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Ausgabe:

1923

Spalte:

3-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oldenberg, Hermann

Titel/Untertitel:

Das Mahabharata. Seine Entstehung, sein Inhalt, seine Form 1923

Rezensent:

Titius, Arthur

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3

Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 1.

-I

dem wir noch heute arbeiten') um fo ftärker als Zeugnis
für R.'s Bedeutung. — Was R. in der zweiten Periode
feines Lebens, der Göttinger, leiftete, ftellt v. H. unter
den gemeiniamen Gedanken, daß er da ,das Wefen der
chriftlichen Religion an fich und in feiner gefchichtlich-
kirchlichen Plntfältung bis zur Gegenwart zu erfaffen,
alfo das theologifche Problem in feinem ganzen Umfang
und in feiner Einheit zur Klarheit zu bringen' gefucht
habe. In der Tat, das war es, was Ritlchl uns jungen,
meift bei den Konfeffions- oder Vermittlungstheologen
in der Schule gewefenen Theologen zufallen ließ, daß
wir endlich fo etwas wie eine Einheit, ein Ganzes von An-
fchauung vom Chriftentum und feiner Gefchichte fowoh),
wie feinem lebendigen Anfprucb, vor uns auffteigen fahen.
v. H. meint, unter den großen Theologen gäbe es wie
unter den großen Philofophen zwei Haupt typen: ,folche,
die ihre Eigenart an der Kraft haben, mit der fie aus
einem Harken Lebensgefühl heraus alle Erfcheinungen
und Gedanken bis zur complexio oppositorum zu würdigen
und in eine Einheit zu bringen vermögen, und folche,
welche einen imperatorifchen Hauptgedanken erfaffen,
nach ihm alles ordnen und für unwert erklären, was ficb
unter ihn nicht beugen läßt. Jene machen den Zuftän-
den hoffnungslofen Streits oder unfruchtbarer Speziali-
fierung ein Ende; diefe bringen wieder Mark in die
Knochen der Erkenntnis und des Lebens, beftimmen die
Richtung und fchaffen Klarheit. Zu letzteren gehörte
Ritfchl. Das ift ein richtiges Urteil. — Stange hat in
der Sache den gleichen Eindruck wie v. H. Beide haben
dabei ein offenes Auge für den Reichtum der Grundgedanken
, die R. vertrat, ihre Fruchtbarkeit für das Ver-
ftändnis des Evangeliums als folchen und feiner Auswirkung
in der Gefchichte der Kirche. Es hatte etwas
Faszinierendes, wie draftifch, wie konkret anfchai.lich R.
als Syftematiker und Hiftoriker in Einem uns das Chriftentum
, fein Wefen und feine Gegebenheit, Ideal und Empirie
immer zugleich fehen, unterfcheiden, werten ließ.
Das in einer Gedächtnisrede zu fchildern, ift nicht
ganz leicht. Beide Redner tun es in ihrer Weife trefflich
. Ich darf es hier nicht weiter verfolgen wollen, was
fie ausführen. Stange hat ftärker als v. Harnack das
Bedürfnis, auch zur Änfchauung zu bringen, wo Ritfehl
feine Grenze hatte. Er fieht Ritfehl unter dem Einfluß,
mindeftens unter der unbewußten Nachwirkung der deut-
fchen idealiftifchen Philofophie das Evangelium deuten.
Ich glaube, daß er darin nicht unrecht hat. Aber gewirkt
hat er auf uns Junge — von mir darf ich das mit
Beftimmtheit bezeugen — gerade als Befreier von dem
,bloßen' Idealismus. Denn wir fahen, ich fah, fehr rafch
Luther hinter ihm auftauchen, und wir begriffen, daß er
eigentlich nur fich mühte, den uns verftändlich zu
machen und mit deffen Augen die Schrift zu lefen.
Natürlich ift ihm das nicht fchlechthin geglückt
! Denn dafür hatte er zu wenig Vorgänger und
war Luther zu reich, ja auch zu fchwer. Aber man hat
letztlich nicht fo fehr zu betonen, daß R. uns noch viel,
fehr viel zu tun da übrig gelaffen, fondern daß er es ift,
der mehr als irgend einer geholfen hat, endlich Luther
mit hellen Augen zu fehen.
Halle a. S. F. Kattenbufch.

Oldenberg, Hermann: Reden des Buddha, Lehre, Verfe, Erzählungen.
Überfetzt u. eingeleitet. (LVI, 473 S.) gr. 8°. München, Kurt Wolff
1922.

Derfelbe: Das Mahabharata. Seine Entftehung, fein Inhalt, feine
Form. (178 S.) 8". Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1922. Gz. 4.

Hermann Oldenberg überrafcht durch zwei Schriften
von allgemeinftem Intereffe, die fich druckfertig, bezw.
bis auf eine letzte Durchficht druckfertig, in feinem Nachlaß
fanden. In Ergänzung feines ,Buddha' wollen, des
trockenen Lehrtones fatt, die vorliegenden ,Reden' den
Lefer ,an die wundervolle Geftalt des Buddha felbft, an
die urfprünglichen Gedankenkreife, die ältefte Poefie des
Buddhismus fo nah wie irgend möglich heranführen', diefe

Poefie felbft in ihren originalen Zügen und in ihrer altertümlichen
Hülle mit dem ,Erdgeruch jener Wälder und
Kloftergärten, in denen die gelbgewandigen Mönche dem
Nirvana nachtrachteten', wirken laffen. Die Abficht fcheint
in vollem Maße erreicht zu fein. Gewiß ift jede Auswahl
in gewiflem Umfange willkürlich, und jeder wird ein
oder das andere Stück, das ihm befonders charakteriftifch
zu fein fcheint, mit Bedauern vermiffen. Auch fteht felbft-
verftändlich Oldenbergs Gefamtinterpretation Buddhas im
Hintergrunde, obwohl er fich durch die neueren Arbeiten
von O. H. Franke, Beckh u. a. ftark hat anregen laffen.
Aber ohne Zweifel gibt es kein Buch in der Weltliteratur
, durch das man fo mühelos und genußreich an das
Tieffte im buddhiftifchen Erleben herangeführt wird wie
in diefer meifterhaften Auswahl und fjberfetzung von
Reden Buddhas und feiner Jünger. Bis auf einen Anhang
gehören alle aufgenommenen Stücke (im Ganzen
141, von denen aber manche felbft wieder zerftreutes
Material fachlich gruppieren) der füdlichen Überlieferung
an. Sie fchildern i. Leben und Perfon des Buddha 2.,
die Lehre, Weltleiden und Erlöfung, 3. Gemeindeleben
und Gemeindeordnung, die Laien. Damit neben dem
Ernft der Scherz nicht fehle, werden 4. Proben der ausgeladenen
Gefchichtenfammlungen (Jataka) gegeben, unter
denen äfopifche Fabeln und andre Bekannte nicht fehlen.
Abgefehen von wenigen Anmerkungen läßt Oldenberg
die Texte für fich felbft reden. Nur die Zufammen-
ftellung felbft und eine ausführliche Einleitung, in der
über die Gefchichte der Forfchung und über den Wert
der Überlieferung berichtet wird, dienen als Hilfsmittel.
Auf den Inhalt kann hier nicht näher eingegangen werden.
Bemerkt fei nur, daß Buddhas Geftalt grandios heraus-
wächft „. . nicht Brahmane, nicht vom Fürftenftamm . . .
fremd jedem Etwas wandle ich als Weifer . . . fchreite
ich, den Menfchenkindern unberührbar". „Ihn, den Unendlichkeit
Durchfchreiter, den Spurlofen, wie mögt ihr
ihn erfpüren?" (ioofi). ,Glaube ift meine Sonne, ftrenge
Zucht ift Regen, Mein Joch und Pflug ift weisheitsreiches
Wefen ... So tu' als Ackersmann ich meine Arbeit,
Frucht der Unfterblichkeit ift's, was ich ernte' (95).

Meifterhaft ift auch O.'s Analyfe des großen indifchen
Epos. Die erften Anfänge des Heldengedichts gehen,
wie er vermutet, auf die Verherrlichung der Vorfahren
des Königs Janamejaya zurück, fpäter verwuchs es mit
den Intereffen des Brahmanentums und der Krifchna-
Verehrung. Ähnlich fcheint das Ramayana durch den
Wunfeh veranlaßt, das örtliche Fürftenhaus zu feiern. Es
laffen fich auch Refte eines alten profaifch-poetifchen
Mahabharata von fehr altertümlichem Gepräge heraus-
fchälen. Was O. über die Epifoden der großen Dichtung,
über die epifche Sprache und die metrifche Geftalt, fo-
wie über den Stil der Erzählung, d. h. die dichterifche
Geftaltungskraft und deren Grenzen, ausführt, ift literarifch
wie äfthetifch von hohem Reiz. Hier intereffiert befonders
, was über das Verblaffen der alten Götterwelt und
das Hervortreten von Vishnu-Narayana-Krischna fowie
die Bhagavadgita bemerkt wird (belonders 37 fr., 70ff).
In die jüngeren Schichten des Gedichts fpielt auch bereits
die Stva-Verehrung ftark hinein (121 f.). Die Macht
und Begehrlichkeit des Brahmanentums (105 fr.), die as-
ketifchen und ethifchen Ideale und Probleme (z. B. Freiheit
und Schickfal S. 122ff.; die Allgewalt der Kafteiung
118 f.), Weltbild und Naturgefühl, Wunder, Zauber, Fluch
werden eindrucksvoll dargeftellt. Über alle noch fo wichtigen
Einzelheiten hinaus erftreckt fich die Bedeutung
des immer neu fich ergebenden Totaleindrucks: Wo
Wiffen vom Wirklichen vorliegt, kommt man über ungegliederte
, ungeordnete Aufzählung nicht hinaus. Um fo
maffenhafter erfcheint frei Erdichtetes, hineingeftellt in
phantaftifche und unficher bleibende Symmetrien. All-
beherrfchend durchwaltet die Phantafie das grenzenlofe
Chaos diefer Welt, ftaunend und hingenommen bildet fie
es in feiner endlofen Überfülle nach, aber feftgefchloffene