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Ausgabe:

1923 Nr. 12

Spalte:

262

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfeilschifter, Georg

Titel/Untertitel:

Die kirchlichen Wiedervereinigungsbestrebungen der Nachkriegszeit. Rede 1923

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 12.

262

sönliche Ich durch die schlechthin konkrete Synthesis
a priori fundiert ist. Die symbolische Beziehung des
Selbst auf das Ich ist unmöglich geworden. Die Formel
„Teil und Ganzes" ist auch in ihrer idealistischen Deutung
für das Verhältnis des endlichen Ich zur individuellen
Totalität abzulehnen. Das Gewissen kann nicht
mehr als die unbedingte Ichform in uns (S. 102) beschrieben
werden, es ist jetzt, der wirklichen Beobachtung
entsprechender, die Forderung, uns in freier individueller
Entscheidung durch Bejahung einer individuellen
Wahrnehmung tätig einzuordnen in die schlechthin
individuelle Einheit des Wirklichen. Die positive Auswertung
dieses Grundphänomens der Wirklichkeit ist
hier nicht zu geben.

Der angedeutete idealistische Fehler im erkenntnisltritischen Ansatz
wirkt sich besonders aus in der Wertphilosophie, denn
Wert ist Ichbeziehung (S. 137), in der Icheinheit besteht der Wert
(S. 139). Das Grundphänomen des Werterlebens, daß es einen
vollendet reinen, individuellen Wert gibt, wird damit vom Idealismus
übersehen. Die These vom innerlich notwendigen Zusammensein von
Wert und Unwert, „daß wir nie gegensatzlosen, gegensatzfreien Werf
haben, daß sich aller Wert im Wertgegensatze vollzieht" (S. 145)
und von der positiven Begründung und Überwindung dieses Widerstreits
in der unbedingt synthetischen Ichgeineinschaft des religiösen
Verhältnisses ist als Durchbrechung jedes Wertrealismus zu bejahen,
wird aber der religiösen Grunderfahrung von Sünde und Heil nicht gerecht
. Der religiöse Gegensatz des Sünders zu Gott und die beseligende
Versöhnung in der Rechtfertigung des Ungerechten wird mit den
idealistischen Kategorien nicht voll verstanden, wenn auch die Ucber-
windung der realistischen Magie und ihrer sublimeren orthodoxen oder
rationalistischen Derivate stets ein Ehrentitel des Idealismus bleiben
wird.

Bei jeder Einzelfrage des religionsphilosophischen Stoffs macht sich
dieser religiöse Fehler geltend; besonders deutlich bei der Deduktion
der Sünde (S. 150) aus dem Wertwiderstreite. Für das Erlebnis
der Rechtfertigung sind trotz aller von Br. gemachten Einschränkung
Sätze wie diese ein Aergernis: „Aber auch das wird klar,
wie die Sünde in all ihrem Unrechte Recht zugleich hat. Das ist das
Tiefe an der Sünde, das Reizende, Lockende, Berauschende, Prome-
theisch-Göttliche an ihr, das „eritis sicut deus", das Wertgefühl in
ihr; was sie behauptet, ist ja ein im Unbedingten Begründetes" (S.
151). Das idealistische Verständnis der Sünde beruht auf dem letztlich
einheitlichen üoppelerlebnis, daß die Sünde notwendig und zugleich
freie Tat ist (S. 295). Tiefer hinab in die Wirklichkeit reicht das idealistische
religiöse Grunderlebnis nicht. Es enthält nur dieselbe Antinomie
, die Freiheit und Notwendigkeit überhaupt im unbedingt svnte-
tischen Ichbewußtsein einander zuordnet. — Dem eigentümlichen
idealistisch-antinomischen Charakter des religiösen Grundphänomens
entsprechend vollzieht sich auch die Beantwortung der übrigen religionsphilosophischen
Probleme immer in einer Zusammenschau anti-
nomischer Antithesen, darin an die heilige individuelle Paradoxie des
göttlichen Rechtfertigungsaktes erinnernd, sie aber nie ganz erreichend.
Das Doppelgesicht der Hegeischen Dialektik blickt aus jeder Seite
des klaren Buches, z. B. aus den Darlegungen über das Wunder (S
271—281. 288).

Charakteristisch tritt die im Prinzip begründete Beschränkung des
religiösen Tiefgangs, die der kritische Idealismus sich auferlegt, zu
Tage in der Auseinandersetzung Br.'s mit Otto. Sie findet
sich öfters zwischen den Zeilen, u. a. im 1. Kapitel. Mit Recht wird
die von Otto vollzogene realistische Trennung des religiösen vom theoretischen
Wert bekämpft, und ein selbständiges religiöses Apriori abgelehnt
. Aber die lehensvolle Beobachtung Ottos, daß das religiöse Verhältnis
zunächst und zutiefst in der ehrfürchtigen und vernichtigenden
Anerkennung eines heiligen und gnädigen „Ganz anderen" besteht,
einer Wirklichkeit, die schlechthin individuell erhaben bleibt, auch
wenn sie zum lockenden Fascinosum wird, die sich ihrer Natur nach
dagegen sträubt, als Erlebnisinhalt in einem noch tieferen Erlebnis begründet
zu werden, diese fundamentale Beobachtung, deren Formulierung
allerdings den Anschein erwecken kann, als sei hier noch ein
Restbestand des realistischen Mißverständnisses vorhanden, ist dem kritischen
Idealismus Br.'s notwendig verschlossen.

Es versteht sich von selbst, um noch ein Anderes willkürlich
herauszugreifen, daß die Phänomenologie der Religion, die
Br. im 1. Kap. gibt, ebenfalls kritische Bedenken hervorrufen muß;
denn sie ist eine folgerichtige Auswertung der idealistischen Grunderlebnisses
für die Rcligionsgeschichte. Der Gang der Religionsgeschichte
ist für Br. der hemmungsreiche Übergang von der Erfahrung
der Überwelt zur Erkenntnis der wahren Innenwelt, das lebendige
Drängen des Wertwiderstreites zur totalen Versöhnung der in ihm befaßten
Gegensätze im unbedingten Wert der vollendeten Icheinheit
Dies Ziel ist im Christentum gegeben. So gehört „das Christentum in
den Zusammenhang der allgemeinen Rcligionsgeschichte hinein und ist

in ihr doch sui generis" (S. 56). Die Größe dieser Position gegenüber
realistisch-massiver Behauptung oder Bestreitung der „Absolutheit
des Christentums" liegt auf der Hand, ebenso allerdings auch die
Tatsache, daß mit dieser in dem Icherlebnis begründeten und versöhnten
Antinomie die in der Absolutheitsfrage gemeinte Paradoxie
nicht gesehen ist. Ahnlich ist es z. B. bei der notwendig doppelten
Wertung der Mystik: „Auch die köstlichste Blüte der Mystik ist
letztlich noch taub und leer" und zwei Sätze weiter; „Doch an ihrem
tiefsten Punkte rührt die Mystik an das eigentliche Persönlichkeits-
erlebnis, an die Offenbarung des lebendigen persönlichen Gottes" (S
42). Die Verwandtschaft des mystischen Erlebens mit dem idealistischen
Icherlebnis wird in dieser Wertung deutlich.

Diese prinzipiellen kritischen Bedenken können aber
die Dankbarkeit gegenüber der geschlossenen ungebrochenen
Leistung des Buches nur erhöhen. Die scharf
markierte Schlachtlinie fördert nur den Kampf um die
Wahrheit. Br.'s Religionsphilosophie hat eine so klare
und kernige Gedankenführung, eine so folgerichtige
Durchdringung der ganzen Problematik vom religiösen
Grunderlebnis des Idealismus aus, daß es eine hohe
geistige Freude ist, von ihr zu lernen und gegen sie zu
fechten.

Bonn. J. W. Schmidt-Japing.

Pfellschifter, Prof. Georg: Die kirchlichen Wiedervereinigungsbestrebungen
der Nachkriegszeit. Rede beim Antritt
d. Rektorats der Ludwig-Maximilians-Univ. München geh. am
25. Nov. 1922. München: Dr. Franz A. Pfeiffer & Co. 1923.
(43 S.) 8° Gz. 1,4.

Die Geschichte der kirchlichen Unionsbestrebungen
ist bisher überwiegend eine Geschichte von Mißerfolgen
gewesen. Mag man auf das Verhältnis der römischkatholischen
Kirche zu der orthodoxen anatolischen
Kirche blicken oder auf das Verhältnis dieser beiden
Kirchen zu protestantischen Kirchengemeinschaften oder
auf Bemühungen dieser Art innerhalb des Protestantismus
. Mit dieser Vergangenheit aber beschäftigt sich
der Verf. nicht, sondern mit der auf kirchliche Wiedervereinigungen
abzielenden Bewegung, die während der
letzten Jahre in zahlreichen Ländern hervorgetreten ist
und durch ihre Ausdehnung wie durch die in ihr sich
auswirkenden Kräfte ein Stück des kirchlichen Lebens
der Gegenwart geworden ist, das sorgfältige Beachtung
verdient. In ihr unterscheidet Vf. wesentlich 3 Gruppen:
die des Anglikanismus, die der katholischen Kirche und
die des schwedisch-amerikanischen Protestantismus. Die
anglikanische Kirche, auch Führerin in dem — wesentlich
außerkirchliche und politische Ziele verfolgenden —
„Weltbund für Freundschaftsarbeit durch die Kirchen",
ist die treibende Kraft der für 1925 geplanten „Weltkonferenz
über Glaube und Kirchenverfassung". Zu
ihrer Vorbereitung fand im August 1920 eine große
Präliminarversammlung in Genf statt, bei der sowohl
über den Kirchenbegriff und die Kirchenverfassung als
auch über die Behandlung des Glaubensbekenntnisses
als Glaubensgesetz das Bestehen schwer zu überbrückender
Gegensätze offenbar wurde. Die Unionspolitik der
j katholischen Kirche, sich auf den durch Grundsätze
und Geschichte gewiesenen Wegen haltend, ist zur Zeit
den orthodoxen Kirchen des Ostens zugewandt. Die Errichtung
der neuen „Kongregation für die Angelegenheiten
der Kirche des Orients" durch Papst Benedikt XV.
1917 war ein Kennzeichen des hohen Wertes, den er
diesem Gebiet beimaß. Die dritte Bewegung, getragen
von der schwedisch-lutherischen und der nordamerikanischen
Kirche, erstrebt eine „Allgemeine Konferenz der
Kirche Christi für Leben und Arbeit", die sich nicht
mit Fragen des Glaubens und der Kirchenverfassung
beschäftigen sondern die Kirchen zu Zusammenarbeit
in praktischen Fragen zusammenführen soll.

Der Berichterstattung über diese verschiedenen Strömungen läßt
der Verf. dann noch einen kritischen Ausblick auf die Zukunft aller
dieser Bestrebungen folgen, in dem er nüchtern und besonnen die vorhandenen
Möglichkeiten abwägt. Reichhaltige Literaturnachweise erhöhen
den Wert der gehaltvollen und gedankenreichen Schrift.
Göttingen. Carl Mirbt.