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Ausgabe:

1923

Spalte:

7-8

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burney, C. F.

Titel/Untertitel:

The Aramaic Origin of the Fourth Gospel 1923

Rezensent:

Dalman, Gustaf

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TheologUche Literaturzeitung 1923 Nr. 1.

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Burney, Prof. C. F., M. A„ D. Litt.-. The Aramaic Origin of the Fourth
Gospel. (176 S.) 8°. Oxford, Clarendon Press. 1922. 16 sh.

Zu Schlatters .Sprache und Heimat des vierten Evan-
geliften' 1902, das der Verf. erft nachträglich kennen
lernte, ift dies Buch eine Parallele wefentlich anderer Art,
aber mit verwandtem Refultat. DerVerfaffer des Johannesevangeliums
, der für den Presbyter Johannes zu halten ift,
war ein rabbinifch gebildeter Priefterfohn, der in jungen
Jahren in Jerufalem fich Jefu anfchloß, ohne von ihm in
den Kreis der mit ihm wandernden zwölf Apoftel aufgenommen
zu werden. Er Ichrieb nach dem Jahre 80
in dem fyrifchen Antiochia das Evangelium in aramä-
ifcher Sprache, kurz vor 96 die Apokalypse' in grie-
chifcher Sprache, während die Briefe wohl von ihm einem
Gehilfen diktiert wurden, den man für den griechifchen
Überfetzer des Evangeliums halten könnte. Auf diefe
Weife fucht Burney der fprachlichen Eigenart der nach
Johannes benannten Schriften gerecht zu werden. Seine
Auseinanderfetzung mit der älteften Tradition von der
Autorfchaft des Evangeliums verdient Beachtung. Aber
den Hauptnachdruck legt er auf den Erweis der aramä-
ifchen Urfprache, von dem aus die übrigen Probleme
ihre Beleuchtung erhalten. Als Vergleichungsmaterial
verwendet er das biblifche Aramäifch und die fyrifchen
Überfetzungen, vom nachbiblifchen Jüdifch paläftinifchen
nur die Targume, weil die aramäifchen Teile des Paläftinifchen
Talmud und Midrafch die jüngften Beftand-
teile diefer Schriftwerke feien, was freilich hätte bewiefen
werden follen. Statt diefer westaramäifchen Dokumente
in lebender Sprache werden die Acta Thomae als fyri-
fches Originalwerk zur Beleuchtung des aramäifchen
Sprachgebrauchs verwandt. Als Beweis für aramäifche
Urfprache des Evangeliums dienen B. folgende Tatfachen
in feinem Stile. Die Sätze werden wie im Aramäifchen
gern ohne verbindende Partikel aneinander gereiht,
die Anwendung des Partizips für eine dem Verbum fini-
tum vorangehende Handlung wird oft vermieden, auch
der Genetivus abfolutus ift feiten. Das Subjekt wird gern
durch ein Pronomen wieder aufgenommen. Die Anwendung
von uiv, _aber auch 6t und yäg ift gering, während
das häufige ovv auf aramäifches ,und' zurückgeht und
dem Überfetzer in Rechnung zu ftellen fei. Das häufige
iva und Iva ur) (niemals urjjtoxt) entfpreche aramä-
ifchem de und delä, und Iva fei öfters fälfchlich gefetzt,
wo der Verfaffer de als Relativpronomen oder in der
Bedeutung ,als' gemeint hatte. Die Anwendung der
felbftändigen Perfonalpronomina, ohne daß ein Nachdruck
auf ihnen liege, gehe auf aram. Satzbildung mit Parti-
cip und Pronomen zurück. Auf das Relativ werde zuweilen
mit einem Pronomen zurückgewiefen, der Genetiv
mit einem Pronomen vorausgenommen (9, 18). Das häufige
Praesens historicum verrate aramäifche Erzählung
in Participien, das Imperfekt gehe auf aramäifchen Gebrauch
von hawä mit Particip zurück, das Praesens mit
futurifchem Sinn auf aram. Particip in gleicher Bedeutung
. Aramäifch fei auch die Wiedergabe von ,keiner',
,niemals' durch ,nioht irgend einer', ,nicht jemals', von
ur}Jiot£ durch iva ur}. Der Beweis der Überfetzung aus
dem Aramäifchen werde vollftändig durch eine Reihe
von Überfetzungsfehlern, die mit Hilfe des Rückgangs
auf das Aramäifche fich in Ordnung bringen laffen. Joh.
1,29 gehe das /Lamm Gottes' zurück auf mißverftandenes
taljä delähä ,der Knabe (Knecht) Gottes'. 7,38 fließen
vom ,Leibe' des Gläubigen, wobei me'in für ma'jän
.Quelle' verlefen fei. 10,29 ift nach dem beften Text ,was
der Vater mir gegeben hat, ift größer als alles', weil im
Aramäifchen Neutrum und Masculinum nicht zu unter-
fcheiden waren. 2,22 heißt es: ,er fagte', ftatt ,er hatte
gefagt', weil ämar hawä ,er war fagend' uud amar
hawä ,er hatte gefagt' im unvokalifierten Texte gleich
lauten. 1,5 ift kabbeleh ,er nahm ihn an' verlefen für
akbeleh ,er verdunkelte'. 1,4 hat die alte Versteilung
vor o yiyovtv zur Vorausfetzung den richtigen Gedanken:

,denn in ihm war Leben', und aram. hawä ,er war'wurde
irrig doppelt gelefen. Auch die Form der Zitate aus dem
A. T., welche fämtlich befprochen werden, laffe fich bei
Annahme urfprünglicher aramäifcher Faffung erklären.
— Ohne Zweifel ift alles, was B. auf Grund forgfamer
Beachtung von Kontext und fprachlicher Form zu fagen
hat, gewiflenhaft zu erwägen. Vom Aramäifchen aus
läßt fich gegen feine Aufftellungen nur feiten etwas einwenden
, zumal der ,galiläifche' Dialekt in den hier in Frage
flehenden Punkten vom biblifchen Aramäifch nur wenig
abweicht. Nur nebenbei darf ich wohl mein Erftaunen
äußern, daß man in Oxford die veraltete erfte Auflage
meiner aram. Grammatik zitiert. Als erwiefen wird gelten
müffen, daß das Griechifche des Johannesevangeliums vom
Aramäifchen ftark beeinflußt ift, fo fehr, daß Panikeln
wie iva und oxe zuweilen nur die Kraft der Relativpar-
tjkel zu haben Rheinen (fo 5,7; 14,16 für iva, 9,17 für
ort). Die angenommenen Übersetzungsfehler, von denen
oben nur eine Auswahl mitgeteilt wurde, find nicht zwingender
Natur. Nur eine vollftändige Rücküberfetzung in
das Aramäifche könnte zeigen, ob die Thefe Burney's
durchführbar ift. Eine Probe davon hat B. für Joh. 1,
1—18 gegeben. Mancherlei für die Thefe B.'s Unwefent-
liches würde ich da anders ausdrücken. Ernfte Bedenken
habe ich aber auch bei der Wiedergabe von xb <pmg xb
dXq&ivöv in 1,9 durch nehörä dekuschtä im Anfchluß an
diePefchita, während das Pal. Evang. dXrfi-ivbg mit kasch-
schltä wiederzugeben pflegt. Sollte nicht doch in diefem
für die johanneifche Anfchauung wichtigen Begriff ein
Ausdruck vorliegen, der im Aramäifchen damals noch
nicht geprägt war und für den deshalb die Peschita ihre
Umfchreibung durch ,das Licht der Wahrheit' anwandte,
das doch fehr nach Beeinfluffung durch altteftamentliche
Ausdrucksweife ausfieht. Delitzfch hat hier mit Recht
wörtlich mit hebr. ör amittl ,wahres Licht' überfetzt, der
nach altteftamentlichen Formeln fahndende Salkinson mit
ör emet .Licht der Wahrheit'. Aber die rabbinifche Literatur
ift hier ohne Parallele. Wäre das Original von
Joh. 1,9 aramäifch, fo läge in jedem Fall hier ein Grae-
cismus vor. Graecismen gibt es aber im Johannesevangelium
auch fonft, s. mein Jefus-Jeschua', S. 183, 195.
Und ein gefetzeskundiger Priefter hätte fchwerlich Joh.
7,37 und 19,31 gefchrieben, vgl. ,Orte und Wege Jefu' S.
244, und Jefus-Jefchua, S. 96, 168.

Greifswald. Dal man.

Lemme, Ludwig: Das Jakobus-Evangelium. (Zeit- u. Streitfragen des
Glaubens, XIII. I1/12.) (24 S.) 8». Berlin-Licht., E. Runge 1920. Gz. 0,6.

Unter dem Jakobusevangelium verfteht L. nicht etwa
das fog. Protevangelium Jacobi, fondern die Spezialquelle,
die dem 3. Evangeliften neben Mk. und der Logienfchrift
noch zur Verfügung geftanden hat. Der Name rechtfertigt
fich ihm daraus, daß er in dem Alphäusfohn Jakobus
den Autor ermittelt zu haben glaubt. Der hat
fein Buch, das in Wahrheit ältefte Evangelium, in den
60er Jahren des erften Jahrhunderts in Syrien gefchrieben.
Die Größe feines Optimismus hinfichtlich der Richtigkeit
diefer Feftftellungen wird bei L. nur erreicht durch den
Grad der Unempfindlichkeit gegenüber allen Meinungsäußerungen
der .Kritik', die nach feinem Dafürhalten im
Geifte von D. F. Strauß den gefamten Inhalt der Evangelien
zu einem Reflex des nachapoftolifchen Gemeinde-
bewußtfeins ftempeln möchte. Da er nicht viel hält von
.wortklaubender Kleinarbeit' und .armfeliger Pedanterie',
geht er großzügig vor. Thomas fcheidet als Mitbewerber
um die Autorfchaft jenes alten Evangeliums aus, weil
ihm, wenn er der Verfaffer gewefen wäre, nicht die unter
feinem Namen gehenden apokryphen Akten hätten angedichtet
werden können. ,Daß der Verf. jüdifch-paläftinen-
fifchen Urfprungs war, beweift feine .ebionitifche' Schätzung
der Armut; daß er Galiläer war, beweift allein fchon
feine Kenntnis des durch Jefum erweckten Jünglings zu
Nain'. Nur eine verblüffende Genügfamkeit bei der Be-