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Ausgabe:

1922 Nr. 3

Spalte:

56-57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mausbach, Joseph

Titel/Untertitel:

Grundlage und Ausbildung des Charakters nach dem hl. Thomas von Aquin. 2. u. 3., erweit. Aufl 1922

Rezensent:

Seeberg, Reinhold

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 3.

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laus I. und Gregor VII. zu Innocenz III. u. Bonifatius VIII.
fortfchritt. Der Schwerpunkt der von einem Schüler
Pfeilfchifters verfaßten, durch Gründlichkeit und Vorficht
im Urteil ausgezeichneten Arbeit beruht in der gegenüber
den früheren Forfchungen fchärfer herausgearbeiteten
Stellung Leos d. Gr. im Verhältnis zwifchen sacerdotium
und imperium.

Münfter i. W. G. Grützmacher.

Heidingsfelder, Prof. Dr. Georg: Albert von Sachfen. Sein
Lebensgang u. fein Kommentar zur nikomachifchen
Ethik des Ariftoteles. (Beiträge zur Gefchichte der
Philofophie des Mittelalters. Texte u. Unterfuchgn.,
XXII3/4) (XVI, 152 S.) gr. 8°. Münfter i. W., Afchen-
dorff 1921. M. 35 —

Albert von Sachfen, geftorben am 8. Juli 1390 als
Bifchof von Halberftadt, ift vorher als akademifcher Lehrer
in Paris und Wien tätig gewefen. Von feinen Schriften
war vor allem feine in nominaliftifchem Geift gehaltene
Logik bekannt. P. Dufhem hatte dann in feinen Etudes
sur Leonard de Vinci (Paris 1906 fr.) auf feine ebenfalls
fchon gedruckten naturphilofophifchen Schriften mit Auszeichnung
verwiefen und A. Dyroff machte auf den bisher
ungedruckten Kommentar zu der nikomachifchen
Ethik aufmerkfam. Letzterem Werke ift die vorliegende
Arbeit gewidmet. Sie ift fachkundig und umfichtig abgefaßt
und führt daher an den Hauptpunkten zu ficheren
Refultaten. Ich ftelle diefe Refultate zufammen. 1. Der
Verf. fammelt die verftreuten Notizen über das Leben
Alberts und kommt zum fichern Refultat, daß es ein
und diefelbe Perfönlichkeit ift, die in Univerfitätsurkunden
und in der handfchriftlichen Überlieferung bald Albertus
de Saxonia, de Helmftede oder auch de Ricmeftorp heißt.
Mit Recht fchreibt der Verf.: .wahrfcheinlich war Albert
Helmftedter Bürgersfohn einer aus Ricmeftorp eingewanderten
Familie' (S. 5). Wenn fein Vater im J.
1362 als Bernardus Dives bezeichnet wird (Chartul. univ.
Paris. II, 91), fo wird gegen Dyroßs Erklärung m. E. nicht
viel einzuwenden fein, nämlich daß der Familienname
Rike hierdurch wiedergegeben werden foll. — 2. Der Verf.
hat heben Handfchriften des Ethikkommentars nachgewiefen
und befchrieben (S. 59 ff). Er charakterifiert die Darfteilung
dahin, daß he eine genaue wörtliche Interpretation
des Textes anftrebt, nicht aber eigene Ideen über ihn zu
entwickeln trachtet, he ift alfo modo expositionis und
nicht modo quaestionum gehalten, wie man im Mittelalter
fagte. — 3. Höchft intereffmt ift nun aber die Entdeckung
des Verf., daß das Werk Alberts nichts anderes ift
als eine in weiten Partien — felbft bei Zitaten und im
Prolog — wörtliche Wiedergabe des Ethikkommentars
des Walter Burleigh (Burläus). Letzterer ift bekannt
als eifriger Schriftfteller und leidenfchaftlicher Wider-
facher des Ockamismus. Wenn Heidingsfelder S. 87 ihm
.Annäherung an den heil. Thomas' und S. 102 .weitgehende
lkotiftifche Richtung' nachfagt, fo ift das nicht ohne
Weiteres verftändlich. Gegenüber dem evidenten Nachweis
der Abhängigkeit von Burleigh zeigt die Zufammen-
ftellung des eigenen Behtzes Alberts recht dürftige
Refultate (S. 106, 109h 113 h 143). Beachtenswert ift, daß
Albert die Zitate aus Thomas von Aquino bei Burleigh
felbft nachgefchlagen und vollftändiger wiedergegeben
hat als die Vorlage fowie, daß er auch felbftändig Stellen
aus Thomas feinem Text eingefügt hat (S. 99ff). Um
fo merkwürdiger ift es, daß er wie auch Burleigh der Erwähnung
des Namens des Thomas tunlichft aus dem
Wege gehen (S. 102). — 4. Der Einfluß des Werkes
Alberts fcheint nicht erheblich gewefen zu fein (S. 147 ff).
Nur von dem Skotiften Nikolaus de Orbellis (f 1455) dürfte
ficher fein nach den Beifpielen S. 148, daß er in feinem
(ungedruckten) Ethicae compendium breve Albert gelegentlich
benutzt hat. Aber Alberts Ethik ift im 14. und 15.
Jahrh. immerhin mehrfach abgefchrieben worden, gedruckt
wie feine fonftigen Schriften wurde fie nicht. — 5. Albert

ift imj. 1372 durch Papft Gregor XI zum Widerruf feiner
ketzerifchen Lehren angehalten worden, daß alles in der
Welt ex necessitate gefchehe, die Menfchen dem fatum
unterftehen und die Akte des liberum arbitrium herkommen
ex necessitate caelestis influentiae. Diefe Tatfache ift ge-
fichert. Doch ift nach den Nachweifen Heidingsfelders
unzweifelhaft, daß diefe Anfchuldigung fich nicht auf eine
Stelle des Ethikkommentars geftützt haben kann (S. 45
iiöff.), wie Dyroff als möglich annahm. Der Verf. hält für
möglich, daß Albert auf der Kanzel derartige Äußerungen
getan habe (S. 137). Sollte fich nicht eher in den Quä-
ftionen zu Ariftoteles Büchern de caelo et mundo oder zu
den acht Büchern Physica Bemerkungen finden, die von
einem theologifchen Denuncianten fo gedeutet werden
konnten? Der Denunciant hat ausdrücklich hervorgehoben
qui litteratus humana scientia potius quam
divina sapientia eruditus. Hiernach wie auch aus anderen
Urkunden (S. 26) wird ziemlich ficher anzunehmen fein,
daß Albert nicht Magifter theologiae in Paris gewefen ift.

Die vorliegende fleißige Studie bietet einen Bauftein
mehr zum Ausbau unteres Verftändniffes der mittelalterlichen
Geiftesgefchichte. Aber fie weift zugleich auf
dringliche Probleme hin. Seit den fünfziger Jahren des 13.
Jahrh. wird die nikomachifche Ethik bekannt. Sie wird dann
Gegenftand der Univerfitätsvorlefungen, zuerft der außerordentlichen
, wie fie gern an Sonn- und Feiertagen gehalten
wurden, dann auch der ordentlichen. Die Gefchichte
der Erklärung der nikomachifchen Ethik und ihr Einfluß
auf die theologifche Arbeit — gelefen wurde über fie
natürlich in der Artiftenfakultät — ift eines der Defide-
rate, die bei einer Arbeit wie der vorliegenden einem wohl
kommen.

Berlin-Halenfee. R. Seeberg.

Mausbach, Dompropft Prof. Dr. Jofeph: Grundlage und
Ausbildung des Charakters nach dem hl. Thomas von Aquin.

2. u. 3. erweit. Aufl. (VIII, 146 S.) 8°. Freiburg
i. Br., Herder & Co. 1920. M. 17—; geb. M. 22 —
Die vorliegende Schrift befteht aus fünf Vorträgen,
die der Verf. in einem theologifchen Kurfus in Freiburg
i. B. im Jahre 1910 gehalten und für die neue Auflage
erheblich erweitert hat. Der Verf. behandelt unter dem
Gefichtspunkt der Charakterbildung die Hauptprobleme
der Ethik mit Ausfchluß der fozialen Fragen. Er fchließt
fich dabei den Gedanken des Thomas von Aquino an, die
diefer in den beiden Teilen des zweiten Hauptteils der
theologifchen Summa entwickelt hat. Dabei handelt es
fich aber nicht um eine hiftorifche Reproduktion, fondern
um eine eigene auf das heutige fittliche Leben und feine
Bedürfniffe berechnete Darfteilung des Verfaffers, wie
gleich das Thema des Buches anzeigt. Es ift alfo ein
ähnliches Unternehmen wie etwa W. Herrmann den .Verkehr
des Chriften mit Gott' oder K. Thieme ,die Triebkraft
des Glaubens' ,im Anfchluß an Luther' dargeftellt
haben. Indeffen ift hervorzuheben, daß Mausbach das
Material aus Thomas forgfältig gefammelt hat und immer
wieder den Heiligen felbft reden läßt oder feine Meinungen
als maßgebende anführt und vermerkt. Solche
Bücher haben oft für den Lefer etwas Unbequemes, indem
er genötigt ift beftändig die innere Einftellung zu wechfeln
je nach dem, ob er daran denkt, was war, oder daran,
was ift. Aber damit foll das Verdienft der Arbeit Mausbachs
nicht eingefchränkt werden. Er hat in der Tat
mit ausgezeichneter Sachkunde die ethifchen Hauptgedanken
des Thomas zufammengeftellt und wird fie manchen Lefern
dadurch vielleicht näher bringen, daß er fie aus den
Kellern der Hiftorie herausgeholt und in das freie Licht
des heutigen Lebens gefleht hat. Wenn die vielen Schubfächer
, Kiften und Kärtchen, in denen die Gedanken des
mittelalterlichen Denkers verteilt find, geöffnet und der
ganze Gedankenvorrat auf einem Tifch ausgebreitet ift,
erkennt der hiftorifch weniger Geübte erft, wieviel bleibende
Wahrheiten, feine Beobachtungen, konfequente Gedanken-