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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

401

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eitrem, S.

Titel/Untertitel:

Ein christliches Amulett auf Papyrus 1922

Rezensent:

Lohmeyer, Ernst

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 18/19.

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Mutter durchbohren Poll, von .Zweifeln', die unterm Kreuze
durch ihre Seele ziehen, von einem .Aegernis', das fie am
Leiden ihres Sohnes nimmt. ,In keiner Weife aber wollte
Cyrillus mit jenen Äußerungen Maria eine Sünde imputieren
. Es finden fich in feinem Bilde von der Gottesmutter
nur einige Züge echter Weiblichkeit, wie fie eben
der Geift der damaligen Zeit in dem andern Gefchlechte
gefchaut.' (S. 124). Und was die unbefleckte Empfängnis
betrifft, fo finden fich darüber bei Cyrill zwar keine
direkten Angaben. Ja an einer Stelle, wo er im Dorn-
ftrauch den gotttragenden Leib der Jungfrau angedeutet
findet, fagt er geradezu: ,Alles Fleifch ift nämlich wegen
der Übernahme der Sünde, infoweit eben als es nur
Fleifch ift, Sünde. In der Hl. Schrift aber wird die Sünde
mit dem Namen Dorn bezeichnet.' Aber damit ift nur
,die rechtliche Haftbarkeit zur Erbfünde (debitum
peccati originalis) gegeben. Und darin hat er Recht!'
(S. 125). ,Immerhin dürfte der Gedanke der unbefleckten
Empfängnis Mariens der cyrillifchen Argumentation nicht
gar fern liegen'. ,Maria ift nach dem Urteil des hl. Cyrillus
frei von jeder perfönlichen Sünde, wenn fie auch noch
einige Züge weiblicher Schwäche an fich trägt. Sie ift
die tadelfreie makellofe Jungfrau im vollften Sinn des
Wortes. Andeutungsweife ift damit die Makellofigkeit
der Empfängnis von Maria ausgefagt' (S. I26f.) Wer
fo das Charisma der Deutung hat, darf auch rb yvvaiov
mit ,das weibliche Gemüt' überfetzen (S. 123) u. die Für-
forge des Sohnes für die Mutter mit der kultifchen Verehrung
auf eine Linie ftellen (S. 131).

München. Hugo Koch.

Eitrem, S. u. A. Friedrichren: Ein chriftliches Amulett auf
Papyrus. Mit 2 Tafeln. (30 S.) gr. 8°. Kriftiania,
Jacob Dybwad 1921.
In diefer Schrift werden wir mit einem bisher unveröffentlichten
chriftlichen Zauberpapyrus bekannt gemacht
, der wohl dem 4. Jahrhundert angehört. S. Eitrem
hat ihm eine eingehende fprachliche und inhaltliche Erläuterung
, A. Friedrichfen eine religions- und fymbolge-
fchichtliche Orientierung mitgegeben. Der Papyrus bietet
uns die Formel eines Hausfegens, von denen wir ein
kürzeres und mit dem vorliegenden eng verwandtes Bei-
fpiel in P. Oxp. VIII, 1152 befitzen. Das Intereffante
diefer Formel ift, daß man an ihr feiten deutlich das Hin-
zuwachfen immer einer kräftigerer Zaubernamen jüdifcher
und chriftlicher Provenienz zu einer urfprünglich rein
heidnifchen Bindeformel beobachten kann. Das chrift-
liche Element entflammt dabei, abgefehen von den gehäuften
chriftlichen Siegeln, dem Chriftus kerygma, das
zunächft nach Rom. 1,3 Chriftus als „Sohn Davids nach
dem Fleifch" prädiziert, dann aber an Stelle der in Auf-
erftehung und Erhöhung fich kundgebenden Gottesfohn-
fchaft die Geburt von „der heiligen Jungfrau Maria aus
dem heiligen Geift" fetze. Der Papyrus bedeutet eine
lehrreiche Bereicherung unferer Kenntnis der damaligen
Heidnifches und Chriftliches bunt mifchenden, in Zaubertechnik
fich verlierenden Volftsfrömmigkeit.

Breslau. Ernft Lohmeyer.

Bloch, Ernft: Thomas Mü'nzer als Theologe der Revolution.

(297 S.) gr. 8°. München, Kurt Wolff 1922.

M. 80 —; geb. M. 120—
Es ift für mich ein eigentümliches Zufammentreffen
gewefen, daß unmittelbar nach meinem Wittenberger
Vortrag über „Luther u. die Schwärmer" das vorliegende
Buch von Ernft Bloch erfchien. Daß Münzer in der herr-
fchenden Kirchengefchichte unterfchätzt wird, daß er als
Theologe u. religiöfer Menfch ernfter genommen werden
muß, ernfter als alle die andern feiner Richtung, darüber
ift mir feit langem kein Zweifel, u. ich habe es bei jener
Gelegenheit nach Kräften zum Ausdruck gebracht. Um
fo mehr war ich gefpannt, was Bloch, der ihn ganz als
feinen Geiftesverwandten empfindet, über ihn zu fagen

wüßte. Bl. hat in der Tat Münzer gründlicher als feine
fozialiftifchen Vorgänger gelefen; er hat fich auch durch
M. Webers Spott über die Oberbauphilofophen von der
Unzulänglichkeit der bloß wirtfchaftlichen Betrachtungsweile
überzeugen laffen; er will Münzer nicht nur als
fozialiftifchen Bahnbrecher, fondern auch als religiöfen Men-
fchen verliehen u. er meint damit das Innerfte u. zugleich
das für die Gegenwart zuletzt Wichtigfte in ihm zu treffen
. Leicht hat Bl. es allerdings dem Lefer nicht gemacht
, fein Buch in fich aufzunehmen. Er fchreibt den
überfteigerten, wortreichen, geheimnisvoll andeutenden
Stil der Neuromantiker, mit Anläufen, Nietzfche nachzuahmen
(Nietzfche „phifofophierte' mit dem Hammer, Bl.
läßt Münzer mit dem Hammer „predigen"), aber kaum je
mit der Fähigkeit, ein aufhellendes, die Sache nahebringendes
Wort zu prägen. Eine beliebig herausgeriffene
Probe: S. 194 „Gerät der Stillftand, der Entfchluß jedoch
in Richtung der ethifchen Freiheit, dann bleibt dem freien
Willen zwar gleichfalls keine Wahl mehr, aber nur deshalb
u. zu diefem Ende, daß damit all feine Unruhe
heimgelangt u. die menfchliche Intention wahrhaft auftrifft
, fich antrifft u. umarmt, in produktiver Befeffen-
heit, Selbftbefeffenheit, in caritativ u. myftifch zugleich
einleuchtender Wirbegegnung, aus 4em Quellpunkt abfo-
luter Freiheit an fich geflohen." Doch die Sache felbft!
Münzer wird gefeiert als der „klaflenbewußte, revolutionäre
, chiliaftifche Kommunift" u. fchon fein Leben in der
Abficht erzählt, ihn als folchen hervorzuheben. Daß der
Einfluß, den Luther auf ihn geübt hat, verfchwiegen u.
dafür alle Urteile der Täufer über den „Fürftenknecht"
ufw. gläubig nachgefprochen werden, daß die unangenehmen
Züge in Münzers Perfönlichkeit entfchuldigt oder
befchönigt werden — nur die Prahlerei wird eingeräumt —,
verlieht fich auf dem Standpunkt des Verfaffers von felbft.
Immerhin empfindet er an zwei Punkten eine gewiffe
Schwierigkeit. Einmal bei der Frage, wie fich eigentlich
die Anwendung von Gewalt mit dem Ideal der Liebe
u. des Brudertums reime, zum andern gegenüber dem
von Laffalle u. Engels erhobenen Einwand, daß Münzers
foziale Gedanken doch von dem heutigen Sozialismus
weit abftehen. Die Antwort auf das Erfte gibt eine längere
Ausführung über das „Gewaltrecht des Guten",
deren Sinn — fo drückt es Bl. felbft an fpäterer Stelle
aus — darauf hinausläuft, daß die (zeitweilige) Anwendung
von Gewalt für die Herbeiführung der Bruderge-
meinfchaft als „innerweltliche Askefe" aufzufaffen fei. Dem
zweiten gegenüber wird tönend behauptet, nur behauptet,
daß Münzer „auch in feinem Scheitern keine rührende,
keine punktuelle, keine komifche, fondern eine durchaus
vertretende, kanonifche, tragifche Geftalt" fei.

Dann lucht Bl. tiefer in den religiöfen Menfchen bei
Münzer einzudringen. Er zeichnet ihn auf dem Flintergrund
der andern zeitgenöffifchen Führer. Die Kapitel-
überfchriften: Über Calvin u. die Geld-Ideologie, Über
Luther u. die Fürften-Ideologie, Über Luthers Glaube,
Der irdifch-überirdifche Stufenbau des Katholizismus, Die
Sekte u. der ketzerifche Radikalismus — lehren bereits,
um was es fich handelt. Das erfte Kapitel ift vergröberter
M. Weber; für die andern muß Tröltfch ähnliche
Dienfte leiden. Daneben wird bei Luther zur Ergänzung
Möhler — es ift auch ein Zeichen der Zeit, in welchem
Umfang jetzt Möhler als Quelle für Lutherdarfteilungen
dient; man denke namentlich an M. Schelerl — u. Denifle-
Weiß beigezogen. Ob das dann unter fich u. mit früheren
Urteilen zufammenftimmt — gelegentlich hatte Bl.
vorher von dem großartigen erften Luther gefprochen —,
ob es auf feinem Standpunkt einen Sinn hat, aus Möhler
den Satz abzufchreiben, daß es nach Luther „kein menfch-
liches u. darum auch kein überfchüffiges Verdienft
gebe", ob man gleichzeitig mit Möhler Luther verborgenen
Manichäismus vorwerfen u. mit Denifle behaupten
kann, daß bei Luther überhaupt kein Ich übrig bleibe —,
tut nichts, wenn es nur dazu hilft, Luther fchlecht zu