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Ausgabe:

1922 Nr. 26

Spalte:

565-567

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Preuß, Hans

Titel/Untertitel:

Das Bild Christi im Wandel der Zeiten. 2. Aufl 1922

Rezensent:

Stuhlfauth, Georg

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565 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 26. 566

ginalfchritten find und daß Matth, und Luk. außer dem
griechifchen Mk. auch noch die griechilche Spruchquelle
benützt haben. W. verflicht es auch gar nicht,
die dafür fprechenden Gründe zu entkräften. Weit eher
beftätigt er fie. Wenn vnb Igoovlav Mt. 8,9 wirklich
fehlerhafte Wiedergabe eines femitifchen ,in Autoritäts-
ftellung' ift (121) dann muß doch der Umftand, daß der
gleiche Irrtum Lk. 7, 8 wiederkehrt, darauf führen, daß
Matth, und Luk. diefelbe griechische Schrift vor fich
haben. Die Umwandlung des hebräifch-aramäifchen
Wortlautes in den griechifchen muß alfo fpäteftens bei
der Entftehung der Quelle Q vor fich gegangen fein.
Daß die evangelifche Überlieferung urfprünglich aramä-
mäifch gewefen ift, und daß diefer Tatbeftand fich in
unferen Evangelien noch deutlich bemerklich macht,
wiffen wir und hat z. B. J. Wellhaufen in feinen Kommentaren
zu den Synoptikern in viel forderlicherer Weife beleuchtet
. W.s Theorie von den Überfetzungsfehlern hat
nichts Beftechendes. Schwerlich werden ihm viele glauben,
daß die Differenz der Evangelien in den Zahlenangaben
(1 oder 2 Befeffene, Blinde, Engel ufw.) aus dem Mißver-
ftändnis eines 3 entfprungen fei, das die femitifche Vorlage
als Buchftaben meinte und der Überfetzer als Zahlzeichen
auffaßte (i22fl), oder daß das Herabfallen der
Sperlinge Mt. io,| 29] eigentlich von der falfchen Auffaffung
eines nafal herrühre, das außer .fallen' auch ,abfteigen'
(vom Wagen oder hier: aus der Luft auf den Boden)
bedeute (128). Bei Gründen, das muß W. noch lernen,
kommt es weniger auf die Quantität als auf die Qualität
an.

Göttingen. W. Bauer.

Weber, Prof. Dr. Valentin. Des Paulus Reiferouten bei der zweimaligen
Durchquerung Kleinafiens. Neues Licht f. d. Paulus-
forfchg. (41 S. u. 1 Karte). 8°. Würzburg, C. J. Becker.

Mit diefer Schrift fetzt W. feine Beiträge zur Aufhellung der Gc-
fchichtc des apottolifchen Zeitalters fort. Die Relultate, die fich ihm
bisher ergeben haben, bilden die Grundlage für den Weiterbau, vor
allem die ('berzeugung von der Richtigkeit der füdgalatifchen Theorie
und die Anficht, daß der Galaterbrief vor dem Apoftelkonzil gefchrieben
wäre. Diesmal will W. unter Beigahe einer Karte fettftellen, welche
Wege der Apoftel bei feiner zweimaligen Durchquerung Kleinafiens
eingefchlagen hat. Der Hauptteil der Arbeit ift der Unterluchung von
Apg. 15, 41 —16,8, in erfter Linie von 16, 6a gewidmet. W. gewinnt
die Auffüllung, Paulus fei, während der befchnittene Timotheus in
l.yltra die Heilung feiner Wunde abwartete, in Ikonium und dem pifi-
difchen Antiochien gewefen, um dort die Brüder zu ftärken, und dann
nach Lyftra zurückgekehrt. Sobald Timotheus marfchfähig war, brach
'der Apoftel auf, nachdem er den Abfchied zu einer eindrucksvollen
Miflionsfcier der verfammeltcn Gemeinde ausgeltaltel hatte (S. 23). Er
zog durch das phrygifch-galatifche Land, d h. Ikonium, Antiochia
Pisidiae, Apollonia, in das afiatifchc Phrygieu, etwa bis Apamea, von
da nordwärts etwa nach Doryläum und weiter, nach Westen abbiegend,
durch Myrten bis Troas.

Die zweite Durchquerung Kleinafiens (Apg. 18, 23. 19, 1) führte
den Apoftel gleichfalls durch Südgalatien, vom pifidifchen Antiochien
direkt nach Weftcn über Apamea und Laodizca nach Ephefus.

W. fchlägt einen fehr fiegesgewiffen Ton an (S. 5. 40f.). Das
nimmt einigermallen Wunder, da er Hifloriker genug ift, für die Relativität
gefchichtlicher Erkenntnis ein Empfinden zu haben. Sonft
konnte fich feine Erörterung nicht, wie etwa S. 15 mit Hilfe der Wendungen
: „wie es fcheint," „vielleicht", „es ift möglich," „Vermutung,"
„macht den Eindruck", „haben wir wohl" fortbewegen. Nach der IxVk-
türe folcher Seiten ift man weder auf das Abkanzeln Steinmanns noch
auf die triumphierenden Feftflellungen am Schluß (39 ff.) gefaßt. Das
fehwierige Gebiet, auf dem fich W. bewegt, läßt Raum für mancherlei
verfchiedene Konftruktionnn. Die feinige ift nicht wahrfcheinlicher als
die mancher anderer Forfcber vor und neben ihm.

Göttingen. Walter Bauer.

Preuß, Prof. D. Dr. Hans: Das Bild Chrilti im Wandel der

Zeiten. 115 Bilder auf g6Taf., gefammelt und mit einer
Einführung fowie mit Erläuterungen verfehen. 2. Aufl.
(215 S.) gr. 8°. Leipzig, R. Voigtländer 1921. Gz. 5.

Es ift befremdend und wirkt verwirrend, daß der Umfchlag eines
Teiles der Exemplare der Erftausgabe (1915, f. Theol. Lit.Ztg. 41, 1916,
402—404) bereits den Aufdruck „Zweite Auflage" trägt, während diefer
auf dem Umfchlag des gleichnamigen lluches von 1921, das hier zur
Refprechung kommen foll, fehlt. Doch ift letzteres auf dem Titelblatt
als „zweite neubearbeitete Auflage" bezeichnet, und in der Tat trägt
eilt die gegenwärtige Ausgabe jenen Vermerk mit Recht.

„Aber ach, wie verändert!' ruft P. einmal aus (6) im
Hinblick auf die Wandlung, die das Gute Hirte-Bild in
der altchriftlichen Kunft durchgemacht hat. Von der
2. Auflage feines Chriftusbild-Buches kann man das nicht
fagen. Es ift, ungeachtet der ihm zu Teil gewordenen
Durchficht, was und wie es war. Die Neubearbeitung,
von der der Titel der 2. Auflage fpricht, hat nicht tief
gegriffen, fondern ift auf wenig Einzelheiten befchränkt
geblieben. War fie darüber hinaus nicht erforderlich?
Und ift die neue Bearbeitung auch in ihrem fo befchränkten
Ausmaße durchweg eine Verbefferung?

Das Abgarusbild in Genua, das die 1. Auflage als „ein byzan-
tinifches Werk etwa des 4. Jahrhunderts" zu bezeichnen vermochte,
heißt jetzt glücklicher , ein fpätes, byzantinifches Werk" (4). — Wenn
aber P. S. 5 die Angabe ftehen läßt, die erften Chriften hätten es geliebt
, im Symbol an den Herrn zu erinnern und hierzu als crft.es diefer
Symbole das Chriflusmonogramm und A£i anführt, fo wäre ein Fall
nachzuweisen, in welchem die „erften" Chriften diefe Siglen gebraucht
haben. — Daß die chriftl. .Kirche' ,in den fchweigenden Tiefen der
Katakomben ihre fchüchternen Anfänge gewagt' (5), wie ebenda behauptet
wird, kann man unmöglich gelten laffen; von der Kunft läßt
es fich allenfalls fagen. — Für die Frage der Herleitung und nach dem
Sinn des Guten Hirten Bildes (5t.) wäre es dem Verf. nützlich gewefen,
meine Anzeige der diefem Motiv gewidmeten Differtation von Leop.
Clausnitzer zu lefen: Theol. Lit. Ztg. 30, 1905, 622—626. — L. Claus-
nitzer ift jetzt zitiert (an Stelle des hier längft veralteten H. Bergner
der 1. Aullage) (S. 6 Fußnote), aber ohne Bibliographie! — S. 6 ift
noch immer der frühchriftliche Gute Hirtentypus ganz allgemein als
mit rundem Geficht begabt befchrieben und dabei auf die bekannte,
von 1'. abgebildete Lateranstatuette verwiefen, vor der der Lefer nur
fagen kann: P. hat die Begriffe rund und länglich, oval verwechfelt. —
Ganz verfehlt ift der Nebenfatz 6, 13 v. u. (der bartlofe Chriftusj in
dem der Hirt nachklingt': als ob der bartlofe Chriftus der Frühzeit gebunden
wäre an den bartlofen Paftor bonus! — Wie die Chriftusbildcr
I des Kruzifixes von S. Chiara in AffiG und in der Domapfis zu Cefalü
I (Abb. 38, 39) mit ihrem finfteren Ernft und ihrer unheimlichen aske-
j tifchen Strenge unferem Empfinden wieder näher ftehen Tollen (7) als
| die Chriftusbildcr des bärtigen, teilweife greifenhaften Typus der fpät-
i chriftlichen Antike und des frühbyzantinifchen Mittelalters, deffen Höhepunkt
und Vollendung fie doch find, ift mir unerfindlich. — Bezüglich
j der Entwicklung des Chriftusbildes ,vom Hirtenjüngling zum bärtigen
j Greis' (7) verweifc ich auf meine oben angeführte Befprechung der
I I. Auflage. Ich kann außerdem nur wiederholen, was dort fchon getagt
werden mußte, daß dem Verf. das Werden des Chriftusbildes im
! gefchichtlichen Zufammcnhange noch nicht deutlich zum Bewußtfein
, gekommen zu fein fcheint. Nach P. fcheint es überhaupt nur den
j jugendlichen Hirtentyp in der altchriftl. Kunft zu geben; von einem
1 bärtigen findet fich keinerlei Andeutung. — Woher hat P. die S. 7
mitgeteilte Thefe, die das Aufkommen des bärtigen Chriftus aus der
kiinftlerifchcn Dekadenz erklärt? Sie ift fo äußerlich-mcchanifch und
dermaßen trivial, daß man fehr wohl auf fie verzichten könnte und ihr
die Ehre einer felbftändigen Würdigung, zumal in einem fo knappen
und populären Text, garnicht antun follte. — Wenn ebenda P. die Ab-
leitung des bärtigen Chriftustypus von einem heidnifchen Götterbilde
| fchon dadurch als ausgefchloffen erklärt, ,daß jeder Chrift bei der Taufe
I den Bruch mit dem gefamten alten Göttcrwefen geloben mußte', fo muß
| man den Erlanger Ordinarius für Kirchengefchichte doch fragen, ob er
I nicht weiß, wie mancherlei von der alten Kirche offiziell verboten und
I doch von ihr nicht allein ftillfchweigcnd geduldet, fondern z. T. fogar
! handelnd mitgemacht wurde. Was insbefondere den Satz anlangt: ,Be-
j wüßtes Anlehnen an antike Götterideale bei der künftlerifchen Verkörperung
l'hrifti findet fich erft in der Hochrenaiffance1 (7h), fo wird,
wer die Dinge kennt, fich zum mindeften vorfichtiger ausdrücken. —
Daß es ungefchichtlich und unmöglich ift, ,diefe ältefte Periode chrift-
1 licher Kunft' sans phrase unter den Sammelbegriff ,der ganzen byzan-
tinifchen Kultur* zu Hellen (8), lehrt fchon die Überlegung, daß es fchon
lange vor Byzanz und der mit ihm einfetzenden byzantinifchen Kultur
eine altchriftliche Kunft gegeben hat.

In diefer Weife den ganzen einführenden Text kri-
tifch durchprüfen heißt fort und fort Erinnerungen machen,
Schiefheiten zurechtrücken. Halbheiten ergänzen, Unrichtigkeiten
berichtigen, Unzulänglichkeiten feftftellen. Auf
dem Boden der altchriftlichen Kunft bewegt fich der Verf.
ganz befonders hilflos und phantafievoll. So begegnen
denn auch in feinen Ausführungen zum mittelalterlichen
und neueren Chriftusbilde fehr viel weniger Anftößig-
keiten. Immerhin, auch da fehlen fie nicht.

Ift doch gleich der erfte Satz • des Abfchnittes, der vom Mittelalter
redet: .Aber freilich, nachdem diefe Kunft [des ehr. Altertums]
der Menfchheit ihr koftbarftes Gefchenk in den Schoß gelegt hatte,
wurde fie mit der Zeit immer kälter, ftarrer, toter' (8), in diefer All-
| gemeinheit wiederum gefchiebtlich völlig unhaltbar. Und wie bitter
wenig der Verf. auch weiterhin in diefen Gebieten iu die Tiefe geht,
bezeugt die Tatfache, daß bei der Schilderung des Stimniungswechfels,