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Ausgabe:

1923 Nr. 9

Spalte:

206-207

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kierkegaard, Sören

Titel/Untertitel:

Am Fuße des Altars. Christliche Reden 1923

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 9.

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tig genug sind. Aus Nr. 22 (an Gaß) ist gerade das Menschliche, der
Bericht über die endgültige Absage Eleonorens (vgl. Briefwechsel mit
Gaß 1852 S. 38f.), gestrichen; überhaupt fehlen damalige Briefe an
Willich und Reimer, die von jenem Ereignis handeln (vgl. Br. Bd. II,
S. 38f.). Oder es ist, merkwürdig genug, in Nr. 20 (an Gaß) aus der
Aussprache über den Arbeitsplan für das kommende Semester die Bitte
um Nachweis neuerer Literatur zum Galaterbr. weggelassen, so daß
der Fortgang (Sie sehen aus diesem Pröbchen ...) unverständlich
wird. Ist die Ausgabe also in usum Delphini gemeint?

Die Anmerkungen, die meist Notizen über die genannten Personen
bringen, sind nützlich, einiger kleiner Schnitzer nicht zu gedenken
. Das Register ist dankenswert. Die Einleitung ist gut gemeint
, aber zu wenig aus völligem Miterleben heraus geschrieben,
darum nicht ohne schiefe Bemerkungen. Wenigstens zwei Behauptungen
daraus dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Wie kommt M.
dazu, in Schleiermacher den Patriotismus erst mit der Niederlage 1806
aus einem allgemeinen Weltbürgertum als ein Neues entstehen zu
lassen? Hier liegt eine Verwechslung mit Fichte vor! Nicht nur wird
in Nr. 34 aus den Monaten vor dem Zusammenbruch ein vaterländisches
Wort geboten: wer die Monologen richtig gelesen hat, der weiß, daß
dort schon der individuelle, in der Nation wurzelnde Staatsgedanke
gefeiert wird. Weiter wird Schi, von M. zu einem fanatischen Anhänger
magnetopathischer Kuren gemacht, die eine sonderbare Ver-
wiirung in seiner klaren Kritik angerichtet haben sollen. Man lese dagegen
die von M. nicht mitgeteilten Briefe an seine Frau und die
Gräfin Voß Br. II S. 348 u.356 nach und frage sich, wo wir es mit
einem einseitig orientierten Biographen zu tun haben. Fast wird man an
den alten Streiter Nicolai erinnert. Dazu stimmt, daß z. B. das Wort
sBr. II S. 399 (die Beziehung auf den einen, der der Mittelpunkt ist
von allem, ist wohl noch heller herausgetreten in uns beiden) hier
nicht wiederkehrt.

Der teilweise vollständigere Abdruck bietet gewiß einzelnes Neue,
das wir gern beachten, z. B. sei noch hingewiesen auf das Wort über
die Bedeutung des Kirchenrechts (Nr. 233). Das Buch mag auch humanen
Zwecken vollauf genügen; vom Menschen Schi, ergibt sich ein
schönes Bild. Besser wenig als nichts. Wir bedürfen aber einer Ausgabe
, die wirklich objektiv ist und auch der wissenschaftlichen Benutzung
zur Grundlage dienen kann.

Münster i. W. G. Wehrung.

Charakterschilderung als Biographie. Doch wird zugleich
die Entstehung der Anstalten in Bethel, ihre Organisation
und Führung anschaulich; auch die übrigen von B.
ins Leben gerufenen Arbeiten finden sachgemäße Schilderung
. Dabei ist immer nur das Wesentliche hervorgehoben
; belastende Einzelheiten bleiben fort. Das
Ganze liest sich ausgezeichnet; und daß der Leser innerlich
bereichert wird, ist schön. Gelegentlich könnte die
Darstellung einmal eine Aenderung vertragen; insbesondre
wäre wohl eine noch straffere Gruppierung des
Stoffs möglich. Aber im Ganzen stimmt die Art der
Schilderung ausgezeichnet zu ihrem Stoff. Man wird
von dem Sohn pietätvolle Bewunderung des Vaters erwarten
; es wäre geradezu unnatürlich, wenn sie fehlte;
aber sie überschreitet nirgends die Grenzen. Freilich
übt der Sohn auch nirgends Kritik, es sei denn, daß
man es Kritik nennen will, wenn er gelegentlich die dem
Wesen des Vaters gesetzten Schranken hervorhebt (S. 227
Beurteilung anderer Personen vgl. S. 220). Man vermißt
sie auch nicht; wer hätte B. gegenüber Neigung zur
Kritik?! Aber an einem Punkt hätte sie Raum gehabt.
Aus der Schrift „Wie kämpfen wir siegreich gegen die
Jesuitengefahr?" (1904) sind die harten Urteile über die
kritischen Theologen ohne einschränkende Bemerkung
abgedruckt, obwohl doch klar ist, daß sie gegen Liebe
und Gerechtigkeit verstoßen. Sonst sei noch bemerkt:
S. 212 Z. 10 ist die Jahreszahl verdruckt; S. 417 muß
es statt 1895 (Apostolikumstreit) heißen: 1892; S.
430 ist gesagt, die badische Kirche erkenne die auf der
Theologischen Schule verbrachte Studienzeit „grundsätzlich
in allen Fällen" an. Das ist ein Irrtum, der schon
zu ärgerlichen Weiterungen geführt hat. Baden (das
übrigens 7 Semester, nicht wie Preußen und Hessen
6 Semester Universitätsstudium fordert) hat wohl in einzelnen
Fällen Betheler Semester angerechnet, aber nur
von Fall zu Fall auf dem Weg der Ausnahme; von
grundsätzlicher Anerkennung kann nicht gesprochen wer-

Bodelschwingh. Gustav v : Friedrich von Bodelschwingh. ti" AiT .""««"""'IS K«iavu,c vver-

Leben und Lebenswerk, dargestellt von seinem Sohne. 2. Aufl. Mit 1 den. — Alles in allem: ein herzenswarmes, treffliches

einem Bildnis. Berlin: Furche-Verlag 1923. (XIV, 486 S.) 8°

Oz. 6; geb. 9.

Bodelschwingh ist nun 13 Jahre tot. Wir haben
einige volkstümliche Lebensbeschreibungen des seltenen
Mannes bekommen (Bunke 1910 u. a.). Die Zeitschrift
Beth-El brachte 1919 eigene Lebenserinnerungen aus
den ersten 40 Lebensjahren. E. v. d. Goltz gab in RE
23, 232 ff. einen eindringenden Abriß des Lebens. Eine
Biographie war unbedingt nötig. Ein Sohn schrieb sie
aus einem Herzen voll kindlicher Liebe heraus. Für den
ersten Teil benutzte er jene Aufzeichnungen des Vaters,
sie verkürzend und zusammenfassend. Für den zweiten
Teil verzichtete er, weil unter besonderen Umständen arbeitend
, auf Benutzung des schriftlichen und gedruckten
Materials und beschränkte sich hauptsächlich auf persönliche
Erinnerungen. So wird man nun freilich vergeblich
nach einer Darstellung der breiteren Unter- und
Hintergründe suchen, von denen B.s Werden und Wirken,
sich abhebt. Das mag man bedauern; eine umfassende
Schilderung hätte hohes kirchengeschichtliches Interesse
haben können. Man wird auch nicht finden, was sonst
wohl eine Biographie im tieferen Sinn des Worts bietet:
einen Versuch, die Persönlichkeit, ihre seelische Art,
ihre geistige Entwicklung psychologisch zu verfolgen
und zu ergründen. Es mag sein, daß gerade bei B. wenig,
was weiteren Kreisen unbekannt war, mitzuteilen war;
war er doch ein Mann wie lauter klarer Sonnenschein.
Aber daß über innere Entwicklungsgänge in der Jugend
gar nicht mehr gesagt ist, ist doch schmerzlich. Aber
auch so ist es ein Buch von großem Wert geworden. Es
zeichnet derart aus eigenster Kenntnis und innigster Verbundenheit
heraus, daß der Gegenstand dem Leser lebendig
nahekommt. Man gewinnt den tieffrommen und zugleich
unbedingt natürlichen Mann mit seiner genialen
praktischen Begabung von Herzen lieb und lernt das Geheimnis
seiner Erfolge verstehen: das Herz voll unendlicher
Liebe. Ganze Strecken weit ist das Buch mehr

Buch!

Gießen. M. Schi an.

Kierkegaard, Soren: Ausgewählte Christliche Reden. Aus

dem Dänischen übersetzt von Julie v. Reincke. Mit einem Anhang:
K.s Familie u. Privatleben nach den pers. Erinnerungen seiner
Nichte K. Lund. Nebst einem Bilde K.s u. s. Vaters. 3. Auflage.
Gießen: A. Töpelmann 1923. (128 S.) 8" Gz. 2,5; geb. 4^

Ders.: Am FuBe des Allars. Christliche Reden. Uebertragung und
Nachwort von Theodor Haecker. München: C. H. Beck (VII 87 S)
■d-8« Gz. 1,6.

Ders. : Der Pfahl im Fleisch. Uebersetzt u. m. Vorwort, von Theodor
Haecker. 2. Aufl. Innsbruck: Brenner-Verlag 1922. (58 S.) kl. 8°

Gz. —,80.

Ders.: Die Krlsis und eine Krisis im Leben einer Schauspielerin.

Mit Tagebuchaufzeichnungen des Verfassers. Uebersetzt von Theodor
Haecker. Ebd. 1922. (57 S.) kl. 8° Gz. .^go.

Um die wissenschaftliche Benutzung zu erleichtern, gebe ich zunächst
, eine Unterlassung der Herausgeber gutmachend , genau an.
woher die übersetzten Stücke genommen sind. Die „Ausgewählten
Christlichen Reden" sind eine nicht vollendete Uebersetzung der von
K. 1848 herausgegebenen umfangreichen Sammlung Christelige Taler
(Samlede Vaerker, ed. Drachmann Heiberg Lange 1901 ff. Bd X 1 ff)
Dabei ist „Heidnisches Sorgen" Uebersetzung der ersten Abteilung,
„Stimmungen im Leidenskampf" der ersten Hälfte der zweiten Abteilung
. Die zweite Hälfte der zweiten Abteilung sowie die übrigen
Abteilungen fehlen. Die Uebersetzung stammt aus einem Nachlaß
Wäre es nicht naheliegend gewesen, die Arbeit wenigstens bis
zum Schluß der zweiten- Abteilung weiter zu führen ? — „Am
Fuße des Altars" ist vom Verfasser als Titel einer von ihm selbst
gemachten Zusammenstellung erkoren. Es sind aufgenommen: To Taler
ved Altargangen om Fredagen 1851 (S. V. XII 261 ff.), En opbyggelig
Tale 1850 (S. V. XII 241 ff.) und aus Ypperpraesten Totderen Synde-
rinnen 1849 die Rede über die Sünderin (S. V. XI 271 ff.). — Der
„Pfahl im Fleisch" ist eine der Fire opbyggelige Taler 1844 (S. V
V75ff ). — Die Schrift über die Schauspielerin sind S.V.X 319 ff. aus
Faedrelandet 1848 wieder abgedruckte Feuilletons, zusammen mit den
dazu gehörenden gleichzeitigen Tagebuchaufzeichnungen. — Von den
Christelige Taler 1848 ist die dritte und z. T. auch die vierte Abteilung
kennen zu lernen in den „Zwölf Reden", die A. Berthold 1886 in
2. Aufl. in elender Bearbeitung herausgegeben hat. Von dem gleicher.