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Ausgabe:

1922 Nr. 2

Spalte:

40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lippert, Peter

Titel/Untertitel:

Der Erlöser 1922

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 2.

40

Papier gedruckt ift, ift auf die Ausftattung einfchließlich
Titelblatt und Einband fichtlich befonders große Liebe
und Sorgfalt verwandt worden. Inhaltlich möchte ich
aber doch der Ausgabe des Infelverlags den Vorzug geben.
In ihr find faft alle Böhmefchen Schriften in chronologifcher
Folge vertreten; nur die Apologien uud die Sechs theo-
fophifchen Punkte fehlen. (Der Infelverlagbereitet übrigens
auch eine neue Gefamtausgabe vor.) Die Ausgabe des
Furcheverlags enthält: einen Brief von Jakob Böhme an
Herrn Cafpar Lindnern (1621), die hochteure Pforte von
göttlicher Befchaulichkeit (1620), Troftfchrift von vier
Komplexionen (1621), Vom überfinnlichen Leben (1622),
Eine kurze Andeutung, wie man zu göttlicher Befchaulichkeit
gelangt (1623), Gebetbüchlein auf alle Tage in der
Wochen (1624), und dazu die Inhaltszufammenfaffungen
von Joh. Gg. Gichtel. Da die Ausgabe für einen weiteren
Leferkreis berechnet ift, müßte doch über diefen Stifter
der Gefellfchaft der .Engelsbrüder' und Veranftalter der
Ausgabe von 1682 etwas gefagt fein. Man erfährt auch
nicht, auf welchen Unterlagen der Text beruht und woher die
im Nachwort citierten Stellen flammen (aus der Biographie
Böhmes von Abraham von Franckenberg).
Zwickau i. S. O. Clemen.

Georg von Hertling, Erinnerungen aus meinem Leben. 2. Bd.

hrsg. v. Karl Graf von H. (312 S.) 8°. Kempten,
Köfel'sche Bh. 1920. M. 12.50; geb. M. 16.65

Diefer zweite Band fchildert Hertling auf der Höhe
feines Lebens, die erften vier Kapitel über die Jahre
1882—1898 find von ihm felbft gefchrieben, während das
fünfte, das die Zeit 1899— 1902 umfpannt, von dem
Herausgeber bearbeitet worden ift, wofür ihm das von dem
Verftorbenen gefammelte Material zur Verfügung ftand
(vgl. S. 14).

Die hervorragende Stellung, die PI. im politifchen,
kirchlichen und wiffenfchaftlichen Leben eingenommen hat,
gab ihm Gelegenheit, in die Vorgefchichte wichtiger Er-
eigniffe einen Einblick zu gewinnen und zum Teil ihre
Entwicklung zu beeinfluffen. Die .Erinnerungen' liefern
daher zu der politifchen Gefchichte Deutfchlands am Ende
des 19. Jahrhunderts mancherlei wertvolle Beiträge, in-
fonderheit für die Gefchichte der Zentrumspartei, z. B.
über ihre feiner Zeit viel'besprochene und auch grund-
fätzlich bedeutfame Stellung zu der Septennatsvorlage
1887 und ihre Haltung zu den fozialpolitifchen Vorlagen
der Regierung. Auch feine Mitteilungen über die Katholiken
verfammlungen, die katholifchenGelehrtenkongreffe, die
Görresgefellfchaft, verdienen Beachtung, nicht minder über
die Behandlung der Altkatholikenfrage. Nach der theologischen
Seite intereffiert fein Urt^ daß durch das Dogma
von der Unfehlbarkeit des Papftes ,im kirchlichen Leben
und für den einzelnen Gläubigen eine Einfchränkung der
päpftlichen Autorität eingetreten' ift (S. 186). Leider hat
er keinen Anlaß genommen, diefe Auffaffung näher zu
begründen, und zu zeigen, woran erkennbar fein foll, wenn
der Papft .ausdrücklich in feiner Eigenfchaft als Träger
der oberften kirchlichen Lehrgewalt' redet. Eingehend
berichtet H. S. 78 ff. über feine literarifche Fehde mit dem
proteftantifchen Theologen .Albert Ritfchel' (Sic!) aus Anlaß
feiner Göttinger Jubiläumsrede 1887; zur Sache ift zu
vgl. O. Ritfehl, Albrecht Ritfchls Leben II 496. Von
großem Wert find die ausführlichen Mitteilungen des Verf.
über die Gefchichte der Begründung der katholifch-theo-
logifchen Fakultät in Straßburg, an der er felbft einen
großen Anteil gehabt hat.

Die zurückhaltende Art Hertlings bringt es mit fich,
daß er in ftrenger Sachlichkeit referiert und verhältnismäßig
nur feiten kleine Einzelzüge einflechtet. Das Buch
ift eine wertvolle Nummer in der neueften Memoirenliteratur
, den Autor zeigt es als einen febftändigen und ge-
fchickten Politiker, den Menfchen als eine vornehme Natur.
Göttingen. Carl Mirbt,

Herbigny, Michael d S. J. De Deo universos evocante ad sui regni
vitam seu: De institutione ecclesiae primaeva. (Theologica de Ec-
clesia I.) Editio secunda. (280 S.) Lex. 8°. Paris, G. Beauchesnc
1920.

Die erfte Ausgabe diefer Schrift erfolgte laut Vorbemerkung in
drei Heften teils unmittelbar vor dem Krieg teils während desfelben und
war rafch vergriffen. Die vorliegende zweite Auflage ift dem Kardinal
Mercier mit unmißverftändlichen Lobfprüchen gewidmet. Der bel-
gifche Jefuit behandelt hier auf ftarkem Papier und in klappernder
Scholaßik die Stiftung und Einrichtung der Kirche, S. 209—280 den
Rechtsprimat Petri. Dabei fetzt er fich auch mit der neuzeitigen Forfchung,
namentlich mit Harnack, — lelbftvcrftändlich fiegreich — auseinander.
Das Buch kann jedem empfohlen werden, der fich gegen Anfälle gc-
(chichtlicher Erkenntnis von vornherein fchützen will, aber auch jedem,
der an einem Mufterbeilpiel fehen oder andern zeigen will, wie man
gefchichtliche Fragen nicht anfaffen foll. Ein zweiter Band wird ,Dc
perdurante ecclesiae vita' handeln.

München. Hugo Koch.

Lippert, Peter S, T.: Der ErlÖTer. (Credo, 4. Bd.) (164 S.) kl. 8".
Freiburg i. B., Herder 1919. geb. M. 3.80

Kein Leben Jefu, fondern eine kurze Chriftologie für gebildete
Katholiken, von pfychologifchen und ethifchen Erwägungen ausgehend,
fodaß z. B. der Gedanke des ßellverlretenden Strafleidens Chrifti ganz
zurücktreten kann, überhaupt die dogmatifchen Formeln mehr im Hintergründe
flehen. Doch muß die Art, wie L. die orthodoxe Zweinaturenlehre
verftändlich zu machen fucht und die Theorie von der bleibenden
Virginität derMaria rechtfertigt, dem Nichtkatholiken gekünftelterfcheinen.
Kiel. H. Mulert.

Enckendorf, M. L.: Über das Religiöfe. (180 S.) 8". München, Duncker
& H. 1919. M. 21—; geb. M. 30 —

Ich weiß nicht, ob dies Buch überhaupt in der Th. L. Z. belprochen
werden follte. Denn begriffliche Klärung über irgend etwas zu geben,
einen Gedankenzufammcnhang zu bieten, das liegt außerhalb der Abfichten
der Verf. Sie will Zeugnis ablegen und tut es in einer Rede, die zugleich
Zeriffenheit und Begeifterung in jedem Satze auszudrücken fich
bemüht — derjenigen Art Rede, die dem Gegenftande, wie fie ihn
verfteht, angemeffen fein foll.

Dennoch glaube ich, auf das Buch hinzeigen zu follen. Es ift
ein lehrreiches Dokument für Zeitftimmungen. Es fpricht aus, was in
vielen jungen Geiftcrn gährt, nicht deutlicher als es in ihnen gährt, aber
eben darum auch treu. Es ift darum vielleicht auch nicht wirkungslos.

,Religion ift ein Zuftand, keine Beziehung auf ein Objekt, — unerwerb-
bar, unmitteilbar, unübertragbar [außer durch eine Art von Anfteckung] ;
ein Zuftand nicht abhängig von Erkenntnis noch Offenbarung.' (S. 3).
Formal kann er befchrieben werden als die ,abfolute Situation'. Der
Menfch fieht fich vor die Ewigkeit geftellt und erfchauert vor dem Geheimnis
der Welt und feines eignen Lebens. Inhaltlich ift er dann die Erkenntnis
von der Nichtigkeit aller Formen und Geftalten diefer Welt, und
von der Liebe als der einzig wefenhaften Weltentiefe, mit der wir Menfchen
im letzten Kern unfers Wefen eins find. ,Wir haben keinen Gott, der
uns fagt: salus tua ego sum. Wir fchreiten auf dem Meere diefes furchtbaren
Lebens, in dem wir untcrfinken, wenn unfer Glaube uns einen Augenblick
I verläßt. Wir lind nichts anderes als Glaube. Gefäße des Ewigen, Wefen
der tiefften Lebensfroheit und Stärke. . Können wir die Welt nicht
verändern, können wir uns felbft nicht verändern, dennoch: wir wiffen,
daß wir ein überl'chwcnglich Gutes kraftvoll hineinftellcn müffen in alles
Entfetzen; ein unausrottbar Gutes, das da fei und ftche; das wachfe mit
den Schauerlichkeiten der Welt und lieh mit ihnen meffe.. . Unergründlich
, unbefieglich die Welt — unergründlich, unbefieglich auch wir.'
(S. 178—180).

Göttingen. E. Hirfch.

Niedlich, Dm Deutfche Religion als Vorausretzung deutreher Wiedergeburt
. Vortrag, gehalten in der ,Hcitmatkundl. Vereinigung des
Berl. L. V.' (S.-Dr. aus ,Heimatsfchule' H. 14/15.) (28 S.) gr. 8".
Langenfalza, F. Kortkamp 1921. M. 1.80

Heimatkunde darf im Unterricht nicht ein einzelnes Unterrichtsfach
bleiben, wenn wirklich sie ihren Zweck erfüllen foll: Volks-
bewußtfein zu fchaffen und damit deutfche Wiedergeburt. Alle Unterrichtsfächer
müffen vom Geifte der Heimatliebe durchdrungen fein, im
Mittelpunkte des Unterrichtes muß daher der Unterricht in der deutfehen
Religion flehen. So wird eine einheitliche Weltanfchauung den getarnten
Lehrftoff durchdringen. Deutfche Religion aber heißt Jefus-
religion, wie wir fie bei Marcus finden, Befreiung des Chriftentums von
allen jüdifchen und lateinifchen Elementen, nicht weil fie minderwerlig
wären, fondern weil fie artfremd find, und Erfatz diefer Fremdftoffe
durch indifche und germanifchc Mythologie. Das find die Hauptgedanken
des Vortrags. Man merkt, daß ein frifcher lebendiger Menfch
dahinter fteckt. Aber es muß doch gegen die große Willkür bei der
Zufammenfctzung diefer ,deutfchen Rel.' Verwahrung eingelegt werden.
Die Jefusreligion' mit ihrer Unterfcheidung von gefchichtlich Bedingtem
und ewig Gültigem ift wiffenfchaltlich nicht haltbar. Und daß uns
Indien völkifch näher (fände als Hellas oder Rom, ift auch eine ausgeträumte
romantifchc Phantafie.

Göttingen. Piper.