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Ausgabe:

1922

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88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch der Sächsischen Missionskonferenz für das Jahr 1921. Jahrg. XXXI 1922

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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88

Diefe methodifch fehr exakte Arbeit einer Schülerin von Loofs
gilt der Beantwortung einer Frage, die der Meifter in feiner Abhandlung
über den „articulus stantis et cadentis ecclesiae" in den Th. St.
Kr. 1917 aufgeworfen hatte: ob in der Pfalmenvorlefung Luthers von
1513—15 Entwicklungsstufen feiner reformatorifchen Erkenntnis unterschieden
werden können, worauf das Vorhandenfein doppelter Scholien
für Pf. 4 und 115 fowie die Diskrepanz der Auslegungen von Pf. 10,
18, 79, 121 mit Pf. 50 und 1 hindeuten. Vf. fragt zuerft, ob die Erklärungen
von Pf. 10, 18, 79, I2t gleichzeitig find mit der von Pf. 1
und 50 und verneint das, da in den erstgenannten Pfalmen fich nirgends
die leifefte Andeutuug über Luthers grundlegende reformatorifche Erkenntnis
von der iustitia dei passiva finde, wohl aber in Pf. 50 und 1,
bei letzterem ift die reformatorifche Erkenntnis während der Arbeit
fortgefchritten. Bez. der Doppelfcholien zu Pf. 4 und 115 kommt Vf.
zu dem Ergebnis, daß bei Pf. 4 die beiden Erklärungen verschiedene
Stufen der Erkenntnis darfteilen, bei Pf. 115 jedoch wahrfcheinlich
nicht. Die neue Erkenntnis ift, wie der bibliothekarifche Befund zu
Pf. 1 dartut, vor Beginn der Vorlcl'ung, alfo zu Anfang des W. S. 1513/14
dagewefen, und Luther hat fie noch rafch verwertet, ohne feine schon
fertig gedeihen Niederfchriften alle umzuändern (aber wir wiffen nicht,
was er tatfächlich vortrug).

Die Ausführungen der Vf. find fcharffinnig und lehrreich, aber
es ift fchade, daß fie die Abhandlung von E. Hirfch Initium theo-
logiae Lutheri in der Feftfchrift für Kaftan S. 150 ff. nur in einer
Anmerkung (S. 4) ftreift. Dort ift zu erfehen, dali die „bibliothekarifche
Prüfung'1 allein nicht genügt, vielmehr durch die handschriftliche
ergänzt werden muß. Die ganzen Ausführungen über Pf. 1
ftellen fich dann anders (vgl. a. a. O. S. 161 Anm. 2), und es dürfte
doch der Fall fein, daß erft vor dem Druck die Eintragung der neuen
Erkenntnis erfolgt. Und im Übrigen wird man die von der Vf. beobachteten
Unterfchiede nicht fofort als zeitliche Entwicklungsftufen
von einander abheben dürfen, da, wie Vf. felbft gelegentlich fagt,
Hirfch aber nachweift, Altes und Neues fich bei Luther in einander
mengte. So muß man vorliegende Schrift an der Hand der Arbeit von
Hirfch etwas rektifizieren.
Zürich. W. Köhler.

Anderten, J. Oskar: Feftfkrift i anledning- af det danske
missionsselskabs Hundrede-Aars-Jubilaeum. I. Jndled-
ning og Borte Falch Rsnnes Liv. (193 S.) gr. 8°.
Kopenhagen, Hos. O. Lohse 1921.
Anderfens Feftfchrift anläßlich der Säkularfeier der Dänischen
Mifftonsgefellfchaft fchildert das Leben eines dänischen
Landpfarrers, der für die Geschichte des kirchlichen
Lebens in Dänemark große Bedeutung gewonnen
hat und zu jenen Männern gehört, die die neuere dänische
Kirchengefchichte mit der größeren proteftantifchen
Kirchengefchichte, namentlich derjenigen Englands verknüpft
haben. Erft durch diefe Arbeit hat Rönne den
Hiftoriker ge' nden, der feine Lebensarbeit in die großen
gefchichtüchen Zufammenhänge einordnete und feine
ganze Bedeutung herausarbeitete. Die Biographie zeigt
alle Vorzüge der Feder Anderfens: die folide Berückfichti-
gung auch abliegender Einzelheiten, die gewiffenhafte,
kritisch unterbaute Schilderung der äußeren Tatfachen
und der kirchlichen Bewegung, die warme Darfteilung
der religiöfen Entwicklung und den Blick für die großen
Zufammenhänge, die nie aus den Augen verloren werden
. Diefe Feftfchrift ift das Werk eines Hiftorikers,
der die kritische Kleinarbeit beherrfcht, ohne in ihr aufzugehen
, und die großen Linien findet, ohne fich in
Konftruktionen zu verlieren. Der Sinn für das Wirkliche
geht durch die ganze Arbeit. So wird fie zu einer anschaulichen
Schilderung eines wichtigen Ausfchnittes aus
der dänifchen Kirchengefchichte des endenden 18. und
beginnenden 19. Jahrhunderts und ihrer Verbindung mit
der kirchlichen Bewegung insonderheit in England, z. T.
auch in Deutschland. Auf dem Hintergrund der vom
Methodismus ausgehenden englischen Erweckungsbewe-
gung und der in ihr wurzelnden neuen Form der Miffi-
onsarbeit wird Rönnes Leben geschildert, der von einem
aufgeklärten Supranaturalism'us mit philanthropifchen
Arbeiten allmählich fich der Erweckung und ihren kirchlichen
Arbeiten zuwendet, bis feine Arbeit in der Begründung
der Dänifchen Milfionsgefellfchaft ihr Ziel findet.
Es ift nicht das Leben eines im eigentlichen Sinne geiftig großen
, wohl aber eines treuen und gewiffenhaften Arbeiteis
im Weinberg des Herrn. Die Größe der Treue wächft
aus Anderfens Darftellung unauffällig heraus. Das ift

nicht das Geringfte Verdienft feiner Arbeit. Ich bedaure
nur, daß fie in dänifcher Sprache erschienen ift und darum
vermutlich das Geschick anderer Arbeiten Anderfens
teilen wird: in Deutfchland wenig bekannt zu werden.
Wäre es nicht der Dänifchen Milfionsgefellfchaft möglich
, die Feftfchrift ins Deutfche überfetzen zu laffen?
Tübingen. Scheel.

Jahrbuch der Sächsischen Missionskonferenz für das Jahr 1921

(XXXI. Jahrg.) (64 S.) kl. 8Ü. Leipzig, H. G. Wallmann 1921

M. 3 60

Audi für 1921 beweift dies Jahrbuch feine bewährte reichhaltige
Art. Ans dem Inhalt hebe ich hervor den Auffatz von Bönhoff-Dresden
über ,die Einchriftlichung der Oberlaufitz1, die grundfätzlichen Ausführungen
von Oepke-Leipzig über ,Gabe und Aufgabe der deutfeh-
lutherifcb.cn Million1, die Chronik von Jaiper-Drcsden und die Miffions-
bibliographie von Benz-Weida.

Frankfurt a. Main. W. Borne mann.

Abhandlungen aus Millionskunde u. Millionsgelchichte. Herausg.
im Auftrage des Franziskus XaveriusmiffionsVereins
von Dr. Pet. Jof. Louis:
Nr.23 Huonder, B.Anton, S.J.: DerEuropäismus im Millionsbetrieb
. (48 S.) 8° 1921. M. 5 —
Nr. 24 Becker, P. Dr. C, S. D. S.: Ärztliche Fürlorge in Mif-
lionsländern. (46 S.) 8°. Aachen, Xaverius - Verlag
1921. M. 5 —
Die beiden kleinen Hefte bieten einen beachtenswerten
Einblick in die neueren katholifchen Miffionsbeftrebungen.
Namentlich das erfte Heft von A. Huonder befchäftigt
fich mit einer Frage, die auch für die evangelifche Miffion
höchft wertvolle Gefichtspunkte enthält. Denn faft in
der gleichen Weife wie die bisherige katholifche Miffion
leidet auch die evangeltfche unter einem hemmenden
.Europäismus' ihres Milfionsbetriebes. In einem gefchicht-
lichen Überblick zeigt der Verfaffer, wie diefe Frage in
der frühmittelalterlichen Miffion durch verftändnisvolle
Akkommodation glücklich gelöft wurde und ,die erfte
Phafe des vielerörterteten Ritenftreites nichts anderes
war als ein kraftvoller Vorftoß, den Europäismus als
Syftem zu durchbrechen und auf die Taktik der frühmittelalterlichen
Miffion zurückzugreifen' (18). Huonder
weift fodann auf eine ähnliche, von einem bekehrten
Hindu eingeleitete Bewegung in jüngfter Zeit hin, der
als ,das größte Hindernis'für die Ausbreitung des Chriften-
tums in Indien deffen enge Verknüpfung mit der euro-
päifchen Kultur anfleht d. h. mit Lebensformen und Einrichtungen
, die dem Indier als fremdländilch und unindifch
erfcheinen müffen' (23). Daher erftrebt Huonder, daß
man für das Miffionsgebiet ,auf die lateinifche Kirchen-
fprache und die darauf fußende tridentinifche Seminarerziehung
verzichte', fchon mit Rückficht auf die Gewinnung
eines einheimifchen Klerus, der mit der Zeit es kaum
mehr ertragen werde, ganz nach europäifchem Vorbild
ausgebildet und beurteilt zu werden. Der Freimut des
bedeutenden Verfaffers, mit dem er auf manche Schäden
der katholifchen Miffion hinweift, ift aufrichtig zu begrüßen
und auch für die proteft.tntifche Miffion überaus
lehrreich (z. B. in den feinen Bemerkungen über den Bau-
ftil bei Kirchenbauten auf dem Miffionsfeld).

Die andere Schrift aus der Feder des apoftolifchen
Präfekten von Affam Dr. G. Becker über .Ärztliche Für-
forge in Miffionsländern1 ift ein ernftlicher Weckruf an
katholifche Miffionskreise, dem wichtigen Zweig der ärztlichen
Miffion mehr als bisher das Augenmerk zuzuwenden.
Offen gibt er zu, daß gerade auf diefem wichtigen Gebiet
die proteftantifchen Miffionen einen bemerkenswerten Vor-
fprung hätten und hier die ärztliche Miffion mit dem
Organismus des Miffionswerks bereits innig verwachfen
fei. Der Verfaffer berichtet auch von vereinzelten Anfängen
in England (durch die Konvertitin Dr. Margaret
Lamont), ohne dabei fich die Schwierigkeiten zu verhehlen,
welche unverheiratete Ärztinnen in Miffionsländern dem
faft ausfchließlich regulierten Miffionsperfonal bereiten.