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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

281-282

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hauffen, Adolf

Titel/Untertitel:

Johann Fischart. Ein Literaturbild aus der Zeit der Gegenreformation. 2 Bde 1923

Rezensent:

Clemen, Otto

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281

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

282

titel unsers Bandes näher umschrieben ist. Sie wird 15
Bände umfassen und auch zweifelhafte Schriften als
Anhang bringen, die für die Forschung von Bedeutung
sind. Die zweite Abteilung, für deren Bearbeitung Dr.
Wilh. Matthießen in München gewonnen worden ist,
faßt die theosophischen und religionswissenschaftlichen
Schriften zusammen. Sie beruht zum großen Teil auf
unveröffentlichten Materialien und wir dürfen ihr mit
gespannten Erwartungen entgegensehen. Aber auch die
erste Abteilung geht den Erforscher der Geistesgeschichte
des 16. Jahrhunderts so gut wie den Naturforscher
und Mediziner an. Wir werden also hier in
regelmäßigen Abständen über beide Gruppen berichten,
deren jede Jahr für Jahr um mehrere Bände gefördert
werden soll. Die Ausgabe bringt zunächst die reinen
Texte mit knappen Einleitungen. Alle Erläuterungen von
Einzelheiten der 1. Abteilung sind einem letzten Registerbande
vorbehalten, der dann in der Form eines
Schlagwortverzeichnisses das Sprachgut und das Begriffsinventar
des Paracelsus enthalten wird. Eine Vorarbeit
dazu hat ja bereits Hans Kayser in seiner einbändigen
Auswahl für den Inselverlag, die wir hier anzeigten
, in erwünschter Weise geleistet. Es gibt schlechterdings
keinen besseren Kommentar für Paracelsus als
die gegenseitige Erklärung seiner dunkeln und schwierigen
Stellen, die Erklärung aus der Fülle des Materials.
Wir werden also s. Z. den Schlußband besonders genau
ansehen. Der Herausgeber der zweiten Abteilung, die
ihr besonderes Register erhalten soll, verspricht darin
auch die Beziehungen der Paracelsischen Theologie zu
ihren Vorgängern wie zu Mit- und Nachwelt eingehend
zu berücksichtigen. Mundartliches soll auch genau beachtet
werden. — Was die Schreibung der Texte anlangt,
so lassen sich verschiedene Wege denken. Der Germanist
wird i. a. am liebsten einen maßgebenden Druck
genau reproduziert sehen, schon weil ihn die Entwicklung
der Druckersprache fesselt. Andre Leser kann bei
einer Gesamtausgabe der Schriften des Paracelsus, die an
den verschiedensten Orten oft ohne die genügende Aufsicht
des Autors gedruckt wurden und die wir i. a. nicht
an der Hand der Originalmss. revidieren können, eine
gelinde Verzweiflung über die Willkür der Offizinen
ankommen; immerhin ist jede durchgehende Gleichmacherei
ausgeschlossen. Der Herausgeber wählt einen
Mittelweg, zu dessen Durchführung es sprachlichen
Taktes und durchgehender philologischer Beratung bedarf
. „Die Wortschreibung wird", wie der Prospekt
sagt, „nach gesunden, von germanistischer Seite nachgeprüften
Grundsätzen vereinfacht und geregelt werden."
Der sechste Band zeigt jedenfalls ein Satzbild, das dem
vorwiegend geistesgeschichtlich interessierten Leser keine
zu erheblichen Schwierigkeiten darbietet und doch im
ganzen das Bild des Originals treu bewahrt. Alles in
allem scheint uns nun doch die Paracelsusausgabe geschenkt
zu werden, die wir lange begehrt haben und ohne
die unser Wissen von dem geistigen Leben Deutschlands
im 16. Jahrhundert auf einer ganz besonders wichtigen
Strecke immer noch in ungewissem Dunkel verharren
müßte.

Hamburg. [<. Petsch.

Häuften, Prof. Dr. Adolf: Johann Fischart. Ein Literaturbild
aus der Zeit der Gegenreformation. Zwei Bände. Berlin: Walter
de Oruyter & Co. 1921/22. (XI, 290 u. 429 S.) gr. 8° = Schriften
d. wissenschaftl. Instituts der Elsaß-Lothringer im Reich. Gz. 20
Dieses Werk beruht auf Vorarbeiten, die sich über
einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren erstrecken, auf
einer 1892—95 erschienenen Auswahl von Fischarts
Werken (Deutsche Nationalliteratur 18. Bd. I—III) und
auf Fischartstudien, die H. von 1889 ab in verschiedenen
Zeitschriften, besonders im Euphorion, veröffentlicht
hat. Es soll als Einführung in eine kritische Gesamtausgabe
von Fischarts Werken dienen, die im gleichen
Verlage erscheinen wird. Schon hieraus ergibt sich, daß
wir es mit einer vollkommen ausgereiften Leistung zu

tun haben. Von der ersten bis zur letzten Seite hat man
den wohltuenden und beruhigenden Eindruck absoluter
Zuverlässigkeit; der Stoff ist nach jeder Richtung durchgearbeitet
, jedes Urteil wohl begründet und erwogen;
das Leben und die Werke Fischarts sind breitesten
Rahmen eingefügt; jede Schrift ist auf die Quellen
zurückgeführt und in treffendster und erschöpfendster
Weise nach Form und Inhalt in den rechten Zusammenhang
gebracht; wenn man bedenkt, wie zahlreich, verschieden
- und eigenartig Fischarts Schriften sind, dann
wird man ahnen, was für Einzeluntersuchungen und was
für Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten der
Literar-, Kultur-, Religions- und politischen Geschichte
dazu nötig waren. Es ist ein Werk, das, was liebevolle
Vertiefung in den Stoff und dessen Umwelt betrifft,
Strauß' Hutten, was außerdem wissenschaftliche Gediegenheit
und Unangreifbarkeit betrifft, unseren großen
Lessing- und Goethebiographien zur Seite tritt. Mit
diesen Werken hat es auch gemein, daß es „nicht nur für
Literarhistoriker, sondern auch für Gelehrte anderer
Wissenszweige ..., aucrl für Schriftsteller und weitere
gebildete Kreise berechnet ist."

Ein Professor an der deutschen Universität in Prag
hat seine Lebensarbeit einem der besten Söhne Strall-
burgs im 16. Jhrh. gewidmet. H. nennt ihn „unbedingt
den deutschesten Dichter des 16. Jhrh.s". Eben dies wird
ihn an Fischart gefesselt haben. Das Werk eröffnet jetzt
die Schriften des wissenschaftlichen Instituts der Elsaß-
Lothringer im Reich. Wir dürfen aus dieser Konstellation
inmitten einer Zeit noch nie dagewesener Schwächung,
Zersetzung und Knechtung unseres Vaterlandes die Hoffnung
schöpfen, daß Alldeutschland dennoch unvernicht-
bar ist und eine Zukunft hat.

Das 1. Buch schildert Heimat, Leben und Bildungsgang
Fischarts. Wenn man sich klar macht, wie spärlich
die eigentlichen Quellen fließen, auf wie weite Strecken
Fischarts Leben in Dunkel gehüllt ist, und dann die inhaltreichen
und lebensvollen Schilderungen, die H. gibt,
liest, dann muß man die Kunst, mit der er das fertig
gebracht hat, bewundern. Er hat es erreicht durch
sorgfältigste Erforschung und Ausmalung des Unter-
und Hintergrunds, der sozialen, wirtschaftlichen und
kulturellen Verhältnisse in Straßburg, des Studienbetriebs
und des Studentenlebens auf den Universitäten
, die F. besucht hat, der Zustände im Reichskammergericht
in Speyer und in der Amthaupt-
mannschaft Forbach. H. mußte den Weg der Vermutungen
und Kombinationen betreten; aber nie hat man
den Eindruck, daß er Brücken in die Luft schlägt oder
die Dinge in ein zu helles und bestimmtes Licht rückt.
Daran reiht sich eine Besprechung der einzelnen Werke
Fischarts, wobei H. im allgemeinen die chronologische
Reihenfolge einhält, zugleich aber inhaltlich Zusammengehöriges
zu Gruppen vereinigt. Den Schluß bilden
meisterhafte zusammenfassende Ausführungen über Versbau
und Sprache, Stil und Persönlichkeit Fischarts
30 Seiten Anmerkungen (besonders Literaturnachweise
in erstaunlicher Fülle) und ein Verzeichnis der wichtigsten
Namen und Sachen.

Für Theologen sind besonders wichtig das 2. Buch: Konfessionellpolemische
Jugenddichtungen (Nacht Rab, Joh. Nas und „Der Barfüßer
Secten und Kuttenstreit", Dominici Leben, Georg Nigrinus,
das 6. Buch 2. Teil: Zeitungen, Flugschriften und Gedichte von
politisch-konfessionellen Ereignissen der Jahre 1575—90 (Hugenotten,
Niederländer, Schweizer), und das 7. Buch: Bildeigedichte auf Fla-
cius, Bullinger und Gwalther, geistliche Lieder und Anmahnung
zu christl. Kinderzucht, papstfeindliche Bildergedichte, Bienenkorb,
Jcsuiterhütlein, Brotkorb, Fischart gegen Ketzerverfolgung und Glau-
benszwang: Praefatio zu In haereticis coercendis quatenus progredi
liceat Mini Celsi diputatio (1577) und Herausgabe der beiden
höchstwahrscheinlich von 1530 auf 31 von Sebastian Franck in
Straßburg verfaßten Reimdichtungen „Die Gelehrten die Verkehrten"
und „Vom Glaubenszwang" (1584). — Zwickauer Ratsschulbibl.
14.9.49 Bienenkorb, Christiingen 1581 (= Euphorion 7. Ergänzungs-
heft S. 60 C) mit Eigentumsvermerk Martin Rinckarts.
Zwickau i.S. O. Clemen.