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Ausgabe:

1922 Nr. 21

Spalte:

446-448

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Obermann, J.

Titel/Untertitel:

Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazalis. (Siehe auch Rez. Sp. 148, Greßmann.) 1922

Rezensent:

Horten, Max

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 21.

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politifche Zeitung erfchienen. Von der Kirche ift erft
ganz zum Schluffe mit ein paar flüchtigen Worten die
Rede. Vollends tief erfchreckt hat mich der anonyme
Artikel ,The reign of folly', No 184 (July 1921I). Zu den
.Tollheiten' der Gegenwart wird da auch gerechnet,
daß jemand in England, ja gar a section of the Brithish
public, dächte, es fei Deutichland in Verfailles Unrecht
gefchehen. Ich geftehe, daß ich erfchüttert war,
als ich diefes Dokument englifcher Entfchoffenheit las, uns
alles zum Böfen zu deuten, nichts gelten zu laffen, was
wir zur Aufklärung über unfere Haltung auch fchon im
vorigen Jahre beigebracht hatten. Jede Zeile atmet
den brutalen Willen, uns nach Möglichkeit zu verelenden.
Ich freue mich hinzufügen zu können, daß ein früherer,
ebenfalls anonymer Artikel ,The problems of Peace'
doch einen andern Geift atmet: Da ift Friedenswille
(No 182); natürlich denkt und empfindet auch diefer Ver-
faffer (der fpätere fcheint ihn und feinen Auffatz im Sinn
zu haben 1) durchaus englifch, aber mit ihm kann Unfer-
einer fich verftändigen.

I lalle a. S. F. Kattenbufch.

Jatakam. Das Buch der Erzählungen aus früheren Exi-
ftenzen Buddhas. Aus dem Päli zum erften Male
vollftändig ins Deutfche überfetzt von Dr. Julius
Dutoit. 7. Bd. (IV, 298 S.) 8». Leipzig, Theofo-
phifches Verlagshaus 1921.

Diefer letzte Band von Dutoit's Übers, der Jätaka-
Sammlung, eines Werkes des in Päli abgefaßten füd-
buddhiftifchen Kanons, enthält die Nidänaka hä, d. h. die
quafi-hiftorifche Einleitung des Jätaka-Buches Ii. Buddha's
Vorgefchichte zur Zeit der früheren Buddhas und Aufzählung
diefer, 2. Buddhas Lebensgefchichte von der
Empfängnis bis zur Lehreröffnung), und eine Anzahl Re-
gifter. Wir beglückwünfchen den Verfaffer zur Beendigung
feiner im ganzen verdienftlichen und dankenswerten
Arbeit, die freilich im einzelnen in zahlreichen
Fällen Gelegenheit zu Richtigftellungen bietet, in diefem
letzten Bande leider noch ebenfo wie in den vorhergehenden
. Mißverftändniffe wie die folgenden, um nur einige
aus verfchiedenen S" eilen des Buches herauszugreifen,
foll'en eigentlich ausgefchloffen fein.

S. 3 Z. 12—14 bedeutet nicht: „Die nahe Einleitung aber tagt,
wie er an den und jenen Orten fich aufhielt und da und dort Aufnahme
fand", fondern : „Die (zeitlich) nahen Einlcitungsgefchichten betreffend
den da und dort fich aufhaltenden (Meifter) wird man im Zu-
fammcnhang mit der Erwähnung diefer Einzelorte zu hören bekommen".
kunapa bedeutet „Aas", „Ekelhaftes" und putikäya nänakunapaplirita
„der mit allerlei Ekelhaftem angefüllte faulende Körper", nicht „angefüllt
mit manchen Lüften" (S. 6). samkhäta wird ganz im Sinne von
„nämlich" gebraucht, und ajatisamkhala Nibbana bedeutet alfo nicht
„Nitväna, das als Nichtwiedergeburt bezeichnet ift" (S. 7), löndern „N.,
nämlich Nichtwiedergeburt". So bedeutet auch abhinndsamkhdlam balai/i
nicht „die für die Erwerbung der übernatürlichen Erkenntniffe notwendige
Kraft" (S. n), fondern „die Kraft, nämlich die übermenfchlichen
Erkenntniffe". Daß der letzte Satz von S. 9 fallen überfetzt ift, müßte
fchon fein innerer Widerfinn haben empfinden laffen: „Und wie ein Mann,
der mancherlei Koftbarkeiten bei fich hat und mit Dieben zufammen
einen Weg geht, aus Furcht, die Koftbarkeiten zu verlieren, fie wegwirft"
(und ähnlich in der Strophe S. n). Aber auch die Fortfetzung des
Satzes zeigt deutlich die Fehlerhaftigkeit: „fo ift auch diefer gebrechliche
Körper einem Räuber ähnlich . . . Darum ziemt es mir, diefen
einem Räuber ähnlichen Körper zu verlaffen"' Alfo werden nicht die
Koftbarkeiten, fondern die Diebe (Räuber) von ihrem Begleiter verlafftn.
— Die nähere Beftimmung „frei von den fünf hindernden Fehlern"
gehört nicht zu „Wandelgang" (S. Ii), fondern zu „Kraft, die befteht
in übcrmenfchlichcm Wiffen" (f. oben). Gemeint find die fünf Hemm-
nifie von Diglianikäya II, 68 -f 75. S. 91 find die Worte läjadihi kata-
mahgalasakkäraya ausgelaffen. S. 93 „alles wie zu einer einzigen Frucht
entwickelt" falfch für „alles ein einziges Blühen", wie die gleiche
Wendung in Digh. XVI, 5, 2 ja auch von Rhys Davids richtig überfetzt
ift in SI!B. III, 149, auch der Komm, dazu faßt fie fo auf (f. SBE.
XI, 8i, Anm.). — Das Buddhakind wurde im Augenblick der Geburt
nicht „aufgefangen und hingeftellt" (S. 94), thildnam heißt ja nicht „hin-
gellellt", fondern „der daftehenden" und bezieht fich natürlich auf
Ih ahinanam, fodaß alfo wiederzugeben ill „aus den Händen der Brah-
mä-Güttcr, die mit dem aulgefangencn Kinde daftanden". kuliipako nicht
„ein zur Familie . .. gehöriger Asket" (S. 97), fondern „ein Asket, der Haus
freund . . . ift". — „holt Euch von hier Eure Almofenfpeife!" (S. 162)
ftatl „feine Almofenfpeife" zeigt, daß D den Zufammenhang diefer Stelle

gar nicht erkannt hat. („Eure" fchreibt man übrigens nur groß für
das Auge des Angeredeten, alfo in Briefen ufw.). — Nicht „Das ift,
ihr Mönche, das Höchfte . . . wie es Käludäyi tat" (S. 163 oben),
fondern „Er ift der belle, . . . nämlich dieler K." — Wenn D. (ebd.)
ftatt des falfchen „unferen älteften Verwandten" in allein gerechtfertigter
Weife überfetzt hätte „unferen bellen [settha) Verwandten", dann hätte
er die Anm. 2 „wie fo oft nur vom Range gebraucht" nicht nötig gehabt
. — mänajaiika nicht „im Stolz auf ihre Abdämmung" (S. 163),
fondern „von ftolzer Art".
Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Lippl, Hochfchulprofeffor Dr. Jofeph-. Der lllam nach Entftehung,
Entwicklung und Lehre. (Sammlung Köfel 92). (99 S.) kl. 8".
Kempten, Köfel & Puftet 1922.
Das Büchlein gibt eine brauchbare, Intereffe weckende Einführung
in die Gefchichte u. das Wefen der Religion Muhammeds. Ein paar
kleine Unftimmigkeiten fallen dabei nicht ins Gewicht. Wünfchenswcrt
wäre es vielleicht gewefen, die gelegentlichen Bemerkungen über die
Volksfrömmigkeit (Heiligenkult ufw.) in einem befonderen Kapitel ausgeführter
(es fehlen z. B. Zauberwefen, Amulette, Aftrologie u. dergl.
ganz) zu bringen. Zwei Verfehen; S. 25 Z. 7 u. 8 v. u., S. 60 Z. 13!
Bonn. F. Horft.

Obermann, Dr. J.: Der philofophifche u. relig. Subjektivismus
Ghazalis. Ein Beitrag zum Problem der Religion.
(XV, 345 S.) gr. 8°. Wilhelm Braumüller, Wien 1921.
Die Frage Ob.s trifft einen wefentlichen Punkt der
religionswiffenfchaftlichen Studien des islamifchen Orients
und zeigt, unter welchen Kategorien das fo reiche isla-
mifche Material betrachtet werden muß, wenn wiffen-
fchaftliche Ergebniffe erreicht werden follen. Die bisherige
periphere Betrachtungsweife muß durch eine
wefenhafte erfetzt werden. Jeder Ghazalikenner wird mit
Spannung zu diefem Buche greifen: denn es ift unzweifelhaft
, daß in G. der O. (= Objektivismus) überwiegend
ift. Ift feine Moral doch eine materiale Wertethik, die
das ganze äußere Gefetz des Islam als unbedingt bindend
anerkennt, und ift doch fein Erkennen ein Ringen nach
der objektiven Wahrheit, deren Dafein nie bezweifelt wird.
Das ganze Erleben G.s ift durch objektive Momente
durchaus beftimmt.

Dennoch foll G. nach Ob. den S. (= Subjektivismus)
vertreten I Wer das befonders durch feine Irrtümer anregende
Buch Ob.s kritifch lieft, wird die Überzeugung
beftätigt finden, daß bei G. wohl von einer tiefen Gefin-
nungsreligion die Rede fein kann — dies ift im Islam
fchon feit feinen erften Zeiten, befonders aber feit Hafan
v. Basrah 728t und denMyftikern nicht anders gewefen—,
nie aber von einem S. Die Religion G.s gleicht darin
der katholifchen: die Gefinnung, die ,gute Abficht' — con-
scientia certa = nijah im Islam = die felbftlofe, rein aut
Gott gerichtete Intention — ift das Wefentliche. Ohne
fie find die äußeren Werke wertlos. Diefe objektive Seite
der Werke ift dabei aber ebenfalls unentbehrlich. Die
conscientia certa kann fogar eine erronea fein, und der
Menfch muß doch nach ihr handelnI Zwifchen diefen
beiden polaren Gegenfätzen fchwankt der ethifche Kampf
hin und her. Wer aber nur die eine Seite desfelben hervorhebt
und die andere ftreicht, kann nicht auf eine
wiffenfehaftlich-objektive Plrkenntnis Anfpruch erheben.

Die Arbeit Ob.s ift nicht nur in ihrem Ergebniffe
— fie bezeichnet G. als einen S —, fondern auch in ihrer
Methode völlig verfehlt; denn fie bedient fich nur der
religionswiffenfchaftlichen Methode, wie fie um 1900 üblich
war, und ignoriert völlig die Pfychanalyfe, ohne die G.
nun einmal nicht zu verltehen ift. In der Krifis feines
Lebens verläßt er Frau und Kind; eine Aphafie tritt ein.
Dies geht ohne fchwere pfychifche Komplexe nicht.

Sodann ift der logifche Aufbau der Arbeit verfehlt;
denn, wenn man von S. redet, muß man zuerft diefen
| Begriff klar beftimmen, und die unrichtigen Begriffe von
S., die überall vorausgefetzt werden, rauben dem Buche
! den pofitiven Wert. Unter S. verfteht man in der Welt-
[ anfehauung einen Skeptizismus, wie den des Prutagoras
I und in der Ethik einen egoiftifchen Individualismus. Der