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Ausgabe:

1922 Nr. 21

Spalte:

456-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Händiges, E.

Titel/Untertitel:

Die Lehre der Mennoniten in Geschichte und Gegenwart 1922

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 21.

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rius, während uns jetzt die Gloffen Abälards zu den Kategorien
des Ariftoteles mitgeteilt werden. Außer diefer
Logica „ingredientibus", die in einer Handfchrift der Am-
brofiana zu Mailand erhalten ift und von Grabmann wieder
aufgefunden wurde, nachdem fchon Rosmini auf fie ver-
wiefen hatte, hat Geyer in einer Handfchrift der Stadtbibliothek
zu Lunel eine zweite Bearbeitung der Logik
durch Abälard entdeckt, die aber nur Gloffen zu Por-
phyrius enthält. Er nennt fie nach den Eingangsworten
die Logica „Noftrorum petitioni". Von diefer letzteren
befaßen wir bisher nur eine ganz unzulängliche Wiedergabe
Remufats, die V. Coufin in feiner Ausgabe Abälards
(II, 758f.) abdrucken ließ, da Ravaiffon, der die Handfchrift
gefunden hatte, fich die Herausgabe vorbehielt,
hernach aber felbft den Fundort vergeffen hatte. Dies
zweite logifche Werk ift alfo bis zur Stunde noch nicht
gedruckt, jedoch ift von Geyer die Herausgabe zu erwarten
. Zu diefen beiden Darftellungen der Logik- und
Erkenntnistheorie Abälards kommt noch die unvollftän-
dige Dialectica in Coufins Ausgabe fowie in der Mailänder
Handfchrift anonyme Gloffen zur Ifagoge des Porphyrius
die zwar nicht von Abälard herrühren, aber ihm nahe
verwandt find. Auch letztere werden von Geyer herausgegeben
werden.

Die Bedeutung diefer Funde und Editionen für die
Gefchichte der mittelalterlichen Philofophie ift fraglos
fehr erheblich. Wir lernen jetzt erft Abälard als dialek-
tifchen Philofophen kennen und gewinnen damit einen
unfchätzbaren Orientierungspunkt für die Philofophie des
früheren Mittelalters. Das zeigt fchon eine flüchtige Be-
fchäftigung mit den neuen Texten, und vor allem wird
die alte Streitfrage, ob Abälard in der Univerfalienfrage
als Realift oder als Nominalift anzufehen fei, jetzt mit
voller Sicherheit in letzterem Sinn zu entfcheiden fein. Das
zeigt nicht nur die Stelle in den Porphyriusgloffen (S. 16).
fondern auch die Erörterungen über primae et secundae
subftantiae in den Gloffen über die Kategorien (S. 139fr.).
Man kann an diefen Erörterungen Abälards viel an-
fchaulieher als bisher fehen, wie nicht nur die Nachahmung
und Nachfolge der Kirchenväter, fondern auch das direkte
Studium der Werke des Boethius den philofophifchen
Apparat der Scholaftik hervorgebracht hat. Die
Eigentümlichkeiten des großen Lehrers, die wir fchon
aus den theologifchen Schriften Abälards kennen, begegnen
uns auch in den philofophifchen Arbeiten, vor
allem Klarheit undDurchfichtigkeit des Gedankens fowie die
Fähigkeit, auch komplizierte Iden anfehaulich und präzife
auszudrücken. Über die Bedeutung der neuen Schriften
für die Gefchichte der mittelalterlichen Philofophie und
Theologie eingehend zu handeln, hat Geyer fich vorbehalten
. — Die Textherftellung ift, da nur eine und zwar
wenig gute Handfchrift vorlag, ziemlich mühfam gewefen.
Der Herausgeber hat nicht feiten dem Text mit Konjekturen
nachhelfen müffen. Im einzelnen wird man erft bei
genauerem Studium des Inhaltes ein Urteil über den Text
gewinnen können, aber fchon jetzt kann getagt werden,
daß man längere Abfchnitte lefen kann ohne anzuftoßen.
Die Verbefferungen Geyers erweifen fich faft durchweg
als notwendig und zutreffend.

Schließlich möchte ich auf eine von Geyer wiedergegebene
und durch Beifpiele beftätigte Beobachtung
des Dr. Heyer in Bonn verweifen. Der Name Abaelardus
ift nämlich fo, das heißt, fünffilbig gefprochen worden.
Das beweift das Metrum gleichzeitiger Verfe, in denen
er vorkommt fowie die Schreibung der älteften Hand-
fchriften, die nie, wie das bei dem Diphthong ae üblich ift,
ein einfaches oder gefchwänztes e, fondern immer ae in
dem Namen haben. Noch mag das Wort maneria im
Sinn von genus (S. 230. 231. 236) erwähnt werden.

Berlin. R. Seeberg.

Hauttmann, Max: Gefchichte der kirchlichen Baukunft in Bayern,
Schwaben und Franken, 1550—1780. Mit 105 Tafel- und 90 Textbildern
. (273 S.) Lex 8°. München, Verlag f. prakt. Kunftwiffen-

fchaft, F. Schmidt 1921.
Das prächtig ausgeftattete Buch geht neue Bahnen. Das kommt
fchon zum Ausdruck in der Wahl des Thema. Hauttmann befchreibt
den Kirchenbau im kath. Altbayern, Franken und Schwaben von 1550
bis 1780; er fleht in demfelbcn eine in fich gefchloffene, von Stufe zu
Stufe fortfehreitende, dann aber auf dem Höhepunkt der F.ntwicklung
angelangt jäh abbrechende Einheit. Noch mehr zeigt fich das aber
in der Darfteilung. Er verfchmäht die gewohnten Kategorien, fucht
vielmehr in den Fußtapfen Wölflins wandelnd das innere Werden diefer
Baukunft in ihren verfchiedenen Epochen (Fruhftufe 1580—1650,
Hochftufc 1650—1720, Spätftufe 1720-1770) verftändlich zu machen.
Er lieht ab von einer Befchreibung der einzelnen Baudenkmale, ordnet
fie vielmehr ein in den organifchen Werdegang Ja noch mehr, er fucht
alles aus dem Empfinden der Zeit zu begreifen. Scharfe Beobachtungsgabe
und umfaffende Kenntnis des gefamten Materials kamen dem Ver-
faffer trefflich zuftatten bei Anwendung der Grundfätze auf die einzelnen
Teile: neben den grundlegenden: „Bauaufgabe und Baugefinnung,
Baumeifter und Bauherren, Baulehre" die fpezicllcn: „Bauzicr, Raumarten
, Mantelformen, der Ausdruck." Ob die gezeichnete Entwicklung
nun wirklich beliehen kann, muß weitere Forfcherarbeit zeigen. Wohl
handelt es fich um ein gefchloffenes Gebiet, aber doch nicht um eine
völlige Ahgefchloffenheit. Und die innere Einheit feheint doch von
manchen Außenftrömungen wenn auch nicht durchbrochen, fo doch
noch entfeheidender beeinflußt gewefen zu fein, als es hier zum Ausdruck
kommt. Gerade bei den Mantellormen, der Bauzier, tritt dies
zutage. Aber das kann fchon jetzt gefagt werden, daß die Forfchung
die wertvollften Impulfe durch diefe vortreffliche Arbeit erhalten wird.
Roth bei Nürnberg. Schornbaum.

Händiges, E.: Die Lehre der Mennoniten in Gefchichte und
Gegenwart. Ludwigshafen, Kommiffionsverlag der
Konferenz der füddeutfehen Mennoniten. 1921.
Hylkema, T. O.: De geschiedenis van de Doopsgezinde
Gemeenten in Rusland in de oorlogs-en revoiutiejaren 1914
tot 1920. Steenwijk, G. Hovens 1921.
Zwei fehr beachtliche Arbeiten für die Kenntnis von
den Mennoniten, die wie beide Verfaffer übereinftimmend
bekunden, in der Gegenwart erhöhte Bedeutung gewonnen
haben. Die Arbeit von Händiges, eine Lic.-Differtation
aus der Schule von Loofs, bietet den Stoff, den man gemeinhin
in der Symbolik vorzutragen pflegt, in gründlicher,
umfaffender Weife. Vor allen Dingen dürfte die Zu-
fammenftellung der wichtigften Bekenntnisfchriften der
Mennoniten (S. 7ff.) dankenswert fein, wobei H. mit Recht
hervorhebt, daß es fich um ftreng verpflichtende Be-
kenntniffe nicht handelt. Aber es ift fchade, daß nicht
etwas tiefer in die Entftehungsgefchichte derfelben eingedrungen
wird, und es offenbart fich fchon hier ein,
allerdings bei der Art der Behandlung in gewiffem Sinne
unvermeidlicher Mangel der Arbeit: es fleht Alles zu
plan, zu gleichmäßig aus, und die z. T. doch fehr Harken
Differenzen in den einzelnen mennonitifchen Gruppen
treten nicht genügend fcharf heraus. Verfaffer hat zu
ftark auf die Gegenwart eingeftellt und dadurch verwifcht,
daß die heutigen Mennoniten dank der Preisgabe der
Apolitie (mit Troeltfch zu reden) geradezu ein neues
Gefchlecht geworden find (vgl. dazu meinen Artikel in
RGG, der H. entgangen zu fein feheint). Geht auch das
von Hylkema S. 8 mitgeteilte Urteil von Kuyper zu weit:
„verwaterd nakroqst van een rcemrijk voorgeslacht", fo
ift doch z. B. die Darfteilung des Gemeindeprinzips der
Mennoniten ftark modernifiert d. h. es wird nicht gefagt,
daß die Mennoniten den Gedanken der Gemeinde der
Heiligen preisgegeben haben. Daß die alten Täufer
„nichts mehr und nichts weniger wollten" als Luther in der
bekannten Stelle der Vorrede zur „teutfehen Meffe",
würde Luther — mit Recht — niemals zugegeben haben.
Daß ein fachlicher Zufammenhang zwifchen den Mennoniten
und dem Täuferreich in Münfter doch vorliegt
(gegen S. 56), glaube ich in meinem Artikel „Münfter,
Wiedertäufer" in RE8 gezeigt zu haben, der Mennonit Vos
hat Menno felbft in Beziehung zu den Münfteranern gefetzt
. Doch derartige Nuancen werden, wie gelagt, in
der Symbolik ftets nicht zu ihrem Rechte kommen. Das
Ganze orientiert fehr gut. Unter der Literatur vermiffe
ich u. a. Benutzung der Bibliotheca reformatoria Neer-
landica. Aus Kanada find inzwifchen die Mennoniten