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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

280-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sudhoff, Karl

Titel/Untertitel:

Paracelsus Sämtliche Werke. 1. Abt., VI. Band 1923

Rezensent:

Petsch, Robert

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

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seines Beweises gebracht, indem er sich der Meinung
anschließt (Bd. 2, S. 147), der im Volke entstandene
inkorrekte Ausdruck sei von Theologen und gelehrten
Laien aufgenommen worden, ohne daß sie ihn unrichtig
verstanden hätten. Das wäre aber doch ein noch viel
unerhörterer Vorgang: die Kirche nimmt eine vom
Volke geprägte falsche und verderbliche Formel auf,
unci tut nichts, sie zu beseitigen, vielmehr verbreitet sie
sie weiter. Und es soll erst noch nachgewiesen werden,
daß das „Volk" solche theologische Formen zu prägen imstande
war. Das widerspricht völlig der Stellung der
Kirche im Mittelalter. Durch solche wie ich glaube auch
für die römische Kirche unnötige Apologetik wird nur
der ungünstige Eindruck, den auf viele das Mittelalter
macht, verstärkt; der rechnerische Charakter, den die
Religion angenommen hatte, bleibt ja trotz allem bestehen
; der Verf. hat auch in trefflichen Worten auf das
finanzielle Interesse hingewiesen, das zur Verbreitung
des Ablaßwesens geführt hat. Bis zu welchem Grade
eine Religion veräußerlichen kann und wie stark die
Vorstellung im Mittelalter war, daß der Mensch in jenseitigen
Verhältnissen Bescheid wissen könne, ersieht
man aus diesem Buche.

Aber auch die Form des Buches erweckt Bedenken.
Es nennt sich Geschichte; aber von einer „Geschichte"
des Ablasses kann gar nicht die Rede sein. Es werden
nur unter geeigneten Überschriften, gewiß sehr reiche,
Kollektaneen zusammengestellt, allerdings in den einzelnen
Abschnitten in möglichst chronologischer Reihenfolge
; eine wirkliche Verarbeitung findet nicht statt, am
wenigsten eine Verarbeitung der Abschnitte unter einander
. Es erscheint schon bedenklich, daß von vornherein
mit dem jetzt als korrekt geltenden römischen
Ablaßbegriff operiert wird; es ist doch die Frage, ob
nicht der Begriff in den verschiedenen Zeiten verschieden
gewesen ist. Darum bringt auch der erste Abschnitt
über den Ursprung des Ablasses nichts Neues. Meiner
Kenntnis nach kann er nur aus dem gesetzlichen Charakter
des abendländischen Christentums erklärt werden;
er ist, so paradox es klingen mag, eine neutestamentliche
Reaktion gegen das Alte Testament. Aber von solchen
Fragen, die sich doch sofort aufdrängen, findet sich bei
dem Verf. keine Spur. Der Hinweis, daß die Anschauung
vom thesaurus meritorum (Abschn. 21) in der spätjüdischen
Dogmatik ihre Parallele und daß Thomas vermutlich
sie aus Maimonides geschöpft habe, wird mit der
Bemerkung abgetan, daß Thomas sich auf den Apostel
Paulus berufe, aber damit ist doch das wirklich interessante
Problem nicht erledigt. Es verdient bemerkt
zu werden, daß nach dem Verf. der Katholik die Lehre
vom Kirchenschatz als Grundlage der Ablässe nicht
mehr ablehnen darf (Bd. 2, S. 206), während sie doch
ein reines Gedankending ist. Sehr interessant sind die
Angaben über die Anschauungen der Scholastiker und
Kanonisten (6.—11. Abschn.), wenn sie auch in ermüdender
Breite und mit häufigen Wiederholungen vorgetragen
werden. So wenig ich es billigen kann, daß die
einzelnen Lehrer der Reihe nach abgehört werden, so
findet sich doch hier auch viel ungedrucktes und unbekanntes
und interessantes Material. Neu war mir, daß
einige dieser Scholastiker es aussprechen, daß der Ablaß
keine biblische Grundlage habe, andere wieder ein
sehr deutliches Gefühl dafür verraten, daß der Ablaß
ein Unfug oder auch ein Betrug sei, doch aber erklären,
er könne kein Betrug sein, da die Kirche, die nicht betrüge
, ihn billige, wieder andere dafür sind, daß er sich
nur auf die Erde beziehen könne. So ist also doch die
Opposition im Mittelalter viel verbreiteter gewesen, als
wir dachten, und nicht nur bei Häretikern. Der Verf.
ist objektiv genug, im 27. Abschnitte die gegenerischen
Stimmen zusammenzustellen (warum fehlt hier aber der
Zisterzienser Stephan, Bd. 1, S. 184?), wie er denn ohne
Frage sich redlich und mit einer sehr achtungswerten
Gelehrsamkeit um die Aufklärung des ganzen Gebietes,
das noch so viele Dunkelheiten enthält, bemüht hat.

Er ist auch freimütig genug, nicht nur Protestanten Unrichtigkeiten
nachzuweisen (was er allerdings mit einer
gewissen Vorliebe zu tun scheint, als hätten wir Protestanten
nicht das Meiste für die Aufhellung der Geschichte
des Ablasses getan!), sondern auch Katholiken,
und in manchen Kreisen beliebte Vorstellungen preiszugeben
, wie die Echtheit des Pontiunkula-Ablasses;
allerdings sollen dann solche Fälschungen, wenn sie von
der „Kirche" übernommen worden sind, ihren Wert für
den Gläubigen behalten. Mit der Behandlung der Fälschungen
, an denen wohl kein Gebiet so reich ist wie
das behandelte, kann ich mich nicht einverstanden erklären
; manchmal werden als Beweisgründe nur Absonderlichkeiten
der betr. Urkunden angegeben, während
wir doch jetzt gelernt haben, manches für echt anzusehen
, was wir früher für durchaus unwahrscheinlich
erklärt haben. Und die Umstände der Entstehung der
Fälschungen geben doch ein wertvolles Zeitbild; hier
hat der Verf. noch zu viel zu tun übrig gelassen. Aber
wir sind doch für das Gebotene dankbar; nicht nur die
Zusammenfassung der zahlreichen verstreuten Abhandlungen
des Verfassers und die manchmal fast philologische
Erklärung bestimmter mittelalterlicher Ausdrücke
sind dankenswert, sondern auch die Zusammenstellung
eines bedeutenden Materials unter katholischen Gesichtspunkten
; möge nun der Historiker das Wort nehmen.
Leider ist das, bei einem solchen Werke mehr als bei
andern nötige, Register sehr unvollkommen.

Kiel. G. Ficker.

Paracelsus Sämtliche Werke, herausgegeben von Karl Sudhoff
und Wilhelm Ma 11 h i e Ben. I.Abt.: Die medizinischen, naturwissenschaftlichen
und naturphilosophischen Schriften. VI. Band.
München: Otto Wilhelm Barth 1922 (498 Seiten). Gz. 15; geb. 17.

Eine vollständige Ausgabe der Werke des Paracelsus
hat bisher nicht bestanden. Die Forschung war
im wesentlichen auf die mit großer Liebe auf Grund der
Handschriften zusammengestellte elfbändige Edition Johann
Husers (Basel 1589—91) mit ihrer die chirurgischen
Schriften bringenden Ergänzung angewiesen —
ein Werk, das weder den heutigen kritischen Ansprüchen
entsprach noch auch irgendwie vollständig genannt werden
durfte. Man hatte damals seine Gründe, gerade die
theologischen Schriften des merkwürdigen Mannes nicht
zu veröffentlichen, ohne die auch seine Naturphilosophie
und damit selbst seine Medizin nur ein Bruchstück bleibt.
Wohl raunte man immer wieder von den vorhandenen
Handschriften, aber man traute z. T. ihrer Echtheit nicht
und auch die zweifellosen Stücke wurden mit einem Gewirr
von Fabeln umsponnen, das den Forscher eher abschrecken
als locken konnte. Auch vor etwa 50 Jahren,
wo der hochverdiente Geschichtsschreiber der Medizin,
Heinrich Häser eine Gesamtausgabe forderte und zugleich
verhieß, war man nicht weit genug in die Schrift-
stellerei, in die Gedankenwelt des Mannes und in seinen
Stil eingedrungen, um die ungeheure Aufgabe mit der
Aussicht auf bleibenden Erfolg zu wagen. Inzwischen
hat sich eine wahre Paracelsusphilologie nach der kritischen
und hermeneutischen Seite entwickelt, auf deren
Erzeugnisse in diesen Spalten des öftern verwiesen
wurde. Keiner aber hat die wissenschaftlichen Vorarbeiten
zu einer wissenschaftlichen Gesamtausgabe mächtiger
gefördert, als Karl Sudhoff, dem es nun durch
die wahrhaft großzügige Opferwilligkeit des Barthschen
Verlages ermöglicht worden ist, in schwerer Zeit eine
Paracelsusausgabe in Angriff zu nehmen, die ihrer Ausstattung
nach vorbildlich zu nennen ist und die vor
allem durch innerliche Gediegenheit ihres Gegenstandes
würdig zu werden verspricht.

Da uns heute erst der sechste Band der ersten Abteilung
allein vorliegt, verschieben wir näheres Eingehen
auf Einzelheiten bis zum Erscheinen weiterer Teile, deren
rasche Folge gesichert scheint, und sagen heut nur
ein Wort über den Plan des Ganzen. Das Werk soll
zwei Abteilungen unterscheiden, deren erste im Unter-