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Ausgabe:

1922 Nr. 20

Spalte:

434

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steiner, Rudolf

Titel/Untertitel:

Das Vaterunser. Eine esoterische Betrachtung 1922

Rezensent:

Schmidt, J. V.

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 20.

434

und Kraft des Lebensgefühls darzuftellen, das auf dem
Grunde der Dichtung mehr fchlummert als je wach wird,
das ift wohl auch eine „philofophifche" Aufgabe; und in
diefem weiteften Sinne fchildert der Verf. lebendig und
plaftifch „homerifche Philofophie", behandelt er in drei
Abfchnitten Welt und Natur, die religiöfen Anfchauungen
und ethifchen Grundfätze, flicht reiche Zitate ein, und
leitet in einer Schlußbetrachtung in die Entwicklung
hellenifcher Kultur über, deren Prolog die Epen Homers
find. Es ift das Schöne diefer Darfteilung, daß fie
mit Leidenfchaft und Liebe gefchrieben, und immer von
dem Drange erfüllt ift, in das Herz zu fchauen, aus dem
das erregte und gefättigte Leben der homerifchen Welt
wuchs. Dann bleibt es aber felbftverftändlich, daß man
manches vielleicht anders gefehen und gefchildert wünfchte.
Vielleicht wäre, der Skepfis des Verfis zum Trotz, bisweilen
zu beachten, was altgriechifcher Heldenfang an
dumpfer Glut in fich barg, und was das Eigene an der
harmonifchen, immer überlegenen, nie fich felbft verlierenden
Befonnenheit des kühlen jonifchen Dichters ift;
manche Linien find wohl zu klar mit heutigen Begriffen
gefehen (f. die „Äonentheorie" S. 36 f.), und vielleicht alle
nicht genug an dem Grundgefetz künftlerifcher Vollendung
gemeffen, das auch in philofophifcher Hinficht über
der leidenfchaftlichen Inbrunft des Stoffes als Geftalter
und Entwickler waltet. Aber folche andersartigen Wünfche
find nur ein anderes Zeichen des lebendigen, Gedanken
weckenden Nachhalls, ohne den man das kleine Buch
fchwerlich aus der Hand legen wird.

Breslau. Ernft Lohmeyer.

Barth, Privatdozent Dr. Heinrich: Die Seele in der Philosophie
Piatons. (321 S.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr
1921. M. 24.—

Der Verf. verfolgt unter verfchiedenen Kapiteln —
die Seele und der Staat, die unfterbliche Seele, die Seele
als Bewegung — alle Probleme der piaton. Philofophie,
die mit der Seele in Verbindung ftehen. Leider läßt er
fich dabei von vornherein von einer Einftellung leiten,
die an Natorp anknüpft und von den meiften Platofor-
schern als falfch abgelehnt wird. Mit ihr hängt es zu-
fammen, daß er feine Abficht nicht ohne eine gewiffe
philofophifche Akribie, wie er fich ausdrückt (4), d. h.
aber in Wirklichkeit nicht ohne gezwungene und erzwungene
Deutungen (z.B. 51 ff., 114ff., 133, 151, 192
u. ö.) erreichen kann. So fehr ich den Scharffinn des
Verfaffers anerkenne, fcheint er mir doch nicht ganz am
rechten Orte angewandt zu fein. Die Kenntnis der piaton
. Philofophie wird nicht gerade gefördert. Ich zweifle
daran, daß Piaton in der Seele ,das Subject für das Sein
des Objekts* gefehen hat.

Königsberg i. Pr. Goedeckemeyer.

Leopold, Werner: Die religiöfe Wurzel von Carlyles literarifeher

Wirklamkeit. Daryeftellt an feinem Auffatz .State of German
Literature'. (Studien zur enfd. Philologie) (114 S.) 80. Halle,
Max Niemeyer 1922. M. 30—

Ein feiner Gedanke und fein ausgeführt, gibt diefer Arbeit erheblichen
Wert. Es wird gezeigt, wie unzureichend die Kenntnis der
deutfchen Literatur in England war, ehe Carlyle feinen durchfchlagendcn
Auffatz über ,den Zuftand der deutfchen Literatur' fchrieb. Aber nicht
gelehrte Forfchung war es, die ihm diefe Durchfcblagskraft gab, fondern
das religiöfe Pathos, das dahinter ftand. Seine Schriftftellerei ift Predigt
und Verkündigung deffen, was ihm felbft in bekehrungsartigem Durchbruch
zur Gewißheit wurde: das Ich, die geiftige Pcrfonlichkeit, ift
Träger der göttlichen Wirklichkeit in der Gefchichte. Die Mechanifierung
der Auflehnung, die technifch-rationale Befeitigung des Inneren und
des Geiftes treibt zum machtvollen Proteft; und diefen Proteft findet
Carlyle in Goethe und dem deutfchen Idealismus wieder. So wirkt in
ihm die lutherifche Innerlichkeit des deutfchen Idealismus befreiend
gegen den weltlichen Rationalismus und Mechanismus.

Das Buch ift ein Zeichen dafür, wie entfeheidend die Einficht für
alle kulturwiffenfchal'tlichc Arbeit ift, daß in jeder fchopferifchen Geiftes-
tat eine Grundftellung zum Unbedingten, eine letztlich religiöfe Intuition
nach Ausdruck ringt. Nicht umfonft beruft fich der Verfaffer auf Max
Weber und Troeltfch.

Berlin. * Paul Till ich.

Meffer, Prof. Auguft: Erläuterungen zu Nietzsches Zarathultra.

(VIII, 17 S.) kl. 8U. Stuttgart, Strecker u. Schröder 1922. M. 36.—
Meine Anzeige hat lediglich den Sinn einer Warnung. Die Höhenlage
des Buches ift fo gering, daß es nicht einmal als erfte Einführung
brauchbar ift.

Göttingen. E. Hirfch.

Steiner, Dr. Rudolf: ReVnkarnation und Karma vom Standpunkt
der modernen Naturwiffenfchaft notwendige
Vorftellungen. (46 S.) kl. 8°. Berlin, Philofophifch-
anthropofophifcher Verlag 1919. M. 7.—.

Boldt, Ernft: Rudolf Steiner. Ein Kämpfer gegen feine
Zeit. (Philofoph. Reihe. Hrsg. von Dr. A.. Werner,
19. Bd.) (214 S.) kl. 8°. München, Röfl & Cie., 1921.

Geb. M. 22.—.

Steiner, Dr. Rudolf: Das Vaterunrer. Eine efoterifche
Betrachtung. iL—14. Tfd. (36 S.) 160. Berlin W.,
Philofophifch-anthropofophifcher Verlag. 1920.

M. 4.50.

Die beiden Schriftchen Steiners, deren Lektüre kein
Genuß ift, find befonders inftruktiv, weil fie die voll-
ftändige Verkennung des religiöfen und ethifchen Aktes
durch die Anthropofophie mit großer Deutlichkeit zeigen.
Im „Vaterunfer" wird religiöfes Leben im Gebet als die
mehr gefühlsmäßige, fpezififch abendländifche Form der
Meditation befchrieben, fein Ziel darin gefetzt, daß „die
Seele mit den göttlich-geiftigen Strömungen in der Welt
zufammenfließt" (4). Das Vaterunfer mit feinen 7 Bitten
enthält die dem naiven Beter nicht bewußte Erkenntnis
von den heben geiftigen Leibern des Menfchenwefens.

— In „Reinkarnation" foll die ethifche Tat gegründet
werden auf die durch naturwiffenfehaftliche Erkenntnis
gegründete Einficht in eine metaphyfifche Deszendenz
des Geiftes: „Demnach war Newtons Seele in anderer
Form bereits da, wie die Löwenart in anderer Form
vorher da war" (37). Damit ift die Verkennung des
ethifchen Aktes fo deutlich wie möglich gemacht. —
Boldts Buch charakterifiert feinen Stil, feinen Geift und
feinen Wert durch folgende Proben: „Was uns bei
Nietzfche und Goethe in der Dichtung einfeitig und unvollendet
entgegentritt, das bringt Rudolf Steiner in feiner
übergenialen Perfönlichkeit als den _ reinen uud vollkommenen
Ausdruck des genialen Übermenfchen zum
lebendigen Ausdruck" (S. 21). — „Auch Kapazitäten wie
Strauß, Harnack, Drews, Förfter und felbft der Papft
find von dem Verftändnis für das wahre Wefen ^ des
Chriftentums ebenfo weit entfernt wie Häckel" (S/44).

— „Jefus Chriftus ift der eigentliche Infpirator und Aus-
geftalter diefes menfehlichen Ich in feinem finnlichkeits-
freien Denken, Fühlen und Wollen. Nicht von ungefähr
fetzt fich daher das Wörtchen Ich, I—CH, im Deutfchen
aus beiden Anfangsbuchftaben des Namens Jefus Chriftus
zufammen".

Bonn. Schmidt.

Ghose, J. C, M. A„ B. L.: The Positive Religion. (676 S.)
8°. Bhowanipur (Ind.), PI. L. Banerjee.
Der Verfaffer des vorliegenden Buches, Rai Bahadur
Jogendra Chunder Ghofe, Honorary Fellow der Univer-
fität Calcutta, zeigt uns die religiöfe Lage Indiens in einem
für uns ungewohnten Lichte. Europäifches Denken und
chriftliches Empfinden haben auf ihn ftarken Eindruck
gemacht. Der Evolutionismus, für den er Spencer und
Bergson am meiften fchuldet, ift ihm zum Eckftein feiner
Welt- und Lebensanfchauung geworden. Ein Sinn des
Lebens fcheint ihm nur dann vorhanden zu fein, wenn
es Händige Entwicklung zu immer höheren, d. h. mehr
individualifierten, mehr durchgeiftigten, mehr von Güte
und Liebe durchwalteten Geftaltungen menfchlich-per-
fönlichen Lebens ift. Die bisherige Gefchichte der Welt
und Menfchheit läßt fich als folche aufwärts führende
evolution of the good verftehen und gibt überfchweng-
liche Hoffnungen für die Zukunf t. Die Entwicklung ift dabei
männlich gedacht, als getragen von jenem eftort, jenem über