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Ausgabe:

1922 Nr. 2

Spalte:

533

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krüger, Theodor

Titel/Untertitel:

Das Verhältnis des historischen und des mystischen Elements in der christlichen Religion 1922

Rezensent:

Siegfried, Theodor

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533 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 24.

Krüger, Theodor: Das Verhältnis des hiftorifchen und
des myrtiichen Elements in der chriftlichen Religion.

Diss. (202 S.) Königsberg i. Pr. 1918.

Das Verhältnis des Glaubens zur Hiftorie ift das
Problem, für das Vf. bei einer Durchmufterung der gegenwärtigen
Theologie nirgends eine zureichende Löfung
findet. Der chriftlichen Religion find gefchichtliche Vermittlung
und .myftifche' Unmittelbarkeit gleich wefentlich.
Die einfeitige Betonung der Gefchichtsbeziehung bedroht
Sicherheit, Abfolutheit und Unmittelbarkeit des Glaubens,
die bloße Myftik droht in Pantheismus, Intellektualismus
und Naturalismus auszuarten und zum Quietismus und übertriebenen
Individualismus zu führen. Die Hiftorie hat
der Anregung des Glaubens zu dienen. Im Sinne der
Carlylefchen Heldenverehrung gilt Jefus als .Kultfymbol'
der Gemeinde und als ,Veranfchaulichung' der chriftlichen
Wahrheit. Kern der Religion ift freilich das ,myftifche'
Erlebnis, das fich allenthalben entzünden kann, an der
Gott erfüllten Perfönlichkeit, an der profanen Gefchichte
und an der gerade von der proteftantifchen Theologie
ungebührlich verachteten Natur. Der Wahrheitsanfpruch
der Religion findet feine Begründung nicht in einer rationalen
Metaphyfik, fondern in dem Wefen der Intuition
als des einzigen Mittels, zu letzten Wahrheiten und Ein-
fichten vorzudringen'.

Die fehr überfichtlich angeordnete und flüffig gefchrie-
bene Arbeit ift in ihren Fragen und Antworten auch
durch die reiche Literatur der letzen Jahre noch nicht
antiquiert. Gut durchdacht find die vielfachen Ausein-
anderfetzungen mit Kähler und Herrmann; weniger
gelungen ift des Vfs. viel zu weite Definition der Myftik.
Der Ausdruck unmittelbare' Frömmigkeit verlangt zudem
eine eingehendere erkenntniskritifche Analyfe, als
deren Refultat fich dem Vf. vielleicht ein engerer Zu-
fammenhang zwifchen Zeitlichem und Überzeitlichem
ergeben hätte, als die bloße Verfinnbildlichung es ift.
Jena. Theodor Siegfried.

Krebs, Prof. Dr. Engelbert: Grundfragen der kirchlichen

Myftik dogmatifch erörtert und für das Leben gewertet.

(VI, 266 S.) kl. 80. Freiburg i. Br., Herder & Co. 1921.
Seit Erfcheinen des Buchs Des gräces d'oraison
(Paris 1900) des Jefuiten Aug. Poulain haben fich die
kathol. Theologen in Büchern und Zeitfchriften wieder
ftärker als früher den Prägen der Mystik zugewandt.
Das Buch Poulains rief auch alsbald eine lehrreiche
Kontroverfe mit Abbe A. Saudreau hervor. Diefes In-
tereffe und diefe gegenfätzliche Stellungnahme tritt jetzt
befonders feit Kriegsende zu Tage, auch in Deutfchland.
Hier erhebt nun der Dogmatiker Krebs die Frage nach
der kirchenbehördlichen Stellungnahme zur Myftik: Was
ift Myftik nach der Lehre der katholifchen Kirchenbehörde
? Antwort: Ifrlebnis der Vereinigung mit Gott
in tieferer Erkenntnis und heißerer Liebe Gottes und
friedvolles Innewerden diefer Vereinigung. Krebs entnimmt
diefe Definition der Bulle, in der Therefia v. Avila
heiliggefprochen ward, und den kirchlichen Entfchei-
dungen gegen Eckhart, Molinos und Fenelon. Er fucht
dann diefe Begriffsbeftimmung aus der hl. Schrift und
den Werken der Kirchenväter, der Scholaftiker und der
nachtridentinifchen Theologen (unter denen ich Franz
v. Sales vermiffe) zu begründen. Dann zieht er die Folgerungen
aus diefer ,kirchlichen' Lehre über das myftifche
Leben: Befchauung (das Wefentliche im myftifchen Erlebnis
) ift das eigentliche Ziel alles ernftlichen Strebens
nach Frömmigkeit; myftifches Leben ift alfo nichts
anderes als vollendetes christliches Gnadenleben. Krebs
befindet fich hierdurch in Übereinftimmung mit J. Zahn
(Einführung in die chriftl. Myftik, 1908) und E. Dimmler
(Sabbatruhe, 1917; vgl. TLZ. 1921,258; Befchauung und
Seele, 1918), aber im Gegenfatz zu A. Poulain, der die
Befchauung als etwas Außerordentliches im myftifchen
Erlebnis auffaßt. Krebs vergleicht fodann das myftifche

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Erlebnis mit dem künftlerifchen, dichterilchen; nur habe
es übernatürliche Urfachen, die Geiftesgaben. Dann
ftreift er die noch fehr ftrittige Frage nach den Stufen
des myftifchen Lebens und nach feinen Sondererfchei-
nungen (Ekftafen, Vifionen, Offenbarungen, Leibwunder);
er rechnet fie nicht zum Wefen des myftifchen Erleb-
niffes, ausgenommen etwa die Ekftafe. Hierbei kommt
er auch auf die Pfeudo-Myftikerin von Schippach (Unterfranken
) zu fprechen, die fo viele, felbft unter den katholifchen
Geiftlichen (fcharfe Worte hierüber S. 228), be-
fchwindelt hat. Etwas Ähnliches gelang der „Prophetin"
von Haufen bei Untermarchtal in Württemberg (was
Krebs nicht erwähnt). Das klar und fchlicht gefchriebene,
fleißig gearbeitete und vorfichtig gehaltene Büchlein
Ichließt mit praktifchen Anweifungen über das myftifche
Leben. Es wird gewiß anregend auf die erft anfangende
deutfche katholifche Wiffenfchaft der Myftik wirken,
wohl auch Widerfpruch finden. Leider hat es die feit
1. Oktober 1919 bzw. 1. Januar 1920 erfcheinenden Zeitfchriften
La vie spirituelle ascetique et mystique (hrsg.
v. den franzöf. Dominikanern) und Revue d'ascetique et
de mystique (hrsg. v. den franzöf. Jefuiten) mit ihren
grundfätzlichen, durch den Gegenfatz zwifchen thomi-
ftifcher und moliniftifcher Theologie lehrreichen Auffätzen
nicht verwertet.
Binsdorf (Württbg.) Wilhelm Koch.

Bezzel, Hermann v.: Der Knecht Gottes. (150 S.) kl. 8°. Nürnberg,
Zeitbücherverlag [o. J.]. Gz. 2,5.

Ein fchwer verftändliches, nicht nur hiftorifchcs Willen, fondein
auch umfaffendc theologifche und philofophifche Schulung vorausfetzendes
Büchlein. Es ift fchwer zu begreifen, wie diefe Vorträge zum
Einfegnungsunterricht für Diakoniffen dienen follten. Andrerfeits find
fie überaus lehrreich für die richtige Wertung der Theologie nicht nur,
fondern auch des Theologen Bezzel. Er felbft hat ja fchon die Überzeugung
gehabt, in diefen Vorträgen das Bette geboten zu haben, was
er als Chrift und Theologe befaß. Er läßt die tiefften Einblicke tun
in fein Verftändnis von Gott und Menfch, von Geift und Leib. Es
wird verftändlich, wie die verfchiedenften, geiftigen Strömungen fich zu
einer inneren Einheit verbinden konnten. Es dürfte jetzt wahrlich genug
Material vorhanden fein, um zu einer objektiven Würdigung diefer
feltenen Perfönlichkeit und ihrer Theologie zu kommen. Möge fie uns
bald belchieden werden.

Roth bei Nürnberg. Schornbaum.

Jaeger, D. S.: Die kommenden Dinge. Vier Vorträge von S. J.,
D. Schlatter, D. Lütgert u. 1). Israel. (62 S.) kl. 8». Bethel, Verlagshandlung
der Anstalt 1922. Gz. 0,4.
Vier allgemein verftändliche Vorträge. S. Jaeger fchreibt mit
tiefem Peffimismus gegenüber „diefer todesmüden Welt" über Welt-
untergangsftimmung; Paul Lütgert in gefchichtlicher Schilderung über
das Wefen des Antichriftentums als „Heidentum, das die Verwerfung
des Chriftentums hinter fich hat", als „Religion, die fich aus dem Gegenfatz
gegen das Chriftcntum entwickelt." Adolf Schlatter* handelt über
das Zeichen der Wiederkunft Chrifti fo, daß er die Frage beantwortet:
„Wie bereitet uns der Herr dazu, daß wir um fein Kommen bitten?"
lfrael befpricht die Zubereitung der Gemeinde durch den Geift auf die
Wiederkunft des Herrn. Die Vorträge greifen eng ineinander. lfrael
hat freilich wohl erwartet, daß .Schlatter fein Thema anders wenden
werde; fein Beitrag geht mit dem Schlatters parallel. Neugierige, die
über die „kommenden Dinge" Aufi'chlüfie haben wollen, kommen nicht
auf ihre Rechnung. Nicht einmal die Meinung, daß die Endzeit nahe
fei, findet fich deutlich ausgelprochen; bei Jaeger fcheint fie allerdings
durchzufchimmern (vgl. das Vorwort). Im Einzelnen hätte ich, obwohl
die innerlich-religiöfe Haltung weithin dankbare Zuftirnmung finden
muß, kaum zu Schlatters und Ifraels, eher zu Lütgerts, vor allem aber
zu Jaegers Vortrag manche Anmerkung zu machen. Der Letztere bringt,
auf die gefchichtliche, auch politifche Entwicklung der jüngften Zeit
eingehend, fehr einfeitige, manchmal ganz fchiefe Behauptungen und
Formulierungen, die dadurch, daß fie eine religiöfe Skizze unterbauen
follen, nicht annehmbarer werden. Zwifchen diefer überficheren Art
der Weltbeurtcilung und zumal Schlalters ernft-frommer Zurückhaltung
tut fich eine gewaltige Kluft auf. Welche Art, von „kommenden
Dingen" zu reden, die Chriftenheit braucht, kann nicht zweifelhaft fein.
Gießen. • M. Schian.

Verzeichnis neuester Besprechungen.

Von Vikar Kurt Schmidt, Göttingen.

Menzer, P: Weltanfchauungsfragen (GWunderle: LtHdw 1919, 8
GKlamp: LtZtbl '20, 22; FKlimke: ZKathTh '20, 3; Max Wundt
DtLZ 43, 1922, 39).