Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1922 Nr. 26

Spalte:

575-576

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Moering, Ernst

Titel/Untertitel:

In ungemessene Weiten. Kanzelreden 1922

Rezensent:

Schian, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

5-75

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 26.

576

Gedanken als cliriftlich vertritt, ohne den Notwendigkeiten
des Lebens gerecht zu werden, muß immerhin bemerkt
werden. Aber daß eine feine Kunft der Gedankenbildung
und eine bedeutende Fähigkeit innerlich anfallender und
anregender Rede in diefen Predigten fleckt, foll doch
noch ausdrücklich gefagt werden. Für Großftädter find
fie beftimmt; die großftädtifche Hörerfchaft (M. fcheint
fie mit ,Sie'anzureden I I, 110) wird fich die fchweren Fragen,
die dem Theologen dabei kommen, nicht ebenfo vorlegen.
Gießen. M. Schian.

Uckeley, Prof. D. Alfred u. Konf.-R. Wilhelm Richter:
Moering, Lic. Ernft: In ungemelfene Weiten. Kanzelreden. u.nd <"e Gegenwart. Eine Einführung in das Ver-

2 Teile. (X, 154 u. 150 S.) 80. Breslau, Trewendt ftandnis der Evangelien. (80 S.) gr. 8*. Potsdam,
&Granieri922 Gz. je 1; geb. 2. ! Stiftungsverlag 1922. ,,y

Diefe Sammlung ftellt etwa den fortgefchrittenften I , ^wei früheren ähnlichen.Veroffenthchungen (Die Bibel
Typ der modernen Predigt dar. Von der alten biblilch 1 und der ™odf°e fD*Vcnnftliche Glaube und der

Bauerngemeinde, cfne Arbeitergemeinde, eine Schulgemeinde, eine gemilchte
Gemeinde, eine kirchliche oder eine entkirchlichte Gemeinde?
Welche tragen die Eierfchalen akademifcher Art an fich? Für was für
Kreife find die einzelnen ,Andachten' berechnet? Wie fleht die Ausführung
zum jedesmaligen Text? Welche Mittel der Veranfchaulichung
wendet N. an? Wie verwendet er die Gefchichte, Anekdoten, Märchen,
das Kirchenlied, die weltliche Literatur? Wie ifl die Art feiner Gedankenführung
? Welchen fonft üblichen Stoff fcheidet er aus? Wie erledigt
er dogmatifche Fragen und Bedenken? Inwiefern wird bei feiner
Art die Logik, die Pfychologie, der gefunde Menfchenverftand verwertet?
In welcher Webe kommt die Perfon Jefu zur Geltung? Wie werden die
Konfeffionen und modernen Weltanfchauungen berückfichtigt? Welche
Anknüpfungspunkte im modernen Leben werden ausgenützt? —

Frankfurt a./Main. W. Bornemann.

auslegenden und anwendenden Kunftpredigt haben M.'s
Predigten gar nichts mehr. Wohl folgt einer Einleitung
ein (oder auch einige) Schriftwort; aber als Text im herkömmlichen
Sinn läßt es fich nicht bezeichnen. Daß die
früher übliche feierliche Einteilung fehlt, verfteht fich von
felbft. Die Gedankenführung knüpft überall an die Ele

moderne Menfch) folgt diefe Behandlung von .Gegenwartsfragen
zum Leben Jefu'. Jeder der beiden Verfaffer hat
5 Auffätze beigefteuert. Weihnachtsgefchichten, Ver-
fuchungen, Karwoche, Kreuz, Auferftehung werden be-
fprochen; dazu tritt eine Anzahl von Auffätzen über die
Perfon Jefu als König des Reichs, Prediger des Reichs,

—n^,,*-:^« -a-AA,,^ „ r^^~ v„„<- t?;A*<. Heiland des Reichs ufw. Die biblifchen Auslagen bilden
mente der heutigen Bildung an. Goethe, Kant, richte, . , , , r ,, , ,. n "J „

___ . ... p . 0 ... .'. _ . . A ncrnnfrcnim L-r 11 n r l.ninn nhf>r rliz* I hirltp minor z»r-

Kierkegaard, Spinoza und zahllofe andere Denker und
Dichter begegnen zu Häuf. Zitate in Profa und Verfen
find außerordentlich reichlich verwendet. Die Sprache
ift ganz die Umgangsfprache der geläuterten Bildung;
ein philiofophifcher Einfchlag macht fich nicht feiten bemerkbar
; ein kräftiger Schwung fehlt nicht. Nach allen
diefen Richtungen mag manchem zu viel, fchlichten Gemütern
logar viel zu viel, getan Rheinen; andere werden
gerade durch diefe Art befriedigt werden; der Predigt-
gefchmack ift eben fehr verfchieden. Entfeheiden wird
fchließlich nicht die zweifellos fehr gewandte, feffelnde
Form, fondern der religiöfe Gehalt. M. meidet zahlreiche
Klippen, denen andere Prediger erliegen; er ift weder
lehrhaft noch ergeht er fich in breiten Schilderungen; er
arbeitet immer Gedanken heraus, denen nachzugehen fich
lohnt; und er gibt den Gedanken ein eigenes Gepräge.
AlsBeifpiele ein paar Themata: Arbeit und Seele; Chriften-
tum ift Tat; Was bedeutet Jugend?; Die Gefahr des
Kirchentums; Ift wirklich das Wunder des Glaubens liebftes
Kind?; Chriftentum und Weltfrieden. Die Wege, die M.
führt, find nicht die Wege der kirchlichen Lehre; auch
den biblifchen Berichten fleht er ganz frei gegenüber.
Die Weihnachtsgefchichte nennt er unverblümt .keine
wahre Begebenheit, d. h. keine, die fich fo, wie er (der
Dichter) fie gedichtet, in Wirklichkeit zugetragen hat'
(I, 48). Auf .Hiftorien' kommt es überhaupt nicht an,
fondern auf ein neues Sein. Was demnach vom Gefchicht-
lichen bleibt, ift nicht viel. ,Was da in der Perfönlich-
keit Jefu von Nazareth uns entgegengetreten ift, kann
mit Recht zum Bilde einer Perfönlichkeit werden, die,
frei von den Leidenfchaften, Gebieter der Tugenden und
Herr der Sinne, harmonifch fich bildet' (I, 45). Oftern
feiern wir, ,weil uns der Chriftus der Menfch ift, der die
Welt überwunden hat' — natürlich innerlich; er ,ftand
über den Dingen'. Eine Reformationsbetrachtung mündet
in die Forderung, zu forgen, ,daß durch uns und in uns
das Ideal Wirklichkeit werde'. (II, 149). Religiöfe Innerlichkeit
und ethifcher Idealismus find die Leitmotive.
So wie M. fie vertritt, find beide durchaus chriftlich beeinflußt
. Aber es wird doch viele geben, denen die Gedankenwelt
diefer Predigten von dem, was ihnen zum
Wefen des Chriftentums gehört, allzu weit abliegt, als
daß fie an ihnen Freude haben könnten. Daß M. in
Fragen wie .Chriftentum und Weltfriede' pazififtifche

Ausgangspunkt und Grundlage; aber die Darftellung erweitert
fich mehrfach zu mehr dogmatifcher Erwägung.
Auch die kritifche Überlegung fehlt nicht (z. B. bei den
Weihnachtsgefchichten), aber fie mündet in pofitive, das
religiöfe Moment ftark betonende Darlegung. Die Ge-
famthaltung entfpricht der der konfervativen Theologie,
doch fo, daß moderne Frageflellungen anklingen. Als
Lefer find gebildete Laien gedacht, und zwar folche mit
biblifch-traditioneller Stimmung; man fpürt das forgliche
Bemühen, fie weiter zu führen, ohne ihnen Anftöße zu
geben. Für Lefer diefer Art können die leicht verftänd-
lich gefchriebenen Auffätze fehr nützlich fein, fie können
ihnen eine Einführung in eine mehr gefchichtliehe Betrachtungsweife
bieten.

Gießen. M. Schian.

Kuntze, Prof. Friedrich: Die Technik der geiftigen Arbeit. 2. Aufl.
(85 S.) kl. 8°. Heidelberg, Carl Winter 1922.

Die kleine Schrift will Anleitungen geben zur Krlangung einer
modernen Arbeitstendenz in den Wiffenfchaftcn. Gleich dem Kaufmanne
und dem Techniker müffc heute auch der angehende Gelehrte lernen,
zeitfparend und doch gründlich zu arbeiten. Der Verf. gibt zu diefem
Zwecke eine Menge Ratfchläge aus allen Gebieten der Praxis für das
Erwerben, Aufbewahren und Verwerten von Kenntniffen.

Wichtig Cd vor allem die Anlage einer Zettellammlung nach dem
Vorbild einer modernen Kartei. Die Exzerpte und Notizen werden
nicht, wie das meid gefchieht, alphabetifch geordnet, fondern — einer
Anregung des Amerikaners Melvil Dewey folgend in Sachgruppen,
die nach dem Dezimalfyftem angelegt find.

Das Schriftchen wird zwar die Anleitung durch einen Lehrer
nicht überflüffig machen, aber es wird ficher dem Anfänger bei der.
Vermeidung von Fehlern eine gute Hilfe leiden können.

Göttingen. Piper.

Mitteilung.

Dei Vordand der Haager Gefellfchaft zur Verteidigung der chrifl-
lichen Religion fchreibt die folgende neue Frage aus zur Beantwortung
vor dem 15. Dezember 1924:

,Die heutige Lage des Modernismus in der römifch-katholifchen
Kirche und feine Ausfichten1.

Vor dem 15. Dezember 1923 kann noch die Antwort eingefandt
werden auf die Frage:

.Befchreibung und Beurteilung des Antifemitismus in Europa feit
dem Anfang unferer Zeitrechnung'.

Der Preis beträgt 400 Gulden. Die in lateinifchen Buchflaben
zu fchreibendeu Abhandlungen lind mit Motto und verfiegcltem Namenszettel
portofrei zu fenden an den Schriftführer der Gefellfchaft,
Dr. T. Cannegieter, Prof. d. Theol. (a. D.) an d. Univcrfität
Utrecht

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint um 13. Januar 1023.
Beiliegend Nr. 23 des Bibliographischen Beiblattes, sowie das Jahresregister der ThLZ.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. HinrichB'sehen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druck von Augud Pries in Leipzig.