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Ausgabe:

1922 Nr. 22

Spalte:

479-480

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rickert, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. 3. u. 4., verb. u. erg. Aufl 1922

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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479

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 22.

480

Bergmann, Prof. Emft: Die Erlöfungslehre Schopenhauers. (Phi-
lofophifche Reihe 27. Bd.) (96 S.) kl. 8°. München, Rösl & Cie 1921.

Eine lebendige, perfönlich gefärbte, allgemein verftändliche Dar-
uellung des Schopenhauerfchen Weltbildes im Verhältnis zu unterer
Kultur. Das Ergebnis ifl, daß Schopenhauer uns wohl erfchüttern kann;
,er kann uns aufregen bis in die tielften Tiefen und uns wie kein Zweiter
die Not fühlen laffen, Kreatur zu fein. Aber er kann uns nicht erlöfen.'
.Die Welt ift Wille, aber nicht Wille zum Untergang, fondern Wille
zum Geift. Kampf zum Licht, das ift der Sinn des Lebens.' Interef-
fant ift in dem letzten Abfchnitt ein kritifcher Vergleich zwifchen
Schopenhauer und Meifter Eckhart.

Halle a.'S. Max Frifcheifen-Köhlcr.

Rickert, Heinrich: Die Grenzen der naturwiffenfchaftlichen

Begriffsbildung. Eine logifche Einleitung in die hifto-
rifchen Wiffenfchaften. 3. u. 4., verb. u. erg. Aufl.
(XXVIII, 563 S.) gr. 8Ü. Tübingen, J. C. B. Mohr 1921.
R.s großes gefchichtsmethodologifches Werk ift felbft
fchon ein Stück unferer geiftigen Gefchichte geworden.
Gerade bei Theologen hat es ei nfte Beachtung gefunden,
und es kann in diefer Anzeige natürlich nichts gefagt
werden, was den eingreifenden und lehrreichen Ausein-
anderfetzungen vor allem Troeltfchs (Gef. Schriften II,
673ff und Hiftorifche Zeitfchrift XXIII 1919, 373fr) zur
Seite fleh ftellen dürfte. Immerhin, es ift unmöglich an
der neuen Auflage vorüberzugehen. Sie hat abgefehen
von kleineren Verbefferungen eine — in dem neuen gedrängten
Druck noch etwa 60 Seiten faffende — Ergänzung
erhalten durch einen ganz neuen Abfchnitt: ,Die
irrealen Sinngebilde und das hiftorifche Verliehen' (S. 404
bis 461). Diefer Abfchnitt follte bei der in der Theologie
gerade jetzt anhebenden Auseinanderfetzung über
Wege und Ziele der Auslegung ernftliche Beachtung
finden, obwohl er gemäß der Abficht des Buchs nur die
logifche Art, nicht den wirklichen Vorgang des gefchicht-
lichen Verftehens zu feinem Gegenftande hat. Niemand
wird ihn durchdenken, ohne erhebliche Klärung der von
ihm gebrauchten Begriffe zu gewinnen. R. nimmt fleh
den Begriff des Einfühlens oder Nacherlebens vor.
Zwei miteinander nah verbundene Auslagen werden von
ihm abgelehnt, die fo beliebte Löfung der Frage mit
dem Stichwort Intuition, womit ihm gar nichts gewonnen
zu fein fcheint außer eben einem Worte, und die — z. B.
von Scheler gewagte — Behauptung möglicher Identität
feelifchen Lebens in verfchiedenen Perfonen, welche ihm
als einfache Irrung gilt. Die Brücke von Seele zu Seele
ift ihm vielmehr dadurch gegeben, daß die Seele kraft
ihrer Wertbezogenheit Trägerin überwirklicher — R. fagt:
irrealer — Sinngebilde ift. Diefe überwirklichen Sinngebilde
flehen jenfeits des Gegenfatzes von fremd und
eigen; ihr Verhältnis zur Wirklichkeit des feelifchen
Lebens läßt fleh nur als ein freies Schweben bezeichnen.
Irrealer Sinn nun kann ,verftanden' werden, auch wenn
die eigne Seele nicht in gerade diefem, fonderu in andersartigem
Sinne lebt. Er kann felbft dann verftanden
werden, wenn er nicht bloß relativ, fondern abfolut individuell
ift. Hat man aber den irrealen Sinn verftanden,
fo kann man fleh von ihm aus auch in eine Seele einfühlen,
die in diefem Sinne wirklich lebt, kann man die Verknüpfungen
zwifchen diefem Sinn und feelifcher Wirklichkeit
nachträglich fleh aufbauen. Durch diefen Schritt erft
wird das ,Verftehen' zum ,Nacherleben'. Nur mittelbar,
auf diefem Umwege, erfchließt fleh das fremde Leben.
Dafür aber ift das Gehen diefes Umweges auch nicht gebunden
an Gleichheit des Erlebens. Denn das Verftehen
hat im Grundfatz keine Grenze, und alles Weitere ift
Sache begrifflicher Rekonftruktion. Zwei Fragen gibt
diefer Gedankengang auf: 1. Wie fleht es mit jener Möglichkeit
des Verftehens? Hier fpricht R. von ,Wunder',
und zeigt, daß dies Wunder von jedem wiffenfehaftlichen
Menfchen vorausgefetzt wird, der meint, daß man etwas
lernen könne, was man noch nicht weiß. Er glaubt alfo,
hier an die Grenze des Analyfierbaren gelangt zu fein.
Ich halte die Zufammenordnung des Verftehens mit dem

Lernen von Neuem — ich würde neben dem Hinzulernen
aber das Umlernen betonen; man lernt fall bei jedem
Verftehen neuer individueller Sinngebilde auch um —
für fehr fruchtbar, glaube aber, daß die Analyfe noch
weiter getrieben werden kann zu einer noch genaueren
Umgrenzung deffen hin, was hier in Wahrheit wunderbar
ift. Freilich nur unter der Bedingung, daß man den
wirklichen Vorgang des Verftehens in den Kreis der
Unterfuchung mit einbezieht. Ob das nicht auch für die
Logik fruchtbar wäre? Es würde fleh ein Zufammenhang
zwifchen Verftehen und Begriffsbildung ergeben. 2. Wie
fügen fleh diefe ganzen Gedanken in R.s Grundanfchau-
ung von der hiftorifchen Begriffsbildung ein? R. begnügt
fleh hier mit dem Nachweis, daß diefe Theorie des Verftehens
feinen Hauptfatz von dem individualifierenden
Charakter der hiftorifchen Begriffsbildung nicht ftöre,
vielmehr eine beftätigende Ergänzung fei. Die Verbindung
diefer Ergänzung zu feinen übrigen gefchichts-
methodologifchen Sätzen findet er in dem fchon von jeher
von ihm entwickelten, bisher freilich von den meiften
wenig beachteten Begriff des ,hiftorifchen Zentrums', d. h.
desjenigen hiftorifchen Gegenftandes, der nicht allein wertbezogen
ift, fondern felbft zu den Werten Stellung nimmt.
I Solche hiftorifchen Zentren werden immer nacherlebend
erfaßt werden müffen. Mir ift nicht ganz ficher, ob fleh
I mit dem Gerichtspunkt der Ergänzung hier auskommen
! läßt, ob nicht vielmehr die hiftorifche Begriffsbildung
felbft fo fehr vom Verftehen und Nacherleben durchdrungen
ift, daß fie nur da in ihrer logifchen Eigenart
erfaßt wird, wo fie in ihrer Wechfelbedingtheit mit diefem
erfaßt wird. In diefem Kalle würde die Ergänzung fleh
als der Punkt erweifen, von dem aus das Ganze neu
durchgebildet werden müßte.

Wie dem auch fei, jedenfalls bedeutet R.s Analyfe
des Verftehens und Nacherlebens einen neuen und wirklich
fruchtbaren Schritt in der Erfaffung des gefchicht-
li'hen Erkennens, und es wäre zu wünfehen, daß feine
klaren Ausführungen dem vielen zeitgenöffifchen Gerede
von Intuition und feelifcher Identität zur Klärung über
fleh felbft verhelfen möchten.
Göttingen. E. Hirfch.

Schjeiderup, Kristian: Religionens Sandhet i lys av den

Relativitetsteoretiske virkelighetsopfatning. (125 S.)

gr. 8". Kristiania, H. Aschehoug & Co. 1921.
Schjeiderup ift überzeugt, daß auch die Religions-
philofophie von der Umwälzung des allgemeinen wiffenfehaftlichen
Denkens berührt wird, welche die Einftein-
fche Relativitätstheorie einleitet. Es gilt, die Religion in
das neue Weltbild einzuftellen, das Einftein gefchaffen
hat. Von der relativitätstheoretifchen Wirklichkeitsauf-
faffung aus fucht Schjeiderup das religiöfe Wahrheitsproblem
zu löfen. Ein allgemein theoretifcher Beweis für
die Wahrheit der Religion ift ausgefchloffen. Denn die
Religion ift myftifch-irrationales Leben. Ihre'Wahrheit
muß erlebt werden. Eine allgemeingültige philofophifche
Begründung der Religion kann darum nur in der Einordnung
- des Lebens der Religion in den weiteren rationalen
Zufammenhang beliehen. Das ift möglich. Denn
die Religion gibt fleh in beftimmten rationalen Formen
Ausdruck und enthält darum ein rationales Element.
Es gilt nur, die Irrationalität, befonders die Abfolutheits-
forderung der Religion .begreiflich' zu machen. Die verfchiedenen
religionsphilofophifchen Verfuche find vor
allem an der pofitiviftifchen Philofophie und dem natu-
raliftifchen Weltbild gefcheitert. Der Relativismus des
Pofitivismus und der Mechanismus des Naturalismus begründen
ja einen rationalen Zufammenhang, in welchem
die Abfolutheitsforderung der Religion unmöglich wird.
Die Religionsphilofophie muß darum zunächft mit (liefen
beiden Syftemen abrechnen und dann fleh der Hauptaufgabe
zuwenden, den richtigen rationalen Zufammen-