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Ausgabe:

1922 Nr. 23

Spalte:

505-507

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wobbermin, Georg

Titel/Untertitel:

Systematische Theologie nach religionspsychologischer Methode. Bd. II, 2: Das Wesen der Religion 1922

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 23.

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Verf., wie fie fich in der Grundlegung, der Methode und der kritifchen
Vorficht bei der Faffung der Ergebniffe bewährt, eine Fortbildung in
gemeinfchafflicher wiffenfchaftlicher Arbeit ermöglicht, die der dog-
matifche, fogleich auf eine beftimmte und mit einer Fülle hypothetifcher
Annahmen beladete Metaphylikform fedgelegte Starrfinn Herbarts feiner
Zeit verhindert hat.

Halle a. S. Max Frifcheifen-Köhler.

Staudenmaier, Dr. Ludwig: Die Magie als experimentelle
Naturwilfenfchaft. 2., verm. Aufl. (IV, 255 S.) gr. 8°.
Leipzig, Akadem. Verlagsgef. 1922. Gz. 3,5; geb. 5,5.
Der Verf. des nun in II. Aufl. vorliegenden Buches
gehört zu den Verfechtern eines experimentellen Okkultismus
, den er auf die Grundlagen der modernen Naturwiffenfchaft
und Pfychologie ftellt. So wird ihm auch
alle ,Magie' in ihrem ganzen Umfange praktifche For-
fchung an fleh felber. Von hier aus meint er die Grundlinien
einer fpäteren eigentlichen magifchen Wiffenfchaft
zu entwerfen. Magie ift ihm nicht bloß Entfaltung von
pfychifchen und pfychophyfifchen Kräften, fondern namentlich
,das Studium des Wefens und der Bedeutung
des fogen. Unterbewußtfeins im Menfchen', fie ift exakte
und experimentelle Naturwiffenfchaft, alfo eine Art Ex-
perimentalmagie. St. gilt nur der Verfuch am lebenden
Menfchen als wertvoll. Alle Wundertechnik, Geheimnistuerei
, Pfeudomyftik will er ausgefchieden wiffen. Das
Kernftück des Buches find die Verfahren feines Experimentierens
. Um diefes gruppieren fich feine Gedanken
über Wefen der Halluzinationen, Mittel zur Verftärkung
der Halluzinationen, Wefen des Unterbewußtfeins und
feine magifchen Leiftungen, Einfluß des phyfifchen Zu-
ftandes auf die Entftehung magifcher Phänomene, den
menfehlichen Körper als Werkzeug für pfychifche Funktionen
, pfychifche und pfychophyfifche Weiterbildung
des Unterbewußtfeins, Telepathie einfchließlich des Hell-
fehens, unbewußte Gedankenübertragung, das zweite Gefleht
, fogen. Gedankenphotographie u. a. Obzwar fich
das intereffante Buch vor allem an Kenner der ,okkulten'
Phänomene und der medialen Welt oder, fagen wir, an
,okkulte' Begabungen wendet, wird auch der pfycho-
logifch und theologifch gerichtete Lefer (bei aller ent-
fchiedenen Ablehnung jeder Magie) Einblicke in die
feltfame Welt der fog. Geheimwiffenfchaften und para-
pfychologifchen Forfchung gewinnen.

Wien. Franz Strunz.

Wobbermin, Georg: Das Wefen der Religion. Zweites Buch:
Die Frage nach der Wahrheit der Religion im Licht
der Wefensfrage. (Syftem. Theologie nach religions=
pfycholog. Methode, Bd. II, 2). (S. 315— 49§) 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1922. Gz. 4.

Das Buch bildet die Fortfetzung des umfangreichen
Werkes über das Wefen der Religion, deffen erfter Teil
in der Theologifchen Literaturzeitung bereits befprochen
worden ift. Auf Grund der fchon gewonnenen Ergebniffe
foll darin nunmehr die Frage nach der Wahrheit der
Religion erörtert und beantwortet werden; wobei es, wie
aufs nachdrücklichfte betont wird, fpeziell darauf ankommt,
feftzuftellen, ob die ,Überwelt des religiöfen Glaubens'
wirklich fei, oder nicht. Daß die Exiftenz diefer Uberwelt
fich nicht durch einen direkten Beweis dartun läßt,
muß freilich von vornherein und ohne weiteres zuge-
ftanden werden. Wohl aber ift wenigftens eine indirekte
Argumentation möglich, deren Gang vom Verfaffer felbft
folgendermaßen gekennzeichnet wird: ,fie wird zunäcbft
die üblichen gegen die Wahrheit der Religion gerichteten
Einwände prüfen und, wenn möglich, widerlegen müffen.
Sie wird weiter prüfen müffen, wie es fich mit den Verfluchen
verhält, den Tatbeftand der Religion unter Voraus-
fetzung ihrer .Nicht-Wahrheit' zu verliehen; ob nicht
diefe Verfluche ihrerfeits mit falfchen Aufftellungen, mit
Verfchiebungen des Sachverhaltes oder mit Begriffsverwirrungen
arbeiten. Sie wird fchließlich unterfuchen
müden, ob nicht in anderen Gebieten und Funktionen

des menfehlichen Geifteslebens Momente aufzuzeigen
find, die auch ihrerfeits in die Richtung der religiöfen
Gefamtbetrachtung weifen, die erft von ihr aus ganz
verftändlich werden und dadurch wieder an ihrem Teil
für die letztere zeugen'.

Ehe der Autor jedoch zur Verwirklichung diefes Programms
fchreitet, hält er es für nötig, noch zwei .Problemkomplexe' zu berück-
fichtigen, nämlich einerfeits die Frage nach dem Verhältnis von Religion
Magie und Mythologie, andrerfeits die Frage nach dem Verhältnis von
Glauben und Wiffen. Was das erfte Thema betrifft, fo ftellt er zunächft
die Thefe auf, daß Mythologie und Magie zufammengehören, gleich-
fam eine Einheit bilden, und vollzieht dann auf Grund diefer, allerdings
einigermaßen befremdenden, Verhältnisbeftimmung mühelos eine fcharfe
Abgrenzung zwifchen Magie-Mythologie hier und Religion dort. Was
die zweite Frage anbelangt, fo legt er dar, daß Glaube etwas ganz
anderes ift als Wiffen oder auch als Meinen; er ift eine .willensmäßige
Entscheidung' oder genauer, er .beruht auf einer folchen willensmäßigen
Entfcheidung'. Ohne Glauben ift aber eine Weltanfchauung
nicht zu gewinnen und zu vertreten. Zugleich wird in kurzer Aus-
einanderfetzung mit Bergfon die Möglichkeit beftritten, zu einer Weltanfchauung
lediglich durch .Intuition' zu gelangen, fofem unter diefer
nicht blos ein .unmittelbares Erfaffen von Wahrheiten' verftanden wird
wie es .fowohl in der wilfenfehaftlichen Erkenntnis als auch in der
Uberzeugung des Glaubens wirkfam' ift.

Und nun nach Erledigung der beiden präliminari-
fchen Probleme wird der angekündigte .indirekte' Beweis
für die Wahrheit der Religion angetreten und in drei
Gliedern durchgeführt.

In einem erften Abfchnitt, der den Titel trägt
.Illufionismus und Wahrheitsfrage' wird die illufi-
oniftifche Anfchauung von der Religion durch Prüfung
und Widerlegung einfehlägiger Theorien, wie der von
Feuerbach, Freud, Th. Reik, Gruppe, Natorp, Simmel,
Vaihinger kritifiert und das Ergebnis dahin zufammen-
gefaßt: .Wenn alle Verfluche, den.Wahrheits- und Trans-
zendenz-Anfpruch der religiöfen Überzeugung als Illufion
zu erweifen, fcheitern, dann darf in diefem Tatbeftand
der indirekte Beweis für die Vernunftgemäßheit diefer
Überzeugung gefehen werden.'

Bekräftigend kommt die Tatfache hinzu, daß die rcligiöfe Überzeugung
auf einem Erlebnis beruht, deffen einen Pol das Ich-Erlebnis
bildet, alfo das Erlebnis einer Größe, an deren Realität fich überhanpt
nicht zweifeln läßt: Den Gegenpol kann daher fchlechterdings nicht
gut das Erlebnis einer bloßen Illufion bilden.

Ein zweiter Abfchnitt befchäftigt fich mit der
.religiöfen Weltanfchauung und der modernen
Naturwiffenfchaft' Es wird davon ausgegangen, daß
auf den erften Blick hin ein Konflikt zwifchen Naturwiffenfchaft
und religiöler Weltanfchauung an fich infofern
möglich erfcheint, als diefe den Schöpfungsgedanken
und eine teleologifche Weltbetrachtung vertritt. Bei
genauerem Zufehen zeigt fich jedoch, daß der religiöfe
Schöpfungsgedanke durch die .fogenannte natürliche
Schöpfungsgefchichte' gar nicht invalidiert werden kann,
da diefe überhaupt keinen Schöpfungsgedanken darbietet,
fondern nur den .heutigen Zuftand' der Welt natürlich
erklären will; ebenfo, daß die moderne Naturwiffenfchaft
die teleologifche Naturbetrachtung eher begünftigt
als entkräftet. Und auch das darf nicht vergeffen werden,
daß, wie fich an gewiffen Gedanken Chwolfons und der
Relativitätstheorie veranfehaulichen läßt, das .Weltbild der
wiffenfehaftlichen Forfchung grundfätzlich im Rahmen
des Relativen und der Relativität' bleibt und .damit über
fich felbft hinaus auf ein Abfolutes' weift.

Der d ritte und letzte Abfchnitt endlich, der vom
.Primat der Religion im Geiftesleben' handelt tut
dar, daß, fo lelbftändig die einzelnen Kulturtätigkeiten
auch fein oder werden mögen, doch ,der Relimon im
Gefamthaushalt des geiftigen Lebens die Rolle der übergreifenden
, alle anderen Gebiete und Funktionen zidammen-
haltenden und ihnen das letzte Ziel weifenden Größe'
zukommt.

Das Ganze ein mit großer Konfequenz und
viel Gefchick durchgeführter apologetifcher
Verfuch! Ohne irgend etwas von der, in forgfältiger
religionspfychologifcher Unterfuchung errungenen, Erkenntnis
preiszugeben, daß die religiöfe Überzeugung auf