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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

234-235

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Althaus, Paul

Titel/Untertitel:

Religiöser Sozialismus. Grundfragen der christlichen Sozialethik 1923

Rezensent:

Titius, Arthur

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233

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 10/11.

234

Prlngle-Pattlson, Prof. A. Seth, L. L. D., D. C. L.: The Idea

of Immortality. The Gifford Lectures delivered In the University
of Edinburgh in the vear 1922. Oxford: Clarendon Press 1922.
(XII, 210 S.) 8°

I. Primitive Ideas of the sout and the after-life. — II. The He-
brewt and the Greeks: a parallel development. — III. Pre-existence
and immortality in Plato. — IV. u. V. Mind and body. — VI. Reinkar-
nation and Karma. — VII. Eternal life. — VIII. Eternal life and personal
immortality. — IX. Some arguments reviewed. — X. Conclusions.

Das Buch ist als Ergänzung zu dem Werk des gleichen
Verf.s The ldea of God gedacht, welches ich Th.
L. Z. 1921 Sp. 333 ff. besprochen habe. In einer noch
ausstehenden letzten Reihe will denn der Verf. (S. VIII)
'some other fundamental religiouS ideas' erörtern. Die
allgemeine Weltansicht, von der Verf. ausgeht, ist aus
meinem Bericht a. O. zu ersehen. Es ist ein Idealismus,
welcher zugleich ein höherer Naturalismus sein möchte.
Die Wirklichkeit ist, auf dem Grunde ihrer Verankerung
im Leben Gottes, eine schöpferische Entwicklung zum
Wahren, Guten, Schönen hin; und als das erweist sie
sich gerade auch bei ehrlicher Bejahung der Einsichten
der modernen Biologie. Dem entspricht die Haltung des
neuen Buchs zur Frage nach dem Verhältnis von Leib
und Seele. Der Gedanke einer vom Leibe unterscheidbaren
einfachen substantiellen Seele wird als Rest
des primitiven Animismus abgelehnt, alle Unsterblichkeitsargumente
Piatos erbarmungslos zerpflückt (Lect.
III), und auch der Versuch des Aristoteles, wenigstens den
vovg jcoitirr/.bg von der organischen Bedingtheit auszunehmen
, sowie alle parallelistischen Theorien verneint
, dagegen das Wahrheitsmoment in Hume's Zersetzung
des Seelenbegriffs anerkannt (Lect. IV u. V). Die
Einheit der Seele fällt dem Verf. zusammen mit dem
Zusammenhang aller inneren Erfahrungen, der dazu auffordert
, jede einzelne Erfahrung als ein Element 'in a
growing self-integrating whole' zu verstehen. Dieser
innere Zusammenhang ist ihm zunächst gegeben in der
organischen Geschlossenheit des Leibes, aber — und
nun erfolgt die Wendung zum Idealismus zurück —: eben
das ist der Sinn des Leibes, Medium für das Heranwachsen
eines in sich geschlossenen geistigen Selbst,
einer Persönlichkeit, zu sein. Der idealistische Begriff
der schöpferischen Entwicklung, der alles vom Ziele her
versteht und eine Aetiologie des schöpferischen Moments
im Entwicklungsvorgang für unmöglich hält,
trennt diese Gedanken von jedem Epiphänomenalismus
(Lect. V).

Auf diesen in den ersten fünf Vorlesungen erarbeiteten
wissenschaftlichen Voraussetzungen baut Verf. dann
seine Erörterung des Unsterblichkeitsglaubens. Dabei fallen
ihm alle rein ethischen Argumente und Betrachtungsweisen
dahin. Zu ihnen rechnet er auch die Vorstellungen
der Seelenwanderung und des Karma. Die Kritik an
dieser (Lect. VI) gehört wohl zu den am besten gelungenen
Stücken des Buchs; neben allen zwingenden Einwänden
vom Wesen der Persönlichkeit her wird als Gegenargument
geltend gemacht, daß durch das Karma die
sittliche und religiöse Gemeinschaft, die im Gedanken der
Stellvertretung ihren tiefsten Ausdruck findet, verneint
ist (S. 114 f.). Bleibt dem Verfasser zur Begründung der
Unsterblichkeit allein die religiöse Betrachtung, die sich
ja bei ihm mit der evolutionistischen Metaphysik eng
zusammenschließt. Auch hier macht er Vorbehalte.
'1 cannot agree that the doctrine of immortality is, as
some would make it, the absolutely central article of
a philosophic or religious creed' (S. 181). Das ist vielmehr
der Gedanke des „ewigen Lebens" im Sinne des
Schlusses von Schleiermachers zweiter Rede über die
Religion (S. 135). Zur gleichnishaften Verdeutlichung
dieses Erlebnisses der gegenwärtigen Ewigkeit wird
mehr als einmal das ästhetische Erlebnis herangezogen;
als Zeugen gelten gleichmäßig Paulus, Johannes, Spinoza
. Aber darüber hinaus erwächst dem Verfasser doch
noch — in Anknüpfung an Aeußerungen Spinozas vor
der Abfassung der Ethik — der Gedanke der persönlichen
Unsterblichkeit. Es sind zwei Argumente, die dabei
aus seinen Erörterungen hervortreten. Das eine
wird geltend gemacht in einer Kritik des Gedankens
vom Aufgehen der Seele in Gott (wie er sich z. B. bei
Troeltsch, R.G.G. II 622—631 vertreten finde): es ist
der Sinn und das Ziel der irdischen Entwicklung, daß in
der Gemeinschaft mit Gott das persönliche Leben seine
allerhöchste Intensität und seine einzigartige bestimmte
Formung gewinnt; ein endliches Verschwinden der Persönlichkeit
würde dieser Tendenz widersprechen (vgl.
S. 159—167). Das andre faßt den gleichen Gedanken
mehr positiv. So gewiß das Tiefste in Gott die Liebe ist,
so gewiß stehen die Personen in der Zweckordnung der
Schöpfung über den unpersönlichen geistigen Werten.
Wenn Gott Liebe ist, dann: the value of the finite world
tö the Spirit of the universe must lie, above all eise ...,
in the spirits to whom he has given the capacity to
make themselves in his own image. The spirits them-
selves must be the values to God, not simply the degrees
of intelligence and virtue, abstractly considered, which
they respectively realize (S. 190).

Das Buch ist mit großer, vielleicht zu großer Gelehrsamkeit geschrieben
. Der Leser ist manchmal in Gefahr, den Faden des Zusammenhangs
zu verlieren. Wenn Verf. dann aber einmal zugleich auch
eine Uebersicht über die Stellungen der Philosophen zur Unsterblichkeitsfrage
geben wollte, so hätte er Fichte auch berücksichtigen
sollen. Das verdiente Fichte gerade an diesem Punkte weit mehr, als
der vom Verf. herangezogene Schopenhauer.

Eine Kritik an dem schönen Buche müßte wohl vor allem eines
wünschen: daß schon bei Herausarbeitung des Begriffs der Persönlichkeit
die religiöse Erfahrung herangezogen wäre. Ich bin mit dem
Verf. in der Auflösung des spirituellen Seelenbegriffs ganz einverstanden
. Eben darum aber scheint es mir unmöglich, über eine positivistische
Entwertung und Zerfaserung des persönlichen Lebens anders
hinauszukommen als durch den Gedanken: ,ich bin ein Ich, eine Person,
weil mich Gott (indem er mich ihm verantwortlich macht für mich
selbst) mit Du anredet'. Die übrigen Punkte, an denen ich andre Wege
als der Verf. gehen würde, ergeben sich bei Einfügung dieses Gedankens
von selbst.

Welcher deutsche Philosoph schreibt uns ein Buch
über die Unsterblichkeit, das an Ernst des Gedankens
und Verständnis für das Christentum diesem gleichstünde
?

Güttingen. E. H i r sc h. *»

N i e b e r g a 11, Friedrich : Evangelischer Sozialismus. Tübingen:
J. C. B. Mohr 1920. (IV, 229 S.) gr. 8° Oz. 3; geb. 6.

Althaus, D. Paul: Religiöser Sozialismus. Grundfragen der
christlichen Sozialethik. Gütersloh: C. Bertelsmann 1921. (99S.) 8°==
Stpdien d. apologet. Seminars in Wernigerode, Heft 5. Gz. 1,8.
Niebergall gibt eine an eignen Gedanken reiche
Darstellung der Probleme des „evangelischen Sozialismus
", die zugleich über die neueren Arbeiten auf diesem
Gebiete nahezu erschöpfend orientiert (Wendlands Sozialethik
ist noch nicht verwertet) und mit Lesefrüchten fast
allzusehr belastet ist. Nach einleitenden Ausführungen
über Christentum und soziales Leben wird die geschichtliche
Entwicklung der „sozialen Frage" und ihrer christlichen
Beantwortung gründlich dargelegt und es werden
dann die gegenwärtigen Aufgaben besprochen. Sehe ich
recht, so trägt die Schrift in manchen Zügen den Stempel
einer Situation, die nicht mehr ganz die unsrige ist.
Denn daß das Gericht über den Kapitalismus bereits gesprochen
ist (S. 42), oder daß die „kommende Lösung"
I stark sozialistisch sein wird (188), werden wir heute
nicht mehr mit gleicher Zuversicht behaupten, der Kirchenaustrittsbewegung
nicht mehr mit gleicher Beklemmung
gegenüberstehn. Auch zu der starken Resignation
des kleinen Häufleins religiöser Individualisten, die bei
N. aus genannten Gründen überall hervortritt, kann ich
mich nicht bekennen; es mag hieran liegen, daß dem
Buche bei aller Feinheit Stärke und Durchschlagskraft
fehlen; um so mehr ist die umsichtige und sorgfältige
Diskussion aller einschlägigen Probleme anzuerkennen;
besonders hebe ich die geschichtlich-psychologische Analyse
des Kapitalismus und das sorgfältig ausgearbeitete
Bild des Proletariats hervor; letzterem wäre eine Beeinflussung
durch Naumanns gemütvolle Skizzen bekömmlich
gewesen. Viel Originales enthält auch die Ausfüh-