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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

276-277

Autor/Hrsg.:

Flemming, Johannes (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Akten der Ephesinischen Synode vom J. 449 1923

Rezensent:

Soden, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

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N. T. auf die Semester verteilt wird. Wenn dabei noch
schriftliche Inhaltsangaben und schriftliche Präparation
gefordert werden, so wäre erstens zu erwägen, ob dadurch
das N. T. gerade für junge Semester nicht bedenklich
in die Atmosphäre der Schullektüre versetzt wird,
aus der der Student doch gerade herauskommen soll;
zweitens wäre zu fragen, ob die wirtschaftlichen Bedingtheiten
des Studiums eine so allgemeine Regelung heutzutage
nicht unmöglich machen. Und vor allem vermisse
ich eine Behandlung der Hauptfrage, nach dem Verhältnis
von wissenschaftlicher und religiöser Lektüre: wie
bringt es der Theologe fertig, bei der Meditation zwar
auf seinen Kenntnissen aufzubauen, sich aber der zwangsläufig
auftauchenden grammatischen und exegetischen
Assoziationen zu entschlagen? Auch sonst fehlt mir der
richtunggebende Zug auf das Ziel des Studiums. Dieses
darf nicht bloß als lebendige Erfassung der einzelnen
Bücher wie des ganzen N.T. umschrieben werden; es
gilt doch — und sei es auf konstruktivem Wege — des
geschichtlichen und geistigen Lebens inne zu werden,
dessen Niederschlag die Bücher sind. Und vollends
scheint mir der Rat'(S. 20) bedenklich, der das Studium
der Umwelt des N.T. abhängig macht von der Ueber-
zeugung, die sich der Student über die Stellung des
Christentums in der Religionsgeschichte erwirbt. Erst
Studium, dann Ueberzeugung — so geht der Weg! Die
großen Fragen des Seminarbetriebs endlich, ob und unter
welchen Umständen man im Seminar arbeiten oder sich
an Forschungsprobleme wagen lernt, inwieweit die Behandlung
von Spezialfragen methodisch dem Erkennen
zu gute kommt, was es letztlich um das wissenschaftliche
Ethos ist und wie es sich verhält zu dem Ethos des
künftigen Berufs — all das wird nicht einmal angerührt.
Man wird einwenden, das sei für junge Semester zu hoch.
Ich mache immer mehr die Erfahrung, daß man von derartigem
gar nicht früh genug zu den Studenten reden
kann. Alles in allem bietet das Heft einige praktische
Winke, aber keine Wegweisung.

Heidelberg. Martin Dibe litis.

Wetter, Oillis P:son: Altchristliche Liturgien II: Das
christliche Opfer. Neue Studien zur Geschichte des Abendmahls.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1922. (122 S.) gr. 8° =
Forschungen z. Rel. u. Literatur d. A. u. N. T. N. F. 17. Gz. 5.
Diese Untersuchungen bilden die Fortsetzung der
Arbeit des Verfassers über das „christliche Mysterium"
(vgl. Anzeige von A. v. Harnack Th. Lit. Ztg. 1921 Nr.
19/20). Hatte er dort zu zeigen versucht, wie in den
altchristlichen Liturgien aus dem Erleben der Erscheinung
des Herrn ein heiliges Mysterium wird, das in dem
Nacherleben seines Todes und seiner Auferstehung zur
Einigung mit dem göttlichen Herrn führt, so untersucht
er nun die Entwicklung des Opfergedankens. Die
Methode ist dieselbe, wie im ersten Teil: ein sehr ausführliches
Verhör aller wichtigen Liturgien des Ostens
und des Westens, von den späteren Texten rückwärtsgehend
zu den älteren und ältesten, dann eine Verstärkung
des Beweises durch Prüfung der nicht-liturgischen
Quellen. Die Gefahr dieser Methode liegt auf
der Hand: Erscheinungen, die vom dritten bis zum fünften
Jahrhundert zweifellos nachweisbar sind, werden
hier vielleicht mehr als richtig hineingeschaut auch in
die ersten Zeiten. Immerhin, — der Nachweis scheint
mir durchaus gelungen, daß das Opfer im altchristlichen
Gottesdienst, ganz unabhängig von der Meßopferidee
, eine viel größere Rolle gespielt hat als in dem
späteren Kultus, daß es sich dabei noch nicht um das
Opfer des Leibes und Blutes Christi handelte, sondern
um eine Darbringung von Naturalgaben seitens der Gemeindeglieder
, die mit geistigen christlichen Gedanken
verbunden war. Ist das auch gerade keine ganz neue
Erkenntnis, so hat doch W. dafür einen so umfangreichen
Quellennachweis geführt, wie wir ihn noch nirgends
besaßen.

Es ist auch durchaus lehrreich und interessant, dem
Verf. in seinen Einzeluntersuchungen zu folgen, die uns

zeigen, wie diese ursprüngliche Gabendarbringung der
Gemeindeglieder mit den damit verbundenen Opfergebeten
und Fürbitten zurückgedrängt und umgebildet
wird zu Gunsten der Alleinherrschaft der Meßopferidee
von dem Opfer des Leidens und Blutes Jesu Christi.
Verf. scheint allerdings in den späteren Liturgien die
Möglichkeit nicht genug erwogen zu haben, daß Gedanken
der Fürbitte und Intercession immer neu von
selbst entstehen konnten, sodaß man nicht immer und
überall von Resten des alten Opfergedankens reden
darf, wo er sich von selbst als Nebengedanke immer
wieder neu bilden konnte. Aber das ändert nichts an dem
zweifellosen Hauptresultat der Arbeit, daß ein wirkliches
Opfern und Darbringen der Gemeinde im
Mittelpunkte des Gottesdienstes gestanden hat, wo später
das Opfer des Priesters alles verdrängte. W. gibt nun
auch Rechenschaft darüber, wie er sich die Verschmelzung
des im ersten Teil seiner Arbeit nachgewiesenen
Mysteriums von Tod und Auferstehung mit der Gabendarbringung
denkt. Unter den Gaben ist ja auch das
Brot und der Wein, der Leib und Blut Christi darstellt.
Die andern Teile sinken zu Eulogien d. h. zu gesegneten
aber nicht sacramental verwandelten Stücken herab und
W. stellt es auch gut dar, wie allmählich unmerklich hier
Veränderungen und Umdeutungen eintreten. Das Entscheidende
im zweiten Jahrhundert war doch die Entwicklung
von einer wirklichen Mahlzeit zu einem kultischen
Ritual. Aber diese Entwicklung war dadurch
schon vorbereitet, daß schon der jüdische Tischsegen etwas
Rituelles an sich hatte.

Die Gabendarbringung für die gemeinsame Mahlzeit
muß, wenn einmal der Ausdruck erlaubt wird, etwas
Picknickartiges gehabt haben. Die christlichen geistigen
Wirkungen, die mit der Darbringung verbunden
gedacht wurden, bezogen sich zunächst auf die Opfernden
, erst später auf die Elemente. (Liturgie des Papyrus
von der Balyzeh: jch'jQwaov rj/iag rov 7tvsvfiaTog aylov
— bei Serapion: rijv d-voiav ravtrjv). Behält man
aber den ursprünglichen Mahlzeitcharakter im Auge, so
erklärt sich auch der Einsetzungsbericht. Dieser ist die
Festhaggada. W. irrt daher, wenn er meint, dieser sei ein
späteres fremdes Element (S. 39 „als Brot und Wein
für Leib und Blut des Herrn gehalten wurden, führte
man die Herrenworte ein, um dafür die Stütze zu
haben"). Umgekehrt, würde ich glauben, daß der zunächst
als Festhaggada gebräuchliche Einsetzungsbericht
in seiner Formulierung dazu beigetragen hat, ein besonderes
Stück Brot und einen besonderen Kelch als Leib
und Blut des Herrn ganz zu isolieren. Auf die nahe
Verwandtschaft von Tischgebeten und Abendmahlsgebeten
macht W. S. 41 aufmerksam. Meine Abhandlung in
den Texten und Untersuchungen z. altchristl. Literatur
(Neue Folge XIV 2 b. 1905) ist ihm wohl entgangen.
Er würde dort S. 19 ff. manches Material gefunden
haben, das für ihn sehr wichtig ist. Jedenfalls glaube
ich, daß die „Verschmelzung" des Mysteriums und des
Opfers Anknüpfungspunkte schon in der ältesten heiligen
Mahlzeit hatte und ein „Nebeneinander" hier schon früher
stattfand, wo W. geneigt ist, ein Nacheinander in der
geschichtlichen Entwicklung anzunehmen. Jedenfalls bedeutet
diese Arbeit einen wertvollen Forschungsbeitrag.
Greifswald. Ed. v. d. Goltz.

Akten d. Ephesinischen Synode vom J. 449. Syrisch m. Georg
Hoffmanns deutscher Übers, u. seinen Anmerkungen hrsg. v. Johs.
Flemming. Berlin: Weidmann'sche Buchhdlg. 1917. (VII, 188 S.)
= Abhandlungen der Gesellsch. der Wissenschaften zu Göttingen.
Philol.-histor. Klasse. N. F. 15,1.

Die von Johannes Flemming besorgte, nach seinem
Tode (1914) von H. Lietzmann im Druck vollendete
Ausgabe der in der Londoner Hs. Br. Mus. Add. 14530
= Syr. 905 a. 535 überlieferten syrischen Akten des letzten
Verhandlungstages der „Räubersynode" ist umsomehr zu
begrüßen, als ein älterer Abdruck derselben von S. G. F.
Perry (Oxford 1875), ein Privatdruck, bis auf wenige
Exemplare verschollen und daher schwer zugänglich ist.