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Ausgabe:

1922 Nr. 3

Spalte:

65

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Muckle, Friedrich

Titel/Untertitel:

Friedrich Nietzsche und der Zusammenbruch der Kultur 1922

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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65

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 3.

66

1801 hergefteilt worden, was eine ftattliche Reihe von
Textverbefferungen gegenüber der von Johannes Schulze
für die gefammelten Werke beforgten Ausgabe zur Folge
gehabt hat.

Die zweite Ausgabe der Rechtsphilofophie ift, bis
auf die Befeitigung von Druckfehlern, ein unveränderter
Abdruck der erften.

Die Einleitung in die Gefchichtsphilofophie ift in der
neuen Ausgabe durch einen Nachtrag bereichert, der ein
von dem Herausgeber in der Zwifchenzeit aufgefundenes
Bruchftück aus den grundlegenden Erörterungen über
die Modalitäten der Gefchichtsbetrachtung nach Hegels
eigenem Entwurf wiedergibt.

Kiel. Heinrich Scholz-

Mückle, Friedrich: Friedrich Nietziche und der Zufammen-
bruch der Kultur. (353 S.) gr. 8«. München, Duncker
& Humblot 1921. M. 45 —

Die literarifche Form diefes Buches ift ganz ohne
Zweifel aus Bertram's Nietzfche übernommen: eine Anzahl
von Effay's, die unter geiftvollen Überfchriften die Spannungen
und Gegenfätze von Nietzfche's Perfon und Denken
je in einem Teilfpiegel auffangen und trotz ihrer lofen
Nebeneinanderftellung ein Gefamtbild des Mannes und
feines Verhaltens zu den großen Erinnerungen und Schwierigkeiten
unfrer gegenwärtigen Kultur geben follen. M.
eigentümlich ift lediglich, daß der einzelne Effay umfangreicher
ift und dementfprechend eine größere Mannigfaltigkeit
von Themen umfpannt. Auch inhaltlich fteht
fein Buch unter Bertram's Schatten. Es ift in der Auswahl
der Gegenftände nicht überall felbftändig. Dabei
ift die Erinnerung an Bertram dem Eindruck nicht eben
förderlich. Ks ift ja keine Unehre, daß M. die Kunft der
Darftellung und die Gabe konkreter Beobachtung nicht
fo zur Verfügung flehen wie Bertram. Er hätte nur Selbft-
befcheidung üben und fo zum — notwendig verhängnisvollen
— Vergleich herausfordernde Stellen wie die über
Napoleon unterdrücken follen.

Dabei hat M. durchaus Eingentümliches, das, nach
feinem eignen Gefetz entfaltet, fein Recht auf Dafein gehabt
hätte. Er fteht Nietzfche mit viel größerer Schlichtheit
und Wahrhaftigkeit gegenüber. Nietzfche ift ihm ein
gut Stück hiftorifcher als er Bertram ift. Er fieht, daß
die Widerfprüche und Gegenfätze nicht als Zeichen einer
zukunftsfchwangeren, uns nur nicht verftändlichen Syn-
thefe erklärt werden können. Und er hat auch einen
zwiefachen Gefichtspunkt, der Nietzfche gibt, was ihm gebührt
, ohne das Kranke gefund zu nennen: [, Nietzfche
muß aus dem Verhältnis zu feinem Zeitalter erklärt werden,
und 2. der Ausdruck und die Löfung der Spannungen
inNietzfchehätteeigentlichinMufik gefchehen müffen, wenn
er ganz verftanden und ertragen fein wollte. Das find
gewiß nicht letzte Antworten, aber immerhin erwägenswerte
Gefichtspunkte.

Für den zweiten Band des Werks, der Nietzfche's
Verhältnis zu feiner Zeit im einzelnen verfolgen foll, hätte
ich einen zwiefachen Wunfeh. Möge der Verf. möglichft
eng ans Tatfächliche und Einzelne fich halten und geiftes-
gefchichtliche Spaziergänge großen Stils vermeiden. Zu
letzterem fehlt ihm die Kraft. Das erftere dagegen kann
er wohl leiften, und es würde für das Nietzfche-Verftand-
nis einen fachlichen Gewinn hergeben können. Und ferner:
möge er verzichten auf den Ehrgeiz, nebenher noch ein
geiftreiches Kunftwerk zu liefern. Alle feine Hoffnungen
als Autor liegen in der fchlichten gelehrten Sachlichkeit.

Ich notiere zwei Einzelheiten S. 75 ff: Daß zwifchen Paulus und
Nietzfche ftarke Vcrwandtlchatten beffehn, und daß fie von Pauli Kampf
Recen die Gcletzesreligion her verftanden werden müffen, ift hier zwar
nicht zum crftenmal, aber zum eiflenmal von einem Nietz'che-Verehrer
deutlicher gefagt. — S. 305 fr. M. gibt wahrhaftig eine t'berficht über
Gefchichte und Wefen des deutlchen Geiftes, in der Luther's geifliger
Schöpfungen nicht gedacht wird Ob wohl einem Franzolen mit Pascal
eine "ähnliche Barbarei widerfahren wäre?

Güttingen. E. Hirfch.

Budde, Prof. Dr. Gerhard: Welt- und Menfchheitsfragen in
der Philofophie Euckens. (Pädagog. Magazin H. 815.)
(96 S.) 8°. Langenfalza, Beyer & Söhne I921.

M. 4.—

Aus Rudolf Euckens Werken werden in diefer Schrift
teils in wörtlichenZitaten, teils in umfchreibenderWiedergabe
des Wortlautes eine Fülle von Gedanken herausgehoben,
die dem Hauptinhalt der betreffenden Schriften entfpre-
chend nacheinander das religiöfe Problem, das Kultur-,
Welt-, Erkenntnis- und das Glücksproblem behandeln.
Als propädeutifche Einführung in Euckens Werke für
weitefte Kreife dürfte diefe Auswahl entfeheidender Gedanken
Euckens nicht ohne. Wert fein; mehr zu bieten
lag nicht in der Abficht des Verfaffers, kann alfo auch
nicht wohl von ihm erwartet werden.
Bremen. Bruno Jordan.

0rew8, Prof. Dr. Artur: Gefchichte der PhiloTophie VIII: Die Philofophie
im letzten Drittel des 19. Jahrb.. (Sammig. Göfchen, Bd. 845.)
'155 S.) Kl. 8". Berlin, Vereinigg. wiff. Verleger 1921.

M. 4.20

Im Geiffe der Philofophie E. v. Hartmanns und von deffen Standpunkt
aus verfucht Drews auch das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts
in feiner kurzen Gefchichte der Philofophie darzuflellen. Er fieht den
Grundfehler der Denkweife diefer Zeit darin, daß man nach wie vor dem
Trugbild einer apodiktifchen Erkenntnis nachjagte, durch Angleichen
der Erfahrungen das Denken oder umgekehrt über ein unficheres Schwanken
zwifchen beiden nicht hinausgelangte. Die Folgen diefer Denkweife feien einmal
die Verwerfung der Metaphyfik, die Verzweiflung des Pofitivismus
an der Möglichkeit, das Wirkliche zu erkennen, zweitens der Dogmatimus
des Kritizismus, der gleichfalls die Metaphyfik ablehnte und der
vor allem das Denken in die Grenzen des Bewußtfeins einfperrte. Statt
deffen fordert er die Anerkennung des Princips des Unbewußten. Er
wirft der Philofophie die Gegenwart vor, fie fei Scholaftik, Alexandri-
nismus, er fpottet über die Philofophie als .ftrenge WiffcnfchafV, ja er
fpricht von einer Untergangsftimmung. Er lehnt die Lebensphilolophie
ab, er fordert den Glauben an die abfolute Geltung der Vernunft, der
Einficht in die einfache Tatfache, daß die Wirklichkeit vernünftig lein
muß. Seltfam, derfelbe Mann, der auf das Epigonentum fchilt, ift er
etwas anderes als ein fogar verfpäteter Fpigone einer Hngft verklunge-
nen Spekulation, derfelbe Mann, der nach einer Syntheie Ichreit, vermag
er auch nur Baufteine dafür lierbeizutragen ? Immerhin, feine
Dai Heilung und Beurteilung der Philofophen in der angegebenen Zeit
ift für den nicht ohne Intereffe, der mit ihren Lehren genauer vertraut
ift. Für Anfänger ift diefe Gefchichte fchwerlich geeignet.

Bremen. Bruno Jordan.

Mundle, Lic. Wilhelm: Die religiölen Erlebniffe. Ihr Sinn und
ihre Eigenart. Ein Beitrag zur Frage nach dem Wefen
der Religion. (50 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Hin-
richs 1921. M. 10.—

M. veröffentlicht hier feine Gedanken zur Religions-
philofophie, fpeziell zum Wefen der Religion. Die Wahrheitsfrage
wird in einem V. Abfchnitt behandelt. Man
muß es jedenfalls im Intereffe der Religion wie der fie
behandelnden Wiffenfchaft dankbar begrüßen, daß M.
durch leine phänomenologifche Einftellung ohne von außen
herangebrachte Konftruktion die lebendige Wirklichkeit
der Religion felbft zur Befchreibung kommen läßt. So
wertvoll diefe Intention ift, fo wenig neu ift fie freilich,
abgefehen von dem Anfchluß M.'s an Hufferl. Schon
in Schleiermachers Reden kommt bekanntlich zum Ausdruck
, daß die Religion ein unmittelbares Erleben des
göttlichen Geheimniffes fei. Und M.'s Lehrer Herrmann
vo'lzieht eine Synthefe zwifchen Ritfehl und dem jungen
Schleiermacher, die den ganzen paradoxen Gehalt der
Frömmigkeit gemäß der diefer eigenen Struktur in feinen
Spannungen zum Ausdruck bringt — ein methodifches Verfahren
, das, (foweit ich fehe) in der fog. religionspfycho-
logifchen Methode Wobbermins eine befonders bewußte
und kraftvoll gefchloffene Durchführung erfahrt. Mag M.
die Bezeichnung .religionspfychologifch' für unglücklich
halten, weil in eine wefenerfaffende Befchreibung auch
die religiöfen Objekte gehören (S. 9): daß die Korrelation
zwifchen dem die religiöfe Erfahrung primär wirkenden
Objekt und dem diefe Wirkung aufnehmenden Akt des
Frommen (der zugleich Erkenntnis des .Objektiven' ift)