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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

283-284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schrörs, Heinrich

Titel/Untertitel:

Geschichte der katholisch-theol. Fakultät zu Bonn 1818-1831 1923

Rezensent:

Mirbt, Carl

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283

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

284

Bonwetsch, Prof. D. Nathanael: Kirchengeschichte Rußlands

im Abriß. Leipzig: Quelle u. Meyer 1923. (89 S.) kl. 8° =

Wissensehaft und Bildung Nr. 190.

Eine freundliche Aufforderung des Herausgebers
der Theol. Literaturzeitung gestattet mir, hier eine kurze
Anzeige meiner „Kirchengeschichte Rußlands im Abriß"
zu geben. — Die ausgesprochen religiöse Art des russischen
Volkes schließt in sich die Bedeutung der russischen
Kirche für die Geschichte Rußlands. Es muß
daher befremden, daß seit den Schriften von Ph. Strahl
(1827 und 1830), also seit fast hundert Jahren, eine
Darstellung der Geschichte jener Kirche nicht mehr erfolgt
ist. Dies ist um so auffallender, da seither die für
diese Geschichte grundlegenden Werke von Makarij-
Bulgakov und E. Golubinskij erschienen sind. Für die
älteste Periode der Kirche Rußlands hat L. K. Goetz
in mehreren Schriften mit hingebendem Fleiß ausgearbeitete
Untersuchungen geliefert, einen Einblick in
Wesen und Geschichte bedeutsamer russischer Sekten
K. K. Graß erst erschlossen; Leroy-Beaulieu
und P a 1 m i e r i haben den Ertrag gründlichster Forschungen
dargeboten, Kattenbusch und Loofs in
ihren Konfessionskunden der russischen Kirche volles
Interesse gewidmet, Haase ein Verständnis der „religiösen
Psyche des russischen Volkes" (1922) zu eröffnen
gesucht, auch Conybeare die russischen Sekten dem
Abendland bekannt zu machen sich gemüht. Aber eine
Geschichte der russischen Kirche blieb zu vermissen, daher
ich nun wenigstens den Abriß einer solchen in knapper
Zusammenfassung habe bieten wollen. — Er schildert
zunächst die wenigstens offizielle Einbürgerung
des Christentums in der Zeit vor dem Einbruch der Mongolen
. Unter deren Herrschaft, die freilich die Verbindung
mit dem Abendland zerstört, treibt die Kirche
tiefere Wurzeln. Unter ihrer wesentlichen Mitwirkung
gewinnt Rußland einen staatlichen Einheitspunkt in Moskau
. Jetzt wird auch das Mönchtum zu einem wichtigen
Faktor im Volksleben. Wie viel es in diesem von heidnischem
Wesen zu bekämpfen gab, zeigen freilich die
Bestimmungen der sog. Hundertkapitelsynode (1551);
aber vor der Unterwerfung unter Polen hat die Kirche
Rußland bewahrt. Dies fällt schon in die Zeit des
russischen Patriarchats (seit 1589). Unter den Patriarchen
ragt die Gestalt Nikons hervor, der aber in seinem
Kampf um die Selbständigmachung der Kirche gegenüber
dem Staat unterliegt und dessen kultische Bemühungen
das große Schisma in der russischen Kirche
herbeiführen. Die Reformen Peters d. Großen bringen
alsdann die Kirche in noch größere Abhängigkeit vom
Staat. An der Annäherung an die geistige Entwicklung
des Abendlandes gewinnt doch auch die Kirche ihren Anteil
; für die Geschichte der Ausgestaltung der theologischen
Wissenschaft im letzten Jahrhundert kann ich
nunmehr auf eine vom Verfasser mir gütigst zugegangene
Abhandlung von N. Glubokowskij in den Veröffentlichungen
der St. Petersb. Akademie der Wiss. 1918 verweisen
. — Eine Berücksichtigung der Geschichte der russ.
Kirche seit der Wiederaufrichtung des Patriarchats und
unter der Bolschewikenherrschaft verbot der Mangel an
ausreichender gesicherter Kunde. Gerade die fanatische
Bekämpfung der Kirche durch die Bolschewiken bezeugt
ihre Bedeutung im russischen Volk. Auch eine starke
religiöse Bewegung, zum Teil freilich unklarer Art, scheint
nicht zu verkennen zu sein. Das allrussische Kirchenkonzil
jedoch, das unter der Leitung des den Bolschewiken
befreundeten, an der Spitze der sog. „lebendigen
Kirche" stehenden, Metropoliten Antonin — der Patriarch
Tichon ist eingekerkert — in Szene gesetzt werden
soll, dürfte schwerlich für die Dauer große Bedeutung
gewinnen. — S. 10,81. „Simon".

Qöttingen. N. Bonwetsch.

Schrörs, Prof. Dr. Heinrich: Geschichte der katholisch-theol.

Fakultät ZU Bonn 1818 — 1831. Festschrift des historischen Vereins
für den Niederrhein zur Hundertjahrsfeier der Rhein. Friedrich
Wilhelms-Univ. Köln: J. u. W. Boisseree's Bchh. 1922. (VIII,
402 S.) gr. 8° = Veröffentlichungen d. Histor. Ver. f.d. Niederrhein III.

Dieses inhaltreiche Buch ist die Frucht ausgedehnter
archivalischer Studien — dem Verf. waren zugänglich
die Akten des erzbischöfl. Archivs in Köln, die der
kath.-theol. Fakultät, des Kuratoriums und der Universität
Bonn, des preuß. Kultusministeriums — und so
sorgfältig gearbeitet, daß es als eine erschöpfende Darstellung
des Gegenstandes gelten kann. Die Geschichte
der Fakultät wird zwar nur bis zum Tode von Hermes
dargestellt, aber schon dieser erste Teil, dem ein zweiter
folgen soll, erweist sich als ein bedeutsames Stück kath.
Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts. Reiches Material
bietet das Buch für die deutsche Gelehrtengeschichte
nicht nur durch eingehende Berichte über die Persönlichkeiten
, die in Bonn gewirkt haben, sondern auch über die,
die dorthin kommen sollten oder wollten, aber den Weg
an den Rhein nicht fanden. Hier begegnen die Namen
Sailer, Leander von Ess, Möhler, Döllinger, aber auch
Hirscher und — Gossner. Die Zusammensetzung der
Fakultät stand nicht immer unter einem guten Stern,
auch hat es aus mancherlei Gründen des öfteren an dem
inneren Zusammenhalt gefehlt; es kam in ihrer Mitte
sogar zu scharfen Gegensätzen. Zu diesen Schwierigkeiten
traten andere von außerhalb hinzu. Solche lagen
schon darin, daß die Universität Bonn „eine politische
Gründung" war, nicht ein „naturgewachsenes Erzeugnis
der nach Entfaltung strebenden heimischen Kultur, wie
die meisten alten Universitäten" (S. 1). Die Fakultät
hatte als eine einseitig staatliche Gründung und an einer
Universität mit vorwiegend protestantischem Charakter
mit Abneigung des Klerus zu kämpfen, bei der auch
noch andere Beweggründe mitspielten (S. 6 ff.). Auf
diesem Boden entwickelte sich ein Verhältnis der Fakultät
zur Kirche — darüber besonders Kap. II S. 115 ff.—,
das die Existenz der Fakultät ernstlich gefährdete und
dieselben grundsätzlichen Gegensätze herausstellte,
denen später die katholisch-theol. Fakultäten in Marburg
und Gießen zum Opfer gefallen sind. Nach der kirchenpolitischen
Seite gehören diese Vorgänge zu der Vorgeschichte
des Kölner Streits und haben als solche eine
die einzelnen Streitfragen überragende Bedeutung. Nach
einer Aeußerung des Verf. dürfen wir von ihm über
diesen folgenschweren Konflikt weitere Aufklärung erwarten
. Da die Bonner Fakultät der Schauplatz des
Kampfes um den Hermesianismus wurde und das Zusammenstoßen
zwischen der staatlichen Fakultät und
den kirchlichen Organen sich damit verquickte, ist die
Geschichte dieser Fakultät weit, mehr als die Geschichte
einer einzelnen Lehranstalt (vgl. Vorrede). Das gezeigt
zu haben ist — abgesehen von der Zugänglichmachung
von mancherlei wichtigen Einzeldaten — das Verdienst
des Buches.

Göttingen. Carl M i r b t.

Spiecker, Walthei : Die Rheinische Missionsgesellschaft in

ihren volks- und kolonialwirtschaftlichen Funktionen. Gütersloh:
C. Bertelsmann' 1922. (85 S.) 8°. Qz. 1,5,

In der christlichen Mission der Neuzeit spielt ebenso
wie in der des Mittelalters, im Unterschied von der
andersgearteten des Altertums, die Stellung zum wirtschaftlichen
Leben eine nicht unbeträchtliche Rolle. Die
Mission ist auf verschiedenen Wegen dazu gelangt, wirtschaftliche
Unternehmungen ins Leben zu rufen. Die
Absicht, die für ihren eigenen Betrieb notwendigen
Mittel aus dem Lande selbst zu gewinnen, dem ihre Arbeit
galt, konnte sie empfehlen, aber auch die Notwendigkeit
, den zum Christentum Übergetretenen eine Existenzmöglichkeit
zu verschaffen, wie in Indien, oder der
pädagogische Zweck, zur Arbeit zu erziehen um ihres
sittlichen Wertes willen, so bei vielen primitiven Völkern.
Die vorliegende Untersuchung unternimmt es, den Beziehungen
der Rheinischen Missionsgesellschaft zum
Wirtschaftsleben nachzugehen und ihre weitverzweigte
Arbeit von diesem Gesichtspunkt aus darzustellen und zu
beurteilen. Es wird über ihre Organisation berichtet, ihre
Finanzwirtschaft vorgeführt und ihre Leistung in landwirtschaftlichen
und gewerblichen Betrieben in Nieder-