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Ausgabe:

1922 Nr. 22

Spalte:

476-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leeuw, G. van der

Titel/Untertitel:

Historisch Christendom 1922

Rezensent:

Schmidt, J. V.

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 22.

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baut feine Darfteilung durch allgemeine Bemerkungen
über die Methoden der Kriegspfychologie, die Pfychologie
der Front und der Etappe im allgemeinen fowie über
fördernde und fchädigende Einflüffe auf das religiöfe und
fittliche Leben der Armee. Befonderes Intereffe bean-
fprucht das den Zufammenbruch fchildernde Kapitel. Die
Feldfeelforge wird lediglich nach ihrem Einfluß auf Religion
und Sittlichkeit, und auch unter diefem Gefichts-
punkt nicht fehr ausführlich gefchildert. Ein etwa 30 S.
langer Abfchnitt gibt die Ergebniffe, d. h. die Befchrei-
bung des religiöfen und fittlichen Lebens des Heeres
felbft. Ein Schlußkapitel tpricht über das „Vertagen"
der Religion und Moral im Weltkrieg. So ift fall mehr
geboten, als das Thema erwarten ließ. Doch kommt über
dem reichlichen Ausbau der Fundamente der Bau felber
etwas kurz weg; die religiöfe und kirchliche Haltung hätte
man gern noch eingehender und farbiger befchrieben ge-
fehen. Sehr wertvoll ift die Darlegung über die Stellung
des katholifchen Volks und des katholifchen Gebildeten
zu Religion und Kirche (S. 122 ff.) gerade deshalb, weil
Vf. die — richtige — Anficht vertritt, daß der Krieg im
wefentlichen die vorher fchon vorhandene feelifche Ver-
faffung offenbart hat. Was er hier mitteilt, follte jeder
beachten, der den deutfchen Katholizismus ftudieren will.
D. hat ein nüchternes Urteil; vielleicht fleht er die Dinge
für die katholifche Kirche günftiger an, als den Tatfachen
entfpricht; aber er wägt überall forgfältig und verzeichnet
auch Unerfreuliches. Der evangelifchen Seite gegenüber,
auf die er nur feiten und kurz zu fprechen kommt (S. 78.
123f. 134), ift D.s Urteil zurückhaltend; allerdings meint
er, daß die Verhältniffe bei den Proteftanten viel ungün-
ftiger lagen als bei den Katholiken. Mit den Kriegspfy-
chologen wie Everth, Goehre, Scholz u. a. fetzt er fleh
dauernd auseinander. Das Buch hat nicht bloß gefchicht-
lichen Wert, fondern bleibenden. Es ift ein fehr beachtenswertes
Gegenftück zu meinen — freilich notgedrungen
viel kürzeren — Ausführungen in Bd. I meines Buchs
über die evangelilche Kirche im Weltkrieg.

Gießen. M. Schian.

Internationale kirchliche Zeitfchrift. Neue Folge der „Revue
internationale de theologie'. 11. Jahrgang. (4 Nrn.)
Bern, Staempfli & Cie. 1921.
Diefe, altkatholifche, noch immer wefentlich von
dem 1841 geborenen, alfo 80jährigen Bifchof Herzog
geiftig getragene (wenn auch nicht herausgegebene)
Zeitfchrift begegnet fleh in Europa in ihrer kirchlichen
Haltung am eheften mit der anglikanifchen Church
Quarterly Review. Nämlich in ihrem Intereffe an
.Wiedervereinigung der Kirche', im Zufammenhang
mit befonderem Gewichtlegen auf die successio apostolica
in dem Amt der Kirche d. h. der Bifchöfe. Wenn man
die Auffätze abrechnet, die direkt oder indirekt zu jenem
Problem Gehöriges betreffen, bleiben nicht viele übrig.
Natürlich weiß man, wie große Schwierigkeiten jeder
Art der Erreichung des letzten großen Zieles (wem würde
es als Chriften nicht irgendwie am Herzen liegen ?!) entgegen-
ftehen. Und mehr als .Verftändigung' und von da aus
oder dafür .Verhandlung' erftrebt man vorerft praktifch
nicht. Daß die Gegenwart Schritte ermöglicht hat, zu-
nächft in Landesgrenzen, innerhalb der Sonderkirchen
als folcher, die noch vor kurzer Zeit fchier hoffnungslos
fchienen, haben wir mit Freuden und Dank erlebt. Die
.Internationale Zeitfchrift' ift — ihr Titel fagt's ja — in
umfaffenderem Maße auf das hiftorilche Gefamtchriften-
tum eingeftellt, als etwa die genannte englifche Zeitfchrift.
Praktifch denkt letztere wohl kaum ernftlicb weiter als
an ,Home Reunion', bez. die Kirchen des British Empire.
Aber beide find theoretifch für alle Probleme der
Wiedervereinigung erfchloffener als andere theologifche
Zeitfchriften. Sogleich der erfte Auffatz im oben bezeichneten
letzten Jahrgang der IKZ, von E. Herzog,
hat das Thema .Nach welcher Methode ift die kirchliche

Wiedervereinigung zu verflachen'? Man beachte das .verflachen
'. H. rät: nach der .liturgifchen'l Gewährung
gegenfeitiger Abendmahls- und Gebetsgemeinfchaft, danach
ift zuerft zu ftreben. Im zweiten Hefte treffen wir,
wieder von Herzog, einen Bericht über .Vier Werke
über kirchliche Wiedervereinigung'. Darin referiert H.
über und beleuchtet kritifch 1. L. H. Gores (Bifchof von
Oxford, 1920) Werk ,The Church and the Ministry', (das
1888 zuerft erfchienen, jetzt unter Mitbeteiligung L. H.
Turners, in .revidierter' Ausgabe, I919, zum fünften
Mal feinen Gang angetreten hat), dann 2. das vonP.Ainslie
(Herausgeber der amerikanifchen Zeitfchrift ,The
Christian Union Quarterly') mit dem fragenden Titel ,If
not a United Church — what?', 1920, (es ift der Ein-
leitungsband einer Serie von .Handbüchern', die die
kirchliche Wiedervereinigungsfrage behandeln follen:
Söderblom werde den zweiten Band liefern; hinter Ainslie
flehen fpeziell die ,Disciples ofChrift'); dann 3. das Buch
des Amerikaners W. T. Manning, ,The Call for Unity',
1920 (Verf. ift Bifchof der englifchen Episkopalkirche in
New York); fchließlich 4. A.L.Headl am, (Prof. in Oxford)
,The Doctrine of the Church and Christian Reunion'
(Bampton-Lectures von 1920). Wie das Werk von Gore,
verdiente offenbar auch diefes letztere als gelehrtes
ernftliche Berückfichtigung in der deutfchen Theologie.
Ich habe beide nicht gekannt, als ich meine Auffätze
über den .Quellort der Kirchenidee' (Harnack-Feftfchrift)
und den .Spruch über Petrus u. die Kirche bei Matthäus'
(Theol. Stud. u. Krit. I922 Heft 1/2 .Neuteftamentl. For-
fchungen') verfaßte. Nach dem Referat von H. zu fchließen,
beachten beide Werke doch auch nicht, daß der Begriff
der txxhpia im N. T. ^in differenzierter ift, er entfpricht
dem des qahal und je nach den Umftänden, dem der
k'nischta, der Paflah- und der Synagogenverfammlung.
Die Frage nach der Stellung des Petrus, gemäß dem
Willen Jefu und im tatfächlichen Gemeinleben der Ur-
chriftenheit, ift erft — vielleicht — zu beantworten bei
forgfältiger Unterfcheidung der beiden Sphären der
euchariftilchen Feier und der Schriftlefe- und
Gebetsvereinigung. Und dabei ift zum voraus noch
der Begriffsunterfchied zwifchen dem ,Xaöq' und der
,lxxXrj(jta' rü)v ay'imv zu beachten.

Ich erwähne aus dem Jahrgange noch den .Bericht
über die Präliminarverfammlung der Weltkonferenz über
Glaube und Kirchenverfaffung in Genf, Auguft 1920', von
F. Siegmund-Schultze (Heft Nr. 1); er ift die Erfüllung
eines Verfprechens, das der Verf. in der .Eiche' (9. Jahrg.
Nr. 2, ,Die Vorberatung d. oekumen. Konferenz in Genf)
gab. Von einem Engländer (?) H. M. Cyrenius ift in
Nr. 2 eine ausführliche Mitteilung über ,The German
High Church Union'. (Bis Dezember 1920 zählte diefe
Vereinigung bereits 150 paftorale Mitglieder).

M. Hertzberg, ,D. norweg. Kirche u. d. Einheit d.
Kirche' (Heft 1) fleht auch, mit wenigen Zufätzen, in der
Church Quart. R. 1920, Nr. 180 (Relations between the
English and the Norwegian Church: Verfaffer, der doch
in Norwegen ziemlich allein fleht, ift im fpezififchen Sinn
.hochkirchlich, ganz befonders für successio apostolica
intereffiert). Recht beachtenswert iftdie.KirchlicheChronik',
die A. Küry (einer der Herausgeber) fafl in jedem Heft
bietet.

Intereffant war mir in Heft 3 noch die eigentümlich
zwiefpältige Beurteilung F. Heilers von Seiten zweier,
wie ich annehme, altkatholifcher Theologen. Der eine
möchte ihn als geiftigen Genoffen in Anfpruch nehmen, der
andere meint, er werde dem .idealen Romanismus' nicht gerecht
und .idealifiere' fleh das evangelifche Chriftentum.
Halle a. S. F. Kattenbufch.

Leeuw, Dr. G. van der: Historisch Christendom. (200 S.)
Utrecht, 1919.
In dem warmherzig gefchriebenen Buch ift die
Frage nach dem Verhältnis von Chriftentum und Ge-