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Ausgabe:

1922 Nr. 22

Spalte:

468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Windisch, Ernst

Titel/Untertitel:

Philologie und Altertumskunde in Indien 1922

Rezensent:

Franke, R. Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 22.

468

benutzten Quellen. Alles einleuchtend, foweit man zu
folgen vermag; wo aber — kein feltener Fall! — über
ein Stück Bibeltext gefprochen wird, das man noch gar-
nicht kennt — S. unterläßt auch zu bemerken, ob bzw.
wo es etwa in Pf. Hier, oder Pf. Primaf. fchon vorliegt —,
ift das Folgen ja ausgefchloffen. Das in Kap. 4 herangezogene
Material aus anderen Bibeltexten wird dem
Lefer nicht eben bequem unterbreitet: Belege für eine
Lesart wie Jj Hier. 2/? Aug. 1j2 Fulg.' find felbft in
einer Introduction, und in der eines fo peinlich forgfäl-
tigen Arbeiters wie S., etwas zu fparfam gehalten.

Aber ich will nicht griesgrämig dreinfchauen, wo zu
Dank und Freude Anlaß genug vorliegt; dagegen kann
ich nicht zurückhalten mit dem dringlichen Wunfeh, den
gewiß alle Freunde der altchriftlichen Litteratur in der
ganzen Welt mit mir teilen, daß man in England, wo
nun das Material für eine abfchließende Bearbeitung des
gefamten Stoffes bereit und fertig durchgearbeitet liegt, fich
nicht begnüge mit der Veröffentlichung eines wenn auch
noch fo wichtigen Teils. Wenn die Drohung, es müffe
die Publikation der Bearbeitungen des Pelagius, d. h.
vornehmlich Pf. Hieron. wie Pf. Primaf. auf fpätere Jahre
verfchoben werden, ausgeführt wird, würde das den
Wert der bevorftehenden Pelagius-Ausgabe erheblich
vermindern. Der Text des Pf.-Hieronymus bedurfte wahrhaftig
, wie Souters Forfchungen auch beftätigt haben,
längft einer gründlichen Neugeftaltung nach den Hand-
fchriften, und die Arbeit des Caffiodor und feiner Genoffen
an Pelagius ift für den Kirchenhiftoriker, der die
neuenUrkunden für die Gefchichte des pelagianifchen Streits
ausnutzen will, von höchftem Wert, heute aber nur in
einer Form bei Migne Patr. lat. 70 zugänglich, die ihm
die Leiden eines Sahara-Reifenden auferlegt. Der Krieg
ift beendet, das inevitable deferred tili happier times von
S. 256 darf nicht das letzte Wort der Syndics of the
Cambridge University Press oder AI. Souters oder des
hochverdienten Herausgebers der Texts and Studie?,
D. J. Armitage Robinfons bleiben. Vielmehr: Eile tut
not! Eile ift Pflicht!

Marburg. Ad. Jülicher.

Koppers, Prof. Dr. phil. W., S.V.D.: Die Anfänge des
menfehlichen Gemeinfchaftslebens im Spiegel der neueren
Völkerkunde. (192 S.) kl. 8°. M.-Gladbach, Volksvereins
-Verlag.

Der Verfaffer, Profefibr der Völkerkunde am Mif-
fionsfeminar St. Gabriel bei Wien und Anthropos-Redak-
teur, läßt feiner bibliographifch-kritifchen Arbeit über
die ethnologifche Wirtfchaftsforfchung(Anthropos 1915/16,
Sonderdruck 1917, 150 Quartfeiten; vgl. meine Anzeige
in der Hiftorifchen Zeitfchrift i2o, S. '533f.), die ihn als
einen fehr belefenen und klugen Forfcher erwies, diefe
Sammlung von fieben populären Vorträgen folgen. Beide
Werke dienen zielbewußt einer Schule, die im Titel als
die .neuere Völkerkunde' und fonft als die ,kulturhisto-
rffche' bezeichnet wird im Gegenfatz zu der heftig bekämpften
evolutioniftifchen. Die Ethnologie hatte eine
Ordnung ihrer weitfehichtigen Daten naturgemäß zu-
nächft durch Konftruktion einer evolutioniftifchen Reihe
gefucht. Und daß ein folcher Verfuch fein Recht und
feine Bedeutung für Gewinnung einer intellektuell ehrlichen
Weltanlchauung behält, fei wenigftens angemerkt
und dabei hingewiefen auf das 1921 ins Deutfche überletzte
Buch von Levy-Bruhl über das Denken der Naturvölker
. Aber die Voreiligkeiten der älteren evolutioniftifchen
Lehren, denen die Typen gleich zu Stufen wurden,
find fchon feit einigen Jahrzehnten von der fortfehreiten-
den Ethnologie erkannt worden. Die Tatfachen der individuellen
Geftaltungen der Entlehnung und der Degeneration
verlangten dem Gefamtbild eingearbeitet zu
werden. Vor allem Ratzel, auch Große find als Gegner
der evolutioniftifchen Konftruktionen zu nennen. Fro-
benius hat das Prinzip der Unterfcheidung von individuell

beftimmten ,Kulturkreifen' auch unter den Primitiven
immer neu verfolgt (vgl. feine neuefte Zufammenfaffung
in der Schrift: Paideuma, Umriffe einer Kultur- und
Seelenlehre, 1921). Graebner hat in feiner Methode der
Ethnologie von 1911 ein lehrreiches Organon kultur-
gefchichtlicher Bearbeitung der völkerkundlichen Daten
gefchrieben. Es ift ein Gewinn, daß diefe wichtigen
methodifchen Reformgedanken einer ,Hiftorifierung der
gefchichtslofen Völker' von dem Kreife der Zeitfchrift
Anthropos befonders in der katholifchen Welt wirkfam
verbreitet werden. Aber bei Koppers und feinem Lehrer
Pater W. Schmidt, an deffen Konftruktionen er fich an-
fchließt, haben weltanfchauliche Vorausfetzungen mehr
oder weniger bewußt die Führung. Schon darin, daß
fie'als die ,Urvölker' nicht, wie in der Tat von vielen
Evolutioniften allzu unbefehen gefchehen ift, diejenigen
Primitiven anfehen, die dem tierifchen Zuftand am näch-
ften find (die betreffenden Auftralier ufw. feien Degenerierte
), fondern eine Gruppe von Völkern, nach Schmidt
die Pygmäen (Aufzählung S. 68 f., 117), die bei primi-
tivften wirtfchaftlich-materiellen Verhältniffen die Einehe
(Jenes goldene Zeitalter der Familie') und das Privateigentum
aufweifen. In feiner merkwürdig auf den Sozialismus
hin abgebogenen Polemik betont Koppers vor
allem, daß es mit dem kommuniftifchen Urftaat und
feiner Priorität vor der Familie nichts fei. Er kann fich
nicht genug tun in Idealifierung des ,Guten und Lichtvollen
, wie es der Urzeit eigen' fei mit ihrem altruiftifchen
und demokratifchen, antikapitaliftifchen Geifte, wefent-
licher Gleichberechtigung von Mann und Frau, dem
Charakter der Arbeit mehr als eines gefunden Sportes
und Spieles, einem .relativ hohen ethifchen Eingottglauben',
fozialer Fürforge ufw. Dem fpäteren materiell-wirtfchaft-
lichen Fortfehritt entfpreche dann immer wieder ein
Rückfehritt in familial-fozialer uud in religiös-ethifcher
Hinficht, ein .Abweichen von dem anfänglich Reineren
und Höheren'. In den Einzeldarlegungen über Wirtfchaft,
Eigentum, Urfamilie und Urftaat, Religion und Sittlichkeit
, Perfönlichkeitskultur und Sachkultur verweilt er in
der Hauptfache bei jener .Unkultur'. Wie nach Schmidt
aus diefer Urkultur drei .primäre Kulturen' und durch
Mifchungen eine Reihe von .fekundären Kulturen' sich
entwickelten, wird tabellarifch S. 45 zufammengefal.lt und
befonders im letzten Vortrag nochmals recht anregend
ausgeführt.

Göttingen. Andreas Walther.

Windifch, Ernft: Philologie und Altertumskunde in Indien. Drei
nachgeladene Kapitel des III. Teils der Gefchichte der Sanskrit-
Philologie und Indifchen Altertumskunde. (Abhandlgn. f. d. Kunde
d. Morgenlandes, hrsg. v. d. Deutfchen Morgenländifchen Gefcllfchaft
XV. Bd. Nr. 3) (38 S.) 8". Leipzig, F. A. Brockhaus 1921.

Da die Aufnahme diefes nachgelaufenen Bruchftückes des III. Teiles
von Windifch's Gefell, der Sanskrit-Philol. und Ind. Altertumskunde,
von der der I. und II. Teil (letzterer 1920) im Grundriß der Indo-ari-
fchen Philol. und Altertumskunde erfchienen find, in diefen Grundriß
durch deffen Herausgeber abgelehnt wurde, hat Hertel, nicht lange vor
feines Lehrers Tode von diefem mündlich beauftragt, für die Veröffentlichung
zu forgen, diefes Fragment in den Abhandlungen für die Kunde
des Morgenl. drucken laffen. Windifch behandelt darin die Gründung
und die Leiftungen der Royal Ariatic Society von Bombay (die zuerft
Literary Society of Bombay hieß) und gibt einen auch den Inhalt knapp
und gut fkizzierenden Überblick der in ihrer Zettfchr., dem Journal of
the Bombay Branch of the Royal Asiatic Society, erfchienenen Arbeiten
und macht Angaben über die Perfonalien von deren Verfaflern. Hertel
hat fich in forgfältiger und dankenswerter Weife feines Auftrages entledigt
.

Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Deußen, Prof. Dr. Paul: Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte
Texte der Upanishad's. Aus dem Sanskrit überfetzt. 6. Aufl.
(XXIV, 221 S.) 8". Leipzig, F. A. Brockhaus 1921.

Deußen weilt nicht mehr unter den Lebenden, und diefe 6. Aufl.
ift ein unveränderter Neudruck. Auf eine Kritik im einzelnen kann
daher verzichtet werden. Es braucht nur aufs neue die Verdienftlich-
keit und Nützlichkeit diefer handlichen Zufammenftellung von Veda-
und Upanisaden-Stellen, die über den Ätman (alldurchdringcndes Uni-
verfalprinzip und Einzelfeele in einem) handeln, hervorgehoben zu werden.