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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

407-408

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Söderblom, Nathan

Titel/Untertitel:

Zur religiösen Frage der Gegenwart. 2 Vorträge 1922

Rezensent:

Otto, Rudolf

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Seite 1

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407

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 18/19.

408

unierten Kirchen fich anfchließt —, und darüber hinaus ein
Weltbund aller wirklich reformatorifchen Kirchen und
Kirchenbünde, das find die Ziele, die wir der anglikanifchen
Union entgegen- zuftellen haben.

Göttingen. E. Hirfch.

Die Lage der evangelischen Kirche in Siebenbürgen. Von

einem Siebenbürger Sachfen. (Beihefte d. Zeitfchrift:
,Die evangelifche Diaspora', Nr. 2.) (20 S.) gr. 8°. Leipzig
, J. C. Hinrichs 1921. M. 10 —
Die von einem fehr fachkundigen Verfaffer gebotene
Darftellung erzählt zunächft von dem Zuftande und den
Aufgaben der fiebenbürgifch-fächfifchen Kirche bis zur
Kriegserklärung Rumäniens, dann fchildert fie die Lage
der Kirche bis zum Ende des Weltkrieges, wo die Kirchenglieder
fich entfcheiden mußten, ob fie den Anfchluß
an Rumänien vollziehen wollten. Es wird auseinandergefetzt
, daß keine andere Wahl blieb, man aber beim
Anfchluß fchwere Enttäufchungen erlebte, die durch die
auch in der fächfifchen Kirche wie bei uns in der Heimat
hervortretenden, der Kirche feindlichen Beftrebungen
befonders drückend wurden. Doch hat die Leitung der
Kirche mutig und unentwegt die fchwere Aufgabe aufgegriffen
, bei der Überführung in die neuen Verhältniffe
die Kirche in ihrer Eigenart zu erhalten und damit den
Fortbeftand des deutfchen Volkstums zu ermöglichen.
Allerdings hat die Kirche nicht nur ihre Verfaffung der
neuen Zeit entfprechend ändern müffen, fondern denkt
auch an Abrüftung im Schulwesen, da die Mittel nicht
mehr reichen, hofft aber durch die Hilfe treuer Freunde
in Amerika und im Reich vor dem Schwerften bewahrt
zu bleiben. Im letzten Kapitel wird die Frage der Zu-
fammenfaffung aller evangelifchen Kirchen im jetzigen
rumänifchen Staate eingehend behandelt. Man ift nicht
zu einer evangelifchen Reichskirche Rumäniens zufammen-
getreten, was auch ausfichtslos gewesen wäre, fondern
die anderen Kirchen in Rumänien, auch die früheren, dem
Berliner Oberkirchenrat angefchloffenen deutfch-evange-
lifchen Gemeinden fchließen fich nach und nach an die
fiebenbürgifch-fächfifche Landeskirche, die als größte und
ältefte den gegebenen Mittelpunkt bildet, an.
Ahlden/Aller. F. W. Bussmann.

Söderblom, Erzbifchof D. Nathan: Zur religiöien Frage

der Gegenwart. 2 Vorträge, autor. Überfetzg. v. Peter
Katz. (32 S.) 8°. Leipzig, J C. Hinrichs 1921. M. 20 —

„Gehen wir einer religiöfen Erneuerung entgegen?"
fragt der fchwedifche Erzbifchof. Ja. „Die Welt fpricht
eine neue Sprache." Die Zeichen mehren fich. Und gerade
auf das eigentlichfte Geheimnis des Chriftentums
felber geht das Innerfte des neuen Dranges: aus Ver-
lorenheits- und Schuldbewußtfein auf Verföhnung und
auf den Sinn des Kreuzes. Tiefer als je hat fich gerade
unterem Gefchlechte diefer Sinn vertretenden, erlöfenden
Leidens offenbart im Grauen des Krieges. Eine ganz
neue, neu-kräftige Predigt vom Kreuz wird die religiöfe
Erneuerung fördern.

Aber zugleich eine neue Predigt. Denn man darf
fich nicht täufchen: „Es ift nicht alles wie zuvor. Die
neue Lage bringt neue Forderung. Statt des Intellektualismus
u. Dogmatismus traditioneller Verkündigung
die lebendige Erfahrung des Geheimniffes Gottes. Statt ihres
Ausdruckes in Formen helleniftifcher Umwelt Ausdruck in
den Denkformen unferer Zeit. Statt der Einfeitigkeiten
der „gefühligen Schlaffheit" früherer Bluttheologie die
„neue herbe und kerngefunde Theologie des Reiches
Gottes" — in deffen Mitte das Kreuz fleht. Statt der
„quantitativen" Auffaffung des Credo eine Umftellung
von Grund aus auf den inwendigen Glaubensakt felber.
Statt der dogmatifchen Auffaffung des Apoftolikum eine
hiftorifche. Kein Sichvordrängen verjährter Formulierungen
in den gottesdienftlichen Handlungen der Kirche
mit unnötigen Bürden für die Gewiffen, befonders wenn

es junge zarte Seelen gilt, die fich vor Gott auftun (Kon-
firmandengelübder). Und eine Händige Reformation der
Kirche, die nicht flocken darf, wenn dem fchweren und
zum Teil verdienten Tadel gegen fie begegnet werden
foll.

Wie erfreulich, folche Worte zu hören aus dem
Munde eines Mannes, der längft zu den berufenften
Führern nicht nur fchwedifchen Luthertums, fondern des
Proteftantismus in der Welt gehört. — Die Überfetzung
ift trefflich und läßtden frifchen Reiz des Urtextes durchfühlen
. Auch für Übertragung fchwedifcher Verfe zeigt
der Überfetzer eine gute Gabe.

Marburg. R. Otto.

Zezfchwitz, Gertrud von: Warum katholisch? Begründung meines
Übertritts. (86 S.) kl. 8U. Freiburg i. B., Herder & Co. M. 30.—
Die Verfafferin, von Haus aus ftrenggläubigen lutherifchen Kreifen
angehörig, Religionslehrerin, hat als Fünfzigerin den Übertritt zur katho-
lifchen Kirche vollzogen. Sie bietet nicht eine genaue Gcfchichte ihrer
Konverfion; darüber finden fich nur knappe Angaben. Aber fie gibt
eine innere Begründung, indem fie in einer Reihe von Auftatzen die
Gefichtspunkte hervorhebt, von denen aus ihr der Katholizismus teuer
geworden ift. So befpricht fie den Geift der katholifchen Kirche, das
Wefen des Katholizismus, das Meßopfer, das fakramentale Leben, die
Kirche als Beterin, die Myftik der katholifchen Kirche. Nirgends wird
der Gegenstand erichöpfend behandelt; fehr wichtige Seiten der Sache
bleiben unberührt: dadurch charakterifiert fich das Buch trotz feiner
fachlichen Form als durchaus fubjektives Bekenntnisbuch. Eigene
Ausführungen werden durch reichliche Zitate aus katholifchen Schrift-
ftellern (z. B. Gihr) erweitert. Befonders intereffant ift, daß die Verf.
fich viel mit der hochkirchlichen Bewegung und mit Fr. Heiler beschäftigt
; fie war fichtlich schon als Proteftantin hochkirchlich gefinnt.
Das zeigen auch zwei Auffätze, die fie — als Proteftantin — 1915/16
in der Allg. ev.-luth. Kirchenzeitung veröffentlicht hat und die hier im
Anhang abgedruckt find. Die Neigung zum fakramentalen Leben und
die myftifche Richtung der Frömmigkeit haben allem Anfchein nach
entfcheidend eingewirkt. Jetzt klagt fie den Proteftantismus ungenügender
Kenntnis des Katholizismus an und berichtet, wie eigene Studien fie zu
der Erkenntnis geführt haben, daß die katholische Kirche die einzig
legitime ift, und daß es ein Grundirrtum des Proteftantismus ift, wenn
er der katholifchen Kirche das echte, unverfälfchte Evangelium abfpricht.
Wir werden die tiefe Frömmigkeit der Verf. bereitwillig würdigen und
I die Entwicklung ihrer perfönlichen Stimmung refpektieren. Aber das
darf uns nicht hindern, feftzuftellen, daß diefe Auffätze keineswegs den
Beweis für ein anteiliges, gründliches, felbftändiges Studium des Katholizismus
liefern, daß fie vielmehr überall ganz einfeitig einzelne — und
zwar die für fie beftimmenden — Gedanken heraushebt, gewichtigfte Einwände
aber völlig übergeht. Namentlich hat die Verf. gar keine Anlage
zu gefchichtlichen Erwägungen; das Verhältnis des Katholizismus
zum Urcbriftentum befchäftigt fie anfcheinend überhaupt nicht. Auch
in Einzelheiten kennt fie den Katholizismus nicht genau; die Anmerkung
S. 79 über das Bibelverbot ift falfch. Daß Menfchen mit der be-
fonderen Anlage der Verf. fich oft zum Katholizismus hingezogen fühlen,
ift in gewiffem Grad verftändlich; daß fie aus diefer Stimmung heraus
über unendlich vieles Andere hinwegfehen, ift fchon fchwerer zu ver-
ftehen und jedenfalls zu bedauern. Als Zeichen der Zeit ift das Büchlein
beachtenswert; es legt die Frage nahe, was zu tun fei, um das
etwa Berechtigte in der Stimmung folcher Chriften zu feinem Recht
kommen zu laflen.

Gießen. M. Schian.

Fendt, Dr. theol. Leonhard: Die religiöien Kräfte des katho-

litchen Dogmas. (Aus der Welt chriftlicher Frömmigkeit
, hrsgeg. v. Friedr. Heiler. (Bd. 2.) (255 S.) gr. 8°.
München, Chr. Kaifer 1921. M. 27—

Der ehemals katholifche Verf. liefert in diefem Buche
eine gedrängte Überficht über die Dogmatik. Dabei will
er fich eng an das katholifche Dogma anfchließen, und
zwar — was zu beachten ift — nur an diefes, nicht auch
an folche Sätze, die als fidei proximum, sententia communis
ufw. bezeichnet werden. Er wendet fich mit feiner
Schrift an proteftantifche Theologen, die ihrer Kirche,
,je fchlechter es ihr in der nächften Zukunft gehen follte,
um fo treuer fein wollen, die aber Realiften genug find,
von allen wirklichen Volksreligionen, befonders aber vom
Katholizismus, zu lernen'. Die Auseinanderfetzung mit
dem Katholizismus fcheine dem mittel- und norddeutfehen
Proteftantismus noch bevorzuftehen. Nicht durch gegen-
feitige Verketzerung und Befchimpfung foll fie erfolgen,
fondern ,ganz ehrlich und innerlich'. .Lernen heißt nicht
einfach nachmachen, fondern leiften, was der andere