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Ausgabe:

1922 Nr. 5

Spalte:

100

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Greßmann, Hugo

Titel/Untertitel:

Die älteste Geschichtsschreibung und Prophetie Israels (von Samuel bis Amos und Hosea) übersetzt, erklärt und mit Einleitungen versehen. 2., stark umgearb. Aufl 1922

Rezensent:

Löhr, Max

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 5.

100

die Aufhebung des jerufalemifchen Primats. Dafür hat
er dann aber den Raum frei gemacht für einen neuen
Primat, den von Rom. Und fein Fefthalten an der apo-
ftolifchen Tradition als einer Autorität hat die Autorität
der Urapoftel, zumal des Petrus, zu ungunften feiner
eignen Autorität in die Höhe gefchraubt; fie, die mit
Jefus von Anfang an zufammengewefen waren, hatten dadurch
einen Vorfprung, der bis auf die Reformationszeit
hin bewirkt hat, daß das paulinifche Kirchenideal
fich nicht hat durchfetzen können.

Es ift ein impofanter Bau, den Holl da vor unfern
Augen aufführt, im Großen und Ganzen, fcheint uns, mit
fo folidem Material und auf fo feftem Grund, wie mit glänzender
fynthetifcher Kunft. Nicht alle feine Thefen zwar
dürften gleich ficher fein; darum würde ich bisweilen
ein .offenbar' durch .wahrscheinlich' erfetzen, und das in
der theologifchen Exegele oj verhängnisvolle ,nicht, —
fondern' durch .fowohl — als auch'. Letzteres insbefon-
dere auf S. 938, wo Holl zu Rom. 15,26 vermerkt, Paulus
leite das Recht und die Pflicht zur Spende nicht aus
der Bedürftigkeit innerhalb der Urgemeinde ab, fondern
daraus, daß die Heiden von dorther geiftliche Güter empfangen
hätten; das eine fchließt das andre nicht aus,
wenngleich Paulus für die Begründung des otpulixai
dolv nur den einen Gefichtspunkt brauchen kann.

Überhaupt ift mir die Kollekten frage durch Holls Ausführungen
noch nicht befriedigend gelöft; daß Paulus fich vor den Römern halb und
halb der .Spende' fchämt und ihm bei der Sache nicht ganz wohl ift,
vermag ich nicht nachzuempfinden. Ob hier nicht zu viel Grundfätz-
liches bei Paulus und bei den Urapofteln eingetragen wird? Damit hängt
zufammen, daß ich die Gleichfetzung von Armen und Heiligen als
zweier beliebig wechfelnder Sondertitel für die jerufalemifche Gemeinde
bezweifle, fo hoch ich den Wert der in Bezug auf gründlichere Erfor-
fchung des Begriffs ayioi von Holl gegebenen Anregung und Weg-
weifung einfchätze.

Daß nebenbei noch eine Menge Einzelfragen der neuteftamentlichen
Wiffenfchaft, z.B. der alleinige Gebrauch des Namens Ky<päg durch Paulus,
die Echtheit des Grußkapitels im Römerbrief, die fpanifche Reife des
Paulus, die Wirkfamkeit des Petrus in Rom, willkommene Aufklärung
erfahren, verfteht fich bei diefem Hiftoriker von felbft. Er hat eben
das Auge offen für alle auf diefem Gebiet umftrittenen Probleme und
verrät auch die genauefte Vertrautheit mit der modernen Literatur —
ohne darüber ältere, wie Baur, Keim, Pfleiderer zu vernachläffigcn.
Polemik zu treiben, gönnt er fich nicht die Zeit: in dem einzigen Ausnahmefall
S. 937, wo er das Verfahren von Alfred Loify in feinem Ga-
laterbrief-Kommentar von 1916 als undankbar und unwahrhaftig kennzeichnet
, muß man ihm leider Recht geben.

Marburg. Ad. Jülicher.

Die Religion der Babylonier und Aifyrer. Übertragen und
eingeleitet v. Arthur Ungnad. (Religiöfe Stimmen der
Völker, hrsgeg. v. Walter Otto, III.) (VIII, 344 S.) 8«.
Jena, E. Diederichs 1921. M. 40 —

Ebenfo notwendig wie es war, daß von berufener
theologifcher Seite auf die polemifchen Angriffe von
Fr. Delitzfch vor einem breiteren Publikum Stellung genommen
wurde, fo dankenswert ift es, daß hier von
einem namhaften Affyriologen ein Buch vorliegt, das in
geglätteter, gut lesbarer Uberfetzung den gebildeten
Laien die wichtigften bisher publizierten Texte der reli-
giöfen Kultur des alten Orients zugänglich machen will.
Denn an fie richtet fich das Buch ; dem Fachmann würde
ja auch weit mehr an den neueften Texten liegen.
Nach einer kurzen Einleitung, welche die Hauptzüge der
politifchen und religiöfen Entwicklung und deren beherr-
fchende Ideen prägnant herausftellt, werden zunächft die
bekannten mythifchen und epifchen Texte vorgeführt, geordnet
unter die Gefichtspunkte: A. Schöpfung, B. Drachen
- und Dämonenkämpfe, C. Sintflutfage (Gilgamefch-
Epos), D. Himmel und Hölle, E. Sonftiges (Raub der
Schickfalstafeln durch den Vogel Zu, Irra und Ifchum
und die überfetzbaren charakteriftifchen Stellen aus den
Nimurta-Epen. Ein zweiter Teil, dem wegen feiner
Wichtigkeit auch über die Hälfte des Buches gewidmet
ift, bringt eine gute Auswahl von Gebeten, Hymnen,
Klage- und Trauerliedern, von Zaubertexten, Ritual- und
Ominaliteratur. Anmerkungen literarifcher und religions-

gefchichtlicher Art unter und vor dem Text find auf das
Notwendige deffen befchränkt, das es ermöglicht, das
Material felbft fprechen zu laffen. Für ein tiefer gehendes
Studium des religiöfen Geiftes jener alten Kulturwelt
gibt eine Literaturüberficht im Anhang dienliche Hinweife.
Bonn a. Rh. F. Horft.

Greßmann, Prof. D. Dr. Hugo: Die alterte Gelchichts-
schreibung und Prophetie Ifraels (von Samuel bis Arnos
und Hosea) überfetzt, erklärt und mit Einleitungen
verfehen. Zweite, ftark umgearb. Auflage. (Die
Schriften des Alten Teftaments 2. Abt., 1. Bd.) (XVIII,
424 S.) gr. 8°. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht
1921. geh. M. 37—; geb. M. 48 —

Greßmanns Erklärung zur .älteften Gefchichts-
fchreibung und Prophetie Ifraels' liegt in 2. (1. Aufl. 1910),
ftark umgearbeiteter Geftalt vor. Formell und inhaltlich
ift vieles geändert. Vor allem ift von dem neuen Füll-
fel der biblifchen Kommentare, dem folkloriftifchen Stoff,
reichlich dargeboten; desgleichen an geographifchen
Notizen. Bei der Bedeutung der behandelten Texte und
; der Fülle des zur Erklärung Beigebrachten ließe fich
I eine Befprechung ins Unendliche ausdehnen; wegen der
mir auferlegten Kürze will ich nur auf eine, m. E. wichtige
Einzelheit eingehen, die Ausführung über die Lade
Jahwes S. 20ff, und bemerke nur im Vorbeigehen, daß zu
den Literaturangaben über die Philifter für die Benutzer
diefes Buches beffer vielleicht ftatt oder neben Nordtzij,
de Filiftijnen 1905 der Vortrag von Felix Stähelin,
Die Philifter, Bafel 1918 hätte erwähnt werden können,
nach meinem Urteil das Befte, was bislang über diefes
Thema publiziert ift.

Von der früheren Auffaffung der Lade als eines .leeren Thrones,
eines Kaftenthrones', für die eine Zeitlang viel Reklame gemacht wurde,
beginnt G. nach Hartmanns feiner Kritik in ZAW 1917118 (nicht 1907108,
wie S. 24 fleht), wenn auch nur ganz fachte abzurücken. Vgl. jetzt
auch die etwas kräftige Kritik W. R. Amold's ZAW 39 (1921J S. 34
A. 1. — Ihm ift die Lade von Silo, ,die wir allein genauer kennen',—
,in der mofaifchen Zeit fcheint eine Lade nicht vorbanden gewefen zu
lein' — eine von gar vielen, ,ein Prozeffionsheiligtum', ,wie es folche
nach dem Vorgang der Phöniker und Kanaaniter an allen israelitifchen
Tempeln gegeben haben muß', .obwohl eine 2. Lade nur noch ein einziges
Mal erwähnt wird, Sam a 14,18;' hier hätte doch mit einem weiteren
.obwohl' fortgefahren werden muffen; obwohl die Lesart in MT recht
bedenklich ift. Vgl. hierzu noch in demlelben Sinne Budde in ZAW
39 (1921) S 9.41. — Die Lade hatte .längliche Form', nach Ex 25,10?.
Ift das ein einwandfreies Zeugnis? — Kaum, aber Greßmann braucht
folche Form, da nach feiner Vermutung ein Stierbild Jahwes, fchwerlich
höher als '/2m, in der Lade lag, und nicht nur diefes; die Lade war
ja ziemlich geräumig: 1,25x0,75x0,75m nach P., alfo bleibt der Phan-
tafie das Recht zu weiterem Verflauen. Darin lag auch noch gleich
das Bild einer Gemahlin Jahwes Anathjahu oder fo ähnlich. Er beruft
fich darauf, daß Ex 25,22, vgl. auch Reg a 6—23 ff: 8, 7. zwei Keruben
da find; jeder ift der Befchirmer einer Gottheit, alfo müffen zwei Götterbilder
in dem Kaden liegen, und Raum für diefes Paar ift, wie gefagt,
vorhanden. Die Keruben von Reg a 6,230". 8, 7 hängen mit der Lade
garnicht zufammen, und Ex 25,22 mit feinen 2 Keruben ift vermutlich
von den 2 vorher genannten Stellen abhängig. Um das Ganze zufammen-
zufaffen: In diefen Kälten lag alfo ein Stierbild Jahwes und ein Bild feiner
Gemahlin; über jedem Kaden (landen zwei Keruben, die bewachten die beiden
Götterbilder in dem Kaden, außerdem waren fie die Befchirmer der
zwifchen ihnen thronenden Gottheit — hier ift ftets nur Jahwe allein. —
Nach dem Vorftehenden wird man fich über das, was bezüglich des
Namens des Gottes der Lade gefagt wird, weiter nicht wundern. Zunächft
ift der Ausdruck jöscheb hakke rubim .mehrdeutig'. Die richtige
Überfetzung foll fein: thronend zwifchen den Keruben. Diefe .ältere
Auffaffung' geht deutlich aus dem Priefterkodex Ex 25,22 hervor, wo
Jahwe .zwifchen den Keruben' erfcheint; die .beiden' werden hier einfach
unterfchlagen. Auch .lehrt dasfclbe y> 22,4, wo man verftchen

füllte: ........, der inmitten der Lobgefänge Israels thront'.

Diefer kerubenthronende Gott der Lade heißt: .Stier Jakobs', was durch
den vorexilifchen tu 132,2.5 bewiefen wird. Daß yi 132 ein .vorexilifches
Lied aus der fpäteren Königszeit' fei, ift nichts weiter als ein Macht-
fpruch. Außerdem fucht man im ganzen Pfalm vergeblich nach einer
Stelle, in der Jahwe als Gott der Lade tätfächlich Stier Jakobs heißt.'—,
Ich frage mich, wie diefe Ausführungen wohl dem Zweck des Werkes,
Förderung des Verftändniffes des A. T. in Laienkreifen — Greßmann
felbft fpricht im Vorwort von einem .volkstümlichen Werk' — dienen
follen? — Der Fachmann fchiebt folche unausgegorenen Dinge bei
Seite, aber der urteilslofe Laie? —

Königsberg, Pr. Max Lohr.