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Ausgabe:

1922 Nr. 2

Spalte:

450-451

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Die Apostelgeschichte des Lucas. 2. Hälfte: Kap. 13-28, ausgelegt 1922

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 21.

Dies zuerft 1898 von Aloys Schaefer herausgegebene,
1912 von dem Profeffor in Münfter Meinertz umgearbeitete
Einleitungswerk, das nunmehr zum dritten Mal, mit reichlichen
Ergänzungen und Verbefferungen an die Öffentlichkeit
tritt, fleht zweifellos den wertvollften Beitrag dar,
den die katholifche Theologie in Deutfchland für unfere
Wiffenfchaft geliefert hat. Auf dem Gebiet der Kanons-
gefchichte und der Gefchichte der Entstehung (Echtheit,
Glaubwürdigkeit!) der einzelnen NTlichen Schriften ift der
Standpunkt des überzeugten Katholiken von dem unfrigen
foweit entfernt, daß wir nur feiten voneinanderwerden lernen
können; die apologetifche Tendenz nicht zu vernachläffigen,
hat fich auch M. zur Pflicht gemacht — was fogar zu
oft dem Lefer zu Gemüte geführt wird —; aber innerhalb
diefer Schranken betätigt M. einen guten Blick für das
Natürliche und Nächftliegende. Hin und wieder fühlt es
fich beim Lefen des Buches an, als fei eine völlige Einheit
zwifchen dem Urbeftand und den Verbefferungen
nicht erreicht, die Anmerkungen verraten weiteres Entgegenkommen
gegen kritifche Bedenken als der Text;
aber wenn M. das Prädikat ,maf.ivoller', das er z. B. auch
mir fpendet, nicht durch die Beziehung auf F. Chr. Baur in
Mißkredit gebracht hätte, würde ich es auf fein Verhältnis
zu Belfer z. B. unbedingt anwenden. Daß der Angriff
v. Dobfchütz's auf das Decretum Gelafianum bei M. kaum
einen Eindruck gemacht hat, überrafcht; und das übermäßig
beliebte ,offenbar' follte doch wenigftens nicht bei
fo gewagten Sätzen auftreten wie S. 90, daß Paulus die
14 Jahre Gal. 2,1 von feiner Bekehrung i. J. 36 an rechne
und daß wir dadurch 49 als Datum das Apoftelkonzils
gewinnen, oder S. 321 bei der Notiz über Hieronymus.
Etwas zu breit id die Darfteilung immer noch, einzelnes
mißfällt am Stil, aber über den Stand der Forfchung
wird man im Allgemeinen klar und zutreffend orientiert
, wenngleich im Kampf mit Gegnern die ernft
zu nehmenden Argumente neben den Einfällen der Dilettanten
keinerlei Auszeichnung erfahren. Der Mann der
kirchlichen Autorität liebt es, bei der anderen Seite mehr
zu zählen als zu wägen.

BeiderneuteftamentlichenTextkritikkannam eheflen
die katholifche Wiffenfchaft mit der proteftantifchen Hand
in Hand arbeiten. Von dem erbten Teil, der bei M. diefer
gewidmet ift, erwartete ich darum die meifte Porderung.
Reiche Literaturangaben erwerben denn auch diefem Ab-
fchnitt, wie die 4 Handfchriftentafeln, Aufbruch auf unfern
Dank'. Aber es find doch hier wieder viele zwar meint
kleinere Fehler eingedrungen oder flehen geblieben, und
erheblichere Irrtümer beweifen, daß dem Verf. dies For-
fchungsgebiet ferner liegt. S. 40, Z. 5 v. o. z. B. ift 1897
in 1866 zu verbeffern, S. 40 n. 2 Theological studies V,4
in Texts and studies V,5; S. 72 wird 1886 ftatt 1885
als Jahr des erften Erfcheinens der kleinen Textausgabe
von Westcott-Hort notiert und der Vorname Horts Antony
ftatt Anthony gefchrieben. Nach S. 54 foll Auguftin im
Brief 71,6 das Neue Teftament des Hieronymus im Unter-
fchied zu feinerNeuübertragung des A.Ts gutaufgenommen
haben; es handelt fich aber nur um die 4 Evangelien
der Vulgata; wie viel auf diefen Unterfchied ankommt,
weiß laut 71 n. 2 ja auch Meinertz. Auf S. 53 wäre allerlei
zu verbeffern, fchlimmer find die Mängel auf S. 51.
Man wird mit Verwunderung dort den codex Rehdige-
ranus (1) als Evangelienfragmente charakterifiert finden;
zu r ift der hochwichtige, von F. K. Abbot in Dublin 1884
prächtig herausgegebene codex Usserianus der Evangelien
überfehen worden, und unter ,s' tauchen die paar
Seiten des Palimpfeftes der Ambrosiana mit Fragmenten
von Luc. 17—21 allein auf, dagegen von dem viel bedeut-
fameren Wiener Palimpfelt (s) mit großen Überreften aus
Acta, Jac. und I Petr. erführe man nichts, wenn nicht der
Band der Old-Latin Biblical Texts (IV 1897) in dem wir
diefen s finden, zitiert wäre, dafür aber der Ort, wo der
andre s mufterhaft publiziert worden, a. a. O. II 1886
S. 85—88, ungenannt bliebe. Hoffentlich verfchwinden

in der nächften Auflage folche Flecke und ringt fich der
Verf. auch zu ganz entfchiedener Stellungnahme in Fragen
durch, die wie die nach dem Verhältnis des Diateflaron
zu den .getrennten' fyrifchen Evangelien in Wahrheit bereits
entfchieden find: Vogels bedeutet mehr als M. Heer
und F« Haafe zufammen.

Marburg. Ad. Jülicher.

Zahn,Theodor :DieApoftelgefchichte des Lucas. ZweiteHälfte:
Kap. 13—28, ausgelegt. (Kommentar z. Neuen Teftament
, hrsgeg. v. Th. Zahn Bd. V, 2. Hälfte) (S. 395 —
884) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert 1921.

Grundzahl Ii; geb. 17
Was ich in diefer Zeitfchrift (1922, Sp. 3 ff.) über die
erfte Hälfte von Zahns Kommentar zur Apg. fchrieb,
gilt auch von der zweiten. Z. hat kein Buch für Studenten
oder Pfarrer gefchrieben, das fie mit dem Stand der
Forfchung vertraut machen könnte, wohl aber eine gelehrte,
mit reichhaltigem, namentlich altkirchlichem Material aus-
geftattete, vielfach bekannte Pofitionen unterbauende,
aber niemals fich bei dem Herkömmlichen einfach beruhigende
, oft eigenwillige, immer aber feffelnde Auslegung
und zumal eine fortdauernde Rechtfertigung des
.^-Textes etwa in der Form, wie ihn der Verf. feinerzeit
als ,Urausgabe' vor allem aus westlichen Zeugen rekon-
ftruiert hat. Ich vermag freilich jetzt ebenfowenig wie
damals beim erften Teil zu bekennen, daß mich diefer
Rechtfertigungsverfuch überzeugt habe. Was mein Urteil
von dem Z.s unterfcheidet, ift ein methodifcher Gefichts-
punkt. Ich bin mit Z. durchaus der Meinung, daß der
Text, den er A nennt, an vielen Stellen ,unvergleichlich an-
fchaulicher' ift, als B (fo Zahn zu i6.)5 36), ja ich möchte hinzufügen
, daß A in fehr vielen Fällen den Vorgang fo dar-
ftellt, wie man ihn hiftorifch rekonftruieren könnte. Das beweift
aber nur, daß der Verf. von A ein kluger, die Ereig-
niffe möglichft wahricheinlich darfteilender Mann war —
und nicht, daß der Verf. der Apg. diefen Text gefchrieben
hat. Ein klug hiftorifierender Späterer kann, auch ohne
befonderes Nachrichtenmaterial zu benutzen, glaubwürdiger
fchreiben als ein Früherer, der fein Material zu verarbeiten
hat. Wenn man vollends der Überzeugung ift,
daß der Verf. der Apg. fixierte Traditionen aufgenommen
und fie in feinen Zufammenhang eingefügt, dabei aber
Fugen und Nähte verurfacht hat, dann wird man den
Text ß an den meiden Stellen für primär halten. Denn
daß B die Fugen fehen läßt, die A gefchloffen hat, das
fcheint mir an einer Reihe von Stellen ganz offenbar zu
fein (f. 3n 14, l635 17,,, 2816), und ich hoffe darauf bald
in einem anderen Zufammenhang näher eingehen zu können.
Der hiftorifierende Charakter des /i-Textes aber wird
durch Z.s Auslegung befonders deutlich gemacht, und fo
wird auch der anders Urteilende die fortgefetzte Apologie
diefes Textes mit Gewinn lefen.

Die am meiften diskutierte Abweichung des D-Textes
freilich, die ,abendländifche' Form des Apofteldekretes,
benutzt Z., wie man aus feiner ,Urausgabe' weiß, nicht für
die Rekonstruktion von A. Hier fcheint ihm nicht mecha-
niftifche Textkritik, fondern Exegefe das letzte Wort
fprechen zu müffen — und darin hat er gewiß Recht,
was die Priorität der beiden Formen des Apofteldekrets
angeht. Ob man freilich nicht in jedem Fall der Rekonstruktion
des andern Acta-Textes (alfo: deffen was bei
Blaß ß, bei Zahn A heißt) das Apofteldekret nach dem
Wortlaut von D in diefe Rekonstruktion aufzunehmen hat,
muß doch gefragt werden. Die Ausführung über Um-
geftaltung und Umdeutung des Apofteldekretes hat Z.
übrigens durch ausführliche Einzelnachweife geftützt. Diefe
eingefchalteten Untersuchungen gehören zu den wertvollften
Partien des Kommentars; auch wer anderer Meinung ift
(wie ich in diefem P'all z. B. hinfichtlich des Zufammen-
hangs von Did. 62 mit dem Apofteldekret), wird reiche
Belehrung aus ihnen schöpfen. Ich erwähne in diefem
Sinne noch die Ausführungen über Jakobus und die Ent-