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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

412-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Salin, Edgar

Titel/Untertitel:

Platon u. die griechische Utopie 1922

Rezensent:

Goedeckemeyer, Albert

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 18/19.

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kommt es auf dem Standpunkt, auf den der Verf. fich
geftellt hat, auch gar nicht an. Er will keine kirchen-
politifche Aktion einleiten und keiner Konverfion die
Wege bahnen. Der Verf. will in dem ungeheuren geiftigen
Kampf, vor den fich die Chriftenheit heute geftellt fieht,
zu einem gegenfeitigen Sichverftehen zwifchen Prote-
ftanten und Katholiken die Tür öffnen. Das wird aber
auch der gern anerkennen, welcher der Anficht ift, daß
der Verf.die Gegenfätze doch mit weicheren Linien wiedergegeben
hat als fie in der Wirklichkeit find. In dem
großen Kampf um den Fortbeftand des Chriftentums, vor
dem wir ftehen, find Katholiken und Proteftanten auf
einander angewiefen. In lolcher Lage ift es nützlich, daß
wir eine Darfteilung der katholifchen Lehre erhalten haben,
die nicht in den üblichen Geleifen der Polemik einherfährt
, fondern mehr das Gemeinfchaftliche in den Vordergrund
treten läßt.

Berlin-Halenfee. R. Seeberg.

Mausbach, Prof. Dr.Jofeph: Die katholifche Moral und ihre
Gegner. Fünfte Auflage. (XVI, 464 S.) gr. 8°. Köln,
J. P. Bachem 1921. M. 30.— ; geb. M. 36 —

M.s bekanntes Buch, das die katholifchen Lefer in
ihrer Überzeugung ftärken, die Andersgläubigen über den
Geift der katholifchen Sittenlehre aufklären will, ift in
der 5. Aufl. unverändert geblieben (Hcpi,3 ftark verändert
1911,4 wenig verändert 1914; 1907 franz., 1914 engl.).
Was an Ergänzungen nötig fchien, ift in einem „Geleitwort
" zufammenfaffend vorangeftellt. Die Hauptrolle dabei
fpielt die Verbefferung der Lage iür den Katholizismus
. Daß der Jurift J. Kohler Spätfcholafbker wie Molina
und Suarez „als hochbedeutende, zum Teil geniale
Gelehrte" rühmt; daß eine Reihe von Nationalökonomen,
Medizinern, Biologen heute „für die gründfätzliche Weisheit
der kath. Sexualethik und für ihre einzigartige prak-
tifche Auswirkung im Bußfakrament" zeugen; daß
E. Troeltfch ebenfalls eine Rangordnung der Zwecke
innerhalb des Gefamtlebens will und in der auguftinifch-
thomiftifchen Stufenmoral den Grund für die großartige
kath. „Eingliederung der Kulturwerte ins chriftliche Got-
tesftreben" fieht; daß man die Myftik immer höher fchätzt;
daß jener Kohler 1917 den Papft als Weltenrichter für
die gerechte Sache Deutfchlands anrief, der Papft felbft
aber bei allem Anfpruch auf Auslegung und Verteidigung
des ewigen Gefetzes der Sittlichkeit doch das
„Richteramt in umftrittenen Rechts- und Tatfachen-
fragen" ablehnte; daß innerhalb des kath. Lagers die
Verbindung zwifchen chriftlichen Gewerkfchaften und
kath. Fachverbänden immer enger wird — das alles erfüllt
M. mit Genugtuung. Wir verftehen das und werden
folche Tatfachen in der Ethik (wie in der Politik) beherzigen
müffen. Ob im Sinne M.s, darüber ift hier nicht
der Ort zu rechten.

Halle a. S. H. Stephan.

Calel, Dr., O.S.B.: Die Liturgie als Myfterienfeier. (Ecclesia
Orans, herausgeg. von Abt Ildelons Herwegen.) (160S.)
Freiburg i. Br., Herder u. Co. 1922. M. 18.—

Ein benediktinifcher Beitrag zur Religio nsgefchichte,
gefchrieben zur Rechtfertigung der Sakramentskirche als
der allein legitimen. Zwar gab es fchon vor und neben
dem Chriftentum Geheimkulte; fie werden (nach Clemens
A., der aber die griech. Philofophie meint) „die
Vorfchule Chrifti" genannt und find ebenfo wie die alt-
teft. Prophetie als Erzieher für Chriftus zu verftehen.
Aber „Myfteriengedanken find felbftändiges und urfprüng-
liches chrifti. Gut". Das Pneuma hat fich an diefe Formen
(trotz der großen Propheten) endgültig und aus-
fchließlich gebunden. Die Armut des N.Ts an Stützen
für diefe Meinung macht keinerlei Schwierigkeiten; denn
zum Urchriftentum gehört felbftverftändlich Paulus (einfchl.
Kolofferbrief) und das 4. Evangelium. Die Didache wohl
auch, — Brücken genug, Krücken troftlos ähnlich. Ob

man nicht z. B. die Flucht nach Ägypten noch ftärker
ausnutzen könnte? Und warum fo fpröde gegenüber den
altt. Propheten? Ift Maleachi der große Weisfager der
Meffe, warum nicht Jeremia der Anbahner des Kultus
der Himmelskönigin, Hofea der Dogmatiker des Ehe-
fakraments, Arnos der Liebhaber der eucharift. Myfterien-
liturgie und des gregor. Chorals? So kann man nach
Cafel mit einem gewiffen Recht Juftin d. M. zuftimmen:
Die heidnifchen Myfterien bedeuten nur Nachäfferei. Das
Chriftentum hat nie ein Evangelium ohne Myfterienliturgie
gekannt, daher auch von Anfang an ein myftifches
Schweigegebot geübt. Freilich, die Kirche will nur
„Opfer im Geifte"; aber gerade das ift ja die Euchariftie!
Nebenbei: euchariftein heißt „dankfagend wandeln".
Cafel trägt das alles mit der überlegenen Miene des
Spezialiften vor und gefällt fich feinem Leferkreife gegenüber
in olympifcher Sprechweife (Alexandreia, Antiocheia,
Ignatios, Arifteides ufw.). Luther begehrte feiner Zeit für
röm. Dogmen und Rechtsanfprüche biblifchen Grund,
mußte fich aber in der Hauptfache mit Zeugniffen der
Väter, die ihm nicht neu waren, abfpeifen laffen. „Ich
fordere trinken, fo fügen fie: Der Elel trägt den Sack!
Ift es nicht blind, toll Volk?"

Münfter, W. J. Smend.

Salin, Edgar: Piaton u. die griechifche Utopie. (VIII,
. 288 S.) 8°. München, Duncker & Humblot 1921.

M. 30.-

Der erfte Band diefes auf mehrere Bände berechneten
Werkes behandelt die griechifche Utopie nicht in hiftori-
fcher Darftellung, fondern fo, daß er die Utopie als eine
Form des Lebens auffaßt und darum ihre verfchiedenen
Geftaltungen auf griechifchem Boden aus ihrem geiftigen
Grunde zu verftehen fucht. Er beginnt daher mit der
Politeia Platons, „der feinem Willen nach alles eher denn
utopifch (vgl. 6), feiner Leiftung nach die letzte Zufam-
menfaffung und die größte Verkörperung des Leben-
Gefamts des Griechentums, in der Erfchaffung feiner Welt
auch für die Utopie den Raum ihres Werdens und ihres
Willens fchuf" (VIII), um dann die übrigen Utopien,
Staatsromane ufw. (vgl. 189) in ihrer Beziehung zur Politeia
und unter Darlegung der Motive ihrer Wandlung
darzuftellen. Es find der Politikos und die Nomoi, Ari;
ftoteles' Politika, Zenons Politica, Xenophons Kyropädie,
Theopompos' Meropis, Hekataios' Aegyptiaka, Euhe-
meros' heilige Infchrift, Jambulos' Sonneninfel, Ciceros de
re publ. Man wird dem Werke am eheften nahekommen,
wenn man fich auch feinen geiftigen Grund vor Augen
hält. Er äußert fich in den Worten: „neben Epos, Drama
und (piaton.) Dialog ift die Wiffenfchaft... ein Werk tieferer
Ebene, Ausdruck des unwiderruflichen Schwindens
des einheitlichen und begrenzten Lebens der Früh- und
Blütezeit" (243, vgl. 176). Man wird es dann leichter verftehen
, daß dem Verfafler das aus „Ur-Schau" geborene
„fchöpferifche Kultwerk" der platonifchen Politeia mit
ihren beiden Urfymbolen, der Kugel als dem Symbol der
Geburt des Kosmos und des Kreifes als dem Symbol
feines Lebens (34), als das einzige aus „Blut und Geift"
geftaltete Werk erfcheint, dem gegenüber fchon der Politikos
und die Nomoi, wie alle die übrigen auf tieferer
Ebene liegen. Das gilt auch für Ariftoteles, den Empiriker
und Rationaliften, der „von feinem neuen Erlebnis
der Sache, des Dings und der Sachenwelt befeffen war,
der nur der Erfahrung und dem Beweis empirifcher Logik
glaubte" und darum Platon nicht verftehen konnte
(164). Sieht man aber von diefem geiftigen Grunde ab
oder teilt ihn gar, fo bietet das Werk eine interefiante
und durch den Aufweis der in der äußeren Umgeftaltung
der griechifchen Welt oder der inneren Befchaffenheit
der einzelnen Männer gelegenen Motive auch überzeugende
Darfteilung der Entwicklung der Utopie, deren
Stetigkeit ein Verzeichnis der Staatsfchriften zwifchen
Platon und Cicero (283) noch ftützt. In den Anmerkun-