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Ausgabe:

1923 Nr. 12

Spalte:

249-251

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hänel, Johannes

Titel/Untertitel:

Das Erkennen Gottes bei den Schriftpropheten 1923

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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249

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 12.

250

Erklärung. Den Schluß (S. 157 f.) macht ein Verzeichnis
der Textvarianten.

Die Arbeit ist ordentlich und fleißig, bringt aber
kaum etwas wesentlich Neues und geht gerade auf die
aktuellen Probleme fast gar nicht ein.

Die Gründe zur Ansetzung unter Uzzia sind ungenügend. Daß die
Reihenfolge der kleinen Propheten nicht bloß eine chronologische ist,
wie es S. 5 ff. heißt, zeigt doch schon die Vorausnahme von Hosea.
Aber selbst wenn es bei Joel zutrifft, wie ich auch annehme, ist diese
Meinung der Redaktoren des Zwölfprophetenbuches für uns hier so
wenig bindend wie bei Jona und Obadia. — Der Nachweis, daß Arnos
den Joel voraussetze (S. 8 ff.), ist nicht geglückt, lieber Jo. 4,16:
Am. 1,2 kann man verschieden urteilen, ganz abgesehen davon, daß
die Echtheit des Amosverses stark umstritten ist; und die in Am. 5, 18
bekämpfte Hoffnung auf den Jahvetag ist keineswegs gerade an Joel
gebunden. — Mit der Ablehnung nachexilischer Entstehung hat es sich
der Verf. S. 13 ff. etwas zu leicht gemacht. Wenn auch einzelnen
der Argumente von Merx, Scholz und v. Hoonacker — auf die er
allein eingeht — wirkliche Beweiskraft fehlt, so kommt der fundamentale
Unterschied zwischen Joel und den Propheten der assyrischen
Zeit bei ihm nicht zu seinem Rechte. — Weist Schm. gewiß mit Recht
die apokalyptische Deutung von c. 1 f. ab (S. 31 ff.), so will er nur
für c. 1 eine wirkliche Heuschreckenplage annehmen; in c. 2 dagegen
sei der Einfall eines Feindesheeres mit von der Heusehreckenplage hergenommenen
Zügen geschildert (S. 37): schon der enge formale Zusammenhang
verbietet eine solche Zerreißung der beiden Kapitel.

Laut Vorwort war die Schrift schon vor dem Kriege abgeschlossen.
Das entschuldigt einigermaßen die Nichtberücksichtigung der seitdem
erschienenen Literatur: Budde in der Or. Lit. Ztg. 1919, Baumgartner
in der Budde-Festschrift (1920) [von Sellins Einleitung nennt das
Literaturverzeichnis zwar die 3. Aufl. von 1920; daß aber tatsächlich
nur die 2. benützt ist, zeigt S. 5 Anm. 4.]. Es fehlen indessen auch
einige wichtige ältere Bücher: Bewers Joel (im Internat. Crit. Com.
1911), Steuernagels Einleitung (1912), Hölschers Profeten (1914).
Die „vollendete Einheit des Gedankenganges", die außer diesen schon
von Duhm und Rießler bestritten wurde, wird S. 1 wohl behauptet,
aber nirgends nachgewiesen und verteidigt. — Ebensowenig scheint
für Schm. die andere Frage nach dem Zusammenhang von c. 1 f. mit
c. 3 f. zu bestehen, wo er die allerdings verbreitete irrige Meinung
teilt, daß der zweite Teil schon mit 2,18 beginne; 2,18—20 werden
S. 47 gar überschrieben „der Prophet gibt kurz den Inhalt des zweiten
Teils an"! Vielmehr gehören 2,18—27 als Abschluß zum ersten Teil;
c. 3 f. schließen nur sehr lose an, kennen weder den Bußtag noch die
Heuschrecken und spielen ganz in der Endzeit, so daß einem die Herkunft
vom Verfasser von c. 1 f. fraglich werden kann. — Die Gliederung
in Sinnstrophen ist in c. 1 verunglückt, wo v. 2—3, 4, 5 als drei
Strophen zählen, während in Wirklichkeit auf die Einleitung v. 2—4
vier von Schm. allerdings auch nicht erkannte Aufrufe (v. 5—7, 8 bis

10, Ii_12, 13—14) folgen und 1,15—20 als Zusatz zu streichen

sind; vgl. meine Ausführungen in dem genannten Aufsatze, dem
Nowaek, Die kleinen Propheten 3 (1922) zustimmt.

Marburg. W. Baumgartner.

Stoderl, Priv.-Doz. Dr. Wenzel: Zur Echtheitsfrage von Baruch

1—3,8. Münster, W.: Aschendortf 1922 (23 S.) 8® Gz. 0,5.

St rode 1 legt sich kräftig ins Zeug, um die Herkunft des die
1. Hälfte des sogenannten Baruchbuches bildenden Abschnitts 1,1—3,8
(vgl. Schürer, Gesch. des jüd. Volkes III'460ff.) von Baruch dem Freund
und Amanuensis des Profeten Jeremia zu retten. Außer im eigenen Lager
dürfte aber St. keine Freunde für die Einreihung unseres Apocryphums
in die kanonischen Schriften des AT. gewinnen. Nicht Baruch 1,15 ff.
soll von Dan. 9,4 ff. abhängig sein, sondern umgekehrt. Immerhin ist
die Uebersicht über die Anklänge von „Baruch" an andere Schriften
(Jeremia, Daniel) nicht unverdienstlich.
Heidelberg. G. Beer.

Härtel, Priv.-Doz. Lic. Johannes: Das Erkennen Gottes bei den
Schriftpropheten. Stuttgart: W. Kohlhammer 1923. (268 S.)
gr. 8° = Beiträge zur Wissenschaft vom Alten Testament. Hrsg.
v. Rud. Kittel. Neue Folge Heft 4. Gz. 5.

Hänels Buch gilt der Untersuchung der mannigfaltigen
Formen, in denen nach prophetischer Auffassung
ein Erkennen Gottes gewonnen wird. Wohlverstanden
: nur darauf, wie sich die Propheten selber
die Vermittelung der ihnen gewordenen Offenbarung
vorgestellt haben, nicht auf das objektive Faktum geht
sein Absehen (§ 1). Er glaubt dabei 3 Gruppen unterscheiden
zu können. Der ersten gehören die Akte an, in
denen das Erkennen durch Wahrnehmung vermittelt
wird. Zwar ein Wahrnehmen wirklicher Gotteserscheinung
behaupten die Propheten ebensowenig, wie sie

an das Hören wirklicher Gottesrede denken (§ 2. 3);
nur für Urzeit und Endzeit gehört die Theophanie und
die wirkliche Gottesrede zum festen Bestand der prophetischen
Theologie (S. 19. 40). Also nicht die Wirklichkeiten
selbst, nur die Abbilder irgendwelcher Wirklichkeiten
werden, psychologisch vermittelt, wahrgenommen
(S. 42): das ist die halluzinatorische Wahrnehmung
, Vision (§ 4) und Audition (§ 5). Aber
neben das halluzinatorische Wahrnehmen stellt H. noch
ein anderes, das „innere Sehen" (§ 6) und das „innere
Hören" (§ 7). Von Vision und Addition will er nur bei
Hesekiel und Daniel gesprochen wissen (S. 66. 82. 114),
während er z. B. Jes. 6 unter das „innere Sehen" einzureihen
geneigt ist (S. 96 f.). Offenbar aber fällt ihm die
Abgrenzung zwischen Vision (bezw. Audition) und innerem
Sehen (bezw. Hören) nicht leicht, um so weniger,
als er für die geheimnisvollen Erfahrungen der Propheten
den Faktor der Objektivität von vornherein in
Rechnung stellt (S. 42. 84). Als wichtigster Maßstab
zur Bestimmung des visionären Gesichtes dient ihm
„plastische Anschaulichkeit" (S. 56. 78. 95). Freilich
auch bei der inneren Wahrnehmung „wird die Vorstellung
greifbar, Gestalten werden lebendig, Laute vernehmbar
, aber der normale Verlauf der Seelenvorgänge
wird in keiner Weise beeinträchtigt. Man sieht und hört
und vergißt doch nicht, daß Bilder und Stimmen nicht
der Außenwelt entstammen, sondern nur im eigenen
Innern leben" (S. 83 f.). Es ist das Wahrnehmen, das
sich nur innerhalb der Grenzen der Phantasie bewegt,
ohne gleichzeitige Erregung der Sinnesorgane (vgl. S.
256). Neben die Erlebnisse im Wachzustande treten die
selteneren im Halbschlaf („Nachtgesichte" § 8) und im
Schlaf (§ 9).

Die zweite der oben genannten 3 Gruppen bildet
der unmittelbare Offenbarungsempfang, für den das
Zwischenglied der Wahrnehmung ausgeschaltet ist: das
ist die „Eingebung" (§ 10) mit ihrem bald schwächer
bald stärker betonten Moment des Mechanischen und die
Geistbegabung (§ 11), die sich ihrerseits bald mit
dieser bald mit jener Form der Eingebung verbindet; dagegen
wird eine wirkliche Vergottungsmystik („unio
mystica" § 12) von H. für die Schriftpropheten wie
überhaupt für das A. T. mit Recht abgewiesen. — Zur
dritten Gruppe faßt H. die verschiedenen Auffassungen
zusammen, wonach das Erkennen Gottes durch denkende
Betrachtung gegebener Gewißheiten und Erscheinungen
gefunden wird, sei es, daß als Ausgangspunkt das Gesandtenbewußtsein
der Propheten (§ 13) oder das Gesetz!
der sittlichen Weltordnung oder der Glaube an Israels
Erwählung (§ 14) oder das Erfahrungsgebiet des
Lebens, Natur und Geschichte (§ 15), Wunder und
Weissagungserfüllung (§ 16) erscheint, während der
Mantik, sowohl der Kunstmantik (§ 17) als der Natur-
mantik (§ 18) gegenüber die Propheten eine ablehnende
Stellung einnehmen. — Mit einer Beurteilung des Gegenwartswertes
der prophetischen Auffassung (§ 19)
schließt das Werk ab.

Man darf dem Verf. ein tiefes und sorgfältiges
Eindringen in den atl. Stoff nachrühmen. Stellenweise
(z. B. S. 136. 194 f.) wirkt seine Behandlung des Details
vielleicht nur zu breit. Ich möchte aber glauben, daß er an
seine schwierige Aufgabe zu sehr als „doctus unius libri"
hinangetreten sei. Wohl zitiert er wiederholt Martin
Bubers Ekstatische Konfessionen und gelegentlich (S.
85. 122) Ibn Hischäms Leben Muhammeds. Aber die
Heranziehung weiterer Visionsliteratur hätte ihm ohne
Zweifel viel lehrreiches Vergleichungsmaterial liefern
können. Auch fehlt so gut wie jeder Hinweis auf die
religionspsychologische Literatur der Gegenwart. M. E.
ist es H. nicht gelungen, den Unterschied von Vision
i (bezw. Audition) und innerem Sehen (bezw. Hören)
; zu befriedigender Klarheit herauszuarbeiten. Warum z. B.
j soll das verschlossene leibliche Auge Bileams für „inne-
j re" Wahrnehmung im Gegensatz zu „halluzinatorischer"
beweisend sein (S. 87. 101), wenn doch z. B. gerade auch