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Ausgabe:

1923 Nr. 13

Spalte:

272-273

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aus Schrift und Geschichte. Theologische Abhandlungen, Adolf Schlatter zu seinem 70. Geburtstage dargebracht von Freunden und Schülern 1923

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 13.

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fen u. a. m. Gern aber betone ich, daß K. das Problematische
der Schrift kräftig herausgehoben und der Forschung
ein starken Anstoß zu erneuter Erwägung gegeben
hat.

Köhlers erweiterter Vortrag will nicht bloß das
katholische Lutherbild der Gegenwart zeichnen, sondern
auch für eine beginnende wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft
Verständnis wecken bezw. sie kräftigen helfen
. Er weiß, daß das katholische Lutherbild nie wird
befriedigen können — ein dahin zielendes Verlangen
soll der Protestant nie hegen — betont aber den wissenschaftlichen
Gewinn, den die Forschungen eines Janssen,
Denifle und Grisar gebracht haben und meint, daß wir
von der katholischen Lutherforschung nicht nur lernen
können, sondern auch müssen. Sie bewahrt vor
Ueberschätzung seiner Person und seines Werks und
hebt die Höhenlage des Mittelalters. Ist auch eine völlige
Einigung über Luther zwischen Katholiken und Protestanten
nicht möglich, so doch eine relative Annäherung.
Und vom Zentrum vaterländischer Gemeinsamkeit werden
Strahlen versöhnenden Lichtes in die Konfessionsgegensätze
und damit auch in die Lutherforschung eindringen
und zur Annäherung und Verständigung führen.
Ganz gewiß ist eine überkonfessionelle Arbeitsgemeinschaft
schon erreicht. Dem preußischen Staat müßte hier
ein besonderer Dank gezollt werden. Köhlers Zuversicht
vermag ich aber nicht zu teilen. Von der Frage, ob vor
einer Ueberschätzung Luthers wird gewarnt werden
müssen, will ich absehen. Auch die vaterländische Frage
wird schwerlich leisten, was K. erhofft. Karl V. und
Habsburg werden stets sich störend dazwischen drängen.
Schon an Luther in Worms werden die Geister sich
scheiden.

Tübingen. O. Scheel.

Neueste Grabungen in Palästina. Nach Prof. William J. Hinke
im American Journal of Archaeology XXVII 1923 S. 66f.

Der Pal. Explor. Fund und die Brit. School of Arch.
in Pal. gruben 1920 in Askalon. Sie fanden eine
Kreuzfahrer- und eine byzantinische Kirche, dann ein
großes Gebäude aus dem 1. Jhrh. n. Chr. (nach üarstang
das Bouleuterion) mit verschiedenen griechischen Inschriften
, eine davon zu Ehren eines Aulus Instuleius
Tenax, Centurio der X. Fretensischen Legion, die an der
Belagerung Jerusalems teilnahm. Die 2. Grabung 1921
brachte nur Keramik.

In Bethsan grub Clarence S. Fisher im Auftrag
des Museums der Universität Pennsylvaniens 1921. Der
bemerkenswerteste Fund war eine ägyptische Stele
Sethos I. Die Durchforschung der Nekropole 1922
förderte mehrere Tonsärge mit rohen Darstellungen
menschlicher Gesichter (aus dem 12. Jhrh. v. Chr.?)
zu Tage.

Die American School of Oriental Research grub
1922 in Teil el-Ful, wo sie Gibea Saids vermutet.
Sie fand 4 Wachttürme übereinander: aus der makka-
bäischen Zeit, der späteren Königszeit (I. Rg. 15, 22), der
Zeit Sauls und der spätkanaanitischen Zeit.
Berlin. G re Ii mann.

Mathe ws, Shailer and Smith, Gerald Birney: A Dictionary of
Religion and Ethics. New York: The Macmillan Company 1921.
(513 S.) Lex. 8»

Auf etwa 500 Seiten eine Uebersicht über die gesamte
Theologie mit allen ihren Grenzgebieten — so ist ein Nachschlagewerk
entstanden, welches dem praktischen Journalisten das ihm im Augenblick
Nötigste sagt, aber auch nur als vorläufige Einführung und Anweisung
zum Weiterfragen kaum geeignet ist. Ich verglich die Artikel,
welche amerikanische Theologen behandeln, mit den entsprechenden
(meist gar knappen) der RGG. Dabei ergab sich, mit wenigen Ausnahmen
(z. B. N. Macleod), daß entweder der Artikel in der RGG.
belehrender war (so z. B. bei Jon, Edwards, Sam. Hopkins, R. Morrison
, Horace Bushnel, D. L. Moody) oder aber, daß das amerikanische
Dictionary in der RGG behandelte Männer ganz übergeht (z. B.
Tim. Dwight, Phil. Brooks). Im allgemeinen wird also der europäische
Theolog des Dictionary gut und gern entraten können. Einigermaßen
nützlich für ihn sind nur die Artikel, die über gegenwärtig bestehende
Organisationen u. dergl. in Amerika Notizen bringen, z. B.
Emmanuel Movement, Laymen's Missionary Movement, Prlson Reform
. Student Religioas Organitaüons (bei den drei letztgenannten Artikeln
ist selbstverständlich nur über amerikanische Verhältnisse berichtet
). — Die Mitarbeiter des Dictionary sind meist Universitätsprofessoren
, z. T. (für die Artikel über gegenwärtige Organisationen)
auch Männer in leitender kirchlicher Stellung. Diejenigen Angaben,
die ich nachprüfte, erwiesen sich als zuverlässig. Nur die angehängte
Bibliographie bietet einige Anstände.
Göttingen. E.Hirsch.

Aus Schrift und Geschichte. Theologische Abhandlungen, Adolf
Schlatter zu seinem 70. Geburtstage dargebracht von Freunden
und Schülern. Stuttgart: Calwer Vereinsbuchhandlung 1922. (219

S.) 8° Gz. i.

An der Sammlung von Aufsätzen, die Freunde und
Schüler dem siebzigjährigen Adolf Schlatter dargebracht
haben, ist zunächst die Mannigfaltigkeit der Gebiete bezeichnend
, über die sie sich, die vielseitige Tätigkeit des
Gefeierten abbildend, erstrecken; sodann die Beziehung,
in der eine ganze Anzahl der Arbeiten zu Schlatter selbst
stehen, seine Anregungen aufnehmend oder seine Art zu
sehen auf andre Gebiete anwendend. Das Persönlichste
bietet selbstverständlich die homiletische Studie des inzwischen
schon vollendeten Paul Wurster über Schlatter
als Prediger, obwohl bei diesem Prediger das Ich
durchaus nicht im Vordergrunde steht; vielmehr hebt
W. besonders das voluntaristische Element und die
starke, bis zur Derbheit sich steigernde Originalität der
Predigtweise Sch.'s hervor. Den Gegenpol bilden die
Arbeiten, deren Zweck vor allem die Darbietung und Erläuterung
nicht genügend bekannter antiker Texte ist:
H a r n a c k verweist darauf, daß Marcion nach Ter-
tullian adv. Marc. V, 4 (in quam repromisimus sanctam
ecclesiam bei der Korrektur oder Paraphrase von Gal.
4, 26) das Glied „heilige Kirche" im Symbol gehabt zu
haben scheint; Zahn stellt die Nachrichten heidnischer,
jüdischer und christlicher Autoren zusammen, die den
Eindruck des großen Vesuvausbruchs vom Jahre 79 wiederspiegeln
; Holl behandelt die Fragmente, die bei
Clemens Alex, und Epiphanius auf ein apokryphes Ezechielbuch
zurückgeführt werden und erweist dieses in
fesselnder Untersuchung, die sich u. a. mit dem Gleichnis
vom Blinden und Lahmen befaßt, als jüdisches Buch aus
der Zeit zwischen 50 v. und 50 n. Chr. Vor allem eine
Materialsammlung bietet auch die umfangreiche Studie
von Otto Schmitz über Abraham im Spätjudentum
und Urchristentum; freilich: die Durchdringung des
Stoffes, die man hier wünschte — eine Bestimmung etwa
der verschiedenen Arten von Frömmigkeit, die sich
der Abraham-Gestalt bedienten — läßt sich in diesem
Rahmen kaum vollziehen.

Drei unter diesen Aufsätzen rühren große Funda-
mental-Probleme an, natürlich wieder in der durch den
Raum gebotenen Beschränkung. Am kühnsten tut das
Samuel J a e g e r - Bethel in dem auf eine große Perspektive
eingestellten Programm einer christlichen Geschichtsphilosophie
. Wenn ich auch in Einzelheiten anderer
Meinung bin als der yerf., so unterschreibe ich
doch vollkommen den für seine Ausführungen bezeichnenden
Satz: „Ob das Christentum und ob unser
Christentum nur ein Erzeugnis arabischer bezw. abendländischer
und vielleicht russischer Kulturentwicklung
oder der ewige Strom ist in den Wirbeln der Geschichte,
das wird sich daraus auch erweisen, ob es imstande ist,
angesichts dieser ganzen Entwicklung der Geschichtsbetrachtung
, einen Versuch der christlichen Philosophie
der Geschichte durchzuführen!" (S. 197.) Als den „Hauptpunkt
der Theologie" behandelt Schaeder die Wirklichkeit
Gottes; das bedeutet die „Diastase" der Theologie
nicht nur von der modernen Kultur, sondern auch
von der psychologisierenden Wissenschaft, die niemals
zu Gott vordringen kann. Der bekannte Standpunkt
Schaeders, der m. E. grundsätzlich recht hat in Bezug
auf das Christentum, unrecht in Bezug auf dessen religionswissenschaftliche
Behandlung, wird diesmal in Aus-