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Ausgabe:

1923 Nr. 8

Spalte:

181-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Milchsack, Gustav

Titel/Untertitel:

Gesammelte Aufsätze über Buchkunst und Buchdruck, Doppeldrucke, Faustbuch und Faustsage, sowie neue Handschriften von Tischreden Luthers und Dicta Melanchthonis 1923

Rezensent:

Clemen, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 8.

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desten nicht ortsüblich; will man Frauen- und Mädchennamen angeben
, so muß man Anna Meyer-Reinhard sagen. Die Zürcher Täufer
kann man doch schwerlich die „Bolsheviki of the 16. Century" nennen
(S. 154); ebenso ist der Satz übertrieben: „there is not one original
thought in any of Calvins works" (S. 163). Die Reformationsgeschichte
von Skandinavien und Polen ist sehr kurz dargestellt. Nicht
richtig ist die Behauptung S. 507, daß „Päpste thought a plurality of
wives a natural condition"; vgl. W. Rockwell, die Doppelehe des Landgrafen
Ph. v. Hessen S. 291, 302 f., auch kann man Zwingiis Exegese
nicht wohl als conservative bezeichnen (S. 569). Zu dem Cym-
balum mundi (S. 629) vgl. jetzt E. Walser in den Zwingliana 1922.
Die Prophezei im Zürcher Großmünster kann man wohl eine theologische
Fakultät, aber nicht eine university nennen (zu S. 671).
Zürich. w- Köhler.

Ml Ich sack, Gustav: Gesammelte Aufsätze über Buchkunst
und Buchdruck, Doppeldrucke, Faustbuch und Faustsage, sowie
über neue Handschriften von Tischreden Luthers und Dicta Melanch-
thonis. Nach dessen Tode im Druck abgeschlossen von Wilhelm
Brandes und Paul Zimmermann. Wolfenbüttel, J. Zwißler i. Komm.
1922. (302 Sp.) 4°.

Der am 28. Dez. 1919 verstorbene Oberbibliothekar
der Wolfenbütteler Bibliothek hatte um 1911 mit der
Ausführung eines Planes begonnen, der darin bestand,
daß er einige noch ungedruckte Aufsätze und Stoffsammlungen
aus verschiedenen Gebieten gruppenweise zusammenstellen
, abrunden und, vermehrt um ein paar
schon früher in Zeitschriften erschienene Arbeiten, zu
einem drucktechnisch mustergültigen Bande vereinigen
wollte. (Das letztere, um es gleich vorwegzunehmen, ist
nicht gelungen; Papier und Typen sind vorzüglich, aber
das Format ist unpraktisch und Druckfehler nicht selten.)
Um unabhängig zu sein und das Werk nach Belieben und
Muße vorrücken lassen zu können, beschloß M., es auf
eigne Kosten drucken zu lassen. Der Druck ging dann
aber nur langsam und mit großen Unterbrechungen von
statten, und bei seinem Tode lagen von den 19 Bogen,
die der Band jetzt enthält, nur 1—4 und 8—11 fertig
vor. Die beiden nächsten Freunde M.s unternahmen es,
das Werk „in seinem Sinne kurz abzuschließen und herauszubringen
". Diese Entstehungsgeschichte des Bandes
erklärt seinen bunten Inhalt und gewisse Unstimmigkeiten
und Mängel. Die Arbeitsweise M.s — .seine Vielinteressiertheit
und andrerseits die Akribie, mit derer sich
nie genug tun konnte, verschuldeten es, daß er fast immer
verschiedenes neben einander her arbeitete und nur langsam
und selten etwas zum Abschluß brachte —, die hieraus
folgende fragmentarische Beschaffenheit seines Nachlasses
und endlich die eifersüchtige Betonung seiner ververmeintlichen
Prioritätsrechte (in dem unerquicklichen
Streite mit Wilh. Meyer aus Speier über das Faustbuch)
lassen ihn als einen Doppelgänger Nikolaus Müllers erscheinen
. Ich gebe zunächst ein Inhaltsverzeichnis des
Bandes mit Angabe der Entstehungszeit der einzelnen
Aul sätze:

1. Eine kurze Erörterung der Frage, ob die Buchschreiber
des Mittelalters die Randbreiten in den Handschriften
nach einer bestimmten Regel bemessen haben.
Unveränderter Abdruck aus den Verhandlungen der 46.
Vei Sammlung deutscher Philologen und Schulmänner,
Leipzig 1902, S. 174-187.

2. Kunst-Typographie. Fast unveränderter Abdruck
aus dem Archiv für Buchgewerbe 38 (1901), S. 291 ff.
Leider ohne die Abbildungen, auf die im Text verwiesen
wird!

3. Die Kunst des Buchdruckers. 1903 geschrieben.
Leider ohne die Abbildungen!

4. Bucheinzeichnungen Melanchthons. Lückenbüßer.

5. Faustbuch und Faustsage. Anscheinend 1895 begonnen
und 1910—13 abgeschlossen.

6. Tischreden Luthers. Anscheinend 1915 abgeschlossen
.

7. Noch eine Quelle des Faustbuchs. Lückenbüßer.
= oben S. 136—38, versehentlich wiederholt.

8 Doppeldrucke. Dieses Stück, für das M. seit 1880
gesammelt hatte, sollte ursprünglich das Kernstück des
Bandes bilden, doch blieben die bibliographischen Zusammenstellungen
Fragmente und mußten vom Abdruck
ausgeschlossen werden.

Alle diese Aufsätze haben für den Theologen mehr oder weniger
Interesse.

Die Uebcrschrift des 1. Aufsatzes paßt nicht recht, da die das
Thema bildende Frage nur zum Schluß gestreift wird. Richtiger wäre
er etwa betitelt: Zur Aestbetik der mittelalterlichen Kalligraphie und der
Inkunabeltypographie. Wichtig der Nachweis, daß die „heutigestags
in unsern Zeitungen und in mindestens 60 o/0 aller in Deutschland gedruckter
Bücher" verwandte Schwabacher zuerst 1525 bei Wolf gang
Köpfcl in Straßburg begegnet.

Eher paßte die Ueberschrift des 1. Aufsatzes zum 2. Denn hier
liegt der Schwerpunkt in dem Nachweis, daß Gutenberg und Genossen
die mittelalterlichen Handschriften nachahmen wollten; hier wie dort
stehen die Kolumnen nicht in der Mitte der Seiten, sondern die Randbreiten
wachsen vom Bundsteg zum Kopfsteg, vom K. zum Seitensteg,
vom S. zum Fußsteg; zwei gegenüberliegende Seiten bilden somit die
beiden Hälften eines Ganzen, wie zwei aufgeklappte Muschelschalen.
Aus dem von ihm entdeckten Formatgesetz der mittelalterlichen Schreibkünstler
hat M. ein Formatgesetz entwickelt, „das 1. in seiner Wirkung
jenem ursprünglichen möglichst nah kommt und 2. für moderne
Bücher jeder Art und Ausstattungsweise sich eignet und 3. von jedem
Buchdrucker leicht behalten und angewendet werden kann".

Der 3. Aufsatz wendet sich gegen die von dem Direktor der
Bibliothek des Berliner Kunstgewerbemuseums Jessen wissenschaftlich
begründete Reform in der Buchausstattung, die nach M. den Fehler
macht, das dekorative Prinzip aus der Kunstindustrie mit seinen heterogenen
Motiven und Tendenzen in das Innere des Buchs zu übertragen.
Wichtig u. a. der Nachweis, daß die frühesten „Holzschnitte in Umrissen
" bestimmt waren, ausgemalt zu werden, sodaß die Entwicklung zu
malerischer Wirkung (Dürer, Schongauer, Holbein) nicht als „Verfall
der Buchkunst" bezeichnet werden darf.

Im 4. Stück mußten die Parallelen zu der Buchinschrift über
Joh. 14, 23 so angegeben werden: CR VI 137. 306. VII 158. 1166—6S.

Im 5. Aufsatz verficht M. seine bekannte These, daß das Faustbuch
von 1587 nicht eine Sammlung von Faustsagen, sondern ein Roman
sei, den ein Gnesiolutheraner in der Zeit des endgültigen Sieges
seiner Partei über die Philippisten verfaßt habe, um die Gegenpartei in
ihrem Haupte Melanchthon unter der Maske des Zauberers Faust
satirisch zu treffen. Richtig daran ist m. M. nur, daß das Faustbuch
eine dichterische Komposition ist, daß eine durch das Ganze hindurchgehende
Idee zu erkennen ist (doch hat der Verf. oft den Faden verloren
!) und daß es von einem Lutheraner strenger Observanz geschrieben
ist. Was M. darüber hinaus über die Tendenz dieses „Romans" orakelt,
hängt in der Luft.

Am direktesten geht natürlich das 6. Stück „Tischreden Luthers"
den Theologen an. Nur leidet gerade dieser Aufsatz am meisten unter
dem Uebelstand, daß er in dem Augenblick, da er ans Licht tritt, veraltet
und überholt ist. Er ist nämlich verfaßt, nachdem erst die ersten
3 Bände der öbändigen Ausgabe der Tischreden Luthers in der Weimarer
Ausgabe von Kroker erschienen waren. Die Herausgeber hätten
bei der Fertigmachung des Manuskripts ihres verstorbenen Freundes
auch die Bände 4—6 heranziehen müssen. Dann hätten sie nicht nur
fast Nr. für Nr. auf Kroker verweisen, sondern auch sich den Abdruck
sehr vieler Dicta Luthers ersparen können, die schon Kroker in einwandfreiem
Text mit vielen Varianten und Anmerkungen gebracht hat.
Auch darauf hätten sie aufmerksam machen müssen, daß nicht wenige
der von M. angeführten Dicta Luthers Dubletten sind, z. B. 82 = 289 =
Kroker 4 Nr. 5181 + 82. 96 = 337, 343 = 469. Zuerst berichtet M. über
Hs. 722 Heimst, mit über 200 Tischreden Luthers von der Hand Joh.
Aurifabers. Gewiß fällt von hier aus Licht auf die Quellen und die
Sammler- und Redaktortätigkeit Aurifabers (vgl. neuerdings auch die
Abhandlung von Joh. Haußleiter im Archiv f. Reformationsgesch. 19
über die Gothaer Hs. A. 402, die Aurifaber benutzt und Hieronymus
Besold zusammengestellt hat). Leider hat aber M. genauere Untersuchungen
in dieser Richtung unterlassen.. Von den Lutherbriefen die
die Hs. enthält, scheint er den „an Js. Scrinarius, 1539, feria secunda
post conversionem Pauli", für bei Enders fehlend zu halten. Er ist aber
=s E. 12 Nr. 2676. Die dann folgenden Tischreden Luthers
stehen fast sämtlich bei Kroker: 4 Nr. 5163; 5174- 5 5237 u 39- 4 4899'
5, 5358b; 4, 4887; 4948; 4980; 4997; 4996; 5000; 5,5335; 4*5081
5148, 5, 5203; 5195; 4, 5164; 5, 5232b; 5252- 5240; 34=5, 5356a
u. s. w. Es folgen Tischreden Luthers und Dicta Melanchthons aus einer
in Hs. 64. 32 Extr. 2° vorliegenden Sammlung eines Hieronymus
Cöler aus Nürnberg, die er 1560—62 in Wittenberg begonnen und dann
I in Nürnberg, Ingolstadt, Tübingen usw. bis 1600 fortgesetzt hat. Zu den
Dicta Melanchthons hat M. außer auf Lösche, Analecta Luth. et Mel.
wenigstens noch auf CR 20, 519—608 verwiesen (der Sammler heißt
nicht Wericus, sondern Ulricus Vendenhaimer). Endlich excerpiert
M. Dicta Luthers und Melanchthons und einige andere Witten-
bergensia aus Hs. 1169 Heimst., Aufzeichnungen des am 31. Mai 1558
in Wittenberg immatrikulierten Werner Rolefinck aus Münster aus
Kollegs Melanchthons. Aus Aeußerungen Luthers, die Rolefinck als
| durch Melanchthon ihm vermittelt bezeichnet, schließt M„ daß dadurch