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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

227-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Karl

Titel/Untertitel:

Zur Einführung in die Gedanken Luthers 1923

Rezensent:

Schmidt, Fr. W.

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Seite 1

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227

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 10/11.

228

Der neue Band bringt eine der derbsten, aber auch
anschaulichsten, verhältnismäßig bestkomponierten und
kulturgeschichtlich wichtigsten Satiren des großen Franziskaners
, der hier (im Jahre 1515!) sich natürlich nicht
konfessionalistisch-polemisch betätigt, sondern gegen die
„verdorbene Kirchenzeit" i. a. und in dem glänzenden
Schlußkapitel gegen die unbestrittene Herrschaft des
Esels in allen möglichen hohen Kirchen- und Staats-
ämtern, auf den hohen Schulen usw. zu Felde zieht.
Daß er dabei die Mönche und auch seinen eigenen
Orden nicht schont, ist um so verständlicher, als man
ihn kurz vorher als Guardian zu Straßburg abgesetzt und
ihm auch schriftstellerisch durch Zensurscherereien das
Leben verbittert hatte. Der Herausgeber B. geht diesen
für die Entstehungsgeschichte der Satire so wichtigen
Dingen nach und erklärt die sehr starken Ueberein-
stimmungen der M. v. S. mit Teilen der „Gäuchmatt" aus
der Benutzung einer ersten Rohschrift dieser Dichtung,
deren Drucklegung ihm ja damals verwehrt war. Er geht
weiterhin der inneren Geschichte der Dichtung nach, verfolgt
in großen Zügen das Mühlenmotiv innerhalb der
allegoristischen Literatur und knüpft Murners Werkchen
unmittelbar an das Symbol der „Hostienmühle" an, das
etwa Zwingli für die Erneuerung der Wohltat des
Opfertodes Christi beim Abendmahl verwendet hat. Auf
einem Bilde des Berner St. Vinzenzen-Münsters, das
Murner bekannt gewesen sein muß und ihn stark beeinflußt
haben dürfte, leitet der Papst als Nachfolger
Christi den Born des Gotteswortes auf das Mühlenrad.
Solche bildliche Darstellung konnte Murner um so
stärker beeinflussen, als er selbst bildkünstlerisch begabt
war und, wie B. nachweist, die Holzschnitte seiner Satire
selbst komponiert hat. Freilich hat er das Mühlenmotiv
nur ganz allgemein benutzt; für ihn steht im Vordergrunde
die Gestalt der Müllerin, nach volksmäßiger Anschauung
der typischen Buhlerin, während der Müller
als Schelm stark zurücktritt. Dabei geben die verschiedenen
Verrichtungen des Müllers eine Art mimischer
Einkleidung her, ohne daß die sachlichen und die sittlichen
Motive immer rein ineinander aufgingen. Trotz
aller Gewaltsamkeit ist die Komposition für die Verhältnisse
des 16. Jahrhunderts noch straff genug und jedenfalls
einheitlicher als in Murners „Narrenbeschwörung"
und „Schelmenzunft", die einfach in zusammenhanglose
Predigtstücke zerfallen. B. geht auf die Metrik und
den Stil des Buches (besonders seine reiche, auch an
Problemen reiche Sprichwörtlichkeit) ein, kommt ausführlich
auf die Holzschnittkunst der Straßburger Buchillustration
zu sprechen und umreißt die Nachgeschichte
der kleinen Dichtung, von der er die erste kritische Ausgabe
geliefert hat. Die philologischen Grundsätze seiner
Textgestaltung weichen von denen Merkers beim
„Lutherischen Narren" erheblich ab: er gibt kein genaues
Bild der gedruckten Vorlage, sondern sucht über
die Willkürlichkeiten der Offizin zu Murners eigener,
im wesentlichen elsässicher Sprachform vorzudringen.
Daß damit eine gewisse Unsicherheit in die Textgestalt
hineinkommt, läßt sich nicht leugnen, kann aber an
dieser Stelle nicht näher erörtert werden. Wir verweisen
noch auf die erstaunliche sachliche (kultur- und
religionsgeschichtliche), sprachliche und literarische
(besonders volkskundliche) Gelehrsamkeit, die in dem
ausgiebigen Kommentar vorgetragen wird, während bloße
Worterläuterüngen in das Glossar gedrängt sind, das mit
Rücksicht auf Nicht-Germanisten noch etwas ausführlicher
hätte ausfallen dürfen.

Hamburg. Robert Petsch.

Stange, Prof. D. Karl: Zur Einführung in die Gedanken Luthers.

Gütersloh: C. Bertelsmann 1921. (25 S.) 8" Gz. 0,5.

Das kleine Heft gibt in kürzester Fassung die Paragraphen wieder,
die Verf. seinen Lutherübungen mit Studenten zugrunde legt. Aus ihr
spricht mit voller Absicht (s. Vorwort) der Systematiker, dem es weder
darauf ankommt, den „ganzen" Luther zu tradieren, noch ein deutliches
Bild seiner historischen Entwickelung zu geben, der vielmehr herausheben
möchte, was an Luthers Gedanken ihm für die Gegenwart

fruchtbar erscheint. Das hat seine Vorzüge, wie seine nicht zu leugnenden
Nachteile. In sieben Kapiteln werden die Anfänge Luthers, sein
Verhältnis zur mittelalterlichen Theologie, die Heilslehre, das Problem
Glaube und Werke, Abendmahl, Wort und Sakrament und endlich die
Prädestination behandelt. Zur Erläuterung der kurzen Paragraphen
sind die einzelnen Lutherstudien Stanges heranzuziehen.

Hallea.S. F. W. Schmidt.

Norvegia Sacra. Jahrg. I. Kristiania: Steenske Forlag 1921.

Seit 1848 hat Dänemark eine Gesellschaft für Kirchengeschichte
, die eine eigene Zeitschrift herausgibt.
Die finnische kirchengeschichtliche Gesellschaft liefert
seit 1895 Beiträge zu Finnlands Kirchengeschichte in
Jahrbüchern und anderen Schriften. Die schwedische
kirchengeschichtliche Vereinigung gibt seit 1900 ein
kirchenhistorisches Jahrbuch heraus. Als letztes der
nordeuropäischen Länder ist Norwegen 1921 mit der
Norvegia sacra gefolgt, einem Jahrbuch, das Vergangenheit
und Gegenwart umfassen soll und durch besondere
Pflege grade der Gegenwart neben den eben genannten
Gesellschaften sich eine eigene Aufgabe gestellt hat. Es
werden hier also neben „Studien, Mitteilungen und neuen
Quellen zur Geschichte der Kirche" auch „Schilderungen
und Beschreibungen der gegenwärtigen Zustände und
Verhältnisse der Kirche" gebracht sowie „Untersuchungen
zur Beleuchtung von aktuellen kirchlichen Fragen". Das
Jahrbuch will eigentliche Kirchengeschichte, Kirchenverfassung
und Kirchenrecht, kirchliche Statistik, Biographie
und Personalgeschichte pflegen, die Geschichte der Theologie
und der religiösen Literatur, das Studium des religiösen
Lebens und seiner Ueberlieferungen, die kirchliche
Kunst und Archäologie, die kirchliche Musik
und Liederdichtung, Christentumsverkündigung und
Seelsorge, Armenpflege und dergleichen mehr. Jeder
Jahrgang soll die Berichte der Bischöfe an das
kgl. Kirchendepartement über die Zustände der norwegischen
Kirche im letzten Jahr veröffentlichen. Herausgegeben
wird Norvegia sacra von der norwegischen
Kirche durch die Bischöfe. Die Redaktion ist einem verantwortlichen
Schriftleiter übertragen, zur Zeit dem bekannten
Kirchenhistoriker Prof. Oluf Kolsrud.

Der erste Jahrgang sucht das reiche Programm zu
veranschaulichen: knappe Schilderungen aus der älteren
Kirchengeschichte Norwegens von Kolsrud und Fr.
Paasche (St. Olavs gjerning und Fra den norröne kristen-
doms aeldste historie), ein ausführlicher und unterrichtender
Aufsatz von Wiers-Jenssen über das liturgische
Schauspiel, eine Festrede von Kolsrud über Hans Egede
in Grönland, die Schilderung der 1842 erfolgten Aufhebung
des Konventikelplakats von 1741 von Slaattelid,
Bemerkungen zur ungedruckten Biographie des 1838
gestorbenen Pfarrers Hans Landstad, die Autobiographie
des geistlichen Liederdichters Magnus Brostrup Landstad,
ein umfassender Aufsatz über das religiöse und kirchliche
Leben im Tromsöer Gebiet, und schließlich die
nicht wenige interessante Einzelheiten bietenden Berichte
der Bischöfe. Des Anregenden und Fördernden ist viel
in diesem ersten Jahrgang enthalten. Die Norvegia sacra
verspricht ein wertvolles kirchengeschichtliches Unternehmen
zu werden.

Ob es aber ihrer Verbreitung förderlich ist, daß die
Aufsätze nicht nur in „dänisch" norwegischer Schriftsprache
, sondern auch im neunorwegiscnen Idiom geschrieben
sind? Wie viele außerhalb Norwegens verstehen
diese neue Schriftsprache? Soll das Jahrbuch auch
über die eigentlichen skandinavischen Kreise hinaus wirken
— und man möchte ihm eine solche Wirkung aufrichtig
wünschen — so dürfte sich wohl empfehlen,
jedenfalls die wichtigeren kirchengeschichtlichen Aufsätze
und" Untersuchungen in der bisher üblich gewesenen
norwegischen Schriftsprache erscheinen zu lassen. Und
ferner: könnte nicht jedem Jahrgang eine Bibliographie
der norwegischen kirchenhistorischen Literatur mitgegeben
werden? Der ausländische Benutzer würde das
mit aufrichtigem Dank begrüßen.
Tübingen. Otto Scheel.