebt, auf
denen man ihm schwer folgen kann. Man weiß aber
ebenso, daß dabei eine Reihe eigener und wertvoller Bemerkungen
und Beobachtungen abfällt. Es ist gut und
nützlich, daß Caspari der zu starken und einseitigen Betonung
pazifistischer Züge im A. T. '(so Weber) entgegentritt
. Im Ganzen zeigt sich Pazifismus nur da in
Israel, wo man in Not und Druck nicht anders konnte.
Selbst das Patriarchenideal ist —so Caspari mit Recht —
kein reines Ideal pazifistischen Denkens und Handelns.

— Auch darin wird der Verf. recht haben, daß er weder
das Haus, noch die Männerbünde noch beides als Wiege
des Jahwismus anerkennt (S. 19 f.). Der so stark von
Weber betonte Gegensatz von Stadt und Land, von
Städter und Bauer, aus dem er so bedeutsame Folgen