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Ausgabe:

1923 Nr. 8

Spalte:

189-191

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hölscher, Gustav

Titel/Untertitel:

Geschichte der israelitischen und jüdischen Religion 1923

Rezensent:

Schmidt, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 8.

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Verlauf des Kampfes aber gestaltet sich — man wird an
Ed. von Hartmann erinnert — mit unentrinnbarer Notwendigkeit
so, daß die „Bürgerlichkeit", will sagen, das
bewußte Leben sich zunächst bis zu einem unüberbietbaren
Höhepunkt empor entwickelt, um dann desto
sicherer in den Abgrund, das Chaos, das Nirväna zurückzusinken
. Wir befinden uns gegenwärtig, bei dem
Neuerwachen und Erstarken der Religion, auf der absteigenden
Linie: in diesem Sinn wird die Religion als
eine „Niedergangserscheinung", als ein „Produkt der
Dekadenz" bezeichnet. Etappen auf dem noch zurückzulegenden
Wege sind zunächst der „Sozialismus", dann
aber erst recht der „desorganisierende" „Anarchismus",
der „einen weiteren Schritt auf dem Wege zum Chaos,
das heißt, zur Religion bedeutet".

Genug und übergenug vom Inhalt des Buchs! Das
unter möglichst engem Anschluß an den Wortlaut Mitgeteilte
läßt mit hinreichender Deutlichkeit erkennen,
daß hier Wechselbalge untergeschoben und in geist-
reichelnden, aber trügerischen Formen ein Spiel mit
Worten getrieben wird. Was etwas geschmacklos „Bürgerlichkeit
" genannt wird, soll nichts anderes sein als
verweltlichtes Christentum, mit dem speziell das Luthertum
gemeint ist, ist aber nicht einmal eine Karikatur
davon. Was als Religion, speziell als die Religion hingestellt
wird, ist weiter nichts als orientalische, ja, buddhistische
Mystik. Wäre nun diese Identifikation von
Christentum und Buddhismus richtig, so wäre am Ende
gegen die daraus abgeleiteten Folgerungen nicht allzuviel
zu erinnern. Höchstens, daß eine so gehässige und
im Grunde „aktivistische" Polemik gegen alles Bestehende
, wie sie getrieben wird, schwerlich im Sinne des
milden „Erleuchteten" selbst wäre. Jene Identifikation
trifft jedoch schlechterdings nicht zu: darüber ist kein
weiteres Wort zu verlieren. Man denke: Jesus ein
„Nihilist" und das Reich Gottes das Nirväna!

Insoweit ist das, im ganzen glänzend geschriebene
Buch völlig wertlos. Zum Schluß aber doch noch eines!
Dem aufmerksamen Beobachter kann es nicht entgehen,
daß in der heutigen Theologie hier und dort Gedankengänge
zu Tage treten, die mit den von Fiedler vorgetragenen
eine frappante Aehnlichkeit haben. Man befürwortet
gleichfalls je und je innerhalb der modernen
Theologie die Ergänzung der christlichen Religiosität
durch orientalische Mystik, durch indische oder durch
diejenige Lao-tses; man überspannt wohl auch den Gegensatz
zwischen Gott und Welt bis zu einem absoluten.
Man verurteilt die Kultur als solche. Man spricht mit
Geringschätzung von der Wissenschaft, insbesondere der
theologischen. Man empfiehlt als das rechte Verhalten
Passivität und geduldig ergebenes Abwarten des Zukünftigen
. Angesichts der Art und Weise, wie solche
und verwandte Anschauungen in der vorliegenden Schrift
ausgebildet und zugespitzt werden, könnte diese doch zu
etwas nütze sein. Sie kann als ein warnendes Fanal dienen
, als eine Mahnung zur Selbstbesinnung und Klärung,
mindestens als ein Anlaß zu sorgfältigerer Abgrenzung
eingenommener Positionen gegenüber einer Religiosität,
die nun einmal die christlich-protestantische nicht ist.
Gießen. E. W. Mayer (Straßburg).

Macintosh, Prof. Dr. Douglas Clyde : Theology as an empirical
SCience. New York, Macmillan 1920 (XVI, 270 S.) 2 $.

Der Wert dieses Buches beruht hauptsächlich auf
den methodologischen Erörterungen des einleitenden und
grundlegenden Teiles. Es handelt sich in ihnen um einen
scharfsinnigen, lehrreichen und die Sache fördernden Versuch
, über das Methodenproblem der Theologie im ganzen
Klarheit zu gewinnen, der in steter Fühlung und Auseinandersetzung
mit der neuesten deutschen Forschung
vorgetragen wird.

Der Titel des Buches wird freilich auf deutsche
Leser leicht irreführend wirken. Denn der Begriff
„empirisch" vvird vom Verfasser nicht im Sinne
unseres wissenschaftstheoretischen Sprachgebrauches genommen
, also nicht nach Analogie einer „empirischen
Psychologie", sondern nach Analogie der im englischamerikanischen
Wissenschaftsbetrieb beliebten Forderung
einer (angeblich) „empirischen Philosophie". Wenn nun
schon dieser letztgenannte Terminus bei Licht besehen
eine contradictio in adjecto bedeutet, so gilt das erst
recht und in erhöhtem Maße für die Forderung einer empirischen
Theologie oder einer Theologie als empirischer
Wissenschaft. Aber das ist ja schließlich nur eine Sache
der Terminologie, auf die letztlich auch der Verfasser
selbst kein entscheidendes Gewicht legt. Was er eigentlich
will, ist die Geltendmachung der religiösen Erfahrung
als methodisch maßgebender Instanz in allen Fragen
religionswissenschaftlicher und theologischer Forschung
. Es ist also die auf die religiöse Grundposition
der Reformation, speziell Luthers, zurückgehende Schleier-
macher-James'sche Problemstellung, die Macintosh in
ihrer Eigenart zu erfassen und in ihrer Bedeutung klarzustellen
versucht. James kommt aber dabei auch für
ihn (wenigstens in der Hauptsache: ganz eindeutig ist
seine Stellungnahme nicht) nur mit dem genannten prinzipiell
-methodischen Ansatz in Betracht, nicht dagegen
mit seiner pragmatistischen Metaphysik und nicht "mit
seiner unhistorisch-geschichtslosen Religionsbetrachtung.

Im übrigen liegt Macintosh daran, methodische
EinheitlichkeitfürdenGesamtbetriebder
theologischen Arbeit zu erreichen. Für diesen
Zweck müsse die über alle theologischen Teildisziplinen
übergreifende dogmatische und systematische Arbeit in
innere Harmonie mit der historischen Forschung gebracht
werden. Denn es sei ein unhaltbarer Zustand, daß zwar
der theologische Geschichtsforscher streng wissenschaftlich
verfahre, der theologische Systematiker aber dogmatisch
oder vielmehr dogmatistisch. Bei diesem Zustand
sei der Historiker nicht mehr Theologe, der Systematiker
aber nicht Mann der Wissenschaft. Das ist gewiß
eine sehr beherzigenswerte Mahnung, die auch für
unsere deutschen Verhältnisse noch in weitem Umfange
zutrifft.

Auf dieser Basis unterscheidet nun Macintosh zunächst
zwei Haupttypen theologischer Methodik. Er bezeichnet
sie als „conservative" und „radical". Nach
Maßgabe seiner Erläuterungen haben wir zu übersetzen:
i 1. traditionalistisch-unselbständige Methoden, 2. wurzelhaft
-selbständige Methoden. Für die ersteren ist —
offener oder versteckter Weise — eine äußere Autorität
ausschlaggebend. Je nachdem, ob diese in der Kirchen-
Jehre, der Heiligen Schrift oder einem einzelnen Kirchenlehrer
besteht, ergeben sich die entsprechenden drei
Untertypen. Den anderen Haupttyp zerlegt M. zuerst in
zwei Untertypen: „rationalistic" und „empirical". Die
rationalistisch-spekulativen Methoden werden aber ebenso
wie die traditionalistischen als unwissenschaftlich abgelehnt
, da sie nicht streng objektiv, sondern mit rationalistischen
Vorurteilen an die zu erforschende Größe die
Religion, herantreten. So bleibt nur die als „empirisch"
bezeichnete Gruppe. Hier bringt M. weitere Unterteilungen
. An erster Stelle nennt er die „mystischen" (der
Mystik angehörenden) Methoden. Den Anspruch auf
streng wissenschaftliche Methodik können naturgemäß
auch sie nicht erheben. Die übrigen bisher bekannten
methodischen Versuche faßt M. unter dem Namen eclec-
tic" zusammen. Im Rahmen dieser Terminologie behandelt
M. außer den Methoden Schleiermachers und
Ritschis, deren Wahrheitsmomente zwar anerkannt, aber
deren Einseitigkeiten ebenso scharf herausgestellt werden
, die rehgionsgeschichtliche und sodann die religionspsychologische
Methode. Was bedeutet für diese Zusammenstellung
der Begriff „eklektisch"? Er soll primär
nur die Abzweckung auf ein methodisches
Prinzip der Auswahl bezeichnen. Aber dann legt
M. doch auch den — im deutschen Sprachgebrauch ja vorherrschenden
— Nebensinn willkürlicher Auswahl mit hinein
. Demgemäß gilt ihm auch die religionspsychologische
Methode noch nicht als wissenschaftlich zureichend. Und
zwar deshalb nicht, weil sie für die „religiöse Hypo-