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Ausgabe:

1922 Nr. 24

Spalte:

530-531

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braun, Otto

Titel/Untertitel:

Geschichtsphilosophie. Eine Einführung 1922

Rezensent:

Stephan, Horst

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529 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 24. 530

grundfätzliche Frage, die uns hier fchließlich intereffiert, i Aufeinanderfolge fich fall immer gleichbleibt' (S. II f.) Doch wird
inwieweit der Katholizismus dem dortigen Volkscharakter | Spengler durch Hinzuziehung des rarfentheoretifc^hen Gef.chtspunktes

wefentlich modifiziert-. ,das in der riefe wirkende Gefetz fchafft bei den

beffer entfpricht oder diefer durch jenen fo geworden
ift, wie er ift, lag wefentlich noch außerhalb von Nicolais
Gefichtskreis.

Kiel. H. Mulert.

Blätter für württembergifche Kirchengefchichte, im Auftrag
des Vereins für württb. Kirchengelchichte herausgegeben
von Dr. Julius Raufcher, Stadtpfarrer in
Tuttlingen. Neue Folge XXVI. Jahrgang 1921. Heft
1/2. (96 S.) Stuttgart, Chrn. Schaufele.
Das neue Heft gibt den Schluß der großen Arbeit
von Karl Bauer über Ferd. Chriftian Baur als Kirchen-
hiftoriker und zeigt, wie Baurs Prinzipien auf ihren
Wert von den verfchiedenften Seiten geprüft- wurden,
zuerft von Rettberg, dann Haie und Ritchl, der fehr
ausführlich befprochen wird, und deffen Empirismus in
ungünftiges Licht tritt, dann Neander, Uhlhorn, Guftav
Frank und dem ganz eigenartigen Overbeck mit feiner
,profanen' Kirchengefchichte. Sehr zu beachten ift das
Schlußwort S. 58—60 mit dem Satz: Überwunden ift
Baur auch heute noch nicht. Das ironifche Wort von
der fchwäbifchen Höflichkeit S. 1 hätte der Verfaffer
uns Schwaben wohl gefchenkt, wenn er fich erinnert hätte,
wie der Heffe Scheffer ebenfo Baur Mangel an philo-
fophifcher Bildung vorgeworfen hat, wie Bauer Rettberg.
Eine fleißige Arbeit bildet Albrecht Schäfers Abhandlung
,Äkten zur Obfervanzbewegung des fünfzehnten
Jahrhunderts', in der er zunächft die Jahrzehnte lange vergebliche
Bemühung des Rates in Hall, das dortige
Minoritenklofter mit Brüdern der Obfervanz zu befetzen,
behandelt. Seine etwas optimiftifchen Anfchauungen über
die fpätmittelalterliche Kirchengefchichte, auch über die
Konventualen S. 74 ff werden der Prüfung bedürfen. Die
langen Bemühungen des Rates um Reformation des
Klofters find ganz unverftändlich, wenn feine Klagen
über das ärgerliche Leben der dortigen Konventualen
und ihr fchlechtes Beifpiel für das Volk nicht gut begründet
waren. Schmerzlich ift das herbe Urteil Schäfers
über den hochbegabten und gelehrten, um die wrtt.
hiftorifche Kommiffion durch Herausgabe der Haller
Chroniken von Herold und Widmann verdienten Prof.
Kolb. Diefes Urteil bedarf fehr der Nachprüfung.
Referent beleuchtet das Schreiben des Landgrafen
Philipp von Heften an den Prediger in Reutlingen, deffen
Namen er nicht kennt, vom 21. Mai 1530 in feiner Bedeutung
. Es handelte fich dem Landgrafen darum, mit
Hilfe des Matthäus Alber die Reutlinger günftig für die
von ihm beabfichtigte Rückführung des Herzogs Ulrich
in fein angeftammtes Land zu ftimmen, da Reutlingen
von Ulrich vergewaltigt worden war und dies den
ftärkften Anlaß zu feiner Vertreibung gegeben hatte.
Stuttgart. G. Boffert.

Wirth, Dr. Albrecht: Weltenwende. (285 S.) 8°. Ludwigshafen,

Haus Lhotzky 1921.
Grupp, Dr. Georg: Die Verweltlichung des Lebens in der Neuzeit.

Nach ihren Gründen im Umriffe dargeftellt. (56 S.) kl. 8°.

Paderborn, Schöningh 1922.
Die Probleme des gefchichtlichen Lebens flehen im Vordergrund
des gegenwärtigen Intereffes. Aber ihre Erörterung wird nur dann
fruchtbar fein, wenn die großen Gelichtspunkte der Gefchichtsphilofophie
in methodologifcher und univerfalgefchichtlicher Beziehung nicht außei
acht geladen werden. Sonft ficht jeder in die Gefchichte hinein, was
in ihm, aber nicht in ihr liegt, und die Gefchichtsforfchung wird ein
Tummelplatz der allerperfönliehften Meinungen. Die beiden Bücher
find Beweis dafür.

Albrecht Wirths Buch ift kennzeichnend für eine dilettantifche
Betrachtung der Gefchichte, wie fie ja heute fo fehr beliebt ift. Unter
Heranziehung und Zufammenftellung von ungeheuer viel zufammen-
gelefenen Tatfachen, gelegentlich auch fußend auf eigenen Arbeiten,
konfluiert er ein Gefamtbild der Weltgefchichte. Philofophifch fteht
er Spengler nahe: ,Was uns Tag und Nacht befchäftigt, ift die Frage,
wieviel Uhr es für Deutfchland gefchlagcn habe .... Innerhalb der
einzelnen Krcife beobachtet man einen beftimmten Wechfel der Kultur;
ein Blühen, Reifen, Welken; regelmäßige Phafcn oder Stufen, deren

verfchiedenften und entfernteften Völkern ähnliche Zuftände. Ähnliche,
nicht gleiche I Denn die Raffe hat ihr gewichtiges Wort mitzufprechen'
(S. 21). ,Raffeneigenfchaften kann man fo wenig entrinnen wie dem
Schickfal. Immerhin ift der Spielraum freier. Die Anlage des Blutes
ift nicht alles. Außerdem ift reine Zucht nur feiten; Blutmifchung ift
das Gewöhnliche. Bei der Raffenkreuzung kommt es darauf an, welche
Ralfe in einem gegebenen Augenblick für einen gegebenen Entfchluß überwiege
' (S. 277). Die Juden kommen bei diefen Betrachtungen fehr fchlecht
weg: ,einft wurden fie nur dem Römerreiche gefährlich, jetzt aber find
fie eine Gefahr für alle Reiche und Raffen der Welt' (S. 192).

Von Spengler unterfcheidet fich Wirth wefentlich durch die Spätdatierung
des deutfehen Lebens und durch die Hoffnung auf rein geiftige
Höhenleiftungen. Während wir nach Spengler lange vor Cäfar ftehen
und nur noch technifche und militariftifche Aufgaben haben, ftehen wir
nach Wirth im Zeitalter des Septimius Severus und werden noch eine
fehöne Nachblüte des religiöfen und philofophifchen Lebens erfahren.
Wefentlich kennzeichnend ift die nationaliftilche Bewegung, die uns ge-
troft in die Zukunft blicken läßt: ,inzwifchen ift der Nationalismus ein
hoffnungsfrohes Zeichen der Zeit' (S. 281). Freilich ift mit einem Ende
der Herrfchaft der Weißen zu rechnen, Deutfchland wird ebenfo wie
Rußland eine Auferftehung feiern. Wie das feilich fich mit dem Aufhören
der weißen Herrfchaft verträgt, bleibt Wirths Geheimnis! ,Es
gibt jetzt fchlafende Weltmächte: China, Rußland, Deutfchland. Sie
werden wieder auferftehn. Sie werden fich auch von dem Wahne er
holen, als ob Großmacht und Weltherrfchaft etwas von Grunde aus
Böfes, fchlcchtcrdings Verwerfliches fei, von dem Wahne, als ob in
abfehbarer Zeit der Weltfriede denkbar fei. Das zeriffene, aus taufend
Wunden blutende Deutfchland wird ftärker werden als je zuvor' (S. 282).
Unfere Zukunft liegt im Often.

Im Gegenfatz zu Wirths journaliftifchem Dillettantismus zeigt das
andere kleine Buch, daß fein Verfaffer wilfcnfchaftlich zu arbeiten verlieht
, aber fein katholifcher Standpunkt trübt ihm den Blick dafür, wie
es wirklich gewefen ift. Das Mittelalter erfcheint ihm im hellen Licht
der Cberweltlichkeit, der gegenüber die weltlich gerichtete Neuzeit mehr
und mehr zu einem Trümmerhaufen der geiftigen Werte geworden ift.
Mit der Renaiffance beginnt der Abftieg. Das Natürliche beginnt fich
durchzuheizen: „als Träger warmer Empfindungen, feiiger Gefühle, als
Spiegelbilder, Abfchattungen des Göttlichen, als Allegorien der Tugenden,
der Sanftmut, Demut, der Stärke, der Treue ufw. durften fehöne Figuren,
reizvolle Menfchengebilde fogar ins Heiligtum eindringen. Darin lag
eine große Gefähr, und eine richtige Grenzlinie war kaum zu ziehen'
(S. 21}. Mehr und mehr verzweifelt die Menfchheit am Jenfeits, wie es
befonders Dürers Melancholie fymbolifiert: ,fie ift ein treffendes Bild
der am Jenfeits verzweifelnden Menfchheit, die gleichfam im Todes-
fchatten in einem Kerker fitzt, in den kein Lichtftrahl von oben dringt'.
(S. 23). Luther wird ganz mit den Augen Denilles und Grifars gefehen.
Er erfcheint als der Prediger der .Sinnenluft: ,esto peccator et pecca for-
titer, sed fortius fide' fchrieb Luther an Melanchthon 1521. Das klang
wie füße Mufik, wie Sirenengefang und ließ alte antinomiftifche, liber-
tiniftifche, gnoftifche Gedanken, die im Dunkeln fchlicfen, neu aufleben'.
Außer Zulammcnhang werden (S. 30 t'.) die üblichen Zitate herangezogen,
die Luthers Sinnlichkeit und feine Verherrlichung des Ehebruches beleuchten
follen. Der Calvinismus bringt die volle Verweltlichung in
Kapitalismus und Imperialismus, die letztlich dazu führen muß, daß
man glaubt, nur erft mit Reichtum wahrhaft fromm fein zu können.
,lch. weiß von einem evangelifchen Dekan, der, nachdem er feine reiche
Schwiegermutter beerbt hatte, fich glücklich pries, weil er nun erft recht
fromm fein könnte. Fromm fein, fragen wir, nicht vielmehr weltlich
werden?' (S. 45). Die letzte Stufe der Verweltlichung bringt fchließlich
die Aufklärung, die das Übernatürliche auf ein Mindeftmaß befchränkt;
Kirche und Religion werden ausgefchaltet, an ihre Stelle tritt ein .falfcher',
weil pantheiftifcher Idealismus. ,Wir ftehen heute vor einem Trümmerfeld
' (S. 55), und Luther ift wefentlich fchuld daran.

Jedes Wort der Widerlegung ift zu viel, weil diefe Dinge fchon zu
oft widerlegt find. Immerhin kann das kleine Buch ein anschauliches
Bild von der Würdigung der neuzeitlichen Geifteskullur in gewiffen
ftreng katholifchen Kreifen geben.

Berlin. Kurt Keffeler.

Braun, Prof. Dr. Otto f: Gefchichtsphilofophie. Eine Einführung
. (Wiffen und Forfchen, Bd. 12) (127 S.)
kl. 8°. Leipzig, F. Meiner 1921. Gz. 3; geb. 4,5.
B. will wirklich nur eine Einführung geben. Darum
behandelt er nach »Aufgabe und Wefen der Gefchichtsphilofophie
' (1 —19) und ihrer Gefchichte (20—74) lediglich
die »Wiffenfchaftslehre der Gefchichte' oder »formale
Gefchichtsphilofophie' (75—124). Diefe zerfällt in 2 Teile:
1. Die Theorie derGefchichtswiffenfchaft (wefentlich erkennt-
nistheoretifch); 2. Der Gegenftand des hiftorifchen Erkennens
(die wichtigften Begriffe und Faktoren: hift. Raum
und Zeit; Kaufalität und Finalität; Freiheit, Gefetz, Tendenz
, Idee; Beharren, Veränderung, Entwicklung, Fort-
fchritt; außermenfehliche, menfehliche, übermenschliche