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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf von

Titel/Untertitel:

Dogmengeschichte. 6., verb. Aufl 1923

Rezensent:

Scheel, Otto

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277

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

278

Daß damit die in einer Kieler Universitätsschrift 1873
mehr verborgene als veröffentlichte treffliche Übersetzung
Georg Hoffmanns verbunden wurde, ist höchst
dankenswert; denn nur mit Übersetzung ist die inhaltreiche
griechisch bis auf wenige Bruchstücke verschwundene
Quelle ja für einen weiteren Kreis benutzbar, wie
umgekehrt viele gern in der Lage sein werden, den syrischen
Text unmittelbar vergleichen zu können. (Schade
, daß der syrische Text für den ebenfalls nach Hoffmanns
Übersetzung S. 160—162 abgedruckten „Nachtrag
zu den Akten der ersten Sitzung" aus einer anderen Londoner
Hs. fehlt.) Die Verbesserungsvorschläge Perrys
und Hoffmanns zum Text der Hs. sind von Flemming
mitgeteilt, dem eine Weiß-Schwarzphotographie vorlag.
Die Hoffmannsche Übersetzung, die die im Syrischen
nur umschriebenen griechischen Wörter kenntlich macht,
ist revidiert; die ihr seinerzeit beigegebenen, immer noch
nützlichen Anmerkungen sind mit abgedruckt worden.
Ein Verzeichnis der Namen und der Bibelstellen erleichtern
die Benutzung. Druckfehler, die in nicht ganz
geringer Zahl begegnen, (Strich st. Stück S. III, ahgefaßt
st. abgefaßt S. 5, Tron S. 20 u. a. m.) gefährden, soviel
ich sehe, nirgends das Sinnverständnis. So bietet die Publikation
eine gleichsam vorweggenommene höchst wertvolle
Ergänzung zu den Acta des Chalcedonense, in welchen
bekanntlich das Protokoll der ersten Sitzung des
IL Ephesinum erhalten ist, deren Bearbeitung durch
Ed. Schwartz in der „Straßburger" Ausgabe in Aussicht
steht — und hoffentlich nicht duch die inzwischen eingetretenen
Verhältnisse vereitelt wird. Auch an dieser
Stelle sei nachdrücklich auf den Appell zur Sicherung
dieses Unternehmens hingewiesen, den Ed. Schwartz
in den Abh. der Bay. Akad. d. Wiss. 30 (1920) S. 121
erlassen und jüngst F. Loofs in der Harvard Review
1923, 187 ff. unterstützt hat. Die Vorarbeiten für die
ersten, sachlich wichtigsten Bände sind im Wesentlichen
geleistet, die Schwierigkeiten der Drucklegung dürfen
sie nicht vergeblich machen; das duldet weder die Bedeutung
des Stoffes noch die Schätzung des Opfers an
Lebenskraft, die dafür eingesetzt ist.

Breslau. H. v. Soden.

Harnack, D. Adolf von: Dogmengeschichte. 0., verh. Aufl.
Tübingen: J.C.B.Mohr 1922. (XV, 486 S.) 8° = Grundriß der
theologischen Wissenschaften, 3. Band. IV. Teil. Gz. 8; geb. 10.
An vielen Stellen hat v. Harnack die bessernde
Hand angelegt. In den Literaturangaben sind wichtige
Neuerscheinungen nachgetragen. Jeder Satz des Textes
scheint neu erwogen zu sein. Aus kleinen erläuternden,
den Sinn schärfer ausdrückenden Ergänzungen innerhalb
der Sätze darf das erschlossen werden. Gelegentlich sind
Sätze der 5. Auflage gestrichen. Am stärksten scheinen
die Eingriffe im Paragraphen über Marcion zu sein. Hier
ist nicht wenig neu formuliert oder ergänzt worden. Es
darf aber hinzugefügt werden, daß das Gesamtbild nicht
geändert worden ist. Angesichts der Aufnahme, die
v. Harnacks Marcion hier und dort im In- und Auslande
erfahren hat, ist es wohl nicht überflüssig, dies zu betonen
.

Tübingen. O. Scheel.

Hessen, Dr. theol. et phil. Johannes: Augustinische u. thomi-
stische Erkenntnislehre. Eine Untersuchung über die Stellung
des hl. Thomas von A(|uin zur augustinischen Erkenntnislehre.
Baderborn: Ferd. Schöningh 1921. (71 S.) 8° Gz. 2,5.

Hessen weist nach, daß der Versuch des Aquinaten
und der späteren Thomisten, eine Harmonie zwischen
Augtistin und dem mittelalterlichen Aristotelismus auf
erkenntnistheoretischem Gebiet herzustellen, mißglückt
ist. Der Versuch war zum Scheitern verurteilt. Denn der
Gegensatz zwischen dem voluntaristischen Augustinismus
und dem intellektualistischen Thomismus ist unausgleich-
bar. Der mangelnde historische Sinn und die unzulängliche
Auslegungsmethode Thomas' haben ihn auch verhindert
, die aristotelischen Texte richtig zu deuten.
Tübingen. O. Scheel.

Grupp, Georg: Kulturgeschichte des Mittelalters. 2. Band.

3., verb. Aufl. Paderborn: Ferd. Schöningh 1923. (VII, 400 S. m.

49 Illustr.) 8° Gz. 9.

Die Veränderungen gegenüber der 2., 190S erschienenen
Auflage können nicht im Einzelnen aufgezeigt
werden; es ist keine Seite unverändert geblieben;
in Allem merkt man das Bestreben, nicht nur zu kürzen,
sondern auch zu verbessern, die Worte präziser zu fassen,
die Anschaulichkeit durch gut ausgewählte Beispiele
zu verstärken. Der Aufbau ist im Großen und Ganzen
derselbe geblieben trotz mannigfacher Veränderung
in der Anordnung und in den Titeln. Der Verf.
ist auch in seinen Anschauungen immer freimütiger geworden
. Solche Urteile wie etwa: das Mittelalter ist
eine durchaus konservative Zeit (während das Mittelalter
doch so revolutionär war wie irgend eine Zeit)
findet man nicht mehr. So ist das Werk zur Einführung
in den mittelalterlichen Geist immer brauchbarer geworden
, und es ist herzlich zu bedauern, daß der Herr
Verf. die neue Auflage nicht hat zu Ende führen können
; wie die Verlagshandlung mitteilt, ist aber der
3. Band im Winter 1933/24, der 4. Band ein Jahr später
zu erwarten. Der Herr Verf. hat sich durch sein un-.
mittelbar aus den Quellen geschöpftes, einen reichen
Inhalt in lebendiger und anziehender Darstellung bietendes
Werk ein schönes Denkmal gesetzt, das nicht
leicht übersehen werden kann. Für eine geschichtliche
Würdigung des Mittelalters wird es gute Früchte tragen.
Kiel. G. Ficker.

Paulus, D. Nikolaus: Geschichte des Ablasses im Mittelalter
vom Ursprünge bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts.

Paderborn: Ferd. SchönitiEh 1922 B. 1923. 1. Bd. (XII, 392 S.)

2. Bd. (364 S.) 8». Oz. 10 u. 14.

Dieses noch weniger der Form als dem Inhalte
nach erschreckliche Werk kann den Lobrednern des
Mittelalters empfohlen werden, die sich noch eine Spur
von geistiger Auffassung der Religion erhalten haben.
Es zeigt, wie der Ablaß schon in dem von dem Verf.
behandelten Zeiträume bis zur Mitte des 14. Jhrh.s —
der Verf. geht verständigerweise mit manchen Angaben
auch über diese Zeit hinaus — das ganze kirchliche
Leben beeinflußt und durchsetzt hat; da er sich in der
folgenden Periode noch mehr ausdehnt, so kann man
ermessen, welchen Widerhall Luther, fand, als er in
seinen wuchtigen Thesen ihm einen vernünftigen Sinn
abgewinnen wollte. Der Verf. will dies auch; aber er
will beweisen, daß die Ablaßpraxis und Theorie der
Kirche immer korrekt im Sinne der modernen römischen
Ablaßlehre gewesen sei; Inkorrektheiten und Auswüchse
gibt er zu; aber das hat mit den offiziellen Anschauungen
der Kirche nichts zu tun. Er geht in seinem apologetischen
Eifer so weit, daß er sogar ein ganzes Kapitel
(XXIV) über den Ablaß als Kulturfaktor bringt;
„die staatliche Gesellschaft hat dem vielberufenen Ablaß
unzählbare Wohltaten zu verdanken" (Bd. 2, S. 264).

Besonders hat er es darauf abgesehen zu beweisen _

und unzählige Male wird davon gesprochen —, daß unter
den peccata, die durch den Ablaß erlassen würden (re-
missio peccatorum) (nicht Sünden, sondern) Sündenstrafen
, und unter dem Ablaß von Strafe und Schuld
nur ein vollkommener Straferlaß zu verstehen sei. Der
Beweis ist, wie nicht anders zu erwarten ist, mißlungen.
Peccata heißt nun einmal Sünden, und remissio peccatorum
ist ein durch das Credo ein für alle Mal festgelegter
Begriff, der nicht einmal hier so, dann dort
anders aufgefaßt werden kann. Verf. hat sich auch um
die Wirkung seines Beweises gebracht, indem er ausführt
, daß peccata beim Ablaß doch nicht nur als Sündenstrafen
aufzufassen wäre. Nicht anders steht es mit dem
Ablaß von Strafe und Schuld. So sonnenklar es nach
dem Verf. ist, daß dies nichts anderes bedeuten kann,
als einen vollkommenen Straferlaß, noch viel sonnenklarer
ist es, daß hier von Schuld die Rede ist, mag
auch die Contritio als Bedingung fehlen oder dabei
stehn. Auch hier hat sich der Verf. um die Wirkung