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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

235-237

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Linderholm, Emanuel

Titel/Untertitel:

Svensk Evangeliebok 1923

Rezensent:

Katz, Peter

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235

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 10/11.

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rung über unsere Aufgaben. Das letzte Wort über „evangelischen
Sozialismus" wird so bald noch nicht gesprochen
werden, aber Ns. Ausführungen sind in ihrer
wissenschaftlichen Haltung, ihrem Weitblick und liebenden
Verständnis, nicht zuletzt in ihrer Vermeidung aller
hochtönenden Phrasen die beste Darstellung, die wir
haben.

Einer kurzen Skizze der „religiös-sozialen" Bewegung
läßt A 11 h a u s eine tief dringende Kritik folgen.
Das schwere Problem, das durch die Bergpredigt gestellt
ist, ist das Verhältnis von „Welt" und „Reich Gottes".
Als „einzige Weltverfassung" ist Liebe nicht denkbar
; eine den Grundsätzen der Liebe entsprechende, aber
auf Zwang begründete Organisation aber bleibt, selbst
wenn sie möglich wäre, „Welt". Damit ist die radikale
Richtung des religiösen Sozialismus als utopisch erwiesen
. Gewiß ist der Christ auch an der „objektiven
Sittlichkeit" der Ordnungen und Zustände interessiert
und kann aus der Auffassung des Menschen und
seiner Bedeutung im Evangelium gewisse Maßstäbe für
sie gewinnen und geltend machen, aber die ethische
Rationalisierung des geschichtlichen Lebens nach menschlichen
Maßstäben der Gerechtigkeit trifft beim wirtschaftlichen
, gesellschaftlichen und politischen Problem
auf die unüberwindbare Irrationalität des Lebens selbst,
die im Deus absconditus wurzelt. Luthers Lösung des
Problems, wie der Christ in der Welt den Gehorsam
gegen Jesus üben könne, hat demgemäß in ihrer großartigen
Geschlossenheit und Spannungshöhe noch heute
befreiende Kraft. Unser Handeln ist ebenso wenig wie
Gottes Handeln auf uns stets ein unmittelbarer Ausdruck
der Liebesgesinnung, vielmehr in seiner Form zumeist
durch gegebene Ordnungen des Wirklichen bestimmt
. Diese Ordnung will in strenger Sachlichkeit und
Selbstlosigkeit, im Gehorsam gegen Gott und als Dienst
an den Menschen vollzogen sein. Grundsätzlich ist diese
innere Haltung trotz aller Spannungen selbst in der Politik
wie im Kriege durchführbar. Diesem Grundgedanken
wie auch den meisten Ausführungen der Abhandlung
stimme ich zu. Aber über das Maß, in dem die ethische
„Rationalisierung" des geschichtlichen Lebens möglich
ist, kann man verschiedenen Sinnes sein; letztlich kann
nur der mit allen Kräften unternommene Versuch einer
solchen Rationalisierung zeigen, wo ihre unüberschreit-
baren Grenzen liegen. Darum haben Stürmer und
Dränger auch ihre gottgegebene Aufgabe. Nicht viel anfangen
kann ich mit dem Gedanken, daß der „Zorn
Gottes" im Zusammenhange mit der übergeschichtlichen
Tat der Menschheit (Sündenfall) die Gescnichte geformt
und in ihren harten Gesetzen Gestalt gewonnen habe
(69); er müßte auch die Natur bereits geformt haben,
womit wir über die biblischen Gedanken weit hinausgehen
, ja ihnen widersprechen würden. Zutreffend ist
nur, daß „Liebe" im vulgären Sinne einziges Prinzip der
Weltschöpfung nicht sein kann. Nicht deutlich gemacht
ist vor allem das Verhältnis der „objektiven Sittlichkeit"
zum „Reiche Gottes"; es kann auch nicht deutlich werden
, solange man Luthers Terminologie festhält. Daß
aber in Jesu Auffassung von der Gottesherrschaft eben
so wie in der ethischen Idee des höchsten Gutes dies
Objektive mit eingeschlossen ist, erscheint mir unzweifelhaft
.

Berlin. Titius.

Linderholm, Emanuel: Svensk Evangeliebok.1 Stockholm:
Svenska Andelsförlaget 1920. (337 S.)

„Die Kirche hat die schwere, aber unabweisliche
Aufgabe, die neugewonnene religiöse Einsicht des Neuprotestantismus
in lebendige Religiosität umzusetzen. —
Die neue Verkündigung und das neue Leben müssen die
gleiche Entscheidung und Bekehrung einschließen, gleichen
Ernst und gleiche Heiligung, gleiche Freude und
Hoffnung, gleiche tiefe Innerlichkeit, gleiche unermücl-

1) Schwedisches Evangelienbuch. Gebete und Bibeltexte
für den öffentlichen Gottesdienst, Schule und Privatandacht.

liehe Neigung, für den Fortgang des Gottesreiches zu
arbeiten, gleichen Eifer um die Seelen. Das Neue in der
Theologie, die neue tiefere Einsicht, die theologische
Vereinfachung kann keine religiöse Macht werden ohne
Vereinigung mit einer Erweckung in des Wortes bester
Bedeutung. Theologisch radikal, aber religiös konservativ
, das ist der Weg der neuen Reformation." Zu
solchen Folgerungen gelangte L., Professor der Kirchen-
geschichte in Uppsala, auf einer freien Zusammenkunft
von Theologen und Laien aus weit getrennten Lagern- zur
Besprechung der religiösen Lage, gegen Kriegsschluß in
seinem Programmvortrag: „Vom Dogma zum Evangelium
" (Det andliga nutidsläget och kyrkan, I, 89—142).
Durch das vorliegende Evangeliar beginnt er seine Forderungen
in die Tat umzusetzen und ihre Ergebnisse
der Gemeinde zur Benutzung anzutragen.

1. gibt L. für jeden Sonn- und Festtag des (schwed.-luth.)
Kirchenjahrs ausgedruckte Lektionen und Perikopen in 3 Jahrgängen;
„Profetia" und „Psalm" für alle Jahrgänge gleich; alsdann in drei
Jahresreihen je ein „Evangelium" und eine „Epistel". Die Namen bezeichnen
den Charakter der Lesung, nicht stets die Herkunft des
Textes, so finden wir einmal Rom. 6, 1—4 als „Evangelium", und
die Sonntage, die alle Texte demselben bibl. Buch entnehmen,
fehlen nicht. Es scheint Prof. u. Ps. die Stelle der bisherigen Epistcl-
lektion, Ev. u. Ep. die der Evangelienlektion vertreten zu sollen. Für
Charfreitag finden wir, nach Prof. u. Ps., als „Ev." eine Leidensgeschichte
aus den 4 Ev. in 4 Akten (abweichend gestaltet von der
öaktigen Leidensgeschichte des eingeführten Kirchenbuches, die sich
der württembergischen vergleichen läßt), unterbrochen von namhaft gemachten
Gesangbuchversen, also einen „liturgischen" Gottesdienst, alsdann
Mk. 10,45 als „Messetext" (Högmässotext), endlich eine Epistel.
Für die übrigen Charwochentage wie für Weihnachten, Ostern, Pfingsten
fehlen die 2. u. 3. Textreihen und ist für „freie Predigttexte"
Raum gelassen. Diese etwa 600 Texte sollen der Gemeinde einen
Begriff vom Reichtunie der Schrift geben, das Ganze beherrscht sein
von der Reichgottesidee des Evangeliums oder der Gottesherrschaft
unter den Menschen als dem Kerngedanken in Jesu eigner Verkündigung
. Klar für die Gemeinde heraustreten sollen: „1. Hauptgang und
Hauptfacta der atl. Offenbarung als der notwendigen Vorbereitung auf
das Evangelium; 2. das Wesentlichste aus Jesu Leben und Evangelium
von Gott und Gottes Reich; 3. das apostolische Evangelium
von Jesu als Christo in seiner innern Entwicklung und seinem historischen
Zusammenhang; 4. endlich eine zusammenhängende Darstellung
vom Werke des Geistes in der apostolischen Zeit zur Grundlegung der
Kirche — alte, nie verwirklichte Forderungen der prakt. Theologie."
Die Texte eines Sonntags sollen — alle homiletisch anwendbar, alle
in sich ausdrucksvoll — zusammenstimmen und den Gang der Offenbarungsgeschichte
oder der religiösen Entwicklung abspiegeln. Darum
der Weg über Profetie und Psalm zu Evangelium und Epistel in dieser
Reihenfolge.

2. Der Leitgedanke bestimmt alle Teile des Kirchenjahrs; der
einzelne Tag erhält seinen Inhalt aus seinem Platz im Kirchenjahr.
Anstelle des Täufers, der anachronistisch vor Weihnachten erscheine,
ist die Vorbereitung des neuen im alten Bunde in die Adventszeit verlegt
; der Anachronismus, der die apostolische Verkündigung von
Christo in der Osterzeit, also vor Pfingsten, bringt, aber anerkannt und
ertragen. Man werde sich ja mit einer annähernden Ausgleichung
der Leitidee und des Kirchenjahres gern zufrieden erklären. Wie die
Weihnachtszeit von Jesu, die Osterzeit von Christo handle, müsse eine
eigne Pfingstzeit notwendig vom Werke des Geistes handeln, und so
ergreift Verf. willkommne Gelegenheit, die Trinitatiszeit zu verkürzen
und 6 Sonntage nach Pfingsten einzuschalten, eine, wie er hofft;
„nicht allzustörende Aenderung im Kirchenjahr". So ergibt sich folgende
Gliederung: A. 1. Halbjahr: Die Offenbarung des Gottesreichs
. I. Adventszeit: Offenbarung des Gottesreichs und Christi Verkündigung
. II. Wcihnachts- und Osterzeit: Jesu Leben und Werk.
1. Von Weihn. bis Ostern: Jesu Evangelium von Gott und Gottes
Reich. 2. Osterzeit: Das apostolische Evangelium von Jesu als Christo.
III. Pfingstzeit: Des Geistes Werk zur Grundlegung der Kirche.
B. 2. Halbjahr: Dreifaltigkeitszeit: Ordnung und Vollendung des Gottesreiches
.

3. wird jedes Sonntagsformular eingeleitet durch eine zum Gedankengang
des Ganzen passende neuverfaßte Kollekte. Auch hier gibt
der Vortrag das Programm: „Die Christusanbetung, der Jesuskult in
Gebet und Gottesdienst muß fallen. Gebet und Anbetung müssen an
Gott allein gerichtet werden, und damit muß ernst gemacht werden."
Das Vorwort läßt sich, im Anschluß an die durch E. Ranke eingeleiteten
Forschungen, darüber aus, daß die alten in Schweden sehr hochgeschätzten
Kollekten weder durch ihren relig. Wert noch durch die über-

2) Ein Hinweis auf diese Tagung und eine grundsätzliche Stellungnahme
aus dem Munde des Vorsitzenden bei N. Söderblom, „Zur
religiösen Frage der Gegenwart", Leipzig, 1921, auf S. 18.