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Ausgabe:

1922

Spalte:

145-147

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bousset, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Kyrios Christos. Geschichte des Christenglaubens von den Anfängen des Christentums bis Irenaeus. 2., umgearb. Aufl 1922

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack

Herausgegeben von Professor D. Emaniiel Hirsch unter Mitwirkung von

Prof. D. Dr. Wilh. Heitmüller, Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Halbjährlich 25 Mark

Bezugspreife für das Ausland jährlich Fr. 25—; 1 £; $ 5—; holl. Gulden 12—; fkandin. Kr. 18 —

Manufkripte und gelehrte Mitteilungen find ausfchließlich
47. Jahrg. Nr. 7 » ProfeHbrD..Hirsch in Göttinger. Hoher Weg 10 ,u fendon. 8. April 1922

0 Rezenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag.

Bouffet, Kyrios ChriUos (v. Harnack).
Lichnowski, Götter, Könige und Tiere in

Ägypten (Ranke).
Reim pell, Geichichte der babylonifchen und

affyrifchen Kleidung (Greßmann).
Obermann, Der philo ophi'che und religiöfe

Subjektivismus Ghazälis (Greßmann).
Biblifche Zeiifchrift (Windifch).
Die Heilige Schrift des Alten Teftaments (Beer).
Budde, Das Lied Mole's Deut. 32 (Steuernagel 1.
Thilo, Das Hohelied (Hertzberg).
Arenfon,DieKindheits GefchichteJefti(Klofter-

mann).

Kafteren, Wie Jefus predigte (Windifch).
Büchsei, Die Seellörge Jelu (Derf.).
Müller, Die Infchriften der jüdifchen Katakombe

am Monteverde zu Rom (Beer).
The Latin and Irish Lives of Ciarau (Jülicher).
Redeakte bei Erwerbung der akademi'chen Grade

an der Univerfität Leipzig im 15. Jahrhundert

(Clemen).

Martin Luther. Ausgew. Werke (Derf.).
Buchwald, Martin Luther in feinen Tifchreden
(Clemen).

Becker, Clement Marots Pfalmenüberfetzung
(Derf.).

Pfeilfchifter, Die St. Blafianifche Germania

Sacra (Derf.).
Endres, Einleitung in die Philofophie (Kowa-

lewski).

Sawicki, Gefchichtsphilofophie (Derf.).
Brie, Äfthetilche Weltanfchauung (Mehlis).
Gut, Vom feelifchen Gleichgewicht und leinen

Störungen (Weber).
Das Marienbüchlein (Stuhlfauth).
Rembrandt-Bibel (Derf.).
Eine englifche Kirchenfchriftftellerausgabe

(Hirfch).
Mitteilung (Derf.).

Bouffet, Wilhelm: KyriosChriftos. Gefchichte desChriftus-
glaubens von den Anfängen des Chriftentums bis Ire-
naeus. Zweite, umgearbeitete Auflage. (XX, 394 S.)
gr. 8°. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1921.

M- 55—; geb- M- 67 —
Die Polemik, welche der entfchlafene Verfaffer i. J.
1916 gegen feine beiden Rezenfenten der erften Auflage
vorgehenden Werks( 1913 ;in dieferZeitfchriftrez. von K n op f,
1915, Nr. 23) Wernle und Althaus, geführt hat (Jefus
der Herr', Nachträge u. Auseinanderfetzungen), ift das
fchönfte Denkmal feines nur vom Willen zur Sache be-
ftimmten wiffenfchaftlichen Charakters und jener Liebenswürdigkeit
, die auch der wiffenfchaftliche Verkehr nicht
entbehren kann. Wir haben nun die Freude, das bedeutende
Werk dank der Fürforge G. Krügers und anderer
Freunde noch einmal begrüßen zu dürfen, die erften vier
Kapitel (das Hauptftück des Werks) vom Verf. felbft noch
umgearbeitet auf Grund jener Polemik und neuer Studien,
die folgenden fechs Kapitel, wefentlich unverändert, aber
durch Notizen und Ausführungen verfchiedenfter Art
bereichert.

Die zweite Hälfte des Werks hat in der Kritik bisher
einen kaum nennenswerten Widerfpruch gefunden.
Auf dem Confensus der bisherigen Forfchung auferbaut
und die Erkenntniffe in der Richtung weiterführend, für
die der Verf. ein befonders gefchärftes Auge hatte, ift
fie eine ausgezeichnete und vertrauenswürdige Darftellung
der Entwicklung der Chriftologie des 2. Jahrhunderts.
Zwar macht fie nicht jeden Widerfpruch verftummen
(fchon die Voranftellung der,Gnofis' c.6 vor ,dem Chriftus-
kult im nachapoftolifchen Zeitalter' c. 7 u. 8 hat für das
gefchichtliche Verftändnis mehr Nachteile als Vorteile, fo
gewiß auch die letzteren anzuerkennen find), und der
Schatten des Charismas def Verfaffers, zuviel zu differenzieren
, zu tief zu bohren und zuviel zu kombinieren,
macht fich auch hier geltend; aber er wird reichlich
uberflutet von dem hellen Licht, das neben ihm ftrahlt.
Wie dann zuletzt der Abfchluß in der Chriftologie des
menäus gegeben wird, erfcheint diefe als die notwendige
ur>d in ihrer Einfachheit und Klarheit überrafchende Frucht
einer Entwicklung, in die alle Faktoren — der helle-
mftifche Gemeindeglaube, die Gnofis, die Apologeten
und der Paulinismus — unter dem Prinzipat des antiken
Gedankens der Vergottung durch Gottesfchau, dem der

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Gedanke der Menfchwerdung nun unterlegt ift, aufgenommen
find. Ich erfreue mich hier der vollen Überein-
Itimmung mit den Darlegungen des Verfaffers.

In Bezug auf die erfte Hälfte hat mich auch die neue
Auflage (trotz gewiffer Abfchwächungen und mancher
erfreulicher Modifikationen und Zurückhaltungen) von zahlreichen
Widerfprüchen, ja von dem dezidieiten Widerfpruch
, nicht befreit. Noch immer bleibt die Frage, ob
Jefus felbft das meffianifche Amt für fich in Anfpruch
genommen hat, im Zwielicht; noch immer ift das Verhältnis
zur Apoftelgefchichte als Quelle teils unficher,
teils verkehrt; noch immer werden religionsgefchichtliche
Materialien verwertet, die fchon aus chronologifchen Gründen
in Bezug auf die Erforfchung des Urchriftentums den
Mülleimern nicht entzogen werden follten. in denen fie
uns erhalten find; noch immer treten die jüdifchen Vor-
ausfetzungen der älteften Erfaffung der neuen religiöfen
Erlebniffe ungebührlich hinter den antiken zurück und
endlich noch immer fehlt jeder gefchichtliche Nachweis,
daß und wie die fremden Stoffe, die der Verf. einführt,
in das religiöfe Gewebe und die Traditionsbildung überhaupt
einzudringen vermochten, die dem Markusev. und
der Quelle Q vorangehen. In Folge davon muß ich
leider noch immer bekennen, daß ich die ganze Entfte-
hung des Äupmc-Attributs, wie der Verf. fie zeichnet,
für hinfällig halte, da m.E. die Gleichung Chriftus=Kyrios
von Anfang an beftanden hat, wobei natürlich vorbehalten
bleibt daß Vollblutjuden, paläftinenfifche Helleniften,
Diafpora-Helleniften und Vollblutheiden, wenn fie Chri-
ften wurden, das an fich eindeutige Attribut doch ver-
fchieden ausgedeutet haben.

Daß fich im Einzelnen trotz der undurchführbaren
Grundlinie der Forfchung lehrreiche, ja ausgezeichnete
Nachweife und Kombinationen auch in der erften Hälfte
des Werks finden, braucht bei einem Forfcherwie Bouffet
nicht erft hervorgehoben zu werden. Nur wundre ich
mich, daß er ein Material nicht herangezogen hat, an
dem fich wirklich mit Fug differenzieren läßt und wo
fich, wenn auch nur trümmerhafte, Erkenntniffe betreff, die
verfchiedenen Richtungen in der Urgemeinde und in Pa-
läftina gewinnen laffen, die, zunächft auf Parteien und
Rivalitäten fich beziehend (Petrus, Stephanus, Jakobus, Johannes
), doch bis in die chriftliche Gedankenbildung hineingreifen
— die Auferftehungsberichte.

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