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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

274-275

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Büchsel, Friedrich

Titel/Untertitel:

Wie studiert man das Neue Testament? 1923

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

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einandersetzung mit Wobbermin, Girgensohn und Jelke
vertreten. Unter die Aufsätze, die ein Zentralproblem
behandeln, rechne ich auch Hans Emil Webers feine
und tiefe Studie über die Offenbarung Johannis. Sie
richtet sich gegen die Annahme, daß die Gesichte der
Apc. rein schriftstellerische Produkte ohne wesentliche
Erlebnisgrundlage seien. Und zwar setzt W. dabei die
Ergebnisse der religionsgeschichtlichen Forschung in
weitem Umfang voraus. Hinter dieser Untersuchung
steht demnach die große Frage der Geltung „apokalyptischer
" Visionen überhaupt. Daß sie nicht einfach zu
lösen ist, daß es Uebergänge gibt, in denen das Nachschaffen
zum Neuerleben wird, zeigt W. unter Heranziehung
der Erlebnisse aus dem Kreise der deutschen
Mystik. Die Lösung, die er für die Apc. findet, würde
vielleicht noch besser begründet werden, wenn er dieselbe
Frage auch bei apokalyptischen Büchern andrer
Art stellte, etwa bei IV. Esra und Hermas. Dann würde
noch klarer werden, welche Bedeutung für das Problem
das (bei diesen Büchern noch leichter als in der Apc.
wahrzunehmende) Hauptinteresse eines Autors hat: wo
es in Frage kommt, ist die „Selbständigkeit der Eigenschau
" relativ groß, wo es zurücktritt, die Bindung an
den Stoff stärker.

Die übrigen Beiträge gruppieren sich um das N.T.
und die Geschichte des Judentums. Theodor Haering
analysiert und exegesiert in der allen seinen Hörern vertrauten
feinsinnigen Art das Herrnwort Mt. 11,28—30
unter besonderer Berücksichtigung von ani und anav —
es ist mir allerdings zweifelhaft, ob man das Logion getrennt
von dem Vorhergehenden untersuchen kann, und
ob nicht auch die Fremdartigkeit von ävct7cavotg in dem
evangelischen Gedankenkreis unter Heranziehung des
apokryphen Herrnworts aus dem Hebräer-Evangelium
(Clemens AI. Strom. II 9, 45) und seiner Verwandten zu
betonen wäre. Riggenbach will im Haushalter-
Gleichnis mit Recht in dem xvqtog V. 8 Jesus selbst
sehen; als Äquivalent von fiaftojväg Trjg aöiMag glaubt er
~]j^52H J1QQ konstatieren zu können: also eher „trügerischer
" als „ungerechter" Mammon. Im Gleichnis
von den beiden Söhnen gibt R. der Lesart B8 (Jasager
an erster, Neinsager an zweiter Stelle, dieser gelobt) den
Vorzug vor der Koine (mit der Umstellung der Söhne)
und erst recht vor der westlichen Lesart mit ihrer Verkehrung
des Urteils; die Entstehung dieser Variante
wird exegetisch begreiflich gemacht. Während H a -
dorn die Gefährten und Mitarbeiter des Paulus behandelt
, untersucht Kögel das „Kernwort des pauli-
nischen Christusglaubens" o xvQiog xh uvev^ä eanv.
Er kritisiert, m. E. mit Recht, die Meinung, die das Wort
als bloßen Zwischensatz faßt, zieht es mir aber doch zu
wenig mit dem Vorhergehenden zusammen und übergeht
die Frage, ob nicht in V. 17 der m>Qiog des Zitats aus
Ex. 34,34 christlich gedeutet werden soll (s. Nisius,
Zc-itschr. f. kath. Theol. 1916, 617 ff.). Zwei Forscher
endlich geben weitere Ausführungen zu von ihnen auch
sonst vertretenen Thesen: Bornhäuser untersucht die
Tages- und Stundenrechnung des Passahfestes im Sinn
seiner Abhandlung über die Zeiten und Stunden in der
Leidens- und Auferstehungsgeschichte und Lütgert
versucht die Deutung von 'lovdaloi im N. T. auf gesetzesstrenge
Juden durchzuführen. — So schließt sich ein
vielstimmiger Chor um den siebzigjährigen Schlatter,
und es ist nicht nur der Gefeierte, der Freude und Gewinn
von dieser Ehrung davonträgt.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Wiener, Harold M., M. A., LL 13.: The Prophets of Israel In

history and criticism. London : Robert Scott 1923. (196S.) kl. 8°
Der durch seine Essays in Pentateuchal criticism u. a.
Abhandlungen, das Pentateuchproblem betreffend, allgemein
bekannte Vf. geht in diesem Werke aus von einer
Polemik gegen Abr. Kuenen's Auffassung der Propheten,
daß nämlich in ihnen kein „supernatural dement", daß

sie nicht im Besitz von „exceptional divine guidance"
und daß ihre Worte stets und nur Bezug haben auf ihre
eigne Zeit, nicht in eine fernere Zukunft gehn. Diese
Polemik, welche ihrerseits zugleich den Beweis unternimmt
, daß es in der prophetischen Literatur AT's keine
unerfüllte Weissagung gibt, geht durch das ganze Buch.
Die moderne, besonders die religionspsychologische Betrachtung
der Prophetie hat die Problemstellung gegen
früher verschoben, und so dürfte heute doch gegenüber
der „rationalistischen", wie Vf. es nennt, Auffassung auch
im sog. kritischen Lager die Anerkennung eines gewissen
„supernatural element" der Prophetie nicht fehlen. Aber
wie man sich nun auch zu dem Standpunkt des Vf.'s
stellen mag, der Wert dieser sehr gründlichen Untersuchung
scheint mir vor allem auf dem Gebiete der
Detailexegese zu liegen. Ich hebe aus dem gesamten
Inhalt besonders hervor: the main course of history and
prophecy to the death of Sargon. Isaiah and Sennacherib.
the predictions concerning foreign nations. the predic-
tions concerning the future of Israel, the prophet of con-
solation and the postexilic prophets; ferner aus den Anhängen
: Assyria in the prophets and Jes. XXIV—XXVII.
In den Nieuwe Theol. Studien hat übrigens gleichzeitig
der Vf. noch zwei zu unserer Materie gehörende Aufsätze
veröffentlicht: Ez's prophecy against Tyre und tlie
tartans expedition in chronology and prophecy. Der
Raum verbietet auf Einzelheiten einzugehen; es ist na-
: türlich die ganze prophetische Literatur in Betracht gezogen
, ganz besonders eingehend sind behandelt jes.,
Jer., Mich., Sach. Ein Index der Bibelstellen erleichtert
die Benutzung.

Königsberg i.Pr. Max Lohr.

Spanier, Dr. M.: Psalmen. Eine Einführung. Berlin: CA.

Schwettchke tv. Sohn 1922. (86 S.) gr. 8° Gz. 0,5.

„Dieses Büchlein möchte zur Versenkung in die Gefühlstiefe und
dichterische Schönheit des einzelneu Psalms anregen ... Jede thee-
retisierende Tendenz liegt fern." Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet
bietet die Erklärung der 12 Psalmen, die der Vf. zur „Einführung
" in den Psalter ausgewählt hat (23. 51. 73, 90. 121. 122.
126. 128. 130. 131. 137. 139) recht Erfreuliches. Man wird ihm die
Fähigkeit der Einfühlung in Stimmung und Gedanken der Psalm-
dichter gerne zubilligen, und man freut sich durchweg über die Liebe,
mit der er sich in seine Aufgabe versenkt hat. Ueber gewisse Punkte,
wo er kritischen Ausstellungen an der Psalmenfrömmigkeit seitens
christlicher Ausleger glaubt widersprechen zu müssen, will ich nicht
mit ihm rechten. Z. T. urteile ich auch über die metrischen Fragen
anders, aber ich begrüße im Ganzen seine Tendenz, einer freiem
Rhythmik im Psalter das Wort zu reden: „Dem Auf- und Abwogen,
dem Wechsel der Stimmung entspricht nach innerm Gesetz die äußerliche
.Unregelmäßigkeit'." (S. 39.) Auch der individuelle Charakter
der Psalmen (im Gegensatz zu so mancher verfehlten kollektivistischen
Deutung) ist von Sp. richtig erfaßt. Seine Stellung zu den Datierungsfragen
mag andeuten, was er zu Ps. 73 bemerkt: „Parteiungen im
Lande. Wohl noch nicht haben sich jene Richtungen der Pharisäer
und Sadduzäer gesondert, aber die Grundlagen und Anlässe der Scheidung
liegen schon klar vor uns" (S. 47). — Für unrichtig halte ich
die Exegese von Ps. 90,3b (S. 79).

Göttingen. Alfred B e r t h o 1 e t.

Büchsei, Prof. D. Friedrich: Wie studiert man das Neue Testament
? Eine praktische Anweisung für Studenten Gütersloh - C
Bertelsmann 1922. (23 S.) 8° Qz 0)2'

Eine kurze Einführung in die wissenschaftliche Beschäftigung
mit dem N.T. kann gerade heute von besonderem
Wert sein, da unter den Studierenden die
Fragen nach dem Wohin und auch nach dem Wozu des
gelehrten Theologie-Studiums immer wieder erwogen
werden. Der Verf. bemüht sich auch wenigstens an einer
Stelle, das wissenschaftliche Ethos in doppelter Hinsicht

— Ernst der Verantwortung, Freiheit der Ueberzeugung

— zum Ausdruck zu bringen (S. 16). Das Heft als Ganzes
geht jedoch an den großen Fragen mit auffallender
Gleichgültigkeit vorüber, um die kleinen Fragen mit seltsamer
Genauigkeit zu behandeln. Ich kann mir nicht
allzuviel davon versprechen, wenn die kursorische Lektüre
, die nicht dringend genug empfohlen werden kann,
nun so geregelt wird, daß ein dreimaliges Lesen des