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Ausgabe:

1922 Nr. 6

Spalte:

142

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rosenstock, Eugen

Titel/Untertitel:

Die Hochzeit des Krieges u. der Revolution 1922

Rezensent:

Piper, Otto A.

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Seite 1

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[41 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 6. 142

fleht, fo ifl doch klar, daß fchleunigfl eine kritifche Ge-
famt-Ausgabe des Op. poft. erfolgen muß, die nunmehr
nach der geradezu bewundernswürdigen Vorarbeit von
Adickes überhaupt erft möglich ift. Das ift wichtiger
als immer wieder neue Spezialarbeiten aus der Feder
von Anfangern von oft bedeutendem Umfang. Die
Akademie-Kommiffion der Kant-Ausgabe hätte (ich diefer
Aufgabe längft widmen (ollen!

Adickes hat das Manuskript genau unterfucht und
fo eine Reihe wertvoller Entdeckungen im einzelnen gemacht
, fodann aber auch die einzelnen Teile analyfiert
und mit einander verglichen. Gefchichtlich ift befonders
intereffant, daß Kants Philofophie im Op. poft.
vielfach im Fichte'fchen und Schellingfchen
Sinne fortgebildet erfcheint, ohne daß doch anzunehmen
wäre, daß hier eine direkte Heeinfluffung vorläge.
Die innere Notwendigkeit, die den ganzen deutfchen
Idealismus trotz vieler Widerfprüche im einzelnen, zu
einem gefchloffenen Geiftes-Syftem macht, zeigt fich hier
in voller Deutlichkeit. Adickes tritt mit voller Objektivität
fowohl der Überfchätzung Kraufes wie der Vai-
hingerfchen Fiktionentheorie gegenüber und behauptet
feinerfeits, Kant habe eine Lehre von der doppelten
Affektion des Ich durch das „Ding an fich" und die
„Erfcheinungen" gehabt und in feiner Spätzeit weiter
ausgebildet. Den Beweis dafür hofft Adickes in einer
bvfonderen Schrift zu erbringen. So ftellt die Arbeit von
Adickes eine höchfl wertvolle, allerdings vielleicht etwas
breite „Einleitung" zu einer baldigft zu erhoffenden Neu-
Ausgabe des Op. poft. dar. Adickes' Buch felblt ift
natürlich wegen der Menge des Materials nicht leicht
lesbar, aber dabei doch gut gegliedert. Druckverfehen
kommen kaum vor. S. 231 Z. 5 ift zu lefen „den Organismen
"; S. 710 Z. 22 „Beziehung" ftatt „Bezeichnung
."

Berlin. Artur Buchenau.

Johann Göttlich Fichte. Beiträge zur Berichtigung der Urteile des Publikums
über die franzölifche Revolution. Hrsgeg. v. Dr. Richard
Strecker. (XII, 255 S.l 8°. Leipzig, F. Meiner 1922. M. 45—;

geb. M. 63 —

Die Beiträge, Ficlite's politifche Erftlingsfchrift, find dem Fichte-
forfcher unentbehrlich. Die Genefis der Staatslehre Ficlite's, aber auch
die Genefis der Wiffenfchaftslehre aus Kant erfchließt fich nur dem,
der diefe Schritt gründlich (Vudiert. Es war darum ein durch
Strecker jetzt behobener Milifland, daß Medicus fie bei feiner Neu-
herausgabc veglallen mußte. Sind doch die Beiträge nach 1793 und
1795 nur nocn in ''er längft vergriffnen Gesamtausgabe der Werke
Fichte's durch den Sohn gedruckt worden. Die Ausgabe Strecker's

und religiöfer Betrachtung, zeigen eine intercffante Entwicklung von
weltbejahender Ethik zu weltverneinender Religiöfität und enthalten
im einzelnen viele geiftvolie Bemerkungen.

Bruno Jordan.

Rofenftock, Priv.-Doz. Dr. Eugen: Die Hochzeit des Krieges u. der

Revolution. (306 S.) 8°. München, Patmos-Verlag 1920. M 18—
Es gehört wohl zum Wefen cliriftliclier Frömmigkeit, daß jede
Zeit ihre Gegenwart als die Erfüllung der Zeilen, als drittes Reich hinnimmt
. Der Gegenfatz zwifchen der Sinnlofigkeit der Erfahrungswirklichkeit
und der tatfächlichen Erlöftheit fcheint fo am einleuchlendftcn
überwunden. Auch durch Rofenftocks Buch, eine Sammlung von Vorträgen
und Effays, zieht fich diefer Leitgedanke.

Die Epoche von 1100 bis zum Weltkrieg und der Revolution
lieht er als eine Einheit an: die Schaffung der europäifchen Kultur.
Der Einfchnitt bei der Renaiffance oder bei der Reformation lei willkürlich,
beides feien nur Phafen des einheitlichen Prozeffes. Zwei Reiche feien
es, die in diefen Soo Jahren miteinander ringen: Geift und Seele. Der
Geift, natürliches Hillsmittel der Leiblichkeit, vollendet in diefer Periode
fein großes Werk der Welterkennlnis und Welteroberung. Er macht
fich auch die abendlandifchen Kirchen dienftbar. Wohl lebte die Seele,
aber fie konnte fich keinen Leib fchaffen. Das Deutfchland vor dem
Kriege zeigt erfchreckend die Ifoliertheit der beiden Gebiete: entfeelte
Kirchen, entfeelte Staaten, die nur dem Zweckgedanken dienen; dazu
Mangel an Führern auf beiden Seiten. Da kam der Krieg, feierte der
organilierte feelenlofe Geift Orgien — und ging an feinem Obermaß zugrunde
. Gegen ihn empörte fich in den Revolutionen die lange unterdrückte
Seele. Mit Krieg aber und Revolution ift das Ende der alten Reiche
herbeigeführt. Bolfchewismus ift Antichrift, und nun beginnt das neue
ReichChrifti, in dem Geift und Seele, die beiden notwendigen Pole menfeh-
lichen Lebens, fich durchdringen. Der Geift Chrifti hat nun feine
Herrfchaft angetreten. An die Stelle des Kampfes der Intereffen find
die Arbeitsgemeinfchaftcn der widerftrebenden Intereffenten getreten.
Statt Proftitution und Ehcfklaverei beftehe nun die freie liebende Ge-
meinfehaft der Gefchlechter. So lei die Spannung zwifchen den beiden
Gewalten fruchtbar geworden. Denn was da gefchieht, fei das Keimen
der Chriftusfaat.

Das Buch ift in feinen Gefchichtsdeutungen intereffant, auch da
wo die Ausdrucksweife unerfreulich ift. Die Löfung aber, die es gibt,
ift unbefriedigend. Es will nun einmal dialektifch nicht gelingen, irgend
eine Zeit auf der einen Seite als das Produkt einer notwendigen
Entwicklung und auf der anderen Seite als Ende der Zeiten und den
Beginn der Ewigkeit hinzuftellen. Entweder man nimmt die Paradoxie
auf fich, daß jeder Moment ewig ift, ficht in allem Werden und alfo auch
Ichon in der Vergangenheit das Reich Chrifti, oder man hält fich ganz
an die Hegelfche Dialektik und fieht in jeder Synthelis zugleich die
neue Thefis, verzichtet alfo überhaupt auf eine Überwindung der Zeit.
Göttingen. Piper.

Hompel, Dr. jur. et theol. Max ten: Das Opfer als Selbfthingabe
und feine ideale Verwirklichung im Opfer Chrifti. Mit bef. Be-
ruckfichtigung neuerer Kontroverlen. (Freiburger theol. Studien
24. Heft) (XII, 230 S.) gr. 8'ü Freiburg i. B., Herder 1920.

M. 18. —

Ohne religionsgefchichtliche Vergleichung, vielmehr rein innerka-

Format und Druckeinrichtung wie bei Medicus. Die Einleitung ift in
ihren lilerarifchen Angaben unvoliftändig, in ihren literarifchen Urteilen
z. T. irreführend. Doch das kann der Dankbarkeit für diefe wiffen-
fchaftlich brauchbare Neuherausgabe Abbruch nicht tun.

Göttingen. E> Hirfch.

Mernes uuren uen sonn geurucat worucn. izie zvusguue ■ ; tholilch orientiert, bemüht fich Verf. um Ethifierung des römifchen

ermöglicht durch Randzahlen ein Zitieren nach den früheren Drucken. | Qpfergedankens, wie ihn das Tridentinum unter Offenlaffung genauerer

inhaltlicher Beftimmung als Oberbegriff für Meffe und Erlöfungstod
Jefu dogmatifch fixiert hat. Gegenüber dem Symbolismus Franz Wielands
hält Verf., allerdings mit Ablehnung eines vom Geber ma'eriell
verfchiedenen Gutes, am Gabencharakter des Opfers feft und findet
fein Wefen in der periönlichen Selbfthingabe an Gott mit dem Doppelzweck
feiner Verherrlichung und der eigenen Befeligung. In diefer
objektiv-fubjektiven Beftimmtheit, die die liturgilche Form verfinnbild-
licht, wird das Opfer zum Symbol des religiöfen Lebens. Seine vollendete
Verwirklichung wird im Opfer Chrifti gefunden, das als Kreuzesopfer
— feine Heilsbewertung entbehrt nicht plychologifcher Kategorien
—. als himmlifches Opfer nach Hebr. 8,1—6 und als eucharifti-
fches Opfer entfaltet wird; letzteres ftellt fich als unbegrenzt wieder-
holbarc, gemeinfame Selbfthingabe des erhöhten Herrn und der Kirche
als feines myftifchen Leibes an Gott dar. Wefentlich neue Aufftellun-
gen bietet die Schrift nicht. Frühkatholifche und auguftinifche Gedanken
, die auch fonft in der Dogmengefchichte vertreten worden find,
klingen an. Aufs Ganze gefeiten, ordnet fielt die Arbeit dem Frint-
Möhlerfchen Lehrtypus ein.

Königsberg Theodor Krueger.

Benett, William: Freedom and Liberty. (357 S.) 8°. Oxtord, Uni-
versity Press 1920. 12 sh 6 d

Der Verfaffer hatte 1916 eine Unterfuchung unter dem Titel
Freedom veröffentlicht. Er hatte zu zeigen verfucht, daß für die
menfchliche Entwicklung Gefetz und „liberty", Kontrolle durch die
Gefellfchaft und von äußerem Zwang befreites Leben, gleich bedeutlam
feien und daß daher beide in gleicher Weife wachfen müßten. Beide
an fich freilich feien nicht gut. Gefetz (Romj ende in Tyrannei, liberty
(Frankreich) in Anarchie. Daher müßten beide zufantmengefaßt
werden in freedom, als dem Kompromiß beider, der einzigen Bedingung
wirklichen Fortfchritts. Freedom fei die einzige, auslchließliche
Zielfetzung allen guten fittlichen Handelns. Jnzwi feiten überzeugte
fich der Verfaffer, daß dies Ziel der Ethik nicht mit dem der Religion
identifch, ja ihr unmittelbar entgegengefetzt fei und daher ftatuiert er
in einem zweiten Auffatz als letztes Endziel gegenüber freedom als
innerweltlichem Ziel die vollkommene „liberty" oder Erlöfung vom
Gefetz, entwirft er Bilder vom Königreich auf Erden und im Himmel

Die Verfaffung der ev. Landeskirche Anhalts. Kircheno-e-
fetz v. 14. VIII. 1920 (Gefetz- und Verordnungsblatt
Während er alfo zuerft das germanifche Wort freedom ausfpielt gegen- d. evangel. Landeskirche Anhalts Nr. Ii) (26 Sl

über dem romanifehen liberty und jenes als diefem überlegen erweift, j gr. 8°. Deflau, P. Dünnhaupt I92O M 2 IO

dreht er im zweiten Auffatz gleichfam das Verhältnis um: liberty, nun ,, r~r_f_ u • , ,. ,r. , , .„■*.'

freilich im religiöfen Sinn der Erlöfung, wird über freedom gefetzt. I *«■ if_Y »««CÄftet die Kirche ausdrücklich als

Beide Au ff ätze, als Ganzes eine vorlrefllicbe Ergänzung von ethifcher 1 ,Vo!kskirche und gibt diefer eine fehr freiheitliche Ge-