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1922 Nr. 3

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62

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gott will es! Von einem kathol. Geistlichen 1922

Rezensent:

Mulert, Hermann

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6i Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 3. 62

diefe reiche, chronologifch geordnete Anthologie „den; Der hundertjährige Gedenktag der badifchen Kirchenewigen
Wert, die künftlerifche Bedeutfamkeit und den Vereinigung hat uns diefes wertvolle und forgfältig geAblauf
" der pietiftifchen Bewegung „ins Bewußtfein unterer arbeitete Ürkundenbuch gelchenkt. Aus Briefwechfeln,
Zeit bringen". Doch ermöglicht fie nicht nur, fondern for- 1 Univerfitäts-, Konfiftorial- und Pfarrarchiven hat es Jo-
dert auch wiffenfchaftliche Stellungnahme zu ihr. Denn der ! hannes Bauer in unermüdlichem Eifer und mit feinem
Verfaffer führt in feiner Aufnahme der Quellenftücke konfe- Spürfinn herausgeholt. Die Darftellung in Vierordts ba-
quent feine im Vorwort dargelegte Auffaffung des We- j difcher Kirchengefchichte, einft verdienftvoll, heute aber

veraltet, ließ mancherlei Lücken; auch fpätere Veröffentlichungen
von Hundeshagen, Zittel, Sprnger u. a. behandelten
nur einzelne Punkte und gaben keine Antwort
auf viele und wichtige Fragen. Durch Bauers Buch fehen
wir nun ganz klar. Seine vollkommene Beherrfcbung und
Durchdringung des Stoffes ließ ihn mehr fchaffen als nur
eine Zufammenftellung der Quellen. Ein lebendiges,

fens des Pietismus durch (S. 6): „Der P. trägt neben einer
etwas dürren Moralität, die aus der kleinbürgerlichen Enge
und Befchränktheit feiner Hauptvertreter flammt, in fich
die myftifche Tradition, an welcher die betten deutfchen
Geifter fort und fort gearbeitet haben, von den Tagen
der ekftatifchen Nonnen und des großen Ekkehart an bis
auf die Zeit Jakob Böhmes und Valentin Weigels. Der

P. ift, geiftesgefchichtlich betrachtet, das Wiedererwachen j farbenreiches Bild der Zeit, ihrer Frömmigkeit, ihrer in
der myftifcheti Volksbewegung des 13. Jahrhunderts in den ' Baden das kirchliche Leben beftimmenden Männer, ihrer
Formen der luth. Kirche, ift der erneute Verfuch, gegen : kirchlichen Ideen und Ideale entrollt fich vor dem Blick
eine erftarrte Dogmatik und feelenlos gewordene Hierarchie j des Lefers. Geftalten wie der tatkräftigfte und weiteft-
den Geift eines lebendigen, myftifchen Chriftentums durch- blickende der kirchlichen Führer, der Kalrsruher Mini-
zufetzen." Alfo genau Albrecht Ritfchls Auffaffung des fterial- und Kirchenrat Sander, der mildpietiftifche Heidel-
P. als bloßer Erneuerung mittelalterlicher, mönchikh- berger Profeffor Schwarz, der Dichter und Prälat Hebel,
myftifcher Frömmigkeit auf proftantifchem Boden. Nur j Großherzog Ludwig und feine Staatsmänner treten plaftifch
daß Mahrholz auf Grund inzwifchen eingetretenen gei- j hervor. Das Wertvollfte aber find die neuen Auffchlüffe,
ftigen Modenwechfels als moderner Myftikfreund das j die wir über die Vorbereitung und vor allem über den
lobt, was ein Ritfehl als Lutheraner und Kantianer tadelte. J Verlauf der konftituierenden Generalfynode von 1821

empfangen.

Man ift erftaunt, wie verhältnismäßig leicht und glatt fich die
Vorverhandlungen abwickelten, und wie in wenigen Wochen die Synode
an das Ziel ihrer Arbeit gelangte. Und doch hat es an fchweren und
das ganze Werk gefährdenden Hemmungen nicht gefehlt. Zweifellos —
das hat Bauers Arbeit feftgeftellt und war bisher unbekannt — hat man
kirchlicher!eits den Verfuch gemacht, der neuentftehenden Kirche eine
vom Staat freiere Stellung durch Schaffung einer geordneten fynodalen
Vertretung, und einer von der ftaatlichen Behörde tunlichft unabhängigen
Kirchenregierung eine größere Selbftändigkeit und Uewegungsfreiheit
gegenüber dem fich trotz der Verfaffung von 1818 noch immer abfolu-
tiftifch gebärdenden Staat zu erobern. Das landabiliter subjicere war
wohl unvermeidlich — follte nicht im letzten Augenblick die ganze
Union fcheitern. Die Verhandlungen, die dazu geführt haben, find
fpannend bei Bauer zu lefen. Raich gewann der Unionsgedanke im
badifchen Staat Boden. Schon im Oktober konnte die Feier der Kirchenvereinigung
im ganzen Land begangen werden, und nur ganz wenige
Gemeinden haben fich in der Folge der Union femgehalten.

So klein der Raum war, auf dem fich alle diefe Vorgänge
abfpielten — fie find typifch für ihre Zeit und verdienen
auch heute noch gekannt und erforfcht zu werden
. Bauers verdienftlicher Arbeit wünfehen wir die gebührende
Beachtung von Seiten der Kirchenhiftoriker
und namentlich auch der Männer der Kirche!

Heidelberg Otto Frommel.

Die hiftorifche Objektivität läßt folche religiöfen Wert
urteile beifeite. Sie fieht den P. eingefchoben als Zwifchen-
glied zwifchen dem altlutherifchen Dogmatismus und dem
konfeffionell indifferenten Moralismus der Aufklärung.
Erfteren erweicht der P., zu letzterem führt er die kirchlichen
Kreife hinüber, wobei der dogmatifche Indifferentismus
fich auch der myftifchen Elemente des P. als Vehikel
bedient. Vgl. Arnold. Der Hiftoriker unterftreicht
daher das von Mahrholz nicht unrichtig charakterifierte,
aber in feiner Bedeutung unterfchätzte ethifche Gehaben
des P., wie es in Speners Pia desideria, diefem wirklich
fehr unmyftifchen Programm des P„ grundlegend zutage
tritt. Wohl fand im Pietismus eine Menge myftifcher
Erfcheinungen Herberge, Schutz und Pflege. Aber we-
fentlich durch Symbiofe. Die entfeheidende Entwicklungslinie
im Gehaben der eigentlich pietiftifchen Kon-
ventikelbewegung, bef. des maßgebenden „hällifchen
Chriftentums" in feinen maßgebenden täglichen Lebensfragen
(Kennzeichen der Bekehrung), geht ficher nach
der ethifchen Seite und fchließlich auf Geliert zu. Mahrholz
verkennt das Neuartige in der Spener-Franckefchen
Bewegung, von der aus der Pietismus nach Namen und
Sache doch erft datiert, gegenüber den myftifierenden
Vorgängern und Zeitgenoflen. Was er bringt, ift daher
eine Auswahl oft von mehr myftifchen als eigentlich pieti

Gott will e8! Aufruf zur Wiedervereinigung der evangel. und kathol.

Religion in Deutfchland. Von einem kathol. Geiftlichen. (31 s.)

■ T g'S A. VV T • ul ' ü ■ Von den Unionsfchriften der letzten Zeit vielleicht die der Gefinnung

Johann Arndt bis ZU dem Maler Ludwig Richter, wobei , nach fympatbifcbfte. DerVf. fchreibt als kalholifcher Priefter, den befonders

er bezeichnenderweife die Pia desideria übergeht und der in der Diaspora häufige Abfall zum Unglauben bewegt. Er hat

ebenlo Franckes pietiftifchen Knigge, die „XXX Regien", : wirkliche Bruderliebe zu evangelifchen Chriften. Aber noch abgeiehen

deren Befolgung durch Leipziger Studenten doch errft

zur f™tt,f„htn U^irhnnna der Beweo-uno- als Pietismus" Praktlfch Erfolg verfprechen, er ficht zum Protestantismus zu freundlich,

zur fpottiichen Beze chnung der Bewegung als Pietismus ; aIs daß er fiir feine Amtsgenoffen fprechen könnte, fpricht von evan-

ftlhrte. Aber als folche Sammlung VOll myftifchen, Z.T. j gelifcher Schwefterkirche und dgl., und er verkennt doch das Wefen
fonft fchwer zugänglichen Quellenftücken aus jener Periode, evangelifchen Glaubens, wenn er fich das Apoftolikum, möglichft mit
hat das Buch an fich bedeutenden Wert, befonders auch i Athanafianum, als Einheitsband denkt, wie er fchon Paulus katholifierend
durch den Anhang von zeitgenöffifchen, hauptfächlich

tu V,■ 1 -u j t) j , r/ . famten Glaubenskoniplex mit all feinen Geboten und Satzungen.'

gegnerifchen Berichten über den P. aus der Feder von ; Kie] 1 H A

Edelmann, Semler und Moritz. Zfchokke (Vorwort S. 9) j _.__-—-!__!__

dürfte nicht dem P., fondern der frommen Aufklärung Alexander, S„ M. A., L. L, D., f. B. A.: Spinoza and time With
zuzuweifen fein. Zinzendorf fehlt. Sein kntifches Verhalten an afterwörd by Viscount Haidane, D. M„ f. r. S. (80 S ) kl 8«
zu Halle fowie zu Rocks Infpiration hätte fehr in den London, G. Allen & Unwin 1921.

Anhang hineingepaßt. | Der Verf- le8* feiner Befchäftigung mit Spinoza die Darftellungen

Q. ..• j.. „ und ECTfchnng« Dritter, nicht eignes Studium unter (S. 20) und bc-

ö*omn- JurigU- | kümmert fich (S. 31) nicht groß um die genauen Einzelheiten. Seine

--!_______j Schrift ift ein ziemlich verworrener Verfuch, an die Stelle des Attributs

; des Denkens das der Zeit zu fetzen und fo in Spinoza's Syftem die
Die Union 1821. Urkunden und Dokumente herausge- ■ Raum-Zeit der modernen Relativitätstheorie einzuführen.

geben und erläutert V. Geh. Kirchenrat Prof. DJ1,, Das Intereffantefte ift die Gelegenheit, bei der die Vorlefung ge-
Bauer in Heidelberg. (190 S.) 8° Verlar d evano- n X.nte* L?ltung der lewish historical society of England ift
Pfarr vereins in BadL IQ-l g 1VT 9n ' ' r V 1 n1 8 e MemorialLecture, jährlich in der Woche feines

riarrvereins in Daaen 19-.I. M. 20.— I Todes zu halten, geftiftet worden zur Pflege von Hebrcw thougt and