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Ausgabe:

1922

Spalte:

152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kasteren, Joh. Peter van

Titel/Untertitel:

Wie Jesus predigte 1922

Rezensent:

Windisch, Hans

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 7.

Es kommt T. in diefer Arbeit über das HL nicht
auf literargefchichtliche Hypothefen, iondern aufErfaffung
des Sinnes des Ganzen an: kann man fich die hohe äfthetifch-
fittliche Beurteilung, wie fie fchon Herder dem HL an-
gedeihen ließ, zu eigen machen, oder muß man, mit Haupt
(,Biblifche Liebeslieder', I907) der Meinung fein, daß ,hier
gemeiner und unkeufcher Sinnlichkeit das Wort geredet
ift'? T. will, um das — feines Erachtens in der erfteren
Richtung zu fuchende —Rechte finden, den nicht geteilten
und nahezu Ibis auf rfibnJM ftatt nib'lSz? 5 16 und den
Verzicht auf Überfetzung 6, 12 7,6) nicht geänderten Text
felbft reden laffen.

Auch gegenüber der Co gern geübten Berufung auf das Arabifche
warnt T. zur dringendften Vorficht, vor allem da, wo es fich um vermeintliche
Analogien aus der vulgären arabifchen Poefie handelt (,heutige
arabifche Volkspoefie und bibiifche Dichtungen find inkommenfurable
Größen', S. 8).

Es folgt die Überfetzung; die hinzugefügten Anmerkungen
wollen die äfthetifche Rechtfertigung einzelner
Übertragungen liefern; außerdem bringen fie aber noch
eine Art fittlicher Rechtfertigung fogenannter .Obfzönitäten'.
Nach T. erzeugt der Gefamteindruck eine Stimmung, wie
fie nur die Lyrik reiner Liebe hervorzurufen vermag.
Die .völlige Hingabe' des Weibes ift ,der leibliche Ausdruck
für die Hingabe ihrer Seele'; ,fie führt zur Ehe, wie
fie zwifchen Mann und Weib geftiftet ift'. Gerade hierin
liegt nach T. die ,fittengefchichtliche Bedeutung' des HL,
äußerlich fchon dadurch gekennzeichnet, daß es hier, faft
zum erften Male in Israel, die Frau ift, die im Bekenntnis
der Liebe die Stimme erhebt: ,das Glück, welches in
der auf Grund beiderfeitiger Neigung gefchloffenen Ehe
liegt'; der ,Weg zur Einehe'. Das bedingt auch die ka-
nonifche Würdigkeit des HL. Entfprechend diefer äfthe-
tifch-fittlichen Beurteilung glaubt T. die ,dramatifche Kom-
binationshypothefe' und die ,Liederbündeltheorie' überwunden
zu haben.

Zweifellos ift es an und für fich zu begrüßen, wenn
der ungeänderte Text einmal ganz unbefangen zu Worte
kommt, und man wird T. in der Beurteilung der dadurch
erzeugten einheitlichen .Stimmung' in gewiffem Sinne beipflichten
können. Doch darf das nicht auf Kotten der
Feinheiten des einzelnen gehen; man hat doch ftark den
Eindruck, daß die Momente des Neckifchen und des Glutvollen
der Vereinerleiung zum Opfer fallen und in die
Sphäre des Legitim-Bürgerlichen herabgezogen werden.

Die Deutungen von ic 27 2 l6 7 3 find besonders ,harmlos'. Wenn
v 7, 3«/? ,nur der Ausfchmückung des Bildes1 dienen tollte, müßte es
xb datt bx heißen. iJIHbn g2 mjt ,die mich lehrte' wiederzugeben,
ift fyntaktifch unmöglich.'

Gerade an dem Punkte, wo die äflhetKche zur fittlichen Beurteilung
wird, wird man die ftärkften Fragezeichen machen müffen. Mit
der modernen Problemftellung ,Ehe oder freie Liebe' darf man nicht an
das HL gehen, — in dem es fich doch um Liebe fchlechtweg handelt,
mit einer Marken finnlichen Beimifchung; das wird hier aber als etwas
völlig Natürliches empfunden, — mag es der fittliche Beurteiler
von heute ,gemein' nennen oder nicht. Die ,(ittengefchichtliche' Bedeu-
fung wird nach alledem kaum in der von T. gemeinten Richtung zu
fuchen fein, zumal die Frage der Einehe im AT immer eine praktilche
und keine fituiche ift.

Als wertvod habe ich die Ausführungen S. 8 ff empfunden, die
aus der Beobachtung der ,Natur des Landts' gefloffen find; überhaui t
wird auch depenige, dem das objektiv-ädhetifcbe Urteil des Vf., — das
gilt auch befonders für den .Aufbau' des Ganzen, — zu fehr durch
das fubjektiv-fittliche beftimmt erfcheint, von dem Buche Anregung und
Förderung erfahren.

Berlin. H. W. Hertzberg.

Arenfon, Adolf: Die Kindheits-Gefchichte Jeru. Diebeiden
Jefusknaben. (Wiffenfchaft und Zukunft). (34. S.) 8°.
Stuttgart, Der kommende Tag 1921. M. 6 —

Die Forfchungsmethode Steiners befähigt den Eingeweihten
in die .Akasha-Chronik' hineinzufchauen, d. h.
von der .geiftigen Grundlage' des Kosmos die eingezeichneten
Spuren alles deffen abzulefen, was je von bewußten
Wefenheiten geleiftet worden ift. Da der anthropo-
fophifche Geiftesforfcher dazu feinen gefamten Gedächt-
nisinhalt vorher ausgelöfcht haben muß, fo bilden feine

.Forfchungsergebniffe' z. B. auf dem Gebiete des Lebens
Jefu eine felbftändige Erkenntnisquelle neben den Evangelien
, die oft nur nach jenen Ergebniffen voll verftanden
werden können.

So begreift Joh. 1,45 ff erft der Geiftesforfcher: der weiß, daß Js-
raeliter' der okkulte Name des Myften Nathanael war, durch deffen
Kenntnis Jefus fich ihm als Jnhaber höherer Grade erwies. So find
auch die unvereinbaren Kindheitsgelchichten bei Mt und Lc nur nach
Steiner zu verftehen: es hat eben zwei Elternpaare Jofeph und Maria
gegeben, eins in Bethlehem und eins in Nazareth. Jedes hatte einen
Sohn namens Jefus; dereine, Abkömmling Salomos (Mt 1), war fchon
vorher in vielen Jnkarnationen z. B. als Zarathuftra erfchienen, der von
Nathan (lammende (Lc 3) dagegen vorher noch nicht irdifch verkörpert
und ohne ausgeprägte Jchheit. Ein Jofeph und eine Maria darben
früh. Im zwölften Jahre (Lc 2) fiedelte das Zarathudra Ich aus
dem Leibe des dahinfiechenden falomonifchen Jefusknaben in den des
nathani chen über. Freilich nicht lür immer, denn bei der Taule des
nunmehr einen Jefus verließ es ganz feine Leibeshüllen, damit ,der
Chridus, der Gott felbd' von ihnen Belitz nehmen könnte.

So wird eine Dublette der heiligen Familie erft eingeführt
und dann meuchlings wieder befeitigt. Was
tut's? Steiner avrbc hpa, und Arenfon findet natürlich
auch für folche ,Ergebniffe der okkulten For-
fchung' in den Evangelien nichts als Beftätigung.
Munfter i. W. E. Kloftermann.

KaTteren, Joh. Peter van, S. J.: Wie Jefus predigte. Deutfche Be-
arbeitg. v. Johs. Speidel, S. J. (III, 112 S.) kl. 8". Freiburg i. B.,
Herder 1917. M. 1.80

Eine Sammlung von volkstümlich gehaltenen Auffätzen über Charakter
und Form der Reden und Lehrgefpräche Jefu. Hervorhebung
verdienen die Abfchnitte: Örtliches Kolorit und Aus Natur und Leben
(mit einigen treffenden Beifpielen anfchaulicher Beziehung auf die Natur
Palädinas und die Lebensweife der Juden, darunter eine hübfche Erinnerung
an eine Begegnung mit einem Schafhirten, die der Verf. einmal
in l ntergaliiäa bei Beisan gehabt hat (zur Jlludration von Joh. 10).
Weiier verweife ich noch auf das Kapitel: Vergleich, Gleichnis, Allegorie
, wobei der Vf., wie der Verlagsprofpekt es gefchmackvoll ausdrückt
, den ungläubigen Bibelkritikern (Jülicher, Loisy u. a.) energilch
zu Leibe rückt und zu zeigen verfucht, daß es kritifche Willkür id,
wenn man Jefus die Allegorie abfprechen wollte, das id eine Gleichnisrede
, die neben dem Hauptgedanken noch einige bedcutfame Einzelheiten
aufweid, die mit ausgelegt werden müffen. Hier gebe ich dem
VI. infofern recht, als den formell dilidifchen Bedenken keine durch-
fchlagende Kraft heigemeffen und die leife allegorifierende Parabel
Jefus an und für fich nicht abgefprochen werden kann, daß vielmehr
inhaltliche Schwierigkeiten (vgl. die Weinbergparabel Mc 12,1 ff) den
Ausfchlag geben müffen. Daß die talmudifche Parabel erd nachchrift-
lich fei, wie der Vf. behauptet, um die Einzigartigkeit Jefu möglichd
hell zu beleuchten, fcheint mir unrichtig. Vgl. hierzu jetzt Bultmann,
Gefchichte der fynoptifchen Tradition 101 ff.

Leiden. H. Windifch.

BÜChfel, Päd. Hermann Die SeelTorge Jefu. (82 S.) 8°. Hamburg
, Ag. d. Rauhen Hau es (1917). M. 1.50
Während G. Kittel in feinem Büchlein Jefus als Seelforger' (Zeit-
und Streit ragen d. Glaubens u. f. w. Xt 7, 1917) eine zufammenhän-
gende Dardellung der in dem Charakterbild der Evangelien vorliegenden
feehorgerlichen Mo'ive gibt, findet man bei Büchfei eine Reihe von
praktifch-erbaulichen Vorträgen (gehalten auf einem Forlbildungskurfus
für Brüder und Schweden!, die in der Arbeit an wedtälifchen Ret-
tungshäurern und Erziehungsandalten dehen in denen er die wichtig-
den Grundfätze und Gebiete der feel orgerlichen Tätigkeit Jefu heraushebt
und im Blick auf die religiöfe Erziehungsarbeit der Gegenwart
erläutert: der therapeutifche Giundztig in der Seelforge Jefu (S von
Schäder'fchen Gedanken infpiriert und, wie auch die zwei letz'en Vorträge
, mit beachtenswerter Polemik gegen F. W. Fürfler verwoben, dem
anthropozentrifche Orientierung und religiöfer Subjektivismus voige-
worfen wird), Jefus und die Elenden feines Volkes (wobei fehr dark
die Gefundung des Leibes zurückge choben wird gegen die Rettung
der Seele: das mens sana in corpore sano kein chridlicher Satz!), Jefus
und Jünger das Kreuz Jefu (mit Anfätzen einer pädagogifch pfy-
chologifchen Rechtfeitigung der Sühnlehre) und der lebendige Herr
(in dem die Unterweifung erd Gegenwartskraft erlangt, im Gegenlatz
zu einer, nur von der Vergangenheit lebenden „Friedhofsreligion", wie
fie der Vf. mißverdändlicherweife bei Förder nachzuweifen meint).
Der Standpunkt der Reden id, wie fchon angedeutet, dreng bibelgläu-
big; die Redeweife id frifch und packend.

Leiden. H. Windifch.

Müller, Prof. D. Dr. Nikolaus: Die Inlchriften der jüdilchen
Katakombe am Monteverde zu Rom. Entdeckt u. erklärt
von M., nach des Verfaffers Tode vervollftändigt u.
herausgegeben von Dr. Nikos A. Bees. (Schriften
hrsg. von der Gefellfchaft z. Förderg. der Wiffenfchaft